Der Fluch - Ralf Hüttner (1988)

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Re: Der Fluch - Ralf Hüttner (1988)

Beitragvon Santini » 30. Sep 2016, 00:04

Interview mit Ralf Hüttner und Bericht zum Film:

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(Quelle: Film Illustrierte, Ausgabe Dezember 1988)
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Re: Der Fluch - Ralf Hüttner (1988)

Beitragvon buxtebrawler » 14. Nov 2017, 00:54

„Wer bist du? Du bist... du bist so kalt! Was ist das für ein Kind?!“

Der deutsche Regisseur Ralf Huettner ist mit Komödien wie „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“ (mit Helge Schneider) und „Voll normaaal“ (mit Tom Gerhardt) in den 1990ern populär geworden, hat jedoch bereits in den 1980ern seine Karriere begonnen. Nach „Das Mädchen mit den Feuerzeugen“ war „Der Fluch“ aus dem Jahre 1988 sein zweiter abendfüllender Spielfilm, ein weitestgehend in Vergessenheit geratener (weil auch nie fürs Heimkino ausgewerteter) Heimat-Mystery-Thriller, dessen Drehbuch Huettner zusammen mit Andy T. Hoetzel verfasst hatte.

Die achtjährige Melanie (Romina Nowack) ist augenscheinlich ein ganz normales Mädchen, das von seinen Eltern (Barbara May, „Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon“ und Dominic Raacke, „Die Rache der Kannibalen“) zu einer Wanderung durch die Alpen mitgenommen wird. Doch nachdem sie abends mit ihrem Fahrrad durch eine geisterähnliche schemenhafte Gestalt hindurch gefahren ist und eine alte Frau (Ortrud Beginnen, „Einer von uns beiden“) in Entsetzen versetzt hat, scheint sie sich im Laufe des Ausflugs zu verändern: Heimlich lässt sie die Wanderkarte der Eltern verschwinden, sodass sie sich verirren und sich gezwungen sehen, in einer kleinen Kapelle, zu der Melanie sie auf mysteriöse Weise führt, die Nacht zu verbringen. Dort finden sie die Leiche eines Mädchens, das Melanie wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Den Eltern ist diese Kapelle wohlbekannt, einst verbrachten sie dort eine Liebesnacht... Ganz allein scheinen sie auch nicht zu sein, drei Kinder scheinen sich ebenfalls in den Bergen aufzuhalten und aus der Ferner ertönt rätselhafter Gesang. Am nächsten Tag wird die Leiche mithilfe der Bergwacht geborgen und während die Familie in einem Hotel untergekommen ist, beginnt Melanies Vater, auf eigene Faust den Ereignissen auf den Grund zu gehen – und wird mit einer Sage von vier Mädchen konfrontiert, die mit dem Teufel im Bunde gestanden hätten und nie aus den Bergen zurückgekehrt seien, in die man sie verschleppt habe. Melanie scheint in Verbindung mit dieser Sage zu stehen und reißt aus...

Jeder, der aus seiner cineastischen Thematisierung oder Verarbeitung der Alpen etwas anders als trutschigen Trachten-Trash macht, hat bei mir schon mal einen Stein im Brett. Huettner nutzt diese als Hintergrund und Panorama einer mysteriösen Schauermär, die das übermächtige, uralte Gebirge als verwunschenen Ort dunkler Geheimnisse in beeindruckenden Bildern in Szene setzt und seine ruhige, entschleunigte Erzählweise bar jeglicher Effekthascherei aufwendet, damit die von familiärer Entfremdung und Melancholie bestimmte Atmosphäre langsam, aber beständig die Wirbelsäule des Zuschauers hinaufkriecht und schließlich Gänsehaut verursacht. Ausgeleuchtet in den kühlen Blautönen eines Gebirgsbachs bedient sich „Der Fluch“ einer düsteren Poesie, deren Inhalt irreale kindliche Fantasie ist, die sich in beängstigender Weise manifestiert, ohne rational oder physikalisch greifbar zu werden und die der Welt der Erwachsenen verschlossen bleibt, wenngleich sie ihre Konsequenzen ohnmächtig tragen müssen: den schleichenden Verlust des eigenen Kinds, das stärkeren Banden ausgesetzt scheint als den eigenen familiären – wahrlich eine Horrorvorstellung nicht nur für Eltern, die sich immer wieder (scheinbar?) unbedarften Kinderfragen nach Übernatürlichem und Tod ausgesetzt sehen. Gleichzeitig fungiert „Der Fluch“ als eine metapherreiche Allegorie auf die abenteuerlustige, furchtlose, neugierige Sehnsucht und Spontaneität von Kindern, die, einmal beispielsweise durch einen Ortswechsel aus der Alltagstristesse heraus angeregt, ausbricht und neue, eigene Wege aufzeigt, die entscheidende Impulse im Prozess der Emanzipation von den Eltern setzen.

Sicher, ab und zu hilft Kommissar Zufall etwas sehr viel, wenn der spätere „Tatort“-Kommissar Raacke versucht, das Geheimnis zu ergründen, und für meinen persönlichen Geschmack bleibt nicht nur etwas zu viel nebulös, sondern wird auch Potential der Geschichte verschenkt, wenn die Hintergrundgeschichte mehr oder weniger lediglich erahnbar bleibt. Andererseits hatte man mit Romina Nowack für die Hauptrolle eine erstaunlich talentierte, ausdrucksstarke Kinderdarstellerin entdeckt, der die unheimliche Aura, mit der Huettner sie für diesen Film versah, wunderbar zu Gesicht steht, die jedoch unverständlicherweise leider – von einem Auftritt in einer TV-Serie einmal absehen – offenbar nie wieder vor einer Filmkamera stehen sollte. In Nebenrollen sind ferner ein junger Tobias Moretti („Kommissar Rex“) und Barbara Valentin („Die Insel der blutigen Plantage“) zu entdecken.

Nur ein Jahr später verfilmte der deutsche Regisseur Georg Tressler mit „Sukkubus – Den Teufel im Leib“ die schweizerische Alpensaga um das Sennentuntschi, das 2010 unter der Regie Michael Steiners ein Comeback feierte. „Der Fluch“ dürfte in dieser Troika des „etwas anderen Alpenheimatfilms“ der unbekannteste sein, hätte es gleichwohl aufgrund seiner Qualitativ und der generellen Seltenheit dieser Sorte Film verdient, (wieder-)entdeckt zu werden.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Der Fluch - Ralf Hüttner (1988)

Beitragvon Arkadin » 14. Nov 2017, 09:20

Huettners nächster Spielfilm konnte erst drei Jahre später realisiert werden und ich empfehle auch hier mal einen Blick drauf zu werfen. "Babylon - Im Bett mit dem Teufel" fand ich sehr interessant. Und Dominic Raacke spielt auch hier eine (extrem schmierige) Hauptrolle und das wirklich sehr überzeugend.
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