Der unerbittliche Vollstrecker - Roberto Infascelli

Action, Crime, harte Cops, Gangster & Mafia

Moderator: jogiwan

Der unerbittliche Vollstrecker - Roberto Infascelli

Beitragvon ugo-piazza » 4. Jun 2011, 12:00

Italien 1973

R: Roberto Infascelli

D: Enrico Maria Salerno, Lee J. Cobb, Jean Sorel, Luciana Paluzzi, Laura Belli


Nach dem großen Erfolg, den “Das Syndikat”, der erste Italo-Polizeifilm, erzielte, musste ein Nachfolger her. Da Stefano Vanzina vermutlich gerade einen Steno-Kurs an der Volkshochschule belegte (sorry…), nahm Produzent Roberto Infascelli für den Nachschlag kurzerhand selbst im Regiestuhl Platz.

Kommissar Jovine (Cobb) hat den Dienst quittiert, da er die Polizei ins Hintertreffen gegenüber dem Verbrechen gekommen sieht, mit den gesetzlichen Möglichkeiten komme die Polizei nicht weiter. Insbesondere das Entführungsbusiness boomt in der Stadt.

Sein Nachfolger wird Cardone (Salerno), der sich schnell durch Unnachgiebigkeit einen Namen macht, was dem Staatsanwalt (Jean Sorel in der Adorf-Rolle) nicht gefällt.

Als der Sohn des reichen Riccardi entführt wird, sorgt Cardone für eine ungenehmigte Telefonüberwachung und unterbindet die Lösegeldübergabe. Als die Leiche von Riccardi jr. gefunden wird, ist die Empörung groß. Doch es stellt sich heraus, dass er bereits kurz nach der Entführung getötet wurde.

Darauf wird nun Cardones Sohn Massimo (gespielt vom echten Sohn Giovan Battista Salerno) entführt, ein schlappes Monatsgehalt soll er bezahlen, um seinen Sohn wieder zu bekommen, doch müsste er damit seinen Grundsatz, dass mit Entführern nicht verhandelt wird, verraten. Was wird Cardone tun?

So ganz sicher war man sich da im Hause EuroVideo (der Film lief nicht im Kino) auch nicht. Auf dem Cover steht „Der unerbittliche Vollstrecker“, der Tape-Aufkleber hingegen besagt „Der unbestechliche Vollstrecker“, womit schon mal geklärt ist, dass der Vollstrecker sowohl unerbittlich als auch unbestechlich ist. Wenn man jetzt noch wüsste, wer mit dem Vollstrecker gemeint sein soll…

Mit dem „Syndikat“ kann der Vollstrecker letztlich nicht mithalten, der Hintergrund für die Entführungswelle wirkt hier doch schon ziemlich aufgesetzt. Ansehen lohnt sich gleichwohl, und wer den Vollstrecker nicht ehrt, ist des Syndikats nicht wert. Die Musik stammt wieder von Stelvio Cipriani, und sein Titelthema kennt man auch dann, wenn man diesen Film nicht kennt: Es wurde in „Der Tod trägt schwarzes Leder“ wieder verwendet.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Der unerbittliche Vollstrecker - Roberto Infascelli

Beitragvon buxtebrawler » 30. Jul 2013, 00:00

„Der Polizei sind – wie immer – beide Hände gebunden!“

1972 begründete der unter der Regie Stenos entstandene Spielfilm „Das Syndikat“ ein neues italienisches Filmgenre: den Poliziesco. Zwar gab es bereits zuvor Gangster-Filme aus dem Land des Stiefels, doch hatte kein Film zuvor die Polizeiarbeit derart in den Mittelpunkt gestellt. Ein Jahr später setzte sich einer der Produzenten des Erfolgsfilms, nämlich Roberto Infascelli, höchstpersönlich auf den Regiestuhl, um mit „Der unerbittliche Vollstrecker“ eine Art Nachfolger, erneut mit Enrico Maria Salerno in der Hauptrolle, zu drehen. Der Film entstand in italienisch-französischer Koproduktion und sollte Infascellis einzige Regiearbeit neben dem Abenteuerfilm „Luana - Der Fluch des weißen Goldes“ bleiben.

Polizeichef Jovine (Lee J. Cobb, „Der Exorzist“) wirft entnervt das Handtuch, nachdem abermals ein Kind wohlhabender Eltern entführt wurde und diese lieber anstandslos das Lösegeld zahlten, statt die Polizei einzuschalten. Sein Nachfolger Cardone (Enrico Maria Salerno) ist nicht gewillt, die Gangster weiterhin mit all ihren gewalttätigen Gesetzesübertretungen zu lassen. Bei einem Banküberfall mit Geiselnahme bleibt er stur und schafft es tatsächlich, sie unblutig zu beenden und der Ganoven habhaft zu werden. Auf Kritik stößt er jedoch bei Staatsanwalt Aloisi (Jean Sorel, „Malastrana“), der Cardones Methoden als fragwürdig und die Geiseln gefährdend empfindet. Doch unbeirrt fährt Cardone weiter seine harte Linie und stellt sich bei einer weiteren Erführung gegen den Vater des Opfers, vereitelt die Geldübergabe. Doch die Geisel ist tot – wie sich herausstellt war sie es bereits, bevor Cardone eingriff. Während die Kritik an ihm abstreift, sinnt die Unterwelt auf Rache und entführt seinen Sohn (Giambattista Salerno). Bleibt Cardone seiner kompromisslosen Linie treu?

