Miami Golem - Alberto de Martino (1985)

Söldner, Mutanten und Kriegshelden

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Miami Golem - Alberto de Martino (1985)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 9. Aug 2016, 00:37

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Originaltitel: Miami Golem

Produktionsland: Italien/USA 1985

Regie: Alberto de Martino

Darsteller: David Warbeck, John Ireland, Laura Trotter, Giorgio Favretto, Loris Loddi

Für TV-Reporter Craig Milford ist es zunächst ein Auftrag wie jeder andere: In einem Hochsicherheitsforschungszentrum soll er ein Interview mit Dr. Schweiker führen, einem deutschstämmigen Wissenschaftler, der zurzeit mit interessanten Klonexperimenten beschäftigt ist. In einem zur Erde gestürzten Meteoriten nämlich hat er Spuren einer fremdartigen DNA gefunden, die er nun dazu gebracht hat, Bestandteil eines lebensfähigen Organismus zu werden, der nun, nicht mehr als eine Zelle noch, in der Retorte vor sich hinbrütet. Wie gesagt, für Craig ist das mehr Routine als wirklich nervenaufreizende Arbeit, und er hat sowieso mehr Augen für die adrette Dr. Jane Stein als für den greisen Professor, den er insgeheim schon mal als alten Nazi beschimpft. Richtig bunt wird es allerdings sowieso erst, als Craig seine Kamera wieder eingepackt hat und sich auf dem Weg nach Hause befindet: Ein Unbekannter dringt in das Laboratorium ein, beseitigt jeden, der ihm vor die Flinte kommt, und entführt, natürlich, die außerirdische Zelle. Er handelt im Auftrag eines, natürlich, wohlhabenden Geschäftsmanns namenss Anderson, der sich von der extraterrestrischen Lebensform den Clou seines Lebens verspricht. Doch auch Craig weiß als einer der Letzten, die Professor Schweiker lebend gesehen haben, noch zu viel, weswegen er nun ebenfalls aus dem Weg geräumt werden soll. Man bestellt ihn mitten auf ein Feld, angeblich, um ihm dort nähere Informationen zu der mysteriösen Mordserie zuzuspielen, in Wirklichkeit aber, um ihn aus der Luft per Maschinengewehr und Flugzeug zu attackieren. Nicht gerechnet hat man damit, dass Craig nur aussieht und wirkt wie ein zynischer Fernsehreporter, und sich im Extremfall zum wahren Actionhelden mausern kann. Als er mit seinen Gegnern fertig ist, explodiert das Flugzeug hinterm nächsten Hügel, und er beschließt, dieses Attentat nicht ungesühnt zu lassen, sondern nun auf eigene Faust dafür zu sorgen, dass die Verbrecher dingfest gemacht werden und die Alien-Zelle zurück in Hände gerät, die sie nicht für irgendwelche dubiosen Zwecke missbrauchen wollen. Dabei lernt er mit Laura Fitzgerald eine Frau kennen, die mehr über die Herkunft der Zelle zu wissen scheint als es zunächst den Anschein macht. Dabei bekommen er und Dr. Stein es mit Geistwesen aus einer fremden Dimension zu tun, die ihnen Warnungen direkt aus Atlantis schicken, die fragliche Zelle solle so schnell wie möglich vernichtet werden. Da stolpert er über einen UFO-Landeplatz, in Schießereien, Schlägereien und eine ganze Menge cooler Sprüche. Da wächst schließlich die anfangs noch so niedliche Zelle in Gewahrsam ihres Entführers Anderson zu einem bitterbösen Embryo-Alien mit Reißzähnen und telekinetischen Kräften, mit denen es der gesamten Menschheit den Untergang bereiten kann…

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In einem seiner letzten Filme lässt Alberto de Martino es noch einmal richtig krachen. In der von ihm selbst ausgedachten Geschichte, die MIAMI GOLEM zugrunde liegt, wird einmal mehr innerhalb des italienischen Genrekinos so viel eigentlich Disparates zusammengeführt, dass zumindest ich aus dem Staunen nicht herauskomme. Als Basis hält zwar ein Science-Fiction-Plot her, auf den dann aber derart viele Versatzstücke anderer Genre-Kontexte gepfropft werden, dass er spätestens beim Abspann aussieht wie ein Strommastkabel, auf dem die Vögel in zweiter und dritter Reihe Platz genommen haben. Es gibt Verfolgungsjagden per Motorboot durch die Sümpfe Miamis wie in einem zweit- oder drittklassigen US-Actionfilm, es gibt softpornographischen Sex und zwar zwischen einem Erdenmann und einer als Erdenfrau verkleideten Außerirdischen, es gibt mehr als genug Horror, wenn der sogenannte Golem in seinem Reagenzglas mit der Zeit immer bissiger und grimmiger wird, und irgendwann wie ein besonders garstiges Rumpelstilzchen ausschaut und agiert, es gibt einen deutschen Professor voller kühner Ideen, einen skrupellosen Kapitalisten, der gerne Auftragskiller anheuert, um seine Drecksarbeit erledigen zu lassen, im Prinzip unbeschreibliche Geistererscheinungen aus der vierten oder fünften Dimension, und sogar eine Szene, die Martino direkt aus Hitchcocks NORTH BY NORTHWEST kopiert war: In beiden Filmen bekommt es der unschuldig in die Misere hineingeratene Held auf freiem Feld mit einer Gefahr von oben zu tun, einem Flugzeug, aus dem ein Maschinengewehr auf ihn feuert. Für Cary-Grant-Ersatz David Warbeck ist MIAMI GOLEM dabei so etwas wie eine Soloeinlage: In quasi jeder Szene ist der gute Mann präsent, glänzt mit markigen Typen, mit überschüssiger Sexualenergie und einer Coolness, die nichts erschüttert – keine um die Ohren pfeifenden Kugeln, keine Geliebte, die sich als Aliens outen, keine Doppelgänger, die ihm verkünden, er sei von außerirdischen Mächten auserwählt worden, die Erde zu retten.

