Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

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Moderator: jogiwan

Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 11. Sep 2017, 18:00

White of the Eye

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Eine grauenvolle Mordserie an wohlhabenden Hausfrauen erschüttert Arizona und als einziger Anhaltspunkt auf die Identität des Mörders werden Reifenspuren gefunden, die auch zu dem Hi-Fi-Techniker und Opern-Fan Paul führen. Doch der führt ein nach außen hin beschauliches Leben mit seiner Frau Joan und Tochter Danielle, sodass die örtliche Gemeinschaft, wie auch die Polizei nicht so recht an einen Tatverdacht glauben mag. Doch bald geschieht ein weiterer Mord und auch Joan entdeckt Seiten an ihren eigentlich liebevollen und fürsorglichen Mann, die sie nicht für möglich gehalten hätte und gerät selbst zur Zielscheibe einer menschlichen Bestie, für die die Jagd etwas Besonderes bedeutet…

Anscheinend habe ich momentan ein Händchen für seltsame und dennoch sehr interessante Filme englischer Produktion und nach „The Shout“ steht mit „The White of the Eye“ das nächste Werk an, der sich zwischen alle Stühle setzt. Der Streifen des Regisseurs Donald Cammell beginnt dabei wie ein Serienkiller-Film mit einem Giallo-esk inszenierten Mord und einem Paukenschlag – doch während die Suche nach dem Täter eher schleppend beginnt, erzählt „Das Auge des Killers“ auch mehr aus dem Leben eines jungen Paares und der Zuschauer erfährt in Rückblenden das Kennenlernen und mehr aus dem Leben in einer amerikanischen Kleinstandt. Als der Mörder dann nach gut zwei Drittel des Filmes enttarnt wird, nimmt der Film abermals eine Wendung und fällt dann mit seinem weiteren Verlauf fast schon gänzlich aus dem Raster eines herkömmlichen Thrillers. Dabei ist der arthousig-erscheinende Genre-Streifen teils sehr gut, brutal und spannend gemacht und dann wieder etwas langatmig bzw. umständlich und verwirrend erzählt, ehe alles in die Psycho-Ecke abdriftet und mit einem Knall beendet wird. Leicht macht es Cammell den Zuschauer ja trotz der schönen Bilder der Wüstenlandschaft in Arizona ja nicht unbedingt und mischt grandiose Thriller-Momente und schöne Bilder mit banal erscheinenden Beziehungsproblemen und auch die Figuren und Beweggründe lassen eher mehr Fragen zurück, als der Film schlussendlich beantworten mag. Unterm Strich bleiben ein weithin unterschätzter Thriller, der wohl keiner sein möchte und ein eher seltsam anmutendes Psycho-Drama aus der Cannon-Schmiede, das sich weder auf das eine, noch das andere, noch auf sonst etwas so richtig festlegen lässt.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 12. Sep 2017, 19:10

Eagle vs Shark

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Lily arbeitet in einem Fast-Food-Laden und ist mit einem grenzenlosen Optimismus gesegnet, mit dem die ansonsten sozial eher inkompetente und introvertierte junge Frau jedoch bei ihrer Umgebung nur Achselzucken und Unverständnis auslöst. Heimlich ist sie in den Computerspiel-Verkäufer Jarrod verliebt, der als totaler Nerd und Loser ebenfalls mit sehr seltsamen Ansichten ausgestattet ist und dafür seine Vergangenheit als gemobbtes und unverstandenen Jugendlichen verantwortlich macht. Als Lily eines Tages statt ihrer Kollegin auf einer Party von Jarrod erscheint ist das der Beginn einer sehr seltsamen Liebesgeschichte, in deren Verlauf Computerspiele, Kerzen, ehemalige Schläger, Schlafsäcke und Polyester-Hausanzüge noch eine große Rolle spielen werden…

Langfilm-Debüt des neuseeländischen Regisseurs Taika Waititi, der hier eine sehr skurrile Außenseiter-Dramödie mit viel Herz, Nerd- und White-Trash-Appeal auf die große Leinwand gezaubert hat. Lily und Jarrod sind ja alles andere als die üblichen Figuren in einem Liebesfilm, sondern vollkommen verschrobene und sozial inkompetente Figuren, die jeden Tag am Leben und den gestellten Aufgaben scheitern und die sich trotzdem nicht entmutigen lassen. Dabei könnte „Eagle vs Shark“ eigentlich von der Grundidee auch ein sehr trauriges Drama oder eine seichte Liebeskomödie sein, doch Waititi bastelt daraus eine wunderbar skurrile Nerd-Komödie mit Mut zur Hässlichkeit und warmherzigem Charme, die auf wundersame Weise alle Fettnäpfchen des Genres umschifft. Die schrägen Figuren mit ihren Problemen werden entsprechend ernst genommen und während Lily mehr Selbstvertrauen bekommt, lernt Jarrod, dass er nicht ständig alle anderen für seine Probleme verantwortlich machen kann. Statt Schenkelklopfer gibt es in „Eagle vs. Shark“ eher feinsinnigen Humor, deftige Worte und skurrile Situationskomik, die jedoch nie in Slapstick oder sonstige Derbheiten abdriften und als Zuschauer darf man sich immer wieder als peinlich berührt und schmunzelnd vor dem Fernseher wiederfinden, wenn die Figuren wieder einmal völlig falsch reagieren, sich gegenseitig vor den Kopf stoßen und doch wieder zueinanderfinden. Insgesamt wurde in der sympathischen Indie-Komödie dann auch alles richtig gemacht und vom langsamen Erzähltempo, den bis ins kleinste Detail durchkomponierten Bildern, Indie-Pop-Soundtrack, bis hin zum gutgelaunten Cast, macht das von vorne bis hinten großen Spaß, den Adler und den Hai ein Stück weit zu begleiten.