Ich hoffe, dass ich nicht damit daneben liege, wenn ich annehme, dass der Anfang der 1970er-Jahre Spezialeinheiten zur Befreiung von Geiseln etc. noch nicht selbstverständlicher Bestandteil der Exekutive westeuropäischer Staaten waren. Insofern schätze ich die in „Der unerbittliche Vollstrecker“ behandelten Probleme als nicht unrealistisch ein: Wie reagiert man adäquat auf eine Konjunktur von Entführungen, ohne dabei die Sicherheit der Geiseln zu gefährden, aber auch ohne der Unterwelt das Gefühl zu vermitteln, mittels Entführungen ideale Methoden gefunden zu haben, rasch hohe Geldsummen zu erpressen und sich des gesetzlichen Zugriffs zu entziehen? Das klingt zunächst einmal angenehm differenziert und wie eine gute Prämisse für einen durchdachten Polizeifilm. Eine fantastische Titelmelodie Stevio Ciprianis (später wiederverwendet für „Der Tod trägt schwarzes Leder“ und geklaut von Tarantino für „Death Proof“) stimmt ein auf intelligentes und/oder unterhaltsames Kino à la italiano und ein engagierter Salerno nimmt seine Rolle sehr ernst, verhilft dem Film zu Charisma und Ausstrahlung.

Doch zu früh gefreut, denn die Handlung setzt im Gegensatz zu „Das Syndikat“ auf eine einseitige Darstellung der Polizei als von Vorschriften und Gesetzen in ihrer Arbeit behinderte, geradezu ohnmächtige Behörde, die doch eigentlich nur Gutes im Sinn hat, und legt dem ehemaligen Polizeichef markige, reaktionäre Sprüche in den Mund. Diese wiederum will man offensichtlich nicht lediglich als Ausdruck eines frustrierten Pensionärs verstanden wissen, sondern scheint von 12 bis Mittag gedacht das Übertreten von Vorschriften zu glorifizieren. Dies äußert sich vornehmlich im Lauschangriff auf den Erpressten ohne entsprechenden Beschluss; dieser nachvollziehbar präsentierte Einzelfall jedoch sagt in naiver Weise aus, dass der Zweck die Mittel heilige, die Polizei zu wenig Rechte habe und das Ignorieren von Vorschriften zum Erfolg der Justiz führe – welch ein perfider Widerspruch in sich und welch gefährliches Spiel mit den Errungenschaften des Rechtsstaats, denn wer seine Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren. Das interessiert in „Der unerbittliche Vollstrecker“ indes ebenso wenig wie Fragen nach für den Verbrechensanstieg (mit-)verantwortlichen gesellschaftlichen Hintergründen und Umständen. Die Verteilung des Reichtums, wie es sein kann, dass wohlhabende Bevölkerungsschichten ohne mit der Wimper zu zucken exorbitant hohe Geldsummen an die Entführer zu zahlen in der Lage sind, wird in keiner Weise thematisiert, stattdessen wird der Eindruck erweckt, Grund für die Vielzahl der Entführungen sei ausschließlich die Unfähigkeit der Polizei.

Als schließlich Cardones Sohn entführt wird, gewinnt der „Der unerbittliche Vollstrecker“ an persönlicher Ebene, baut den ersten wirklichen Konflikt für Cardone auf. Das ist zwar Anlass für rasante Verfolgungsjagden, die beeindruckendes ’70er-Action-Kino bieten, ansonsten jedoch in seiner für italienische Verhältnisse überraschenden Inkonsequenz bzw. Zurückhaltung nicht mehr als ein weiterer kurzer Schrecken für Cardone und die Zuschauer mit dem Ergebnis, dass man seiner Linie treu bleiben müsse, auch wenn es einmal weh tun sollte. Wie das persönliche Schicksal hier jedoch unter das der „Gerechtigkeit“ und der Nation gestellt wird, hat schon einen etwas merkwürdigen Beigeschmack, wurde jedoch wie prinzipiell das gesamte Finale auch nicht vollends durchexerziert.

