Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 15. Mär 2018, 01:14

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Mad-Taschenbuch Nr. 16: Dave Berg – Mad-Reporter Dave Berg sieht sich um

1977 widmete sich die Mad-Taschenbuch-Reihe zum zweiten Mal rund 160 Seiten lang Dave Bergs in satirischen kurzen Comics festgehaltenen Alltagsbeobachtungen, diesmal kapitelweise gebündelt in unterschiedliche Schwerpunkte wie „Abt. Kleinbürgertum – Rund um das Kind“, „Abt. Jugend-Stil – Rund um die Teenager“, „Abt. Altblütig – Rund um die Eltern“ oder „Abt. Weltscherz – Rund um die Welt“. So werden Irrsinn und Wahnwitz des Alltags aufs Korn genommen, zumeist innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen, gern Generationenkonflikte und Kommunikationsprobleme betonend. Dabei gehen die Pointen auf Kosten aller Generationen und spiegeln wie üblich den damaligen Zeitgeist mit allen Widersprüchlichkeiten wieder, der süffisant persifliert wird. Der halbrealistische Zeichenstil ist gewohnt einladend, der Humor nie zu abgedreht, sondern in der Realität verwurzelt und ein besonderes Augenmerk verdient einmal Herbert Feuersteins Übersetzung inkl. der typischen Mad-Nachnamen: Zum obligatorischen Feinbein gesellen sich Zuffnik, Fröhn und Ödmann. Leider wurde mit dem Platz wieder recht großzügig umgegangen, sodass bei lediglich einem Panel pro Seite das Buch schnell durch ist.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 22. Mär 2018, 10:32

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Frank Schäfer – Was soll der Lärm? Rock-Kritiken

