Geständnis einer Sechzehnjährigen - Georg Tressler (1960)

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Geständnis einer Sechzehnjährigen - Georg Tressler (1960)

Beitragvon FarfallaInsanguinata » 12. Sep 2015, 18:16

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Originaltitel: Geständnis einer Sechzehnjährigen

Herstellungsland/-jahr: Österreich 1960 (deutsche EA: 31.01.1961)

Regie: Georg Tressler

Drehbuch: Johanna Sibelius, Eberhard Keindorff (nach dem gleichnamigen Roman von Robert Pilchowski)
Produktion: Otto Dürer
Musik: Carl de Groof, "The Bambis" (featuring Billy Sanders)
Kamera: Sepp Riff, Kurt Junek
Ton: Alfred Norkus, Kurt Schwarz
Schnitt: Paula Dvorak

Darsteller:

Nina Sandt: Irene Brandt
Wolfgang Preis: Günther Brandt
Barbara Frey: Jutta Brandt
Ivan Desny: George Romanescu
Michael Hinz: Hans
Fritz Schmiedel: Kommissar Wille
Senta Wengraf: Doris Kössler
Rose Renée Roth: Haushälterin

und Helene Arcon, Herbert Fux, Paul Hoffmann, Guido Wieland

Inhalt:

Für die sechzehnjährige Jutta bricht eine Welt zusammen: Die Ehe ihrer Eltern droht auseinander zu brechen. Als sie von der Affäre ihrer Mutter erfährt, schreibt Jutta einen anonymen Brief. Doch dieser entzweit das Ehepaar nur noch mehr. Jutta fasst einen folgenschweren Entschluss: Sie stiehlt die Waffe ihres Freundes und sucht die Konfrontation mit dem Liebhaber ihrer Mutter.
Regisseur Georg Tressler ("Endstation Liebe", "Die Halbstarken") schuf ein eindringliches Drama über den Zusammenbruch einer bürgerlichen Familie. Barbara Frey überzeugt als emotional verunsichertes Mädchen, das für seinen Wunsch nach Harmonie eine moralische Grenze überschreitet.
("Kinowelt"-DVD-Cover)

Der katholische Filmdienst meinte: "Die Filmgestaltung wurde dem Thema - eheliche Untreue in der Wirkung auf Kinder - nicht gerecht; über gehobene Kolportage kommt Tressler nicht hinaus."

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Re: Geständnis einer Sechzehnjährigen - Georg Tressler (1960)

Beitragvon FarfallaInsanguinata » 12. Sep 2015, 21:19

Der Filmtitel lässt Exploitation-erfahrene Zuschauer sicherlich vorschnell einen der unzähligen Siebziger-Jahre-Schmuddelsex-Auswürfe der „Alois Brummer“-Produktion vermuten, das Entstehungsjahr zeigt aber, dass da etwas nicht stimmen kann. Stattdessen handelt es sich tatsächlich um ein in schwarzweiß gedrehtes Familien-/Jugend-/Sozialdrama, allerdings ohne den erhobenen Zeigefinger, sondern als Unterhaltungsware konzipiert, was den Filmdienst seinerzeit wohl zum abfällig gemeinten Urteil „Kolportage“ veranlasste. Heute wirkt „Kolportage“ (immerhin „gehobene:kicher: ) eher wie ein Prädikat im Sinne von „besonders wertvoll“.

Die sechzehnjährige Jutta wächst in einer ausgesprochen wohlhabenden Familie auf; der Charakterisierung auf dem DVD-Cover als „bürgerlich“ stimme ich hier ausdrücklich nicht zu, denn bewohntes Haus, gefahrene Autos und gesellschaftlicher Umgang zeugen im Zeitkontext von einem wesentlich höheren Status.
Leider nehmen ihre Erzeuger es, von der finanziellen Versorgung und dem schönen Schein abgesehen, aber nicht so genau mit der Erziehung und den vermittelten Werten, so führen sie offensichtlich nur noch eine Ehe auf dem Papier und halten sich beide seit langem immer wieder wechselnde Liebschaften. Der Tochter hingegen spielen sie eine völlig verlogene heile Welt vor und belügen sie nach Strich und Faden.
Jutta befindet sich in der Zwischenphase der beginnenden Abnabelung vom Elternhaus; ist einerseits eine neugierige junge Frau, die eigene Wege ausprobiert, charakterisiert durch die aufkeimende Liebe zu ihrem Freund Hans, der viel abgeklärter und desillusionierter scheint als sie, andererseits aber noch sehr kindlich in ihrer Sehnsucht nach sorgenfreier Idylle und Ideal von vollkommener Familie, siehe etwa die Kleinmädchen-haften Wandaufkleber von lieblichen Kätzchen und Hündchen in ihrem Mädchen(-Kinder-)zimmer.
Die Erkenntnis, dass ihre Mutter ein heimliches Verhältnis mit dem gar nicht unsympatischen Handelsattaché Romanescu unterhält, lässt Juttas Bild von den fehlerfreien Eltern jäh wanken. Sie macht allerdings in der Mutter die allein Schuldige an der Misere aus, ihr Vater bleibt weiterhin auf dem hohen Podest, und unterliegt in der Folge dem Trugschluss, sie müsse nur Mutter und Liebhaber auseinander bringen, dann würde sich schon alles wieder zum Guten wenden. Als der Versuch mit den anonymen Brief fehlschlägt, weil dieser in die Hände des Vaters fällt, der darauf sofort auszieht und auf Scheidung pocht, entwendet das Mädchen ihrem Freund Hans eine Pistole, die dieser ihr unklugerweise gezeigt hatte und versucht, Romanescu gewaltsam zu verscheuchen, was zur Katastrophe führt. Ob Jutta den Tod des Mannes wirklich plante, billigend in Kauf nimmt oder das Ganze eher als Unfall zu werten ist, weil er probiert, ihr die Waffe zu entwinden, bleibt letztlich offen.
Die Polizei tappt erst einmal im Dunkeln und würde sicherlich auch nie von sich aus eine unbedarfte Teenagerin aus gutem Hause mit einem unnatürlichen Todesfall in Verbindung bringen, da müsste Jutta nur mit ihren eigenen Gewissensbissen klarkommen und hätte sonst kaum etwas zu befürchten. Das Kartenhaus stürzt jedoch vollständig ein, als Herr Brandt seiner Tochter eröffnet, er werde nun so oder so die Scheidung einreichen und stattdessen seinerseits seine Geliebte Doris heiraten, mit der er ohnehin bereits seit einem halben Jahr ein Verhältnis unterhalte.
Von beiden Elternteilen gleichermaßen verraten und im Stich gelassen, sieht sich das Mädchen jeden Lebenssinns beraubt und stellt sich freiwillig der Polizei.