5 Zimmer, Küche, Sarg

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jogiwan hat geschrieben:Mockumentary über den beschaulichen Alltag einer Vampir-Männer-WG im verschlafenen Wellington und ein humorvoller Stinkefinger in Richtung verklärtem Vampir-Mythos a la „Twilight“ (nicht das ich die Filme gesehen hätte) über den ich an dieser Stelle auch gar nicht zu viel verraten möchte. „5 Zimmer Küche Sarg“ ist jedenfalls nicht nur sehr witzig, sondern bietet auch jede Menge bissigen Humor und schrullige und klassisch-inspirierte Vampir-Charaktere, die durch einen unerwarteten Neuzugang von einer absurden Situation in die nächste kommen. Alles schwer unterhaltsam und verdammt witzig ist der australische Streifen dann auch eine der wenigen Klamauk-freien Horror-Komödien der letzten Jahre, die auch wirklich lustig sind und davon zeugen, dass sich die Macher auch etwas dabei gedacht haben. Sicherlich so das unterhaltsamste Stück Film, dass ich seit langem gesehen habe und daher auch zwei erhobene Daumen für dieses augenzwinkernde Werk aus Neuseeland, das trotz FSK12-Freigabe auch gar nicht so harmlos ausgefallen ist. Absolut großartig!


Nach „Eagle vs Shark“ hatten wir gestern noch Lust auf Waitits nächsten Film „5 Zimmer, Küche, Sarg“, der mir ja schon beim ersten Mal sehr gut gefallen hat. Mittlerweile hab ich ja auch „Twilight“ gesehen und da ist der neuseeländische Beitrag zum Vampir-Film ja gleich noch einen Funken spaßiger. Im Gegensatz zur amerikanischen Teenie-Romanze werden in der Mockumentary über die ungewöhnliche Männer-WG die Regeln des Vampirismus aber sehr ernst genommen und durch das Leben in der Gegenwart ergeben sich skurrile Momente am laufenden Band, die hier auch genüsslich ausgekostet werden. Auch hier wird wieder ein großes Herz für Außenseiter an den Tag gelegt und der ein- oder andere verklärte Vampir-Mythos auf sympathische Weise entzaubert. Auch hier alles richtig gemacht, kann ich an dieser Stelle den spaßigen Streifen nur wieder einmal jeden ans Herz legen, der ihn noch nicht kennt.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 13. Sep 2017, 18:12

Suicide

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Ein Pärchen mit einer Videokamera bietet über eine Webseite selbstmordgefährdeten Menschen den zweifelhaften Dienst an, diese bei ihrem letzten Schritt im irdischen Leben zu begleiten. Und so begegnen die Beiden verschiedenen Menschen, die aus unterschiedlichen, meist nicht ganz klaren oder ausformulierten Gründen aus dem Leben scheiden können. Damit das Filmmaterial zu einem späteren Zeitpunkt aber auch an ein sensationslüsternes Publikum vermarktet werden kann, müssen die Bilder auch entsprechend drastisch sein und schon wenig später begnügt sich der Mann nicht mehr nur mit der Rolle des passiven Zuschauers…