2005, zwischen seiner Anekdoten-Sammlung „Pünschel gibt Stoff“ und dem Sammelband „Soundtrack eines Sommers“, für den er als Herausgeber fungierte, veröffentlichte Frank Schäfer im Reiffer-Verlag seine knapp 100 Seiten starke und rund 40 Kapitel umfassende Sammlung an Plattenkritiken und vereinzelt eingestreuten Konzertberichten im praktischen Taschenbuchformat, die zuvor bereits im „Rolling Stone“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der „jungen Welt“ verstreut abgedruckt wurden. Vorangestellt wurde ein Vorwort, dass ebenso anschaulich wie amüsant von einer typischen Lesung zum Thema Heavy Metal zu berichten weiß. Von Neil Young über Motörhead und Turbonegro zu Type O Negative, von einer Richard-Hell-Anthologie über Lynard Skynard, Gary Moore und Bad Religion zu Gluecifer/Hellacopters/Backyard Babies, von Metallica zu The Darkness und zurück zu Motörhead – Schäfer rezensiert, was innerhalb dieser Stilbreite so zwischen 2002 und 2004 an Tonträgern veröffentlicht wurde und gibt sich nicht mit den paar Zeilen, die für gewöhnlich in einschlägigen Postillen zur Verfügung stehen, zufrieden, sondern nutzt die Möglichkeit, gern mal über mehrere Seiten hinweg über das Werk, den oder die Künstler und/oder ihre Bedeutung zu philosophieren. Und dies sei ihm ausdrücklich gestattet, denn der Mann kann nicht nur schreiben, was er in diversen vorausgegangenen Veröffentlichungen bereits bewiesen hat, sondern bringt zudem sowohl die nötige Musikleidenschaft als auch ein nicht ungefähres Fachwissen mit. Als ehemaliger Gitarrist geht er oft insbesondere aufs jeweilige Geklampfe ein, was seine Kritiken lebens- und techniknaher als manch oberflächliche Meinungsbekundung der schreibenden Laienzunft erscheinen lässt und möglicherweise auch sein Faible für, nun ja, Gitarrenmusik erklärt, die eben auch mir vielleicht ewig fremdbleibende Genres wie Southern- oder Blues Rock einschließt. Zum durchaus immer mal wieder streitbaren Neil Young findet er ein schönes Fazit, und lässt er durchblicken, dass Motörhead-Scheiben (damals) neueren Datums immerhin zur Hälfte etwas taugen und es eben richtig Spaß machen kann, die jeweiligen Höhepunkte zu entdecken, möchte man ihm ebenso zustimmen wie seiner Erkenntnis, zeitgenössische Rockalben seien häufig zu lang. Allerspätestens wenn er zu einem persönlich besuchten The-Strokes-Konzert auf den Punkt bringt, was gute Gigs ausmacht und konstatieren muss, „das hier war tausendundeine Nacht, aber doch kein Rock’n’Roll! Dazu fehlte einfach die Möglichkeit, dass auch etwas schiefgehen könnte“, spricht er mir so dermaßen aus der Seele, dass ich weiß: Wir speisen grundsätzlich im selben Restaurant. Da darf er dann auch mal Slamdancing mit Crowdsurfing verwechseln. In Bezug auf Black Sabbath vertritt er allerdings eine sehr exklusive Einzelmeinung und Bruce Springsteens „I’m On Fire“ ist sicher vieles, aber keine „breitbeinig-tumbe Proletennummer“. Klar hat auch jeder so seine Lieblinge unter den großen, in Ehre ergrauten Rockstimmen und Schäfers ist Glenn Hughes, aber muss man deshalb wirklich jede Belanglosigkeit – dann auch noch so offensichtlich – noch irgendwie schönzureden versuchen? Ja, es sind durchaus auch diese kleineren Stolpersteine und Meinungsverschiedenheiten, an denen man sich herrlich reiben kann – ein allgemein abnickungsfähiges Konsenswerk wollte Schäfer sicher – glücklicherweise! – nicht verfassen. Auch wenn die besprochenen Alben inzwischen bereits älter und Schäfers geteilte Informationen über ihre Interpreten mittlerweile überholt sein mögen – die Kritiken bleiben auf ihre eigene Weise zeitlos. Sie ermöglichen die eine oder andere neue Perspektive auf diese oder jene Platte, aufs jeweilige Phänomen, auf die Rezeption. Sie inspirieren und machen bisweilen neugierig, der eine oder andere Titel landet als Suchbegriff in YouTube oder Spotify, der eine oder andere Semi- oder eigentlich dann doch Gar-nicht-Klassiker wird wieder hervorgekramt, der eigene Höreindruck mit Schäfers postuliertem Empfinden abgeglichen. Und wer jemals daran gezweifelt hat, dass Plattenkritiken entpragmatisiert und, ja, poetisch sein können, findet in Schäfer seinen Meister.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 27. Mär 2018, 15:21

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E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann

Wenn man ein Germanistik-Studium begonnen hat und zunächst einmal mit Martin Opitz konfrontiert wird, können einem durchaus Zweifel kommen. Eine regelrechte Wohltat ist es hingegen, wenn man sich im Anschluss dem „Sandmann“ widmen darf, jener schauerromantischen Kurzgeschichte aus dem 1816 veröffentlichten Zyklus „Nachtstücke“ des deutschen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann, handelt es sich doch um eine einigen altertümlichen Begriffen zum Trotz problemlos lesbare Mischung aus Horror, Science-Fiction und Psycho-Thriller, gepaart mit einer gehörigen Portion Wahnsinn und etwas schwarzem Humor.

Zu Kindheitszeiten wurde Nathanael traumatisiert, als er heimlich seinen Vater dabei beobachtete, wie dieser mit dem Advokaten Coppelius alchemistische Experimente durchführte. Dabei wurde Nathanael entdeckt und von Coppelius misshandelt. Bei einem weiteren Experiment starb Nathanaels Vater gar durch eine Explosion. Seither bringt er Coppelius mit dem Sandmann aus dem Märchen in Verbindung, das ihm zum Einschlafen vorgelesen wurde. Als Erwachsener Mann ist er mit der mit beiden Beinen fest im Leben stehenden Clara verlobt. Als er auf den Wetterglashändler Coppola trifft, gerät Nathanaels Welt jedoch erneut ins Wanken: Er glaubt, in ihm Coppelius wiederzuerkennen und verrennt sich in diese fixe Idee, das alte Trauma bricht wieder auf. Von Clara entfremdet er sich und verliebt sich stattdessen in Olimpia, die Tochter seines Professors Spalanzani – die sich als lebloser Roboter entpuppt. Nach einem stationären Aufenthalt in der Irrenanstalt wird Nathanael als geheilt entlassen, doch ein Wiedersehen mit Coppola nimmt kein gutes Ende.

