Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo (1971)

Action, Crime, harte Cops, Gangster & Mafia

Moderator: jogiwan

Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon buxtebrawler » 26. Mär 2012, 22:45

Ich hab mal alles, was mehr mit der Bizarre-Cinema-Vorführung als mit dem Film selbst zu tun hat, in das Bizarre-Cinema-Thema verschoben. ;)
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon DrDjangoMD » 21. Mai 2012, 09:26

Kurzbemerkung nach Sichtung:

Keine Diskussionen: HÖCHSTNOTE! Wofür soll man da bitte was abziehen? Für das wendungsreiche Drehbuch? Für die spannungsgeladene Inszenierung? Für einen coolen Hauptcharakter? Für einen noch viel cooleren Philippe Leroy? Für einen grenzgenialen irrsinnigen Mario Adorf (letzte Szene: Bester Wutausbruch der Filmgeschichte :nick: )? Für Barbara Bouchets Bauchtanz? Für Frank Wolff als Commissario Dirty Harry? Für Luigi Pistilli als Commissario Karl Marx? Für das emotionsgeladene stimmige Geigenthema, welches ich sofort nach Beendigung der Sichtung auf Youtube gesucht habe? 10/10
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Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon DrDjangoMD » 5. Jun 2012, 10:27

Handlung:
Nach dem er drei Jahre gesiebte Luft zu atmen bekam, kommt Ugo Piazza (Gastone Moschin) endlich wieder auf freien Fuß, doch seine Probleme enden nicht: Commissario Dirty Harry (Frank Wolff) ist mit seiner Freilassung gar nicht glücklich und würde Ugo am Liebsten entweder wieder in seinem Gewahrsam oder noch besser Tod sehen. Außerdem ist die Gangsterorganisation um den Amerikaner (Lionel Stander) nicht sonderlich gut auf Ugo zu sprechen, da sie davon überzeugt sind, er hätte ihnen 300.000 Dollar unterschlagen. Wie es aussieht kann sich Ugo nur auf seine Geliebte Nelli (Barbara Bouchet) und seinen Freund Chino (Philippe Leroy) verlassen, doch sind diese beiden ihm wirklich wohl gesonnen?…