Bei deutschen Filmen zum Thema Freitod denkt man wohl als Erstes an Jörg Buttgereits „Der Todesking“, in dessen Fußstapfen wohl der Regisseur Raoul W. Heimrich im Jahre 2001 treten wollte und ebenfalls einen verstörenden Beitrag dazu abgeliefert hat. Mit rohen, verwackelten und größtenteils unkommentierten Bildern, Amateur-haften Video-Look und im Mockumentary-Style begleitet hier ein Pärchen aus moralisch verwerflichen Gründen Selbstmörder auf ihren letzten Weg um das Material zu einem späteren Zeitpunkt zu vermarkten. Dabei treffen die Beiden vom biederen Angestellten, den Krebskranken im Endstation und etwas zu theatralischen Gothic über Teenies und Leuten aus dem Drogenmilieu bis hin zu allerlei anderen Gestalten, die aus unterschiedlichen und nicht immer ganz ausformulierten Gründen mit ihrem Leben Schluss machen können. Naturgemäß bietet „Suicide“ auch einige drastische Bilder, auch wenn auf Blut und Schmodder größtenteils verzichtet wird und die Thematik in der Kombination mit einer vermeintlichen Authentizität alleine schon ausreicht um vielen Zuschauern den Schauer auf den Rücken zu lassen. Ich hab den Streifen vor vielen Jahren schon einmal gesehen und fand den seinerzeit etwas ambivalent, da ich zwar den Ansatz interessant finde, aber die Rahmengeschichte mit dem Pärchen inklusive der Kritik an neuen Medien doch etwas zu oberflächlich behandelt werden und es bei der Figurenzeichnung auch nicht schwer ist als Zuschauer die notwendige Distanz zu wahren. Angenehm ist „Suicide“ aber sicher nicht zu betrachten, aber dennoch ist es verwunderlich, dass Heimrichs kontroverser und unbequemer Schocker hierzulande trotzdem kaum jemand zu kennen scheint.

Dad's Dead

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Als der Fernseher der Familie Brahms eines Abends völlig den Geist aufgibt, beschließt der biedere Familienvater gemeinsam mit seiner Tochter am darauffolgenden Tag im örtlichen Mediamarkt einen Neuen zu besorgen. Da zur gleichen Zeit eine Reihe von Kindern als vermisst gemeldet und gesucht werden, hält Hannes Brahms im weitläufigen Elektro-Markt auch ein besonderes Auge auf seine Tochter Maria, die wenig später aber dennoch zwischen den unzähligen Regalreihen spurlos verschwunden ist. Die seltsam agierenden Angestellten, sowie die Polizei sind keine große Hilfe und als Maria über längere Zeit verschwunden bleibt, macht sich Brahms alleine auf die Suche und der Weg führt in geradewegs wieder in den Media Markt, in dem offensichtlich nicht mit rechten Dingen zugeht…

„Dad’s Dead“ ist ein knapp 35minütiger Kurzfilm aus dem Hause der österreichischen Produktionsfirma Superfilm, der seinerzeit als Kooperation mit Media Markt entstanden ist und dort als Werbeaktion gratis verteilt wurde. Interessant ist der Streifen aber auch deswegen, da sich David Schalko für das Drehbuch verantwortlich zeigt, der sich mittlerweile als Regisseur und Autor von Serien wie „Braunschlag“ und „Altes Geld“ von sich reden macht und in die TV-Oberliga aufgestiegen ist. „Dad’s Dead“ geht aber eher in eine andere Richtung und präsentiert mit Anleihen im Mystery-Genre und bei David Lynch einen braven Familienvater in einer persönlichen Ausnahmesituation, der mit allerlei seltsamen Figuren und Ereignissen konfrontiert wird, ehe der Streifen am Ende eine unerwartete Wendung nimmt. Da Media Markt das Ganze mitfinanziert hat, ist es natürlich nicht verwunderlich, dass der Laden im Verlauf der Handlung prominent platziert ist und ein Großteil der Handlung auch im damals größten Media Markt gedreht wurde, was jedoch nicht als störend oder gar aufdringlich empfunden wird. Bei den Darstellern und dem Look gibt es auch nicht viel zu meckern und „Dad’s Dead“ hätte seinerzeit auch genauso gut in der vom ORF produzierten und eher mittelprächtigen Mystery-Serie „8 x 45“ laufen können, die ungefähr im gleichen Zeitraum entstanden ist. Als Werbeaktion geht der Kurzfilm auch in Ordnung, selbst wenn man sich keinen großen Wurf erwarten sollte. Technisch in Ordnung, inhaltlich eher weniger überraschend ist Christopher Schiers System-erhaltender Mystery-Kurzfilm auch eher für Grusel-Anthologien-Fans und für die Abende, an der die verbleibende Zeit nicht mehr für einen ganzen Film ausreicht.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 14. Sep 2017, 18:33

Kuroneko

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Die junge Shige und ihre Schwiegermutter Yone werden in Kriegszeiten eines Tages von herumwandernden und hungernden Samurais überfallen, vergewaltigt und leblos in ihrer in Brand gesteckten Hütte zurückgelassen. Wenig später kehren die beiden Verstorbenen jedoch als rachsüchtige Geistererscheinungen zurück, die andere Samurais in die Falle locken und ermorden, in dem sie ihre Kehlen durchbeißen und sich an ihrem Blut ernähren. Als diese Fälle zunehmen, wird ausgerechnet der mittlerweile als Kriegsheld zurückgekehrte und verschollen geglaubte Ehemann Shiges auf den Fall angesetzt, der für seine Taten zum Samurai geadelt wurde. Prompt glaubt der mutige Gintoki in den beiden Geistern seine Ehefrau und Mutter zu erkennen und auch für die Rachegeister hat diese Begegnung ungeahnte Konsequenzen…

