Immer nie am Meer - Antonin Svoboda (2007)

Moderator: jogiwan

Immer nie am Meer - Antonin Svoboda (2007)

Beitragvon buxtebrawler » 15. Okt 2012, 21:47

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Originaltitel: Immer nie am Meer

Herstellungsland: Österreich / 2007

Regie: Antonin Svoboda

Darsteller: Christoph Grissemann, Dirk Stermann, Heinz Strunk, Philip Bialowski, Eva Maria Neubauer, Markus Hering, Gabriele Heckel, Marion Dimali, Silke Jandl, Bernhard Majcen, Alexander Rieder, Christopher Schärf u. A.

Nachts auf einer abgelegenen Waldstraße. Auf der Rückfahrt von einer privaten Familienfeier lesen der phlegmatische Geschichtsprofessor Baisch (Dirk Stermann) und sein depressiver, tablettensüchtiger Schwager Anzengruber (Christoph Grissemann) den manischen Kleinkünstler Schwanenmeister (Heinz Strunk) auf, dessen Auto im Straßengraben hängen geblieben ist. Als sie wenig später derselben Joggerin ausweichen müssen, die schon zuvor Schwanenmeister zum Verhängnis wurde, kommt ihr Wagen von der Straße ab. Eingeklemmt zwischen zwei Bäumen bleiben sie stecken. Baisch, Anzengruber und Schwanenmeister sitzen fest. Türen und Fenster des Autos, das aus dem Fundus des vor kurzem verstorbenen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim stammt, lassen sich nicht öffnen. Die Scheiben sind aus Panzerglas und können nicht eingeschlagen werden. Das Schiebedach ist defekt. Bleibt nur Hoffen auf Hilfe. Tagelanges apathisches Warten. Der einzige Proviant besteht aus einer Schüssel Heringsalat und einigen Flaschen Prosecco, die von der Party übergeblieben sind. Angst, Wut- und Angstanfälle wechseln mit überdrehter Heiterkeit und verzweifelten Weinkrämpfen. Aber es kommt noch schlimmer… Auf der Suche nach seiner Ratte entdeckt Toni (Philip Bialkowski), ein Bub aus einem nahe gelegenem Ferienheim, das Auto im Wald. Toni ist ein kluges Kind, das sich für Verhalten in Stresssituationen interessiert. Bisher musste er mit Ratten forschen. Nun hat ihm der Zufall menschliche Versuchsobjekte geschenkt. Ob jemals Rettung kommt?


Quelle: www.ofdb.de
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Immer nie am Meer - Antonin Svoboda (2007)

Beitragvon buxtebrawler » 15. Okt 2012, 21:47

Das österreichische Satiriker-Duo Stermann & Grissemann erschuf zusammen mit dem norddeutschen Multitalent Heinz Strunk und dem jungen Regisseur Antonin Svoboda den Spielfilm „Immer nie am Meer“, der 2007 gedreht wurde. Nach einer Begegnung mit einer Geherin verunglückt der Alleinunterhalter Schwanenmeister (Heinz Strunk, „Fleisch ist mein Gemüse“) mit seinem Auto, woraufhin er vom von seiner Frau getrennt lebenden Geschichtsprofessor Baisch (Dirk Stermann) und dessen depressiven und zynischen Schwager Anzengruber (Christoph Grissemann) im Auto mitgenommen wird. Nach einer erneuten Begegnung mit der Geherin kommt auch dieses Auto von der Straße ab und landet eingeklemmt zwischen Bäumen irgendwo im Wald. Die Türen lassen sich nicht mehr öffnen und da es sich um das Fahrzeug des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim handelt, ist es so sehr mit Panzerglas und anderen Sicherheitsmaßnahmen ausgestattet, dass ein Entkommen unmöglich scheint. Dem ungleichen Trio bleibt nichts anderes übrig, als auf Hilfe zu hoffen, denn Handyempfang gibt es ebenfalls keinen und die Hupe ist auch defekt. Verpflegung: Heringssalat und Prosecco…

