Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Action, Crime, harte Cops, Gangster & Mafia

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Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon Blap » 21. Feb 2010, 00:57

Street Law (Italien 1974, Originaltitel: Il cittadino si ribella)

Carlo Antonelli (Franco Nero) hat gerade eine grössere Summe Geld auf den Tresen einer Postfiliale gelegt. In diesem Moment stürmen schwer bewaffnete Burschen den Laden, rauben ihn aus, sacken natürlich auch Carlos Knete ein... ...und nehmen Carlo zu allem Überfluss auch noch als Geisel. Auf der Flucht per Auto wird der Entführte übelst verprügelt, er hatte versucht sich während des Überfalls gegen die Verbrecher aufzulehnen, er wollte sein sauer verdientes Geld flugs wieder einstecken. Die Gauner wechseln schliesslich den Fluchtwagen und können entkommen, Carlo bleibt geprügelt und erniedrigt zurück. Für die Polizei ist es nur einer von unzähligen Fällen, man erklärt dem Ingenieur, er solle froh darüber sein den Vorfall überlebt zu haben. Die Gleichgültigkeit der Gesetzeshüter macht Carlo noch zorniger als er ohnehin schom ist, er stellt auf eigene Faust Nachforschungen an. Über den kleinen Ganoven Tommy (Giancarlo Prete), gelangt der selbsternannte "Privatermittler" tatsächlich auf die Spur seiner Entführer, die Polizei lässt den entscheidenden Hinweis aber sang- und klanglos im Sande verlaufen. Nun verliert Carlo mehr und mehr die Fassung, er will sich um keinen Preis damit abfinden, dass die Schwerverbrecher ohne eine gerechte Strafe davonkommen. Selbst seine Lebensgefährtin Barbara (Barbara Bach), kann ihn nicht von seinen Plänen abbringen. Als die Ganoven Wind von Carlos Umtrieben bekommen, wollen sie dem Treiben ein gewaltsames Ende setzen...

Enzo G. Castellari und Franco Nero, ein traumhaftes Paar! 1973 inszenierte Castellari den Klassiker "Tote Zeugen singen nicht" (La polizia incrimina la legge assolve), ebenfalls mit Franco Nero in der Hauptrolle. Nach dem Erfolg des Films, drängten sich eine weitere Zusammenarbeiten natürlich geradezu auf, ergo folgte "Street Law" -in Deutschland unter dem Titel "Ein Mann schlägt zurück" veröffentlicht- bereits im Jahr 1974. Gleich zu Beginn wird dem Zuschauer ganz klar vor Augen geführt, dass das Verbrechen die Überhand gewonnen hat und kein Bürger -egal welcher sozialen Schicht er angehört- vor dem alltäglichen Terror sicher ist. Überfälle, Entführungen und Mord, der Film reiht einige Szenen quasi als Intro aneinander. Diese kurzen Schilderungen sind recht rustikal ausgeführt, doch man sollte sich davon nicht auf eine falsche Fährte locken lassen. Zwar geht es auch dem "Helden" zunächst übel an den Kragen, aber im weiteren Verlauf des Werkes treten Actionsequenzen nur noch sporadisch auf. Im Mittelteil muss der gute Franco erneut massive Prügel einstecken, im Finale entlädt sich der aufgestaute Zorn und Hass beider Seiten, in einer bleihaltigen Orgie des Todes. Selbstverständlich fehlt es auch nicht an einer wüsten Verfolgungsjagd, bei der wieder diverse Alfa Giulia ihr Leben lassen müssen. Franco Nero spielt erwartungsgemäß großartig auf, sein "Helferlein" Giancarlo Prete hat daher keinen leichten Stand. Prete neigt allerdings generell ein wenig zur "stilvollen Unscheinbarkeit", Castellari setzte ihn in weiteren Werken ein, z.B. 1982 in dem herrlichen Endzeit-Kracher "I nuovi barbari" (Metropolis 2000). Renzo Palmer als angenervter Kriminalbeamter zu sehen, bei den Gangstern tut sich der kantige Romano Puppo hervor, dessen fieser Präsenz man sich kaum zu entziehen vermag. Die knuffige Barbara Bach liefert ein wenig angenehme Entspannung für die Augenmuskulatur, ihre Rolle ist allerdings nicht so angelegt, dass sie wirklich entscheidende Momente zum Film beitragen könnte. Castellari lässt es sich nicht nehmen kurz selbst vor der Kamera aufzutauchen, er darf einen hilfesuchenden Gauner krude abblitzen lassen, Chef bleibt eben Chef.