Hübsch entrückt gemachter Geisterfilm aus Japan, der den Zuschauer geradewegs in längst vergangene Zeiten entführt, in denen zwei grausame Geister unbedarfte Samurais in die Falle locken um ihnen dann anschließend die Kehle durchzubeißen. „Kuroneko“ wird dabei zum Genre des „Kaidan eiga“-Films gezählt, die japanische Legenden und historische Geistergeschichten als Ursprung haben und die düstere und tragische Geschichte wird vom „Onibaba“-Regisseur Kaneto Shindô auch in einem sehr ansprechenden Look auf den Bildschirm gezaubert. Diese beginnt auch mit einem richtigen Schocker und bietet auch danach gepflegten Grusel der eher langsamen Gangart, die auch keine Hektik oder plakative Effekte benötigt um dem Zuschauer den Schauer auf den Rücken zu zaubern. Die minimalistischen Settings, die Kostüme und die scheinbar spärlich ausgeleuchteten Nachtszenen lassen die ganze Geschichte stets sehr surreal wirken und der Soundtrack bzw. die Geräuschkulisse unterstützen die morbide Atmosphäre des spannend erzählten Streifens ebenfalls auf sehr eindringliche Weise. Überflüssig zu erwähnen, dass mir „Kuroneko“ bzw. dieser wunderbare Ausflug in die Welt fernöstlicher Geistergeschichten mit seinen tragischen Figuren und wunderbaren Schwarzweiß-Bildern ausnehmend gut gefallen hat.

The Hollywood Strangler meets the Skid Row Slasher

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Johnathan mag Hunde und Tauben, aber keine Nutten, die am Hollywood Boulevard der zahlenden Kundschaft ihre Dienste anbieten und die ihn an seine Ex Marsha erinnern. Unter dem Vorwand die hoffnungsfrohen Mädchen zu fotografieren, trifft er sich mit den Frauen, fällt über sie her und erwürgt diese. Doch eines Tages entdeckt er in der zwielichtigen Gegend eine rothaarige Verkäuferin, die anders als die vielen leichten Mädchen in der Gegend zu sein scheint und die rasch sein Interesse weckt. Doch auch diese hübsche Fassade verdeckt ein düsteres Geheimnis und die bieder erscheinende Verkäuferin ersticht mit Vorliebe alkoholkranke Obdachlose, die es am Hollywood Boulevard ebenfalls zuhauf gibt. Kein Wunder also, dass das Aufeinandertreffen der beiden Mörder nicht ohne Folgen bleibt.

Regisseur Ray Dennis Steckler hat ja nicht nur ein anscheinend untrügliches Gespür für billiges Filmemachen, sondern auch ein paar seltsame Filme in seiner Filmografie, wobei „Cabaret der Zombies“ (im Original „The Incredibly Strange Creatures Who Stopped Living and Became Mixed-Up Zombies!!?“) ja noch der Bekannteste sein dürfte. „The Hollywood Strangler meets the Skid Row Slasher“ ist ja ein Low(est)-Budget-Werk dass eigentlich nur eine Aneinanderreihung von sleazigen Momenten und Mordszenen ist, die jedoch vor Ort ohne Ton aufgenommen wurden und anschließend mit Musik und „Voice Over“-Kommentaren versehen wurde. Inhaltlich ist der Slasher eigentlich nichts Besonderes und von der technischen Seite her ebenfalls desaströs, aber was ihn dennoch besonders macht, sind die Locations wo er gedreht wurde. Im Verlauf der knapp siebzig Minuten wandert der Würger und sein weibliches Pendant auch unzählige Male durch Straßen voller Pornokinos und Sexshops um in Zeitungen mit Sex-Annoncen zu blättern. Straßenzügen voller „Hookers & Pimps“ und Double-Feature-Billboard-Anzeigen mit „Deep Throat“ und „The Devil in Miss Jones“ sind dann auch die eigentliche Attraktion dieses Früh-Slashers, der auf beiläufige Weise den Geist lasterhaften und längst vergangener Zeiten für zumindest kurze Zeit wieder heraufbeschwört.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 15. Sep 2017, 18:05

