Ich seh, ich seh - Severin Fiala & Veronika Franz (2014)

Moderator: jogiwan

Re: Ich seh, ich seh - Severin Fiala & Veronika Franz (2014)

Beitragvon Arkadin » 21. Jan 2016, 10:13

Die 10-jährigen Zwillinge Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) leben zurückgezogen in einer modernen Villa am Waldrand. Als ihre Mutter (Susanne Wuest) eines Tages von einem längeren Krankenhausaufenthalt zurückkehrt, ist ihr Gesicht aufgrund chirurgischer Eingriffe bandagiert. Den Zwillingen fällt auf, dass sich die vormals so liebende Mutter nun herrisch und fremd verhält. Immer mehr reift in ihnen die Erkenntnis, das die Frau, die dort in ihr Haus gekommen ist, gar nicht ihre Mutter ist, sondern eine Fremde. Nun setzen die beiden Jungen alles daran herauszufinden: „Wo ist die Mama?“.

Es ist schon erstaunlich, was in den letzten beiden Jahren aus unserem Nachbarland Österreich an guter Genre-Ware kam. „Blutgletscher„, „Das finstere Tal„, „Autumn Blood“ und aktuell „Ich seh, ich seh„. Und dass die Österreicher dann noch einen düsteren Horrorthriller zum diesjährigen Oscar-Kandidaten küren, wundert nur diejenigen, die das deutsche „Auf Nummer sicher“ gewohnt sind. Wobei hier nicht angedeutet werden soll, dass es sich hier um eine „Welle“ handelt. Aus Österreich kamen in den letzten Jahrzehnten immer wieder Filme, die ihren deutschen Pendant an Wagemut, an brutaler Ehrlichkeit und menschlichen Abgründen weit überlegen waren. Und Filmemacher, die ihren eigenen, nicht immer geraden, aber gnadenlos konsequenten Weg gehen. Natürlich Michael Haneke, dessen frühen österreichischen Filme wie „Der siebente Kontinent“ wie gezielten Schläge in die Magengrube wirkten. Der großartige Michael Glawogger, der zwischen Dokumentation und Spielfilm mühelos hin- und her wechselt und dabei ein in sich geschlossenes Werk schuf. Eddy Saller und Peter Patzak müssen ebenso genannt werden, wie Franz Novotny und Wolfgang Murnberger. Und selbstverständlich auch Ulrich Seidl, der bei „Ich seh, ich seh“ als Produzent fungiert. Was kein Wunder ist, da Regisseurin Veronika Franz mit ihm verheiratet ist und bei zahlreichen seiner Filme in unterschiedlichen Funktionen tätig war. Was man dem Film durchaus ansieht, da er ähnlich streng komponiert ist wie Seidls Werke, ebenfalls auf Laien zurückgreift und eine merkwürdig, steril-beunruhigende Atmosphäre aufbaut.

Zusammen mit ihrem Co-Regisseur Severin Fiala hat Veronika Franz einen Film geschaffen, der auf unterschiedliche Arten lesbar ist. Die Überforderung der Eltern durch die Kinder, die ihnen den Raum und die Luft zum Leben nehmen. Die Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber den emotionalen Bedürfnissen der Kinder. Die unheilvolle Mischung aus beiden, wenn zwei Welten aufeinander prallen, die sich nicht verstehen, aber aufeinander angewiesen sind. Allein durch diese Szenarien wird bereits der blanke Horror erzeugt. Franz und Fiala sind allerdings so klug, sich nicht auf eine Lesart festzulegen, ihre Zuschauer belehren zu wollen, oder eine bestimmt Bedeutung in ihren Film hinein zu prügeln. Im Gegenteil, kommentieren sie nichts und verzichten auch darauf, den Zuschauer durch billige „Kaninchen aus dem Hut“-Tricks zu unterfordern. Die „Pointe“ ist bereits in den ersten Bildern evident. Und wird in der Folge auch gar nicht kaschiert, um am Ende zu zeigen, wie clever man doch sein Drehbuch gestrickt hat. Die Überraschung ist keine und das Wissen um das „Geheimnis“ der Zwillinge macht die Geschichte nur noch verstörender – und auch spannender. Die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Geschichte schwindet durch dieses Wissen von den ersten Minuten an immer mehr.