„Der unerbittliche Vollstrecker“ (dessen deutscher Titel irreführender Humbug ist, denn von einem eiskalten Richter über Leben und Tod ist Cardone noch weit entfernt), weiß anscheinend selbst nicht so recht, was er will, lenkt den Polizeifilm ein Stück weit in Richtung Selbstjustiz, versucht dabei jedoch stets, seinen seriösen Anstrich zu bewahren, wenngleich er Tiefgang ebenso vermissen lässt wie Konsequenz und stattdessen nur an der Oberfläche kratzt. Langweilig jedoch wird er dabei nie, Zeitkolorit und technische Versiertheit sichern ein gewissen Unterhaltungs- und formales Qualitätslevel, schauspielerisch gibt es bis auf den zu blassen und bubenhaften Jean Sorel als Staatsanwalt ebenfalls wenig zu beanstanden. Wo „Das Syndikat“ aber wunderbar differenziert und intelligent konstruiert war, dabei Fragen von gesellschaftlicher Relevanz aufwarf und zu Debatten anregte, wirkt „Der unerbittliche Vollstrecker“ unentschlossen, blauäugig und vermeintlich einfache Antworten bietend – und damit letztlich leider enttäuschend.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Der unerbittliche Vollstrecker - Roberto Infascelli

Beitragvon reggie » 31. Jul 2013, 13:55

Klar an das "Syndicat" kommt er nicht herran, aber doch ein sehr toller Film.
Filme mit Salerno finde ich fast alle toll...
Mir gefällt der Salerno im Syndicat besser! Sein Hut ist ne wucht!
Hier hat er längere Haare und wurde mit grauen Kotletten auf älter getrimmt und die brille, naja.
Passt aber zu seiner Kompromisslosen Figur, die den Verbrechern nicht nachgibt und so einige erfolge verbuchen kann.
Tja dann erführen die Erpresser seinen Sohn um zu sehen ob er immer noch so Kompromisslos agiert. Tja ein Vater reagiert anders, beinahe würde Salerno auch nachgeben aber sein Sohn ist aus dem selben Holz und kann den Vater überzeugen.
Tja und dann geht der Polizei ein wichtiger Mittwisser den man ausschalten wollte in die Fänge, so geraten die Entführer in eine auswegslose situation...
Wurde sehr spannend gestalltet alles, Salerno hier auch wieder ne wucht!!!
Aber seine Figur ist eine andere als beim Syndicat finde ich...

Übrigens hat hier sein richtiger Sohn, den Filmsohn gegeben ;)
Achja und der Score, eine Wucht!!!! ;)
8,5/10 fast auf augenhöhe mit dem Syndicat! Einer der besten Poliziescos!
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Re: Der unerbittliche Vollstrecker - Roberto Infascelli

Beitragvon DrDjangoMD » 31. Jul 2013, 14:08

reggie hat geschrieben:8,5/10 fast auf augenhöhe mit dem Syndicat! Einer der besten Poliziescos!


Dem kann ich nur zustimmen! Ich finde zwar auch, dass "Das Syndikat" "besser" ist, aber was heißt das schon? Eine leckere Pizza Frutti Di Mare mit kleinen Knoblauchstückchen oben drauf ist auch "besser" als eine leckere Pizza Frutti Di Mare ohne kleine Knoblauchstückchen oben drauf, trotzdem würde ich zu keinen von beiden nein sagen!
Der Konflikt in "Der Unerbittliche Vollstrecker" (Bleibe ich meinen Prinzipien treu oder rette ich meinen Sohn) mag vielleicht nicht 100% so mitreißend sein wie die Überlegungen, welche "Das Syndikat" aufwirft, trotzdem bleibt es ein enorm spannender Konflikt, auf dessen Ausgang ich nägelkauend gewartet habe. Ja, Salerno hat in "Das Syndikat" einen cooleren Hut, aber Salerno ist im "Unerbittlichen Vollstrecker" immer noch Salerno und solange Salerno Salerno ist, beschert er eine wundervolle Hauptrolle, der Typ ist einfach ne Wucht!
Und natürlich der Score, einer meiner liebsten, wenn nicht sogar mein liebster Cipriani! Kurzum: Für mich war dieser Film auch ein durch und durch gelungenes Erlebnis.
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Re: Der unerbittliche Vollstrecker - Roberto Infascelli

Beitragvon dr. freudstein » 7. Dez 2013, 22:26

sehr schöner Genrebeitrag, den ich sehr genossen habe. Hat mich dann auch brennend interessiert, wie der Kommissar vorgeht, wenn es ihn und seinen Sohn betrifft. Entführungen waren wohl groß in Mode in Italien der 70er Jahre (also auch in der realen Welt) und da stellt sich natürlich die Frage, wie dagegen vorgehen als Staatsapparat, dem die Macht entgleitet. Mit den verabschiedeten Gesetzen angeblich ist nur eine lasche Bekämpfung möglich, die es den Verbrechern ermöglicht, freie Hand zu haben und den Staat zu erpressen. Einige Bullen fordern mehr Eigeninitiave und ein brutaleres Vorgehen und nicht nachzugeben, auch wenn es mal ein ziviles Opfer erfordert.

Den Film kann man sehr gut mitverfolgen, er erzeugt Spannung und auch viele Fragen, von denen wohl einige offen geblieben sind. Der Soundtrack reißte mich auch mit, den hätte ich gerne als CD (leider über 20€). Vollstrecker hab ich nicht gesehen, auch keinen unerbittlichen,dafür war die Figur des Kommissars dann doch etwas zu müde. Trotzdem bin ich begeistert.

8/10
dr. freudstein
 
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