Pulse / Kairo

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Gestern auf der oben genannten Blu-Ray gesichtet bleibt „Kairo“ wohl mein ganz großer Liebling unter den asiatischen Filmen und Kiyoshi Kurosawa hat hier wirklichen ein visionäres und düsteres Werk geschaffen, das von der Vereinsamung der Menschen in Zeiten zunehmender Kommunikationsmöglichkeiten erzählt. Eigentlich grotesk, dass man mit fast jeden Menschen der Welt online kommunizieren kann, und sich trotzdem so viele in Social-Media-Zeiten allein gelassen fühlen und wo liegt wirklich der Nutzen darin, dank Computer und Internet die Wohnung nicht mehr verlassen zu müssen. Das und noch vieles mehr sind Fragen, die Kurosawa in seiner unbequemen Dystopie aufwirft und dieses als schwermütiges, Puzzle-artiges Drama mit Geistererscheinungen mit zunehmend apokalyptischer Stimmung inszeniert. In Kurosawas Vision ist die Menschheit bereits am Ende ihrer sozialen Interaktion angekommen, die Einsamkeit und Verzweiflung spürbar und für empathisch veranlagte Menschen ist das ruhige erzählte Geschehen am Bildschirm eigentlich auch kaum auszuhalten. Die erste Sichtung hat mich dann seinerzeit förmlich von den Socken gehauen und schaudernd vor dem Bildschirm zurückgelassen und auch 16 Jahre nach Erscheinen hat dieses Meisterwerk absolut nichts von seiner verstörenden Kraft verloren.

Katalin Varga

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Als der Ehemann von Katalin erfährt, dass er nicht der leibliche Vater des elfjährigen Orban ist, muss die junge Frau den gemeinsamen Hof verlassen und macht sich unter dem Vorwand, die kranke Oma zu besuchen gemeinsam mit den Jungen auf den Weg um dessen tatsächlichen Vater zu suchen, der sie vor vielen Jahren während eines Autostopps vergewaltigt hat. Mit Pferd und Kutsche geht es durch die wunderbar entrückt erscheinende und noch ursprüngliche Welt der rumänischen Karpaten, die nur kurzfristig von den Annehmlichkeiten der modernen Welt durchbrochen wird. Der erste von zwei Peinigern ist auch rasch gefunden und Katalin macht kurzen Prozess, doch der zweite Mann und Vater von Orban entpuppt sich als liebevoller Ehemann, bescheidener und reumütiger Mensch, der auch durch den Umgang mit Orban Katalinas Plan der Rache in Wanken geraten lässt…

Peter Stricklands in Rumänien realisiertes Leinwand-Debüt ist ein Noir-artig erzähltes Rachedrama der etwas anderen Art und atmet wie auch „Berberian Sound Studio“ und „The Duke of Burgundy“ den Geist vergangener Jahrzehnte. Hier sind es wohl Filmemacher wie Bergmann und Tarkovsky, die Pate für einen Film stehen, dessen Reiz wohl auch aus den gezeigten Kontrasten besteht und Strickland siedelt seinen vielschichtigen Streifen in der Gegenwart an und zeigt doch ein sehr einfachen Leben in scheinbar unberührter Natur, dass scheinbar noch wenig von den Annehmlichkeiten der modernen Welt profitiert. Auch bei den ambivalenten Figuren tut sich der Zuschauer mit der Einordnung schwer und weder Katalina, noch Tibor repräsentieren in dem Anti-Heimatfilm die Figuren, die man sich in einem durchschnittlichen Rachethriller eigentlich erwarten würde. „Katalin Varga“ erinnert mich dann auch sehr an den österreichischen Streifen „Revanche“, der ebenfalls auf inhaltliche Schwarzweiß-Malereien gänzlich verzichtet und zeigt, dass jedes tragische Ereignis unweigerlich Auswirkungen für alle Beteiligten haben kann. Das Ergebnis ist ein ruhiger, nachdenklich stimmender Streifen, der mit schönen Landschaftsbildern eine Suche nach persönlicher Erlösung erzählt, die es letzten Endes ebenfalls nicht ohne entsprechende Konsequenzen geben kann.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 16. Sep 2017, 18:46

In the Aftermath

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In vielen Jahren gleicht die Welt wie wir sie kennen einer Wüste und die Luft zum Atmen ist so rar, dass Menschen für Sauerstoff über Leichen gehen. In dieser Welt ist der herzensgute Soldat Frank mit seinem Kumpel Goose unterwegs um eben diesen zu suchen, als er in einer stillgelegten Fabrik von einem Psychopathen angegriffen wird. Im Gegensatz zu seinem Freund überlebt Frank verletzt und wird von einer jungen Ärztin gerettet. Gemeinsam versuchen die Beiden das Beste aus der Situation zu machen, während Frank und seine Taten in einer fernen Welt von einem jungen Mädchen namens Angel beobachtet wird, dass ein geheimnisvolles Ei mit sich trägt und über die Kraft verfügt, diese unwirtliche und feindselige Welt wieder zum Guten zu verändern…