Ohne Zweifel gehört dieser Beitrag zu den Standards des italienischen Polizei-/Gangsterfilms. Wer das Genre mag wird hier mit ziemlicher Sicherheit gut unterhalten, Namen wie Castellari und Nero bürgen für ausgezeichnete Qualität. Die Kamera fängt das Geschehen sehr stilvoll ein, die Kulissen sind mit Sorgfalt und Gespür ausgewählt. Der De Angelis Score sorgt für eine gelungene musikalische Untermalung, der Film gibt sich in keiner Disziplin eine Blöße. Eine deutsche DVD Veröffentlichung sucht man leider vergebens, einmal mehr sorgt das amerikanische Label Blue Underground für Abhilfe. Die Scheibe bietet den Film in schöner Qualität an, eine interessante Featurette lässt Enzo G. Castellari und Franco Nero zu Wort kommen, es ist eine Freunde den Ausführungen der Herren lauschen zu dürfen.

Es ist kein Geheimnis, das italiensche Genrekino ist eine meiner grössten Lieben. Auch "Street Law" begeisterte mich von der ersten bis zur letzten Sekunde. Ich ziehe an dieser Stelle dicke 8/10 (sehr gut) und spreche eine klare Empfehlung aus!

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Re: Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon Nello Pazzafini » 27. Mai 2010, 23:08

Blap hat geschrieben:Street Law (Italien 1974, Originaltitel: Il cittadino si ribella)

Carlo Antonelli (Franco Nero) hat gerade eine grössere Summe Geld auf den Tresen einer Postfiliale gelegt. In diesem Moment stürmen schwer bewaffnete Burschen den Laden, rauben ihn aus, sacken natürlich auch Carlos Knete ein... ...und nehmen Carlo zu allem Überfluss auch noch als Geisel. Auf der Flucht per Auto wird der Entführte übelst verprügelt, er hatte versucht sich während des Überfalls gegen die Verbrecher aufzulehnen, er wollte sein sauer verdientes Geld flugs wieder einstecken. Die Gauner wechseln schliesslich den Fluchtwagen und können entkommen, Carlo bleibt geprügelt und erniedrigt zurück. Für die Polizei ist es nur einer von unzähligen Fällen, man erklärt dem Ingenieur, er solle froh darüber sein den Vorfall überlebt zu haben. Die Gleichgültigkeit der Gesetzeshüter macht Carlo noch zorniger als er ohnehin schom ist, er stellt auf eigene Faust Nachforschungen an. Über den kleinen Ganoven Tommy (Giancarlo Prete), gelangt der selbsternannte "Privatermittler" tatsächlich auf die Spur seiner Entführer, die Polizei lässt den entscheidenden Hinweis aber sang- und klanglos im Sande verlaufen. Nun verliert Carlo mehr und mehr die Fassung, er will sich um keinen Preis damit abfinden, dass die Schwerverbrecher ohne eine gerechte Strafe davonkommen. Selbst seine Lebensgefährtin Barbara (Barbara Bach), kann ihn nicht von seinen Plänen abbringen. Als die Ganoven Wind von Carlos Umtrieben bekommen, wollen sie dem Treiben ein gewaltsames Ende setzen...

