Endstation Schafott - José Giovanni (1973)

Moderator: jogiwan

Endstation Schafott - José Giovanni (1973)

Beitragvon Onkel Joe » 19. Apr 2012, 20:53

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Originaltitel: Deux hommes dans la ville
Herstellungsland: Frankreich/Italien/1973
Regie: José Giovanni
Darsteller: Jean Gabin, Alain Delon, Mimsy Farmer, Victor Lanoux, Cécile Vassort, Ilaria Occhini, Guido Alberti, Malka Ribowska, Christine Fabréga und Gérard Depardieu.

Story: Nach 10 Jahren im Knast kehrt Bankräuber Gino wieder zurück ins normale Leben. Der ehemalige Kriminelle ist geläutert und bekommt Unterstützung durch Sozialhelfer. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit in Form eines alten Polizisten wieder ein...
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Wer tanzen will, muss die Musik bezahlen!
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Re: Endstation Schafott - José Giovanni

Beitragvon sid.vicious » 13. Jun 2012, 12:23

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Alternativer Titel: Deux hommes dans la ville
Produktionsland: Frankreich
Produktion: Alain Delon
Erscheinungsjahr: 1973
Regie: José Giovanni
Drehbuch: Daniel Boulanger
Kamera: Jean-Jacques Tarbes
Schnitt: Renée Deschamps
Spezialeffekte: -
Budget: ca. -
Musik: Philippe Sarde
Länge: ca. 110 Minuten
Freigabe: FSK 16
Darsteller:
Alain Delon : Gino Strabliggi
Jean Gabin : Germain Cazeneuve
Michel Bouquet: Inspektor Goitreau
Mimsy Farmer : Lucie
Ilaria Occhini : Sophie Strabliggi
Cécile Vassort : Evelyne Cazeneuve
Bernard Giraudeau : Frédéric Cazeneuve
Christine Fabréga : Geneviève Cazeneuve
Victor Lanoux : Marcel
Malka Ribowska : Maître Baudard
Guido Alberti : Chef der Druckerei
Jacques Monod: Prokurist
Armand Mestral: Gefängnisdirektor
Robert Castel : André Vautier
Jacques Rispal : Richter
Patrick Lancelot: Arzt
Gérard Depardieu: junger Gauner




Gino Strabliggi wird nach 10 Jahren haft aus dem Gefängnis entlassen. Für seine vorzeitige Entlassung sorgte der Sozialarbeiter Germain Cazeneuve, der ihn auch in der Freiheit unterstützt. Leider wird Strabliggi durch einen Polizisten wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert, was üble Folgen hat.

„Dahinter verbirgt sich das Grausamste, das ich je gesehen habe: Eine Maschine die tötet.“

Dieses Schlusszitat von Jean Gabin, sprich Germain Cazeneuve festigt nach der Ansicht des Films den Eindruck den der Film bereits während kürzester Zeit vermittelt. Ein Schlusswort, welches als Résumé, als Erklärung, als Anklage, sowie auch als Spiegel der Gesellschaft dient.

Es ist letztendlich, dass System, das für die Verrohung, für den Niedergang verantwortlich ist. Ein System, dass keine Gnade kennt und unbarmherzig gegen das was ihm der Dorn im Auge zu sein scheint, vorgeht. José Giovannis Film kennt keine Gnade, José Giovanni prangert alles angeblich Rechtliche an. Er gibt innerhalb des Films der Menschlichkeit keine Chance. Sie wird im kleinsten Keim mit Hass erstickt.

„Endstation Schafott“ beginnt mit einer melancholischen Musik, die bereits ein eindeutiger Vorbote, für das was geschehen wird fungiert. Die Unmenschlichkeit in der Haftanstalt, das Leben nach der Haft, die ehemaligen Freunde, sprich die unrühmliche Vergangenheit. Alles verschmilzt und lässt sich auch im neuen Leben nicht auslöschen. Die Vergangenheit haftet an Gino Strabliggi, sie lässt sich nicht abschütteln, dafür sorgen allein das System und seine Boten. Schikane und Provokation lassen Hass entflammen, einen Hass der das Ende bedeutet.

José Giovanni beschönigt rein gar nichts. Er lässt seinen Film in depressiven Bildern für den Zuschauer ablaufen, so dass dieser eine gewisse Hilflosigkeit verspürt. Er fühlt wie Strabliggi, er handelt wie Strabliggi, er will Strabliggi mit allen Mitteln helfen, doch ist ihm diese Möglichkeit nicht gegeben. „Endstation Schafott“ ist das Leiden der Gesellschaft am System oder sollte man spitzfindig behaupten. Das Leiden der Gesellschaft an der Gesellschaft?