Für die Kombination aus Realfilm- und Trickfilm-Sequenzen gibt es ja mittlerweile doch so einige Beispiele, doch im Gegensatz zu anderen Filmen, war das in Fall von „In the Aftermath“ nicht von Anfang an so konzipiert. Hier gab es hier offensichtlich zuerst den japanischen Anime „Angel’s Egg“ von Mamoru „Ghost in The Shell“ Oshii über ein junges Mädchen mit magischen Ei in einer fernen Welt aus dem Jahr 1985, um den herum dann 1988 in amerikanisch-australischer Produktion ein postapokalyptisches Szenario als Realfilm gezimmert wurde. Herausgekommen ist ein Streifen der jeweils zur Hälfte aus realen und animierten Sequenzen besteht, die aber nicht so wirklich zusammenpassen wollen. Das postapokalyptische Realfilm-Szenario wirkt eher kostengünstig, während zu den animierten Sequenzen nur mittels „Voice Over“-Kommentar ein Bezug hergestellt wird und die animierte „Angel“ mehr schlecht als recht in zwei kurzen Szenen in die reale Welt übertragen wird. Man merkt einfach, dass alles nicht sonderlich stimmig ausgefallen ist und auch der ein oder anderer schöne Moment wie das Klavierspiel von Frank können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier alles nicht so wirklich zueinander passen möchte. Der Anime-Fan in mir will lieber das Original sehen, während sich der Endzeit-Fan fragt, was die ganze Ei-Geschichte eigentlich in der postapokalyptischen Welt zu suchen hat. Nicht Fisch, nicht Fleisch bleibt ein seltsamer Streifen, dem man anrechnen kann, dass er relativ früh zumindest versucht hat, japanische Animationskunst im Westen für ein erwachsenes Publikum näher zu bringen, auch wenn das Ergebnis dabei eher unterdurchschnittlich ausgefallen ist.

Türkische Früchte

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Der erfolglose Bildhauer Eric Vonk lernt eines Tages beim Trampen die lebenslustige Olga kennen und trotz anschließendem Blechschaden ist es für Beide die große Liebe auf den ersten Blick. Allen Anfeindungen ihrer Umwelt zum Trotz heiraten die Zwei und erleben in den darauffolgenden Monaten Tage voller Spaß und sexueller Ausschweifungen. Doch alles hat ein Ende und wenig später fühlt sich Olga vom zunehmend besitzergreifenden Eric eingeschränkt und flüchtet mit dem erstbesten Mann aus der den Zwängen und der Routine des Ehelebens. Eric ist am Boden zerstört und stürzt sich nach der Phase der Trauer neuerlich in sexuelle Abenteuer, als ihm Olga zufällig begegnet, mit der es das Leben allerdings leider nicht allzu gut gemeint hat…

„Türkische Früchte“ von Paul Verhoeven ist ein Streifen, wie er wohl nur in den Siebzigern entstehen konnte und präsentiert eine lebendige, fast rauschhafte Liebesgeschichte, die freizügig und humorvoll und dann wieder schonungslos und tieftraurig erzählt wird. Eric und Olga genießen das Leben und ihre Körper ohne Rücksicht auf Verluste in all seinen Facetten, doch wie so oft folgt nach dem Exzess der Kater und die impulsiven Charaktere kommen von einer schrägen Situation in die Nächste, ehe sie der Ernst des Lebens immer mehr und mehr einzuholen scheint. Paul Verhoeven und sein Kamermann Jan de Bont machen hier auch keine Gefangenen und fackeln gemeinsam mit den beiden Hauptdarstellern ein erotisch-spaßig-verstörendes Feuerwerk ab, bei dem auch das konservative Spießbürgertum ordentlich eins vor den Latz bekommt. Hier wird alles mitgenommen was geht und der Zuschauer erlebt wie die Protagonisten des Films eine wahre Achterbahnfahrt der Emotionen und sitzt nach knapp zwei Stunden völlig geplättet im Sessel und fühlt sich, als wäre ein Güterzug über ihn hinweggebraust. Wie selbstverständlich wird hier eine Liebesgeschichte rebellischer Menschen mit bissiger Gesellschaftssatire, Arthouse und ungekünsteltem Sex miteinander kombiniert und herausgekommen ist nichts anderes ein tabubrechendes, subersives Meisterwerk seiner Zeit, dass auch heutzutage noch alle Lobeshymnen und Aufmerksamkeit dieser Welt verdient.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 17. Sep 2017, 18:37

A Stranger is Watching

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Zwei Jahre nach dem Mord an seiner Frau und 72 Stunden vor der Vollstreckung des Todesurteils an dem vermeintlich Schuldigen wird Julie, die Tochter des New Yorker Verlegers Peterson gemeinsam mit dessen Freundin Sharon von einem Unbekannten entführt. Während die Beiden in einem Raum unterhalb der Central Station gefangen gehalten werden und ein hohes Lösegeld gefordert wird, beginnt ein Katz- und Mausspiel mit der Polizei, bei dem der Entführer auch nicht mit der Entschlossenheit und Überlebenswillen seiner weiblichen Opfer gerechnet hat. Dennoch scheitern alle Fluchtversuche und auch der Entführer zeigt bei der Durchführung seines Plans zunehmend psychopathische Züge und nimmt dabei auch undschuldige Opfer in Kauf…