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In diesem Potpourri an kruden Ideen, die andauernd derart durcheinanderpurzeln, dass ich dem Film liebend gerne seine eher statischen, uninspirierten technischen Aspekte – Montage, Schnitt, Bildästhetik – verzeihe, gehen zwei Punkte leicht unter, die ich jedoch als wesentlich an MIAMI GOLEM erachte: 1. Dieser Film, das zeigt schon allein sein Titel, ist eine ziemlich kluge Fortschreibung des klassischen Mythos von der Lehmfigur, die ein gewisser Rabbi Löw Ende des Mittelalters im Prager Judenghetto geschaffen haben soll, und die den dortigen Bewohnern wie eine Art freundlicher Zombie mit Hünenkräften bei alltäglichen Verrichtungen unter die Arme griff, sie schließlich sogar in der Gunst des Kaisers Sigismund steigen ließ, dann aber Amok lief, das halbe Ghetto in Schutt und Asche legte, und von Löw im letzten Moment aufgehalten wurde, indem er sich selbst der Wut der Kreatur opferte. Während der expressionistische Stummfilmklassiker von Paul Wegener, DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920), diese freilich in vielen Versionen überlieferte Geschichte in historischem Ambiente als halbes Märchen erzählt, ist Alberto de Martinos MIAMI GOLEM eine absolut moderne Interpretation derselben – und zwar so modern, dass man sich manchmal fragt, inwieweit denn die beiden Bestandteile seines Titels, Miami und Golem, nun wirklich integral für die eigentliche Handlung sind: Könnte der Film nicht überall spielen?, und muss das ekelige Monster-Baby unbedingt ein Golem sein? Dennoch findet sich eine überdeutliche Anspielung gerade auf Wegeners Klassiker und den deutschen Stummfilm an sich: Wenn Craig und Jane im Labor von übernatürlichen Visionen heimgesucht werden . sie werden gesendet von den sie vor dem vermeintlichen Golem warnen wollenden Außerirdischen -, dann sind darunter Bilder von sich öffnenden und schließenden Händen oder etwas albernen Monstermasken, die ohne Probleme auch in einem Gruselstreifen der 20er hätten auftauchen können. 2. Wenn es jemals einen Film gegeben hat, dem einer darauf abgeht, dass er ständig auf die technischen Gerätschaften verweist, mittels derer er überhaupt hat entstehen können, dann ist es vorliegender. Warbecks Craig Milford ist nicht nur irgendein TV-Reporter, er ist einer, der seine Kamera überall und immer wie eine Waffe mit sich herumträgt, und wohl sogar mit ihr ins Bett steigt, wenn es notwendig sein sollte. Nicht nur, dass MIAMI GOLEM mit einer Großaufnahme besagter Kamera eröffnet, sie ist wirklich in fast jeder Szene zu sehen, in der auch Warbeck einen Auftritt hat. Er hat sie dabei, wenn ihm sein außerirdischer Doppelgänger gegenübertritt, er schultert sie bei Verfolgungsjagden zu Fuß durch Treppenhäuser und über Parkplätze, sie liegt demonstrativ auf dem Rücksitz seines Wagens, wenn er durch die Gegend rast. Wie anders soll ich diese Fetischisierung eines Bildspeichermediums anders verstehen als dass Alberto de Martino mir sagen möchte: Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass ich gerade einen Film abliefere, und was das für ein Film ist, den ich abliefere, und ich habe meinen Spaß dabei, an jedem einzelnen verrückten Einfall, und damit sich später irgendwelche Filmwissenschaftler die Finger darüber wund schreiben können, baue ich eben einfach eine Meta-Ebene ein, so groß, dass sie einen fast erschlägt. Weshalb MIAMI GOLEM nicht zu den ersten Titeln zu gehören scheint, die den Menschen einfallen, wenn sie über italienische Genre-Bastarde der 80er nachdenken, ist und bleibt mir schleierhaft.
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