Enzo G. Castellari und Franco Nero, ein traumhaftes Paar! 1973 inszenierte Castellari den Klassiker "Tote Zeugen singen nicht" (La polizia incrimina la legge assolve), ebenfalls mit Franco Nero in der Hauptrolle. Nach dem Erfolg des Films, drängten sich eine weitere Zusammenarbeiten natürlich geradezu auf, ergo folgte "Street Law" -in Deutschland unter dem Titel "Ein Mann schlägt zurück" veröffentlicht- bereits im Jahr 1974. Gleich zu Beginn wird dem Zuschauer ganz klar vor Augen geführt, dass das Verbrechen die Überhand gewonnen hat und kein Bürger -egal welcher sozialen Schicht er angehört- vor dem alltäglichen Terror sicher ist. Überfälle, Entführungen und Mord, der Film reiht einige Szenen quasi als Intro aneinander. Diese kurzen Schilderungen sind recht rustikal ausgeführt, doch man sollte sich davon nicht auf eine falsche Fährte locken lassen. Zwar geht es auch dem "Helden" zunächst übel an den Kragen, aber im weiteren Verlauf des Werkes treten Actionsequenzen nur noch sporadisch auf. Im Mittelteil muss der gute Franco erneut massive Prügel einstecken, im Finale entlädt sich der aufgestaute Zorn und Hass beider Seiten, in einer bleihaltigen Orgie des Todes. Selbstverständlich fehlt es auch nicht an einer wüsten Verfolgungsjagd, bei der wieder diverse Alfa Giulia ihr Leben lassen müssen. Franco Nero spielt erwartungsgemäß großartig auf, sein "Helferlein" Giancarlo Prete hat daher keinen leichten Stand. Prete neigt allerdings generell ein wenig zur "stilvollen Unscheinbarkeit", Castellari setzte ihn in weiteren Werken ein, z.B. 1982 in dem herrlichen Endzeit-Kracher "I nuovi barbari" (Metropolis 2000). Renzo Palmer als angenervter Kriminalbeamter zu sehen, bei den Gangstern tut sich der kantige Romano Puppo hervor, dessen fieser Präsenz man sich kaum zu entziehen vermag. Die knuffige Barbara Bach liefert ein wenig angenehme Entspannung für die Augenmuskulatur, ihre Rolle ist allerdings nicht so angelegt, dass sie wirklich entscheidende Momente zum Film beitragen könnte. Castellari lässt es sich nicht nehmen kurz selbst vor der Kamera aufzutauchen, er darf einen hilfesuchenden Gauner krude abblitzen lassen, Chef bleibt eben Chef.

Ohne Zweifel gehört dieser Beitrag zu den Standards des italienischen Polizei-/Gangsterfilms. Wer das Genre mag wird hier mit ziemlicher Sicherheit gut unterhalten, Namen wie Castellari und Nero bürgen für ausgezeichnete Qualität. Die Kamera fängt das Geschehen sehr stilvoll ein, die Kulissen sind mit Sorgfalt und Gespür ausgewählt. Der De Angelis Score sorgt für eine gelungene musikalische Untermalung, der Film gibt sich in keiner Disziplin eine Blöße. Eine deutsche DVD Veröffentlichung sucht man leider vergebens, einmal mehr sorgt das amerikanische Label Blue Underground für Abhilfe. Die Scheibe bietet den Film in schöner Qualität an, eine interessante Featurette lässt Enzo G. Castellari und Franco Nero zu Wort kommen, es ist eine Freunde den Ausführungen der Herren lauschen zu dürfen.

Es ist kein Geheimnis, das italiensche Genrekino ist eine meiner grössten Lieben. Auch "Street Law" begeisterte mich von der ersten bis zur letzten Sekunde. Ich ziehe an dieser Stelle dicke 8/10 (sehr gut) und spreche eine klare Empfehlung aus!

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Top Top Top - so muss das sein - Selbstjustizreisser der Sonderklasse - die alte deutsche VHS war ja deutlich geschnitten aber die Blue Underground ist uncut! Allein die ersten 15 min. in dem film, da gehts rund, dafür brauchen andere regisseure 3 filme dafür, Hammer, unbedingt ansehen!!!!! Gehört für mich zu Castellaris besten!

hier das VHS tape

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Re: Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon chakunah_2072 » 2. Jul 2010, 16:54

Der Kassetten fehlen wohl eher fast 25 Minuten gegenüber der BU-DVD; hat jemand zufällig eine Ahnung ob der Film im Kino länger war, es scheint mir fast so? Das Tape wirkte auf mich ziemlich stümperhaft gekürtzt; die gesamte Vertiefung der Beziehung zwischen Nero und Prete fehlt. Die Synchro ist eigentlich ziemlich gelungen, wobei der eng. Ton mir in diesem Fall auch sehr zusagt.
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Re: Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon Onkel Joe » 2. Jul 2010, 17:02

chakunah_2072 hat geschrieben:Der Kassetten fehlen wohl eher fast 25 Minuten gegenüber der BU-DVD; hat jemand zufällig eine Ahnung ob der Film im Kino länger war, es scheint mir fast so?


