Elisabeth - Kaiserin von Österreich - Theodor Grädler (1972)

Moderator: jogiwan

Elisabeth - Kaiserin von Österreich - Theodor Grädler (1972)

Beitragvon Prisma » 28. Feb 2015, 11:45



ELISABETH - KAISERIN VON ÖSTERREICH

● ELISABETH - KAISERIN VON ÖSTERREICH (A|1972) [TV]
mit Marisa Mell als Kaiserin Elisabeth
und Peter Fröhlich, Nina Sandt, Christine Böhm, Christian Reiner, Senta Wengraf, Bibiane Zeller, Dieter Tressler, u. a.
eine Dürer Filmproduktion hergestellt von Telecolorfilm im Auftrag des ORF | ZDF
Regie: Theodor Grädler


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»Die Hölle hat man schon auf Erden!«


Die Schönheit der aus Bayern stammenden Prinzessin Elisabeth (Marisa Mell) ist in aller Munde und sie hat zahllose Verehrer. Sie entscheidet sich für eine Liebesheirat mit Kaiser Franz Joseph (Peter Fröhlich), welche zur damaligen Zeit (und vor allem im Hochadel) zu den großen Ausnahmen gehört. Elisabeth wird schnell mit ihren Pflichten bei Hofe vertraut gemacht und muss schnell lernen, der Hofetikette entsprechend fehlerlos zu funktionieren. Hierbei kommt es zu schweren Konflikten mit Erzherzogin Sophie (Nina Sandt). Doch nur eine Repräsentanten-Rolle zu übernehmen genügt zu den politisch schwierigen Zeiten im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn nicht, Elisabeth wird zwangsläufig mit weitgreifenden politischen Belangen konfrontiert. Schwere Schicksalsschläge, wie der Selbstmord ihres Sohnes Kronprinz Rudolf (Christian Reiner) zehren an der Gesundheit der Monarchin. Am zehnten September 1898 wird die Kaiserin von einem italienischen Anarchisten in Genf ermordet.

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Theodor Grädlers Fernsehfilm mit zahlreichen Dokumentar-Sequenzen verursachte seinerzeit unglaublich hohe Produktionskosten von nahezu fünfhunderttausend D-Mark, was man dem Ergebnis allerdings leider zu keinem Zeitpunkt ansieht. Die Kritik urteilte damals eindeutig und die Produktion wurde unerbittlich in der Luft zerrissen, so dass man sogar das fragwürdige Prädikat »TV-Missgeburt 1972« erteilte. Mehrere Sequenzen mussten dem Vernehmen nach sogar auf der Basis von Unzufriedenheit erneut nachgedreht werden und insgesamt wurde das große Ziel, einen quasi authentischen "Sissi"-Beitrag zu fabrizieren, weit verfehlt. Aber es ist tatsächlich nicht viel zu machen, denn Konzept und vor allem Regie haben auf ganzer Linie versagt. Sicherlich ist es keine leichte Aufgabe gewesen, das komplette Leben der Elisabeth als Kaiserin von Österreich konkret und präzise in übersichtlichen 80 Minuten unterzubekommen, was ja gleichzeitig bedeutet, dies über eine Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten darzustellen.

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Aber aufgrund der eigentlich günstigen Voraussetzungen ist es nicht zu verstehen, wie hölzern und unspektakulär das Endergebnis ausgefallen ist. Daher liegt die Vermutung nahe, dass ein alternativer Regisseur bestimmt schon einmal kleine Wunder vollbracht hätte, denn Theodor Grädler ist ja schließlich bekannt für die manchmal biedere und hölzerne Methode nach Art des Hauses. Schade! Der einzige wirkliche Lichtblick in dieser TV-Produktion hat daher nur einen Namen, und zwar Marisa Mell. In ihrem Karriere-Kontext darf man diese Interpretation beinahe schon beispiellos nennen und um es einmal so zu formulieren: Sie hätte diese Rolle mit Leichtigkeit auch unter der Regie von Luchino Visconti in "Ludwig II" spielen können, denn der prägnanten Leistung einer Romy Schneider als quasi geschichtlich korrekte Elisabeth steht Marisa Mell in nichts nach, was sich allerdings nur sehr fantasievoll auf das Schauspiel und die Spiellaune reduziert. Von den Ergebnissen her sieht man hier ansonsten tatsächlich Weltenunterschiede!

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So ist es eben wie es ist, man sieht erneut eine große Marisa Mell in einem kleinen Film, so dass man diesbezüglich manchmal den Eindruck eines roten Fadens in ihrer Karriere bekommt. Marisa Mell schafft es hier mit hoher Disziplin und großer Präzision zu überzeugen. Sie stattet den Charakter ihrer Elisabeth mit hoheitsvollem Temperament und hochmütigem Stolz aus, andererseits fühlt man die Zerrissenheit dieser Person, die an der Hofetikette zu Grunde geht. Ganz bemerkenswert unterstützt wird diese Erscheinung von Marisa Mells unverwechselbarer Originalstimme, die einsam und sehnsüchtig erzählt und Melancholie, sowie Gefühl zu vermitteln weiß. Hin und wieder kommt es zu überzeugenden kurzen Dialogen und impulsiven Ausbrüchen, gut gelungen sind beispielsweise Elisabeths Auseinandersetzungen mit Erzherzogin Sophie und Kaiser Franz Joseph, die wegen der schauspielerischen Qualität und der klassischen Dialogarbeit im Gedächtnis bleiben werden. Die immer wiederkehrenden dokumentarischen Fragmente, in denen Wolfgang Gasser aus dem Off Erklärungen über geschichtliche Hintergründe abliefert, wechseln sich mit den Auftritten der Darsteller ab. Positiv hervorzuheben ist im Allgemeinen die Garderobe und auch manche Räumlichkeiten wirken originalgetreu, andere Schauplätze hingegen wieder zu spartanisch.

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Der Film bietet leider keine Farbenpracht und alles wirkt recht steril, vielleicht sogar zu mechanisch, außerdem entschied man sich gegen jegliche musikalische Untermalung, die man sich hin und wieder schon zur Auflockerung herbeiwünscht. Die Ausleuchtung ist miserabel, die Kamera unflexibel und der Schnitt unpräzise, so dass man einfach von handwerklicher Seite wenig Anspruchsvolles geboten bekommt und man dieses Spektakel im TV-Mantel beinahe als laienhaft inszeniert einschätzen muss. Unter der Regie von Theodor Grädler sieht man daher keinerlei Originalität, Ambitionen und Raffinessen, so dass eventuell nur ein Film für "Sissi"-Anhänger zurück bleibt, aber für Marisa Mell-Fans allemal. Der übliche Kitsch wurde hier zu Gunsten einer sachlichen Abhandlung angenehmerweise ignoriert, aber dennoch fühlt man sich als Zuschauer trotz guter Charakter-Darstellungen beinahe komplett unberührt. Da hätte unbedingt mehr draus werden müssen und es bleibt daher leider nur ein dürftiger Versuch zurück, den Mythos "Elisabeth - Kaiserin von Österreich" adäquat näherzubringen. Die hohen Produktionskosten rwchtfertigen das Ergebnis jedenfalls nicht. Andererseits sieht man eine von Marisa Mells leidenschaftlichsten Interpretation überhaupt, die obendrein recht exotisch wirkt weil sie so überaus klassisch ist. Es ist und bleibt also ein Fluch, diese Rolle zu interpretieren.
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