Ecce Homo - Bruno Gaburro (1968)

Söldner, Mutanten und Kriegshelden

Moderator: jogiwan

Ecce Homo - Bruno Gaburro (1968)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 20. Jun 2016, 12:10

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Originaltitel: Ecce Homo

Produktionsland: Italien 1968

Regie: Bruno Gaburro

Darsteller: Irene Papas, Philippe Leroy, Gabriele Tinti, Frank Wolff, Marco Stefanelli

Bruno Gaburro dürfte Freunden italienischer Erotikfilme mit Ausschlägen mal in die melodramatische und mal in die softpornographische Richtung für eine ganze Reihe von Werken bekannt sein, die er in den 80ern und frühen 90ern abgedreht hat, und die solche klingenden Titel tragen wie MALOMBRA (1984), MALADONNA (1984) oder PENOMBRA (1987). Ein ziemlich gutgehütetes Geheimnis ist indes, dass der gute Mann als Endzwanziger seinen Einstieg in die Kinobranche mit einem Endzeitdrama namens ECCE HOMO beging, das kammerspielartig und mit teilweise bedrückendem Naturalismus das Schicksal von fünf Überlebenden eines Nuklearkrieges schildert, und nicht nur inhaltlich auf einem ganz anderen Blatt steht als das, womit Gaburro sich in seiner weiteren Laufbahn primär auseinandergesetzt hat.

Jean, seine Frau Anna und sein halbwüchsiger Sohn Patrick leben an einem einsamen Strand. Sie ernähren sich von Fischen, lassen die Tage in dem angestrengten Warten auf irgendetwas Unbestimmtes verstreichen. Ab und zu überkommt Jean die Lust und er hat kurzen, leidenschaftslosen Sex mit Anna. Die Familie ist in einem scharfkantigen Schweigen erstarrt, das von der Stille des Strandes nur noch multipliziert wird. Dessen Menschenleere rührt, wie wir nach und nach erfahren, daher, dass die Menschheit sich mal wieder selbst ausgerottet hat. Ein nicht näher definierter Krieg soll stattgefunden haben, der einen Großteil der Erdoberfläche mittels radioaktiver Strahlung kontaminierte. Vielleicht sind Jean, Anna und Patrick die einzigen Überlebenden dieser Katastrophe. Doch um den verschlossenen, verbitterten Jean scheint es ebenfalls schon schlecht bestellt: seine beiden Hände wurden, nachdem sie mit der Strahlung in Kontakt gekommen sind, so gut wie unbrauchbar, und möglich wird es seinem restlichen Körper bald nicht besser ergehen. Die monotonen Tagesabläufe des Trios finden eine jähe Zäsur, als plötzlich zwei Männer zu ihnen an den Strand finden. Seit über einem Jahr haben Quentin, früher, wie er sagt, so etwas wie ein Bücherwurm, und Len, ein aktiv an besagtem Krieg beteiligter Soldat, nach weiteren Überlebenden gesucht. Als sie vor Anna stehen, die sie zunächst mit einem Gewehr in Schach hält, fällt Quentin vor ihr auf die Knie und betet sie, die erste Frau, die er seit Ewigkeiten sieht, an wie eine Heilige, während Len sich ganz praktischen Erwägungen hingibt: da Anna existiere, sei der Fortbestand der menschlichen Rasse gesichert. Natürlich sieht Jean die Anwesenheit der beiden Männer alles andere als gerne. Ganz offen spricht er seine Meinung aus, dass es ein Verbrechen sei, dafür zu sorgen, dass die Menschheit nicht mit ihnen fünf aussterbe. Wozu solle das führen?, fragt er. Dass eine neue Zivilisation entsteht, die sich dann genauso sinnlos zugrunde richtet wie die letzte, und immer so weiter? Was aber, erwidert Len, werde mit seinem Sohn, Patrick? Wolle er den dazu verurteilen, als letzter Mensch einen einsamen Tod auf einer einsamen Erde zu sterben? Mit dem versteht sich der ehemalige Soldat übrigens prächtig. Patrick akzeptiert Len als eine Art Ersatzvater, bekommt von ihm den Gebrauch von Schusswaffen beigebracht und lässt sich von ihm Anekdoten aus dem letzten Krieg erzählen. Alle Versuche Jeans, Patrick aus dem Einflussbereich Lens herauszuziehen, scheitern genauso wie dass er nicht verhindern kann, dass die sexuell und emotional ausgehungerte Anna beginnt, sich ebenfalls zu Len hingezogen zu fühlen. Es kommt wie es kommen muss, nämlich zu Sex zwischen den beiden in den Dünen, und Jean, körperlich der Unterlegene, bleibt nichts übrig als Quentin zu manipulieren zu versuchen, dem er den Floh ins Ohr setzt: wenn Len und Anna sich verbinden, werden sie beide, Quentin und Jean, die sein, die den Kürzeren ziehen. Doch auch Quentin bleibt, obwohl Jean ihm eine bislang versteckt gehaltene Waffe ausgehändigt hat, untätig, und erneut kommt es wie es kommen muss: Anna sagt sich von Jean los, der will sich das nicht gefallen lassen, attackiert Len und wird von diesem mitleidlos halbtot geprügelt und dann erschossen. Als nächstes ist, wie Jean es vorausgesagt hat, Quentin an der Reihe der Verlierer: Len jagt ihn in die Dünen hinaus, droht ihm, mit ihm genauso wie mit Jean zu verfahren, wenn er es zurückzukehren wage. Die nunmehr neu gruppierte Familie – Len, Anna, Patrick – planen, den Strand zu verlassen. Irgendwo müsse es doch noch weitere Menschen geben, und wie hoch sei die Wahrscheinlichkeit, dass die sich ausgerechnet zu ihnen ans Meer verirrten? Doch sie haben die Rechnung ohne Quentin gemacht, der inzwischen den Verstand verloren hat und sich für einen Propheten hält…