Lief im Kino schon gekürzt, leider :( .Ist ein richtig guter Streifen leider war dem Verleih die Handlung(wie damals so oft)zuviel und es wurde massive gekürzt.Die deutsche Synchro ist anständig aber diese Handlungstraffung(eigenartige Schnitte) erkennt man bei genauem hinschauen, da gebe ich dir vollkommen recht.
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Re: Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon Ringo aka Angelface » 31. Jul 2010, 18:04

Kenne nur die alte TV Version (VOX?), welche massiv gekürzt ist und der Film rockt trotzdem gewaltig.
Deutsche Synchro ist typisch 70er und sehr gelungen. Schade, daß soviel fehlt......
Ein absolutes Highlight des Genres - must see!!!!
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Re: Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon Nello Pazzafini » 10. Sep 2010, 22:06

hier noch schnell das deutsche Plakat und das italienische, si si :D

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Re: Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon sergio petroni » 2. Feb 2014, 17:41

"People get the government they deserve!"

Enzo G. Castellaris Selbstjustizreißer mit Franco Nero (als Carlo Antonelli) in der Hauptrolle
erblickte ca. ein halbes Jahr nach Death Wish das Licht der Leinwand. Wie so oft, wenn
Italiener die Finger im Spiel haben, muß ein Rip-Off nicht minderwertig sein.
Speziell in der ersten Viertelstunde läßt es Castellari krachen. Ein sehr intensiv
gefilmter Überfall auf ein Postbüro wird gefolgt von einer rasanten Verfolgungsjagd.

Daß es nicht in dem gleichen Tempo weitergehen kann ist klar. So sind es dann
auch Neros solides Schauspiel und der treibende Soundtrack der De-Angelis-Brüder
die den Film tragen. Carlos immer tiefere Besessenheit und zunehmende Radikalisierung
wird von Nero glaubhaft rübergebracht. Oftmals vermeint man eine Funken Wahnsinn
aus seinen Augen blitzen zu sehen. Das Ganze führt ohne große Irrungen und Wirrungen
immer eine Eskalationsstufe höher erklimmend zum unausweichlichen Finale.
Barbara Bach als Antonellis Frau kommt über die Rolle als Stichwortgeberin für Ihren
Mann nicht hinaus. Auch die Wandlung des Kleinganoven Tommy (Giancarlo Prete)
zum überzeugten Helfer Carlos ist nicht ganz schlüssig. Was soll's. Insgesamt ein gelunger
Reißer.
7/10

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Als mir gegen Ende des Films dieses schöne Bild des im Trockendock befindlichen Kreuzfahrtschiffes
"Achille Lauro" in's Auge fiel, mußte ich als alter Schiffahrtsfan an die bewegte
Vergangenheit des Ozeankreuzers denken. Die Entführung des Schiffes durch extremistische Palästinenser
im Jahre 1985 verlief recht dramatisch und hatte einige Irrungen und Wirrungen in der
Weltpolitik zufolge.
Im Jahre 1994 führte ein Brand im Maschinenraum zu einer Explosion und dem Untergang
der "Achille Lauro", und zwar auf den Tag genau 47 Jahre nach ihrer Indienststellung.
Zuletzt geändert von sergio petroni am 3. Feb 2014, 14:44, insgesamt 1-mal geändert.
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Re: Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon dr. freudstein » 2. Feb 2014, 18:18

hui, mystisch mit dem Dampfer :o

den Film kenne ich noch nicht, setze ich hiermit auf meine Suchliste :winke:
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Re: Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon Captain Blitz » 3. Feb 2014, 09:21

Den darf Filmart gerne bringen. :D
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Re: Ein Mann schlägt zurück - Enzo G. Castellari