Denn neben den intelligenten Deutungsmöglichkeiten sollte man nicht vergessen, dass Fiala und Franz auch einen guten und spannenden Genrefilm gedreht haben, der auch oberflächlich und ohne den allegorischen Unterbau hervorragend funktioniert. Dazu tragen auch die hervorragenden Hauptdarsteller bei, die den Film als Drei-Personen-Stück tragen. Neben den (realen) Zwillingen Lukas und Elias Schwarz, die hier erstmals vor der Kamera stehen, ist dies natürlich die großartige Susanne Wuest, die nicht nur eine physisch herausfordernde Rolle hat, sondern sich auch die erste Hälfte des Filmes hinter Bandagen verstecken muss und nur mit den Augen und den Körper agieren kann. Wenn die Bandagen fallen, ist es ihr ausdrucksstarkes, schönes und doch auch irgendwo seltsamen Gesicht, welches den Verdacht, die Frau im Haus könnte nicht die geliebte Mutter sein, durchaus anfeuert. Aber wie erwähnt, ist „Ich seh, ich seh“ kein Film, der von einem clever konstruierten Geheimnissen lebt. Diese werden dann auch eher nebenbei aufgelöst und man meint die Macher im Hintergrund: „Aber das war doch eh klar, oder?“ flüstern zu hören. Zu diesem Zeitpunkt interessieren diese Enthüllungen auch gar nicht mehr, weil man schon zu tief in den Strudel aus Trauer, Wut und die Unfähigkeit beides aufzulösen hingezogen wurde. Fiala und Franz ergreifen auch keine Partei und auch der Zuschauer wird hin und her gerissen, da beide Seiten gute und nachvollziehbare Gründe so zu handeln, wie sie es tun. Und das macht einen ebenso hilflos wie traurig. Fiala und Franz ersparen ihren Zuschauer nichts. Die Gewaltdarstellungen sind extrem unangenehm und geht Richtung „Audition„. Obwohl ich in einer Szene gar nicht richtig erkennen konnte, was genau vor sich geht, reichten doch die Andeutungen aus, das Kopfkino soweit anzuheizen, dass ich wegschauen musste. Man darf gespannt sein, welche Chancen „Ich seh, ich seh“ bei den Oscars 2016 hat. Wir schicken mit „Im Labyrinth des Schweigens“ mal wieder eine Geschichts-Aufbereitung und was mit Nazis. Wie gehabt. Felix Austria.

Der österreichischer Horror-Thriller von Severin Fiala und Veronika Franz bietet mehrere Lesarten an, ohne den Zuschauer im Nacken zu packen und auf das Offensichtliche zu stoßen. Der „große Plottwist“ ist dann auch keiner, sondern es ist von Anfang an klar, was los ist. Das macht aber gar nichts, weil es die Geschichte noch verstörender macht, als wenn die „Pointe“ wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert würde. Der Gewaltlevel ist extrem unangenehm und geht Richtung „Audition“. Ein packender Film und zu recht Österreichs Oscar-Kandidat.
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Re: Ich seh, ich seh - Severin Fiala & Veronika Franz (2014)

Beitragvon Asa Vajda » 23. Jan 2016, 18:08

Wow. Sehr schönes Review, das mich jetzt noch neugieriger gemacht hat. Deshalb heute die Blu Ray gekauft. Bin schon gespannt...
Va'esse deireádh aep eigean
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Re: Ich seh, ich seh - Severin Fiala & Veronika Franz (2014)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 24. Jan 2016, 16:46

Auch ich möchte noch einmal jedem, der es noch nicht getan hat, den ernstgemeinten Rat erteilen: schaut euch diesen Film an!
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Re: Ich seh, ich seh - Severin Fiala & Veronika Franz (2014)

Beitragvon buxtebrawler » 8. Mär 2016, 23:24

Das Spielfilm-Debüt der Österreicher Veronika Franz und Severin Fiala, die zuvor bereits zusammen am Dokumentarfilm „Kern“ gearbeitet hatten, ist der von Ulrich Seidl, Franz‘ Ehemann, produzierte Psycho-Thriller/Horrorfilm „Ich seh, ich seh“ aus dem Jahre 2014.

Die präpubertären Zwillingsbrüder Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) verbringen ihre Ferien auf dem weiten, abgelegenen Lande. Ihre Mutter (Susanne Wuest, „Mörderschwestern“), die nach einem Krankenhausaufenthalt nach Hause kommt, erkennen Sie jedoch nicht wieder: Nach einer Operation steckt ihr Gesicht unter einem dicken Verband und sie braucht ihre Ruhe. Lukas und Elias glauben der Frau auch nach Abnahme des Verbands nicht mehr, dass sie überhaupt ihre Mutter ist – und versuchen mit Nachdruck, aus ihr herauszupressen, wo ihre wirkliche Mama steckt...

Um es gleich vorwegzunehmen: „Ich seh, ich seh“ steuert auf einen Mindfuck-Plottwist, also eine mehr oder weniger überraschen Wendung zu, die den Zuschauer damit konfrontiert, die meiste Zeit nicht der filmischen Realität, sondern der einer der Rollen beigewohnt zu haben. Allzu schwierig zu erraten ist dieser nicht und auch die Idee war 2014 alles andere als originell, jedoch kann ich „Ich seh, ich seh“ zugute halten, dass er dennoch funktioniert, da er es gar nicht unbedingt auf diese Wendung als Pointe oder Höhepunkt anlegt. Hauptgrund dafür ist der überpräsente Subtext, der von innerfamiliärem Misstrauen und einer gestörten, entfremdeten Mutter-Kind-Beziehung in alleinerziehenden Lebensumständen handelt. Was den Film zur Geduldsprobe werden lässt, ist zum einen die abweisende, unterkühlte Atmosphäre im modernen Haus, das fast wie ein Fremdkörper im dörflichen Idyll wirkt. Dort spielt sich der überwiegende Teil der Handlung ab und obwohl es um Kinder geht, agieren diese beim Misshandeln ihrer Mutter extrem nüchtern und trocken – ganz so, wie sich auch der Film darstellt, beispielsweise durch den weitestgehenden Verzicht auf musikalische Untermalung. Keine Frage, „Ich seh, ich seh“ wirkt sehr unangenehm – fast, alle wolle er den Zuschauer strafen.