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In vielerlei Hinsicht könnte man Gaburros ECCO HOMO mit dem etwa zeitgleich entstandenen IL SEME DELL’UOMO von Marco Ferreri vergleichen. In beiden Filmen sehen sich die Protagonisten als mutmaßlich Letzten ihrer Art der Frage gegenüber, wie und ob überhaupt sie die menschliche Population in einer post-apokalyptischen Welt wieder nach vorne bringen sollen, in beiden Filmen haben besagte Überlebende ihre Zelte an einem Strand aufgeschlagen, und verwalten dort das Archiv ihrer Erinnerungen und Gebrauchsgegenstände, in beiden Filmen läuft der Konflikt letztlich auf einen sexuellen hinaus: So wie in LE SEME DELL’UOMO zwei Frauen um einen Mann und damit darüber streiten, wer denn nun die neue Eva werden soll, so ist das Drama von ECCE HOMO im Grunde das einer völlig zerbrochenen Ehe, aus der der weibliche Part ausbricht, um in den Armen eines andern Manns ein neues Menschengeschlecht zu begründen zu können. Gleichzeitig zeigt einem IL SEME DELL’UOMO aber auch recht schön, wo genau die spezifischen Qualitäten von Gaburros Film liegen. Während nämlich Ferreri in teilweise ordentlich absurden, nahezu surrealen Bildern und Situationen schwelgt, und sein gesamter Film von einer grotesken Komik und deutlichen Ironie durchzogen ist, wählt Gaburro den Weg eines nüchternen Naturalismus, sprich: staubige bis dreckige Bilder, beinahe wie aus einem schnörkellosen Italowestern, eine einfache, linear erzählte Geschichte, Protagonisten, die das, was sie antreibt, klar vor sich hertragen, und einem nicht das geringste psychologische Rätsel aufgeben, schließlich eine formale Gestaltung, die nie mehr in den Film hineinlegt als das, was seine reinen Bilder uns liefern: Wo Ferreris Endzeitdrama voll ist mit Symbolen und Allegorien, da bleibt ECCE HOMO so realistisch und eindeutig wie möglich. Selbst das einzige wirkliche Geheimnis, das der Film vor mir hat, nämlich die Antwort auf die Frage, wie genau der Untergang der Menschheit nun eigentlich abgelaufen ist – und ein bisschen erinnert er in dieser Verweigerungshaltung, sämtliche Karten offen auf den Tisch zu legen, an ein Werk wie Michael Hanekes LE TEMPS DE LOUP -, ist kein wirkliches Geheimnis: Es ist schlicht für die Handlung ohne wirklichen Belang, wer gegen wen in besagtem Nuklearkrieg gekämpft hat, und was der Auslöser für ihn gewesen sein soll, weshalb Gaburro es auch nicht für nötig befindet, mit Bildern der Zerstörung zu provozieren so wie Ferreri, der uns nicht mal vorenthält, wie der Vatikan mit zugehörigem Papst dem Erdboden gleichgemacht wird.