Beitragvon buxtebrawler » 1. Apr 2014, 17:59

„Wo bleibt denn die scheiß Polizei?!“

Nach der erfolgreichen ersten Zusammenarbeit des italienischen Regisseurs Enzo G. Castellari mit Franco Nero („Django“), der die Hauptrolle in „Tote Zeugen singen nicht“ bekleidete, folge ein Jahr später (1974) eine weitere Kollaboration für den Poliziesco „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ alias „Ein Mann schlägt zurück“. Strenggenommen handelt es sich jedoch vielmehr um einen Selbstjustiz-Thriller aus Sicht eines „einfachen Bürgers“ denn um einen Polizeifilm, offenkundig beeinflusst von Michael Winners „Ein Mann sieht rot“.

Carlo Antonelli (Franco Nero) bringt sein redlich verdientes zur Post und hat es gerade auf den Tresen gelegt, als die Filiale von drei bewaffneten Verbrechern (Romano Puppo, „Fireflash – Der Tag nach dem Ende“, Massimo Vanni, „The Riffs – Die Gewalt sind wir“, Nazzareno Zamperla, „Hügel der blutigen Stiefel“) überfallen wird. Sie rauben den Laden aus und als Carlo sein Geld schnell wieder einstecken möchte, wird er nicht nur bedroht, sondern auch noch als Geisel auserkoren und auf der Flucht brutal zusammengeschlagen. Die Verbrecher entkommen, Carlo wird auf die Straße geworfen. Doch was Carlo wirklich empört, ist die Reaktion der Polizei, für die Fälle wie dieser Alltag zu sein scheinen und die Carlos Schicksal keine größere Bedeutung beimessen. Carlo fühlt sich nicht ernstgenommen; voller Wut versucht er selbst, das Trio ausfindig zu machen. Tatsächlich gelingt es Carlo, auf die Spur seiner Entführer zu kommen, doch die Polizei bleibt passiv. Entgegen der Appelle seiner Freundin Barbara (Barbara Bach, „Malastrana“) nimmt er das Gesetz selbst in die Hand…

„Gesetze sind wie Spinnweben: Sie fangen die kleinen Fliegen, aber die dicken Brummer reißen Löcher hinein!“

Anhand einer Abfolge brutaler Verbrechen und Morde skizziert Castellari zu Beginn das allgemeine gesellschaftliche Klima, in dem das Unrecht grassiert und zunehmend den Alltag bestimmt. Eine gesungene Hippie-Rock-Melodie macht mit dem Soundtrack der De-Angelis-Brüder vertraut, der sich abwechslungsreich durch den Film zieht. Auf Carlos beschriebene unfreiwillige Verwicklung in den Überfall der Postfiliale folgt eine gewohnt rasante Verfolgungsjagd per Kfz inkl. einiger Stunts. Der unbescholtene, bislang wenig auffällige Ingenieur Carlo reagiert empört, als die Polizei ihm ankreidet, sich gewehrt zu haben. Dies erschüttert Carlos Glaube an Recht und Gesetz derart, dass er ob der erfahrenen Ungerechtigkeiten, vor allem durch die Reaktion der Polizei, vollkommen aufgewühlt ist und die Welt nicht mehr versteht. Sein zuvor anscheinend leicht naives Vertrauen in die Justiz ist zerstört und aus dem braven, angepassten Bürger wird das genaue Gegenteil: Seiner Frau gegenüber rutscht ihm die Hand aus und wie besessen gilt sein Hauptaugenmerk fortan der Suche nach den Verbrechern – woran sich auch nichts ändert, als er zunächst auf Granit beißt und auch noch sein Auto demoliert wird. Schließlich greift er selbst zu unlauteren Methoden und erpresst den Kleinkriminellen Tommy (Giancarlo Prete, „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“), um u.a. an Waffen zu gelangen.