Doch was z.B. bei Landsmann Haneke in „Funny Games“ immerhin noch einen stilistisch interessanten Spannungs-Thriller inkl. kleinem Ausflug ins Surreale ergab, avanciert hier zum vorrangig psychischen (und auch physischen) Torture-Porn-Realismus, der zu großen Teilen ohne genretypische Überzeichnungen auskommt und mir besonders aufgrund seiner speziellen Thematik übel aufstößt, zumal man dem Zuschauer auch keine Katharsis oder Happy End gönnt. Gedehnt wird das bisweilen langatmige Beinahe-Kammerspiel durch das vereinzelte Auftauchen weiterer Figuren, die keine andere Funktion besitzen, als im Zuschauer kurz die Hoffnung aufkeimen zu lassen, sie würden Lunte riechen und letztlich die Befreiung der Mutter einleiten, was jedoch ausbleibt. Ungefähr ab dem Punkt, ab dem sich findigen Zuschauern die Frage nicht mehr stellt, ob die Mutter wirklich die ist, die sie vorzugeben scheint und sich die gruseligen Visionen als Phantastereien der Zwillinge, vor allem aber als rote Heringe entpuppen, machte mir „Ich seh, ich seh“ keinen rechten Spaß mehr. Der Film schlachtet seinen psychologischen Unterbau letztendlich ausschließlich aus, um zu darzustellen, wie eine Mutter nach einer Zäsur der Familienidylle von ihrem eigenen Nachwuchs gefoltert und gequält wird und versucht auch erst gar nicht, eine darüber hinaus gehende Geschichte zu erzählen und mehr aus seinen Allegorien zu machen – und das ist mir zu wenig; insbesondere, wenn man sich derart spröde gibt und dann auch noch mit teilweise fragwürdigen schauspielerischen Leistungen aufwartet. Deshalb kann ich in den allgemeinen Lobeshymnen-Kanon leider nicht einstimmen, in Anerkennung des ersten neugierig machenden, durchaus spannenden Teils des Films sowie einiger visueller Kniffe aber immerhin noch durchschnittliche Qualitäten zugestehen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Ich seh, ich seh - Severin Fiala & Veronika Franz (2014)

Beitragvon purgatorio » 10. Mär 2016, 20:38

ICH SEH ICH SEH (Österreich 2014, Regie: Severin Fiala, Veronika Franz)

Wow – sehr effektvoller aber nicht effekthascherischer Film aus dem österreichischen Nachbarland mit einem sehr fiesen Ende. Gefiel mir ausgesprochen gut! Schön auch, dass sowohl die Empathie in die Knaben als auch in die Frau ermöglicht wird, sodass beide Seiten der Medaille im Auge behalten werden (können). Und ein wenig schmunzeln musste ich an der Stelle, auf die mich der Jogi schon im November aufmerksam machte. Ja, das Rote Kreuz in Österreich pflanzt sich in dein Wohnzimmer und wartet bis die Mama wieder zuhause ist. Muss man wissen, sonst schreit man an der Stelle laut die unlogischen Defizite an. Erscheint einem ja auch unlogisch – aber es sind eben Österreicher. Ja gut, sonst prima!
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Re: Ich seh, ich seh - Severin Fiala & Veronika Franz (2014)

Beitragvon Tomaso Montanaro » 12. Mär 2016, 12:22

Dieser Psycho-Thriller kann mit einer interessanten und originellen Geschichte aufwarten, macht es seinen Konsumenten aufgrund seines eigenwilligen, spröden und unterkühlten Inszenierungsstils, der mich doch sehr an den ebenfalls österreichischen Film Michael (R: Markus Schleinzer) erinnert, unnötig schwer.

Zudem entwickelt sich die Story in Zeitlupe auf das dann aber makaber-brutale Ende hin.
Durchaus empfehlenswert, aber man sollte schon einiges an Geduld mitbringen.

6/10 Punkten
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Re: Ich seh, ich seh - Severin Fiala & Veronika Franz (2014)

Beitragvon sergio petroni » 26. Mär 2016, 14:51

Kleiner, feiner Genrefilm aus unserem südlichen Nachbarland. Für mich war das eine runde Sache.
Spannend, mysteriös und kurzweilig. Natürlich kann man sich daran stören, daß hier ein
Hohelied auf die intakte Familie und christliche Werte gesungen wird; ich tat es nicht.
Auch paßt die kalt-sterile Architektur des Wohnhauses zum Seelenleben der Protagonisten.
Interessant finde ich auch die deleted scenes, die allesamt noch viel deutlichere Hinweise
auf das Ende des Filmes geben. Auch sind damit einige Außenszenen mit weiteren Darstellern
entfallen, so daß die Kulminierung auf drei Personen auf engster Räumlichkeit noch
intensiver wird.
7/10
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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