Zwei Jahre nach „Freitag der 13.“ schuf Regisseur Sean S. Cunningham mit der Mary Higgins Clark-Roman-Verfilmung „A Stranger is Watching“ eine Mischung aus Thriller und Slasher mit New Yorker Handlungsort, der nebenher auch noch allerlei anderes mitnimmt und dessen Reiz bzw. Nachteil sich wahlweise aus der spärlichen Figurenzeichnung ergeben. So bleibt die Motivation des Täters weitgehend im Dunkeln und der Film konzentriert sich auch vorwiegend auf die Opfer der Entführung, die unterhalb der belebten Central Station um ihr Überleben kämpfen. Der Film ist aber aufgrund seiner Figurenkonstellation interessant und der Präsenz von Rip Torn, den eine unheimliche Aura des Bösen umgibt wird mit Kate Mulgrew eine starke weibliche Persönlichkeit gegenübergestellt. Im Verlauf des Streifens gibt es neben einem sexuellen Unterton auch leise ein paar gesellschaftskritische Momente, die sich jedoch nie in den Vordergrund drängen, ehe es am Ende dann etwas ruppiger wird. Alles in allem ein durchaus solider, weitgehend unblutiger und sehenswerter Thriller mit Slasher-Anleihen aus den Achtzigern, der insgesamt betrachtet aber nur noch wenig an seinen ungleich erfolgreicheren Low-Budget-Teenie-Schlitzerfilm-Vorgänger erinnert und sich mit seinem Inhalt und Ernsthaftigkeit auch eher an ein erwachseneres Publikum richtet.

Fear Itself Ep. 8: Haut und Knochen

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Während eines Sturms kehrt der Farmbesitzer Grady bis auf die Knochen abgemagert, verstört und völlig entkräftigt von einer mehrtägigen Jagd mit Freunden zu seiner Familie zurück. Doch etwas hat den Mann in den letzten Tagen verändert, was auch der Familie und seinem Bruder Rowdy nicht verborgen bleibt und der Indianer Eddie erklärt den verblüfften Personen, dass ein sogenannter Windigo, ein kannibalistischer Rache-Geist vom Körper des Farmers Besitz ergriffen hat. Wenig später scheint sich dieses zu bewahrheiten und Grady entwickelt einen unbändigen Hunger auf Menschenfleisch, der auch vor seinen Blutsverwandten keinen Halt macht…

Die achte Episode (keine Sorge, die siebente habe ich nur irrtümlich übersprungen und folgt noch) von Regisseur Larry Fessenden handelt vom sogenannten Windigo, der in amerikanischen Produktionen ja immer wieder auftaucht, wenn es um winterliche Szenarien und ungeklärte Morde geht. Das Ami-Pendant des Yetis ist aber ungleich böser und als Formwandler auch als Kannibale unterwegs, was auch die Familie des Farmers zu spüren bekommt, der nach einem Jagdausflug auch ein ganz seltsames Verhalten an den Tag legt. „Haut und Knochen“ ist als Kammerspiel sehr solide inszeniert und bietet Doug Jones in der Hauptrolle, dessen ausgemergeltes Gesicht man zwar nicht sofort erkennen muss, aber der unter Tonnen von Make-Up u.a. als Faun oder Abe Sapien aus Filmen von Guillermo del Toro bekannt ist und auch in seinem neuesten Werk „The Shape of Water“ als mystische Kreatur aus dem Wasser zu sehen ist. Hier spielt er als besessener Farmer, den man besser nicht im Dunkeln begegnen möchte alle anderen an die Wand und agiert herrlich furchteinflößend und creepy. Die Geschichte selbst ist solide, bietet aber eher wenig Überraschungen und die Chemie unter den Darstellern empfand ich als nicht ganz stimmig. Die vierzig Minuten vergehen aber wie im Flug, der Härtegrad ist ebenfalls okay und für Episoden-Horror-Verhältnisse ist das auch alles durchaus im grünen Bereich.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 18. Sep 2017, 18:31