„Alle waren charakterlich labil und sie selbst waren ihr größter Feind.“ (Germain Cazeneuve)

Was innerhalb „Endstation Schafott“ in schauspielerischer Hinsicht geleistet wird ist kurz gesagt brillant. Jean Gabin glänzt als Germain Cazeneuve, genau wie Alain Delon als Gino Strabliggi und Michel Bouquet als Inspektor Goitreau. Gerade Michel Bouquet, den man aus François Truffauts „Die Braut trug schwarz“ kennen sollte, kann nicht genug in den höchsten Tönen gelobt werden. Bouquet schürt in seiner Präsentation den Hass des Zuschauers in einer ungemein starken Weise. Sein Spiel ist extrem intensiv und man nimmt ihm den zu faschistischen Methoden neigenden und besessenen Inspektor Goitreau jederzeit ab.

Innerhalb der kleinen Parts muss man auch Mimsy Farmer in der Rolle der Lucie lobend erwähnen. Recht so, lieber Freund des europäischen Kinos, genau die Mimsy Farmer, die in Argentos "Vier Fliegen auf grauem Samt“ mitwirkte.

Zu Delon sei gesagt, dass er in diesem Film sein schauspielerisches Potential im vollen Umfang zeigt. Weit entfernt von der Coolness des Jef Costello oder des Corey, bewegt sich Delon hier innerhalb eines menschlichen Dramas. Eine Charakterstudie und der Wille zu einem neuen Leben sind die Begleiter von Delons Spiel.

Wer kann Strabliggis dankendes Ablehnen bezüglich der Hilfe der Religion nicht verstehen? Gott hat Strabliggi verlassen oder war er überhaupt jemals für ihn da? oder gibt es ihn überhaupt? oder gibt es einzig ein kaltes und Menschenvernichtendes System?

„Endstation Schafott“ ist ein Film der immer aktuell sein wird. Nicht allein die Geschichte des ehemaligen Strafgefangenen und das Nichtakzeptieren der Gesellschaft sind hier gemeint. Themen wie Verachtung, Mobbing und Hass lassen sich jederzeit ableiten und wenn jeder nur ein klein wenig über „Endstation Schafott“ nachdenkt und versucht seine Umwelt lebenswerter zu gestalten, so hätte José Giovanni eine ganze Menge erreicht.

Fazit: Ein Sozialdrama, das in keiner Weise kalt lassen kann, perfekt gespielt und der Spiegel einer kranken und besessenen Gesellschaft.

10/10
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Re: Endstation Schafott - José Giovanni

Beitragvon Blap » 17. Mai 2017, 09:21

Vor kurzem gönnte ich mir die "Alain Delon Collection 2" von Concorde, der lange nicht mehr geschaute "Endstation Schafott" wanderte zum Auftakt in den Player.

Hier und da wird die "Dramakeule" vielleicht ein wenig zu heftig geschwunden. Was solls, Delon und Gabin sind großartig, die Geschichte wird mit gnadenloser Konsequenz vorangetrieben. Großes Kino!

Leider wurde die Box nur mit DVDs bestückt. Die Bildqualität von "Endstation Schafott" gefällt jedoch, kein -heute leider oft übliches- DNR-Massaker.

Pflicht! Sehr angenehm unangenehm!!!
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Re: Endstation Schafott - José Giovanni

Beitragvon sergio petroni » 1. Jul 2017, 13:47

Der überführte Bankräuber Strabliggi (Alain Delon) kommt nach zehn Jahren aus dem Gefängnis frei.
Zur Seite steht ihm der Sozialarbeiter Cazeneuve (Jean Gabin). Strabliggi ist festen Willens,
ein ehrbares Leben zu führen. Eine geregelte Arbeit ist der Startpunkt. Dann geht er eine
Beziehung mit der Bankangestellten Lucie (Mimsy Farmer) ein.
Immer wieder versuchen seine ehemaligen Kumpels Strabliggi zu einem neuen Coup zu
überreden. Doch dieser läßt sich auf seinem Weg nicht beirren.
Der mißtrauische Inspektor Goitreau (Michel Bouquet) traut dem Frieden jedoch nicht.
Einmal Gauner, immer Gauner ist sein Weltbild. Und wenn das nicht paßt,
dann wird es eben passend gemacht. Nach und nach verliert Goitreau jedes Maß
und bald ist klar: Ein Mann ist zuviel in dieser Stadt.