„Der Sandmann“ verbindet den Horror eines Kindheitstraumas und den daraus resultierenden Wahnsinn mit früher Science-Fiction um einen Androiden, der zur Reflektionsfläche des beziehungsunfähigen, narzisstischen Nathanaels wird. Olimpia widerspricht Nathanael nie, scheint ihn in seinen Ansichten eher zu bestärken – was er nie bemerkt. Mit seinen Schauerelementen, starken Gefühlswallungen und unbewussten Ängsten ist er ein typisches Kind der Epoche der Romantik, wiederkehrende Motive sind die Augen als Wahrnehmungsorgan und metaphorischer Spiegel der Seele, Feuer, Teufel und Schwärze als Höllensymbolik, diabolisches Lachen, Lärm, die puppenähnliche Dissoziation menschlicher Körper und schließlich der Tod. In den Personen Coppelius und Coppola, die für Nathanaels eins sind, findet die Traumatisierung Nathanaels Ausdruck, die immer wieder hochkommt, die er emotional ein ums andere Mal durchlebt.

In seinem Aufbau nimmt „Der Sandmann“ eine Ausnahmestellung ein und wurde damit zu einem beliebten Studienobjekt für Germanistiklehrende und die Literaturforschung: Die Erzählung beginnt mit drei aufeinanderfolgenden Briefen: Nathanael wendet sich an seinen Jugendfreund Lothar, sendet den Brief jedoch irrtümlich an Clara, seine Verlobte und Schwester Lothars, die ihm schriftlich antwortet. Der dritte Brief ist ein weiterer Nathanaels an Lothar. Erst dann meldet sich der Erzähler zu Wort, der Nathanael als einen alten Freund bezeichnet und sich als ein Autor zu erkennen gibt, der den Leser direkt anspricht. Bei ihm handelt es sich um einen hetero- und extradiegetischen Erzähler mit Nullfokalisierung, also jemanden, der selbst eigentlich nicht Teil der Handlung ist und alles über Nathanael zu wissen scheint. Dennoch nimmt er zwischenzeitlich eine interne Fokalisierung an, wenn er in bestimmten Momenten lediglich über Nathanaels subjektive Sichtweise verfügt, wird also vom allwissenden Erzähler zu einem, der nur über den Wissensstand (einer) der Figuren verfügt. Dabei könnte es sich um einen Kniff Hoffmanns gehandelt haben, um auf die Parallelen zwischen dem Erzähler und Nathanael hinzuweisen: Beide sind Dichter, Nathanael jedoch ein erfolgloser. In beiden glüht eine „innere Glut“, beide projizieren Bilder aus ihrem Inneren nach außen, und romantischen Dichtern sagt man ohnehin nach, an der Grenze zum Wahnsinn zu leben. Doch der Erzähler gießt seinen Wahnsinn als Autor in Form, ist Herr seines Stoffs und kann ihn dadurch verarbeiten – was der Geisteskranke nicht kann. Insofern handelt es sich bei Nathanael evtl. um ein Alter Ego des Erzählers, einen Teil seiner selbst, den er mit dem Tod Nathanaels sterben lassen möchte. Zweifelsohne jedenfalls ist Nathanael jemand, mit dem sich der Erzähler stark identifiziert, was auch sein kaum vorhandenes Interesse an den geistig gesunden Figuren seiner Erzählung verdeutlicht.