Kritik:
Spielfilme sind Gesamtkunstwerke, es sind ganze Haufen von Künstlern an ihrem Entstehen beteiligt und es gibt daher auf diverse Aspekte, welche gute Spielfilme auszeichnen wie Spannung, Romantik, Humor, Action, Aussagen und interessante Charaktere. Ein guter Spielfilm hat all das, allerdings muss er sich entscheiden, welchen dieser Aspekte er besonders in den Vordergrund rückt, denn wenn er alle gleichwertig behandeln würde, würde ein ziemlich unstimmiges Chaos dabei rauskommen. „Die Viper“ beispielsweise, um bei den Poliziescos zu bleiben, legt ihr Hauptaugenmerk auf die Action, „Das Syndikat“ im Gegensatz dazu unterstreicht lieber die Aussagen, die es vermittelt.
Wenn ich nun also behaupte, dass „Milano Kaliber 9“ besonders durch seine Charaktere hervorsticht, so heißt dies auf keinen Fall, dass die anderen lobenswerten Eigenschaften nicht vorhanden sind. Action und Spannung sind zur genüge Vorhanden, Mario Adorf sorgt für Humor und Barbara Bouchet für Romantik und Aussagen gibt es auch ein paar (oh, Commissario Karl Marx, wo wären wir nur ohne dich; deine Dialoge waren für die Handlung so wichtig, dass der Übersetzer es nicht mal gewagt hat sie ins Deutsche zu übertragen ;) ).
Allerdings sind es die Charaktere, die den Film nicht nur zu einem Vergnügen sondergleichen, sondern zu einem einmaligen Vergnügen sondergleichen machen. Das Drehbuch entwickelte wunderbare Figuren-Konzepte (selbstverständlich, denn es wurde von dem Fernando Di Leo verfasst, der uns als einer der Co-Autoren von „Django“ von seinem Können überzeugte), die Darsteller, allesamt aus der ersten Liga italienischer Genre-Stars entnommen, füllen diese Hüllen mit Leben und perfektionieren sie und die Regie, ebenfalls Di Leo, sorgt zusätzlich dafür, dass die Personen auch im Kontext des ganzen Filmes ihre genialen Rollen beibehalten. Die Zusammenarbeit all dieser fantastischen Künstler bescherte uns einige unvergessliche Figuren, die ich besonders aus zwei Gründen so schätze:
1) Fast alle Personen sind über eine Schwarzweißmalerei erhaben: Nehmen wir beispielsweise Mario Adorfs Rocco: Noch vor dem Vorspann prügelt er eine Frau grün und blau, schlitzt einem Mann mittels Rasierklinge die Wangen auf und sprengt seine gefesselten wehrlosen Opfer dann auch noch in die Luft und hat sichtlich Freude daran…was für ein Teufel…aber seine Figur ist trotzdem so unfassbar liebenswert! Aufbrausend und naiv zeigt sich der kleine Gangster, der von Adorf mit so einer grenzenlosen Hingabe verkörpert wird, dass man ihn einfach gern haben muss, egal wie dunkel sein Charakter auch ist. Am Ende wird er dann noch richtig sympathisch und legt den Höhepunkt seiner Darstellung ab (Stichwort: „Il capello te devi levare!“).
Ähnliches können wir bei den anderen Figuren erkennen: Ugo Piazza wirkt zwar wie ein bedachter sympathischer Mensch, stellt sich aber gegen Ende als ziemlich kaltherziger Bastard heraus; dasselbe gilt für Nelli; Chino wirkt von grund auf gut, solange bis wir herausfinden, dass er mit Auftragsmorden sein Geld verdient; sein blindes armes Väterchen war mal Mafia-Pate; Commissario Dirty Harry ist zwar Polizist benimmt sich aber rüpelhaft und wünscht dem ach so lieben Ugo den Tod; und Commissario Karl Marx…ähh…er tat mal mit dem zwielichtigen Kopfgeldjäger Loco in einer kleinen verschneiten Westernstadt dubiose Geschäfte. :palm:
2) Die Personen lügen: Wir haben es hier mit knallharten Gangstern zu tun und Ehrlichkeit gehört nicht wirklich zu deren Tugenden. Die Figuren neigen dazu sich zu verstellen, was darin resultiert, dass wir bei keinen wissen, was ihre genauen Absichten sind, wem sie freundschaftlich und wem feindschaftlich gesinnt sind, und wie ihre genaue Rolle in der verworrenen Geschichte aussehen wird. Wir können bei nichts sicher sein, es wird uns nichts eindeutig und glaubhaft gesagt, so dass wir es selbst herausfinden müssen und das macht die ganze Sache äußerst spannend zu verfolgen. Die Beziehungen unserer Protagonisten sind so verworren, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn sich Commissario Karl Marx plötzlich als Sohn des Amerikaners herausgestellt hätte, Nelli die Schwester von Rocco wäre oder Commissario Dirty Harry eine homosexuelle Beziehung zu Chinos Vater gehabt hätte :? …alles ist möglich, nichts ist sicher und dies sorgt für atemberaubenden Nervenkitzel.
Dass der Film auch alle anderen Aspekte eines richtig guten Filmes erfüllt wurde schon erwähnt, zudem inszeniert Fernando Di Leo die verworrene Geschichte meisterhaft, hält die Figuren schön im Vordergrund und achtet darauf keine Wendung überdeutlich zu machen und Luis Enriques Bacalov wartete zudem mit einem wunderschönen aber gleichsam spannungsgeladenen Geigenthema auf, welches den Film perfekt untermalt.
Fazit: In kürzester Zeit habe ich diesen Film dreimal gesehen und liebe ihn immer noch: Man kann einen Film mit so tollen Charakteren nicht einfach hinterrücks bewerten, wenn man so einen Film bewertet, dann muss man den Hut vor ihm ziehen, man muss den Hut vor ihm ziehen, man muss den Hut vor ihm ziehen!!! 10/10
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Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon dr. freudstein » 14. Sep 2013, 02:12

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Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon Theoretiker » 14. Sep 2013, 07:46

Neben den actionlastigen Poliziescos gibt es auch viele, die auf eine ausgefeilte Story wert legen. Poliziescos mit kritischen Untertönen findet man genauso, wie diejenigen, mit offener reaktionärer Aussage, die aber nicht minder unterhaltend sind, da man heutzutage ja durchaus eine kritische Distanz dazu hat.