„Immer nie am Meer“ ist ein Kammerspiel mit zutiefst bösartigem Humor. Im Prinzip als Tragikomödie zu klassifizieren, beschreibt die Handlung treffend und scharfzüngig unterschiedliche Erscheinungsformen männlicher Midlife-Krisen. Während sich Anzengruber fatalistischem Nihilismus hingibt und seinen Frust in Alkohol ertränkt, versucht Baisch trotz seiner gescheiterten Ehe nach außen hin den Schein der Souveränität zu wahren und sein langweiliges Spießerleben zu rechtfertigen. Dass er dabei stets auf seinen Schwager hinabblicken kann, hilft ihm bei der Ignoranz seines eigenen Versagens. Schwanenmeister wird die Rolle des sympathischen, aber auch neurotischen und latent nervigen, einsamen Verlierers zuteil, der sich mehr schlecht als recht mit einem Comedy-Programm über Wasser hält, mit dem er durch Deutschland und das deutschsprachige Ausland tingelt, um anschließend allein beim Feierabendbier zu sitzen und von der Damenwelt – wie eben auch jener schicksalhaften Geherin („Gehen“ im Sinne der albern aussehenden Sportart) – abgewiesen zu werden.

Aus dieser Konstellation ergeben sich tief- und vor allem abgründige Dialoge zwischen den drei Herren mittleren Alters, die nach und nach immer mehr von sich preisgeben und bald sämtliche Hemmungen verlieren. Baisch kann immer weniger das Bild, das er selbst gern von sich hätte, aufrechterhalten und Anzengruber bereitet es diebische Freude, Baischs Attacken mit verletzenden Details dessen Sexualleben betreffend zu kontern. Und irgendwann stellt sich natürlich auch die Frage nach der Nahrungsaufteilung und der Fäkalienentsorgung… Diese Situationen stecken nicht nur voller Fremdschämmomente und viel Situationskomik, sondern verfügen darüber hinaus über eine irrsinnige klaustrophobische Grundstimmung, die sich auf den Zuschauer überträgt. Doch als ob das nicht schon genug wäre, setzt das Drehbuch setzt noch einen drauf und lässt sich die Männer von einem neunmalklugen Arschlochkind als Versuchskaninchen für sein Verhaltensforschungsobjekt auserkiesen. Ab hier verlässt der Film sein durchaus nicht realitätsfernes Sujet und wird zunehmend absurd. Das hätte es in dieser Form nicht unbedingt gebraucht, verschärft die Situation jedoch noch einmal deutlich, treibt sie gnadenlos auf die Spitze.

Beeindruckend sind die einwandfreien und glaubwürdigen schauspielerischen Leistungen des Trios, insbesondere vor dem Hintergrund, dass niemand von ihnen professionelles Schauspiel erlernt hat. Während die Rolle des Baisch den elitären und gönnerhaften, letztlich verlogenen Habitus der Mittelschicht aufs Korn nimmt, mimt Strunk den üblichen, doch dadurch nicht minder liebens- und bemitleidenswerten, autobiographisch geprägten Verlierer mit herrlicher norddeutscher Schnodderschnauze, zitiert aus seinem tatsächlichen Programm („Mit Hass gekocht“) und beweist einmal mehr seinen ausgeprägten Sinn für Selbstironie. Etwas einfallslos hingegen erschien mir das abrupte, offene Ende, das ich als pointenlos und letztlich unbefriedigend empfunden habe. Vor dem Hintergrund des Vordringens in unlängst absurde Gefilde hätte man „Immer nie am Meer“ auch gern mit einem Knalleffekt enden lassen dürfen. Das ist aber bestimmt nur meine persönliche Meinung, denn das Ende lässt sich ebenso gut als konsequente Fortführung des bitteren Ösi-Humors betrachten, von dem dieser empfehlenswerte Film lebt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Immer nie am Meer - Antonin Svoboda (2007)

Beitragvon untot » 16. Okt 2012, 15:53

Hui, macht mich neugierig! :?
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Re: Immer nie am Meer - Antonin Svoboda (2007)

Beitragvon buxtebrawler » 16. Okt 2012, 16:07

untot hat geschrieben:Hui, macht mich neugierig! :?


Wird dir gefallen, glaub ich - dich aber gleichzeitig in den Wahnsinn treiben :lol:
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Immer nie am Meer - Antonin Svoboda (2007)

Beitragvon untot » 16. Okt 2012, 16:38

Wenn man eh schon dem Wahnsinn verfallen ist, macht das mal garnix! :kicher:
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