Die Macht und ihr Preis - Francesco Rosi

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Re: Die Macht und ihr Preis - Francesco Rosi

Beitragvon dr. freudstein » 9. Aug 2012, 00:06

Noch mehr als das, lieber Ugo !!! Grad gesichtet und ich muß gleich ne Zweitsichtung hinterherschieben, bin grad etwas abgelenkt. Macht mir aber auch nix, bei dem Film tut mir das nicht weh, wenn ich ihn ein zweites Mal hinterherschiebe, denn die Erstsichtung ist wie ein Vorspiel. Er entfaltet sich wohl erst voll und ganz beim Hauptakt.
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Re: Die Macht und ihr Preis - Francesco Rosi

Beitragvon buxtebrawler » 8. Okt 2013, 17:51

„Einen sogenannten Justiz-Irrtum gibt es nicht!“

Einen Film gesehen und nichts kapiert – dabei handelt es sich bei dem im Jahre 1976 unter der Regie Francesco Rosis („Der Fall Mattei“) in französisch-italienischer Koproduktion entstandenen Thriller „Die Macht und ihr Preis“ um keinen fiktiven Kunstfilm oder psychedelischen, sämtliche Gesetzmäßigkeiten außer Acht lassenden Wahnsinns-Trip, sondern um eine handfeste und doch nicht gleich greifbare, auf wahren Begebenheiten beruhende Anklage der italienischen Politik.

Hohe italienische Würdenträger der Justiz werden nacheinander zu Opfern anonym ausgeführter, tödlicher Attentate. Inspektor Rogas (Lino Ventura, „Der Schrecken der Medusa“) wird mit den Ermittlungen betraut und vermutet zunächst Racheakte eines Justizirrtum-Opfers. Der letzte noch übrige Verdächtige scheint jedoch unauffindbar verschwunden und sämtliche Spuren zu seiner Person wurden verwischt. Schließlich wähnt Rogas sogar den Präsidenten in Gefahr und kommt einem großangelegten Komplott auf die Spur – während er selbst verfolgt und überwacht wird…

Francesco Rosis Film, so wenig er sich mir zunächst erschloss, lädt unbedingt dazu ein, Recherchen zu Inhalt und Aussage anzustellen. So weiß ich nun, dass er sich auf einen hochinteressanten Abschnitt in der Geschichte Italiens bezieht: Zum Entstehungszeitpunkt des Films konnte die Kommunistische Partei Italiens (PCI) offenbar 34% der Wählerstimmen für sich und damit heutzutage unvorstellbare Erfolge verbuchen. Enrico Berlinguer, Generalsekretär der Partei, suchte unter dem Eindruck faschistischer Militärputsche in anderen Ländern die Zusammenarbeit mit der damals stärksten Partei Italiens, der „Democrazia Cristiana“, um sozialpolitische Ziele zu erreichen und die Demokratie zu stabilisieren. Doch mit der Entführung und anschließenden Ermordung des DC-Politikers Aldo Moro, angeblich durch die terroristische „Brigate Rosse“ (was bis heute nicht unumstritten ist), scheiterte die geplante Zusammenarbeit und die PCI verlor fortan an Popularität.

„Die Macht und ihr Preis“ basiert auf dem Roman „Der Zusammenhang“ alias „Tote Richter reden nicht“ von Leonardo Sciascia, der z.B. auch die literarische Vorlage für Damianis „Der Tag der Eule“ lieferte und zeitweilig auch selbst für die PCI im Parlament saß. „Der Zusammenhang“ erschien 1971 und skizziert laut dem Autor in parodistischer Krimi-Form eine großangelegte Serie von Attentaten, die die Stabilität des Landes gefährden sollen, indem sie linken Kräften zugeschrieben, in Wirklichkeit aber von den Faschisten verübt werden, die damit die Bevölkerung hinter sich zu versammeln versuchen oder zumindest zugunsten konservativer Kräfte zu instrumentalisieren, um die „Gefahr“ einer sozialistischen Umverteilung abzuwenden. Und zynischerweise haben sich derartige Attentate im Verlauf der 1970er-Jahre nicht nur tatsächlich zugetragen, sondern hat sich offenbar eine „Verschwörungstheorie“ wie diese zu Beginn der 1990er-Jahre zudem als wahr herausgestellt, so dass sich Sciascias Roman als visionär und Rosis Film als empathisches Dokument der seinerzeitigen gesellschaftlichen Situation erwiesen. Und obwohl Rosi sämtliche Namen änderte und lediglich die entsprechenden italienischen Institutionen nannte, verklagten ihn die italienischen Justizbehörden.

Soweit zur Bedeutung dieses Films, der sich stilistisch wie ein in trüben, gedeckten Farben voller Braun- und Grautönen gemaltes Gemälde präsentiert: Der Auftakt in der Kapuzinergruft Palermos mit ihren natürlichen Mumien wirkt morbide und faszinierend zugleich. Kulissen, Gebäude und Ambiente erzeugen das Bild eines nicht greifbaren Überbaus, unter dem der wunderbar von Lino Ventura verkörperte Inspektor Rogas umherirrt und zunächst nichts begreift, um sich mit wachsendem Kenntnisstand immer mehr in Gefahr zu begeben. Das Geschehen verfolgt der Zuschauer krimitypisch aus Sicht des Inspektors, verfügt also stets über denselben Kenntnisstand wie die zentrale Figur der Handlung. Jener Rogas wird indes kaum näher charakterisiert und soll offensichtlich bewusst austauschbar bleiben. Dies geht passend einher mit der emotionalen Kälte des Films, der schließlich die skrupellose Berechnung der Macht und die Selbstgefälligkeit der Justiz abbildet. Dazu passend wurde die gelungene musikalische Untermalung Piero Piccionis mit Maß gewählt, die nur selten überhaupt zum Einsatz kommt. In seinem spröden Charme und gemächlichen Erzähltempo nimmt „Die Macht und ihr Preis“ den Zuschauer gefangen, lockt ihn auf falsche Fährten, verwirrt ihn vorsätzlich und kann bei Unkonzentriertheit schon mal den Eindruck erwecken, tatsächlich jungen linken Bewegungen die Schuld für die Ereignisse in die Schuhe schieben zu wollen. Immer wieder unterbrechen Schwarzweiß-Einspielungen den ansonsten aus einem Guss erscheinenden Stil und verleihen der Handlung zusätzlichen dokumentarischen Charakter. Schauspieler wie Max von Sydow („Der Exorzist“), Fernando Rey („Navajo Joe“) und Luigi Pistilli („The Good, the Bad and the Ugly“) verleihen neben Ventura dem Film auch darstellerische Klasse.

Diesem Porträt einer zunehmend verängstigten Gesellschaft lässt sich allenfalls seine Abstraktheit vorwerfen, dass es die Bedrohung zu diffus und lediglich in ihren Konsequenzen wenig subtil darstellt. Auch parodistische Ausreißer wie ein ausgiebiger Dialog helfen beim Verständnis des Gezeigten insbesondere aus heutiger Sicht nur bedingt weiter, was ein wenig schade ist, da die Handlung grundsätzlich ein Potential gleich einer immensen Sprengkraft besitzt, um ihre Zuschauer hinsichtlich mutmaßlich noch immer aktueller tödlicher und manipulativer Methoden zu sensibilisieren. Doch auch als sperriges Kunstwerk weiß „Die Macht und ihr Preis“ Freunden außergewöhnlichen, anspruchsvollen, großen europäischen Kinos zu gefallen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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