Milano Kaliber 9 verbindet imho die Stärken dieses Genres perfekt, er kann eine wendungsreiche, spannende Story vorweisen, die Action kommt nicht zu kurz und die darstellerischen Leistungen sind toll. Was Gastone Moschin als Ugo Piazza ablieferte, sucht seinesgleichen, er muss sich mit seiner Leistung wahrlich nicht hinter Mario Adorf verstecken. Er verkörpert wohl DEN Vorzeigekriminellen, dessen Charakter aber nicht eindimensional, sondern ambivalent gestaltet wurde.

Milano Kaliber 9 ist spannendes Thrillerkino made in Italia und muss sich nicht hinter den bekannten Werken Hollywoods verstecken.

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Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon ugo-piazza » 14. Sep 2013, 15:58

Theoretiker hat geschrieben:Neben den actionlastigen Poliziescos gibt es auch viele, die auf eine ausgefeilte Story wert legen. Poliziescos mit kritischen Untertönen findet man genauso, wie diejenigen, mit offener reaktionärer Aussage, die aber nicht minder unterhaltend sind, da man heutzutage ja durchaus eine kritische Distanz dazu hat.

Milano Kaliber 9 verbindet imho die Stärken dieses Genres perfekt, er kann eine wendungsreiche, spannende Story vorweisen, die Action kommt nicht zu kurz und die darstellerischen Leistungen sind toll. Was Gastone Moschin als Ugo Piazza ablieferte, sucht seinesgleichen, er muss sich mit seiner Leistung wahrlich nicht hinter Mario Adorf verstecken. Er verkörpert wohl DEN Vorzeigekriminellen, dessen Charakter aber nicht eindimensional, sondern ambivalent gestaltet wurde.

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Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon buxtebrawler » 19. Sep 2013, 11:12

Von wem ist das großartige Titelthema? Luis Bacalov oder Osanna?
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon Vinz Clortho » 19. Sep 2013, 14:30

buxtebrawler hat geschrieben:Von wem ist das großartige Titelthema? Luis Bacalov oder Osanna?

Du kommst ja wieder mit Sachen an. Knifflig, knifflig, mein Lieber! Wer soll das denn bitteschön rauskriegen? ;) Also, wenn ich richtig informiert bin, ist Bacalov der Komponist, Osanna haben den Score eingespielt. Der Mann mit dem Hallervorden-Avatar dürfte es vermutlich ganz genau wissen ...
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Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon buxtebrawler » 19. Sep 2013, 14:35

Vinz Clortho hat geschrieben:Du kommst ja wieder mit Sachen an. Knifflig, knifflig, mein Lieber! Wer soll das denn bitteschön rauskriegen? ;) Also, wenn ich richtig informiert bin, ist Bacalov der Komponist, Osanna haben den Score eingespielt. Der Mann mit dem Hallervorden-Avatar dürfte es vermutlich ganz genau wissen ...


Das ergibt Sinn, danke! ;)
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Milano Kaliber 9 - Fernando Di Leo

Beitragvon Adalmar » 19. Sep 2013, 14:56

Bacalov hat hierzu noch ein kleines Orchester beigesteuert. Richtig begeistern konnte mich hier immer nur das Preludio, das Tema con variazioni hat mich bislang nicht so gepackt.

Allen, denen die Filmmusik gefällt, kann ich auch "Concerto grosso per i New Trolls" von Bacalov und ebendieser Band (New Trolls) empfehlen (diente als Filmmusik zu "La vittima designata" von Maurizio Lucidi mit Tomas Milian und Pierre Clementi).
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