Nosferatu in Venedig

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Ganz kann ich die schier überschwänglich positiven Stimmen ja nicht nachvollziehen, auch wenn ich es mittlerweile gewohnt bin, dass in Vampir-Filmen andauernd Genre-Standards über den Haufen geworfen werden. Hier ist es ein lebensmüder Vampir, der miesepetrig mittels Seánce aus seiner untoten Lethargie geholt wird und daraufhin eine Jungfrau sucht, die ihm im Akt der Liebe endlich den verdienten Seelenfrieden schenken soll. Ich dachte ja bislang immer, dass Vampire aus anderen Gründen auf Jungfrauen abfahren und irgendwie wird das Ganze am Ende ja ohnehin auch wieder völlig über den Haufen geworfen? Dramaturgisch holpert das auch ganz schön dahin, aber wer braucht schon fertig gesponnene Handlungsstränge, wenn man sich an den schönen und traumartigen Bildern eines nebelverhangenen Venedigs erfreuen kann. „Nosferatu in Venedig“ ist auch zweifelsfrei sehr schön in Szene gesetzt und überzeugt neben den stimmigen Locations auch mit seinem Cast, der sich kaum anmerken lässt, dass es hinter den Kulissen wohl drunter und drüber gegangen sein muss. Klaus Kinski sieht man im abgekämpften Gesichtsausdruck ja ebenfalls an, dass ihm das alles, bzw. die Last der Weiblichkeit* (in seinem Fall Anne Knecht) gegen Ende fast etwas zu viel wird. Am besten zurücklehnen, nicht viele Fragen stellen und genießen ist hier die Devise - dann bekommt man auch einen wunderbar melancholischen Vampir-Film serviert, der vor allem durch seinen Handlungsort und Atmosphäre punkten kann.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 19. Sep 2017, 18:59

Paganini

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Kaum eine Person wird in der Welt der Genre-Fans so verklärt wahrgenommen wie Klaus Kinski und während er auf der einen Seite sicherlich ein begnadeter Schauspieler war, so war er auf der andererseits auch eine sehr tragische und ambivalente Figur, deren Lack in den letzten Jahren weitere Schrammen abbekommen hat. Nichts repräsentiert dieses eigentlich besser als seine Regiearbeit aus dem Jahr 1989, die in einer Mischung aus Größenwahn und Realitätsverzerrung entstanden ist und mit der er als Regisseur leider auch gnadenlos gescheitert ist. Kinski inszeniert Paganini bzw. sich selbst als liebenden Vater, großen Popstar und hemmungslosen Egozentriker dem die Frauen reihenweise zu Füßen liegen und in der er sich auch allen anderen Figuren als überlegen positioniert, ohne zu merken, dass auch hier innere und äußere Wahrnehmung schon lange nicht mehr zusammenpassten. Es hat auch einen Grund, warum sich Kinski in späteren Jahren nur noch mit ganz jungen Geliebten umgab, die wohl noch als einzige seine Launen auf Dauer akzeptierten. Leider entpuppt sich auch die "Versione Originale" von „Paganini“ als nahezu unschaubares und wirr wirkendes Sammelsurium aus unterschiedlichsten Momentaufnahmen, die scheinbar willkürlich und ohne weitere Erklärungen durchgehend mit anstrengenden Violinen-Solis aneinandergereiht werden und unendlich eitel, jenseitig und selbstverliebt wirken. Auffällig sind dabei das immer wiederkehrende Bild von Pferdekutschen und galoppierenden Pferden, die scheinbar die eigene Getriebenheit symbolisieren und der Versuch sein Publikum aus Angst vor Gleichgültigkeit auf unterschiedlichste Weise zu provozieren. Gebracht hat es letzten Endes wenig und der selbstherrliche und als familiäres Biopic gestaltete "Paganini" wirkt auf mich auch eher wie ein Abgesang als Huldigung und abseits von bereits resigniert erscheinender Selbstbeweihräucherung eher wie ein wenig gehaltvolles Vermächtnis eines Künstlers, der bis zum bitteren Ende seinen Kopf und Willen durchsetzen wollte.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 20. Sep 2017, 19:06

Silent Scream

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Ich würde mit „Silent Scream“ ja nicht so hart ins Gericht gehen und fand den eigentlich ganz passabel gemacht, auch wenn man stets das Gefühl hat, er hätte auch wesentlich besser ausfallen könne. Die Geschichte einer jungen Studentin, die ein Zimmer in einem abgelegenen Haus am Strand in Besitz einer etwas seltsamen Familie mietet, fand ich ja ganz okay und im Finale kommt die Sache ja nach einem eher unspektakulären Start auch durchaus in Fahrt. Der Streifen erinnert aufgrund seiner Location, der Figuren und auch dem Soundtrack ständig an „Psycho“ (daher wohl auch der deutsche Titel) und streckt seine Fühler im Verlauf auch in Richtung Komödie, Teenie-Slasher und Familien-Drama aus. Sonderlich originell ist Drehbuch aber nicht ausgefallen, der tolle Handlungsort wird kaum genutzt und auch die finale Rückblende hätte ich erzähltechnisch anders gesetzt, aber zumindest bei den Darstellern kann man nicht meckern und insgesamt betrachtet hat man aus der Slasher-Ecke schon viel lahmere Sachen gesehen, als dass ich mich jetzt da auch groß über die unnötig oberflächliche Figurenzeichnung aufregen müsste. „Silent Scream“ lässt sich schon gut gucken und bietet neben sympathischen Charakteren auch ein hübsches Massaker am Ende, sodass man dem Film auch gerne verzeiht, dass er sich frohen Mutes in die Liga von Hitchcock drängen möchte und sich dabei doch ziemlich überschätzt.
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