Die Entmenschlichung der Gangster durchbricht der Film, als er Tommy von dessen Sozialisation erzählen und zarte Freundschaftsbande zu Carlo knüpfen lässt. Mit Tommys Hilfe gelingt es Carlo tatsächlich, an die Gangster heranzukommen und er lässt sich von ihm zu deren Versteck fahren. Dort jedoch erwarten ihn abermals böse Prügel und Erniedrigung. Castellari lässt einen wilden Rocksong ertönen, für den der normale Filmton mitsamt Sprache und Geräuschen gänzlich verstummt. Spätestens hier beweist der zugegebenermaßen diesmal leicht zum Overacting neigende Franco Nero seine schauspielerische Klasse, Entsetzen und Verängstigung stehen ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Die Action-Schraube wird nach dem harten Einstieg wieder deutlich angezogen, Castellari arbeitet mit dramatischen Zeitlupen, Nero mit einer Schaufel und die Make-up-Abteilung mit viel Geschick, wenn sie den Hauptdarsteller völlig fertig, mehr tot als lebendig aussehen lässt. Schon längst ist „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ kein „Ein Mann sieht rot“-Plagiat mehr, wenn es denn je eines war.

Carlos Wohnung wird in Brand gesetzt und damit eine Brücke zum Prolog geschlagen. Durch Druck auf die Polizei beginnt diese, Aktionismus zu betreiben – eine perfide Taktik. Eine Entführung wird fingiert, die Unterwelt reagiert zunehmend entnervt auf den Vigilanten. Das erwartet actionreiche Finale hat einen tragischen Ausgang. Am Ende bleibt fraglich, ob Carlo nun die Verbrecher mit ihren eigenen Waffen geschlagen hat, ob er seine Unschuld verloren und selbst Leid verursacht oder die Gesellschaft von wenigstens ein paar kriminellen Elementen befreit hat, ob er den Tod eines Freundes zu verantworten hat, ob er sich selbst in Lebensgefahr begeben und letztlich nur Glück gehabt hat und ob er Vorbildfunktion einnehmen sollte oder vielleicht doch besser nicht. Die Polizei ist sich sicher und erpresst ihrerseits Carlo im Epilog. Der Zuschauer ist angehalten, gern noch ein wenig über das Gesehene nachzudenken, denn Carlos Charakter wurde offenbar bewusst ambivalent gezeichnet und macht ihn nicht zum strahlenden Helden der Selbstjustiz. Stattdessen zeigt „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ das fragile Verhältnis zwischen Bürgern und Rechtsstaat und mögliche Folgen, beginnend mit emotional verstörendem Vertrauensverlust und mündend in Mord und Totschlag. Vermeintlich einfache Lösungen sowie jeglichen reaktionären Ansatz behält der Film für sich und ist nicht nur deshalb in keiner Weise als glorifizierend zu betrachtend. Zu einem beträchtlichen Anteil kann „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ durchaus auch als Psychogramm eines naiv an die für Gerechtigkeit sorgende Obrigkeit glaubenden Mannes betrachtet werden, der letztlich ebenso viel kriminelle Energie in sich birgt wie diejenigen, vor denen er beschützt werden möchte. Ferner zeigt Castellari, wie schnell man selbst zum Kriminellen werden kann.

Verglichen mit dem eher schroff inszenierten Vorgänger „Tote Zeugen singen nicht“ wirkt „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ visuell edler und wartet mit einigen echten Kamera-Kunstgriffen auf. Der Soundtrack erlangt mit der lässigen Soul-Nummer „Driving All Around“ seinen Höhepunkt und passt prima zum facettenreichen Geschehen auf der Leinwand. Trotz Castellari auf dem Regiestuhl setzt der Film nicht übertrieben auf Action, sondern reichert die Geschichte mit Buddy-Movie-Einflüssen an. Stunts gibt es dennoch nicht wenige zu bewundern und Franco Nero ließ es sich Überlieferungen zufolge nicht nehmen, sie alle höchstpersönlich durchzuführen. In der Schauspieler-Riege bekommt man neben Nero viele italienische Charaktergesichter zu sehen, beispielsweise Renzo Palmer („Racket“) bei der Polizei oder eben Romano Puppo und Massimo Vanni unter den Gangstern. Barbara Bach hat nicht viel zu tun, ist aber auch stets gern gesehen – ebenso wie der obligatorische Castellari-Cameo. Ein äußerst gelungener, gewohnt harter Genre-Beitrag, der zum Besten zählt, was ich bisher von Castellari gesehen habe!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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