Hans erklärt Jutta einmal, sie sei „liebenswert naiv“, und das charakterisiert diese Persönlichkeit erstaunlich treffend. Bemitleidenswert wegen ihrer völlig realitätsfremden Blauäugigkeit einerseits, aber auch liebenswert wegen ihrem romantisch verklärten Glauben an das absolut Gute im Menschen andererseits, bekommt der Zuschauer hier einen jungen Menschen vorgeführt, der an der Diskrepanz zwischen seinen kindlichen Idealen und der Wirklichkeit der Erwachsenenwelt auf eine selten konsequente und schmerzhafte Weise zerbricht.
In einer Zeit, wo die meisten Leute ihren Lebenspartner öfter wechseln als ihr Kraftfahrzeug, mögen die Denk- und Gefühlsmechanismen der Menschen von vor +- fünfzig Jahren unendlich fremd wirken, aber das macht den Film umso eindringlicher und offenbart nebenbei den eklatanten „Werteverfall“ in einer auf die gesamte Menschheitsgeschichte betrachtet erstaunlich kurzen Zeit – vom damals als unmoralisch gebrandmarktem Fehlverhalten zu heutiger Normalität. Interessante Frage wäre, mit welchen Idealen und Illusionen Kinder eigentlich aktuell aufwachsen und wie diese dann dem Realitätstest standhalten.
Der Film hat ein sehr gemächliches Tempo, optische Finessen gibt es wenige, eine Szene, wo für Jutta bereits alles verloren ist und der Wind die von den Bäumen gefallenen Blätter durcheinanderwirbelt, ist eines der wenigen klaren Metapher, und durch die ungewöhnlich kurze Laufzeit von nicht einmal 80 Minuten vermisst man eine ausführlichere Charakterisierung der handelnden Personen. Trotzdem ein Werk, das die Beachtung absolut lohnt und mit jeder Minute interessanter und fesselnder wird.

P.S. Die (anscheinend britische) Band „The Bambis“ hat einen Liveauftritt und legt ein lupenreines Rockabilly-Stück hin, sehr cooles Detail. 8-)

P.P.S. Die „Kinowelt“-DVD scheint etwas lieblos, bildtechnisch akzeptabel, 1960er-s/w-4:3 halt, da lässt sich nicht wirklich viel erwarten, aber zumindest ein Minimum an Hintergrundinformationen zu Regisseur, Darstellern oder Film wäre wünschenswert gewesen; ist aber offensichtlich die einzige überhaupt verfügbare Quelle …

8/10
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Re: Geständnis einer Sechzehnjährigen - Georg Tressler (1960)

Beitragvon ugo-piazza » 1. Jan 2016, 16:30

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A 1961

D: Barbara Frey, Nina Sandt, Wolfgang Preiss, Ivan Desny, Michael Hinz


München zu Beginn der 1960er Jahre. Die Jugendliche Jutta Brandt will unbedingt die anstehende Scheidung ihrer Eltern Günther und Irene Brandt verhindern. Aus diesem Grunde sucht sie den weltgewandten Liebhaber ihrer Mutter, den Ausländer George Romanescu, auf. Sie will ihn dazu überreden, die Finger von ihrer Mutter zu lassen. Als sich dieser dazu nicht bereit erklärt, erschießt sie den eleganten Lebemann mit einem Revolver, den ihr ihr Schulfreund Hans zugesteckt hat.

Doch dann muss Jutta erkennen, dass nicht nur ihre Mutter alles dazu beigetragen hat, die elterliche Ehegemeinschaft zu zerstören. Längst hat sich auch ihr Vater eine Freundin zugelegt. Desillusioniert und erschüttert zugleich stellt sich Jutta, für die eine Welt zusammengebrochen ist, der Polizei und gesteht die von ihr begangene Bluttat. (Wikipedia)


Sehenswertes Drama um eine Jugendliche, die verzweifelt versucht, den Schein eines heilen Elternhauses aufrecht zu erhalten. Doch tatsächlich ist dort nichts mehr vorhanden, was man heilen könnte. Mutter geht fremd, weil sie von Vati nie als Frau wahrgenommen wurde, während der Vater für Jutta mit einem Heiligenschein ausgestattet ist. Tja, Mutter weiß es besser. Juttas Freund Hans ist auch bereits bindungsgestört und wurde zu seinem Onkel abgeschoben; eine Pistole nennt er auch sein eigen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und es wird nicht gut enden.

Gerade mal 75 Minuten lang ist dieser Film von Georg Tressler, den man als Kinowelt-Scheibe für wenig Geld bekommen kann, und das ist gewiss keine vergeudete Lebenszeit.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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