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Spannend ist an ECCE HOMO für mich eben genau das: Wo es auf der Handlungsebene für die Figuren um alles oder nichts geht – Jean, der zusehen muss wie er Frau und Sohn an einen Fremden verliert, Len, der Anna so bald wie möglich schwängern will, um die Menschheit vor dem Verlöschen zu bewahren, Anna selbst, die es in ihrer lieblosen Ehe nicht mehr aushält, und in Len eine wirkliche Alternative zu Jeans Abgestumpftheit findet -, da bleiben die Bilder, die Kamera selbst in den wenigen aufregenderen Szenen bedächtig ruhig, fast schon emotionslos, und verwenden zugleich viel Zeit darauf, alltäglichste Momente in den Leben unserer Gestrandeten in aller Ausführlichkeit zu zeigen: Anna und Len gehen, um ihre Vereinigung zu feiern, nackt baden. Am Himmel erscheinen Möwen, Vorboten einer neu erwachenden Natur. Quentin führt in seiner unfreiwilligen Isolation Selbstgespräche und errichtet ein kleines Haus aus Steinen, die, wie er sagt, Keimzeile einer neuen Zivilisation: ein neues Athen, ein neues Alexandria, ein neues Rom. Vielsagend ist oft gerade das, was nicht direkt ausgesprochen wird, vor allem die Blicke des fast immer stummen, die Erwachsenen aber permanent beobachtenden Patricks. Höchstens der Score von Ennio Morricone, pendelnd zwischen Science-Fiction-Geräuschen, elektro-akustischen Klängen und klassischem Orchestersoundtrack, prägt sich mancher Szene so sehr auf, dass sie mehr als das transportiert, was in ihrem Bildkader liegt.

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ECCE HOMO ist wundervoller, kleiner, geringbudgetierter existenzialistischer Endzeitfilm, nahezu ausschließlich besitzt mit dem italienischen Genre-Fan vertrauten Gesichtern – ich sage nur: Gabriele Tinti, Philippe Leroy und Frank Wolff -, einer ergreifenden Geschichte, und vielleicht der prädestinierteste Kandidat für ein Doppelprogramm gemeinsam mit Ferreris nicht weniger wundervollem IL SEME DELL’UOMO.
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Re: Ecce Homo - Bruno Gaburro (1968)

Beitragvon karlAbundzu » 20. Jun 2016, 12:42

Super, den kenne ich noch gar nicht, kommt mal gleich auf die to-see-Liste!
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Ecce Homo - Bruno Gaburro (1968)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 21. Jun 2016, 00:19

karlAbundzu hat geschrieben:Super, den kenne ich noch gar nicht, kommt mal gleich auf die to-see-Liste!


Wie Du schon festgestellt hast, ist der bislang (noch?) nicht offiziell als DVD erhältlich.
Ich könnte aber mit einer digitalisierten VHS Abhilfe schaffen... ;-)
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