"Endstation Schafott" ist ein Paradebeispiel des sozialkritischen französischen
Polizeifilms, und zugleich der beste Film der "Alain-Delon-Collection 2".
Während dieser 1973 entstanden ist, stammen die anderen sechs Filme aus
den 1980ern. Dieser Unterschied ist ein himmelgroßer. Jose Giovannis Werk
kommt mit leisem Humor daher und verzichtet auf jeglichen Klamauk wie
er später in Delons Werken üblich war.
Im Mittelpunkt steht doch tatsächlich ein Plädoyer gegen die Todesstrafe in Frankreich.
Diese wurde bis 1977 angewendet und erst 1981 formell abgeschafft.
Aus heutiger Sicht fast unvorstellbar.
Giovannis Film klärt die Frage von Schuld und konzentriert sich ganz alleine
auf die dafür vorgesehene Strafe. Keiner will sie. Letzten Endes auch nicht
der sie fordernde Staatsanwalt und schon gar nicht die Ausführenden.
Aber: Gesetz ist Gesetz, zumindest noch bis vier Jahre nach diesem Film.
8/10
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Re: Endstation Schafott - José Giovanni

Beitragvon italostrikesback » 2. Jul 2017, 12:00

Absolut geniale Nachtatmosphäre! Ein kleines Schätzchen!
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Re: Endstation Schafott - José Giovanni

Beitragvon Tomaso Montanaro » 2. Jul 2017, 14:19

Ich hab den zusammen mit Sergio gesehen und fand ihn auch sehr gelungen. Scheint einer der besten Alain-Delon-Streifen zu sein, aber eher ein Geheimtipp, da ich zuvor noch nie etwas davon gehört hatte (was bei mir aber nix heißen muss).
Ob sich deshalb aber die Anschaffung der Box Nr. 2 lohnt?
Momentan scheint ja hier fast jeder das Ding zu ordern.
Der Fidget Spinner für Delirianer... :mrgreen:
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Re: Endstation Schafott - José Giovanni

Beitragvon Arkadin » 11. Aug 2017, 15:17

Schade, dass der deutsche Titel gleich mal das Ende spoilert, aber gut. Der Originaltitel "Zwei Männer in einer Stadt" gefällt mir sehr viel besser, da er - in Kenntnis des Films - mehrdeutig zu verstehen und interpretieren ist. Jean Gabin ist großartig als alter Sozialhelfer, der sich standhaft weigert den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren. Alain Delon (auch Produzent) die ideale Wahl des ehemaligen Bandenchefs Gino, der mit aller Macht und gegen alle Schicksalschläge und Widrigkeiten um eine neue Chance im Leben kämpft. Die gemächliche Erzählweise lullt einen erst ein, dann zieht sich das Netz immer enger und spätestens mit dem Auftritt von Michel Bouquet als fantatischer Polizeiinspektor, der nach dem Motto "Ein Verbrecher bleibt immer ein Verbrecher" beginnt Gino und dessen Umfeld zu bedrängen, schnürrt es einem immer mehr die Kehle zu, bis man in den finalen Minuten einen solchen Kloß im Hals hat, dass man kaum noch atmen kann. Ein starker Film und ein wirkungsvolles Plädoyer gegen die Todesstrafe.

Kleine Info zur DVD (enthalten in der "Alain Delon Collection 2"). Die Scheibe hat zwar den (klareren) französischen Ton mit an Bord, aber keine Untertitel. Fand ich schade, aber da ich auch die deutschen Kinosynchros der damaligen Zeit mag, konnte ich das noch verkraften (hätte ihn aber trotzdem lieber im O-Ton gesehen). Im Film gibt es aber eine Dialogszene (zwischen Gabin und seiner Familie), die scheinbar in der deutschen Kinofassung nicht enthalten war. Denn diese ist auf französisch EBENFALLS OHNE Untertitel enthalten.
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Re: Endstation Schafott - José Giovanni

Beitragvon sergio petroni » 11. Aug 2017, 15:24

Aha Arkadin! Dann hast Du nun auch die Delon-Collection 2 geöffnet....
...und mit dem ältesten Film angefangen.
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Re: Endstation Schafott - José Giovanni

Beitragvon Arkadin » 11. Aug 2017, 15:26

sergio petroni hat geschrieben:Aha Arkadin! Dann hast Du nun auch die Delon-Collection 2 geöffnet....
...und mit dem ältesten Film angefangen.


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