Meine Ausgabe aus der Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags bildet die Geschichte auf 47 Seiten ab; es folgt ein fünfseitiger Teil mit Anmerkungen, der vor allem heutzutage nicht mehr gebräuchliche Begriffe erläutert. Sechsseitige Literaturhinweise bieten einen Überblick über Ausgaben, Quellen sowie begleitende und vertiefende Literatur. Ein ausführliches siebzehnseitiges Nachwort ordnet Hoffmanns Erzählung ein und liefert erste Interpretationsansätze. Für schlanke 2,- EUR kommt man bereits in den Genuss – und für diesen muss man nun wirklich kein Germanistik-Student, nicht einmal sonderlich interessiert an tiefergehender Auseinandersetzung mit Literatur sein, sondern einfach nur Lust auf eine gelungene, klassische und einflussreiche Schauermär haben.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 16. Apr 2018, 21:30

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Mad-Taschenbuch Nr. 17: Don Martin kocht was aus

1978 erschein der bereits vierte Don-Martin-Band innerhalb der Mad-Taschenbuch-Reihe. Wie gehabt wurden rund 160 Schwarzweiß-Seiten mit Martins Comic-Strips gefüllt, wobei sich hier kurze, zum Teil dialogfreie Gags mit einer recht langen „Der Glöckner von Notre Dame“-Parodie, die leider überproportional viel Blocktext enthält, ebenso abwechseln wie mit immer wieder eingestreuten Episoden der Telenovela-Persiflage „Die Feinbein-Saga“, die es auf je ein bis vier Seiten bringen. Gewohnterweise dominieren Martins abgedrehter Zeichenstil, Slapstick mit extra vielen Onomatopoetika (Lautmalereien) und anarchische, schwarzhumorige oder satirische Pointen. Und wie so oft ist man auch mit diesem Büchlein recht schnell durch: Selten schaffen es ganze zwei Panels auf eine Seite, meist wird einem einzelnen großzügigerweise eine ganze Seite zur Verfügung gestellt. Ein somit wieder etwas sehr kurzweiliger, jedoch ungeachtet dessen gelungener Spaß zwischen trashigem Klamauk, Haudrauf-Humor und Hintersinn.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Salvatore Baccaro » 16. Apr 2018, 22:29

buxtebrawler hat geschrieben:Bild
E.T.A. Hoffmann – Der Sandmann


Oha, eben erst gesehen & schön zusammengefasst! :thup:
(...und nun alsbald den "Goldenen Topf" aus dem gleichen Verlag und für den gleichen unschlagbaren Preis besorgen, und sich gepflegt halbtot lachen...! ;-) )
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon karlAbundzu » 17. Apr 2018, 12:15

Ein Ramones Comic ist natürlich Pflicht:
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Sehr ernste Bio aus der Sicht des tragischen Lebens von Douglas genannt DeeDee, von der Kindheit in Berlin bi zum Ende. Da wird natürlich nur viel angerissen, geht vereinzelt in die Tiefe. Und ist gut gezeichnet. Im Anhang dann noch Infos und Beschreibungen, wo sich der Comic von der Historie unterscheidet.
Sogar für mich Ramones-Kenner informativ und gut!
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon sergio petroni » 21. Apr 2018, 12:14

sergio petroni hat geschrieben:Heute angekommen....
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Nachdem sich die Lektüre von Wolffs Buch zur Hälfte als äußerst amüsant herausgestellt hat,
mußte gleich die nächste Kerbe geschlagen werden.....

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Während Wolff zumeist flüssig und unterhaltsam Begebenheiten in und um das Weiße Haus
schildert, deren Wahrheitsgehalt vielleicht nicht immer belegt ist, von denen man als
Leser aber ohne Zweifel glaubt, daß sie stimmen, wird Comeys Buch aber wohl eher eine
nüchterne Angelegenheit....
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 27. Apr 2018, 14:57

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Andreas Hock – Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? Über den Niedergang unserer Sprache

Der ehemalige Chefredakteur der Nürnberger Abendzeitung Andreas Hock veröffentlichte 2014 nach seinem Trash-Debüt, genauer: einer Biographie über die idiotischen neureichen Prolls Carmen und Robert Geissen, einem Buch über Panini-Bilder sowie einem Begleitband zur Nerd-Sitcom „Big Bang Theory“ im Jahre 2014 die sich mit dem Verfall der deutschen Sprache auseinandersetzende, rund 190 Seiten umfassende Polemik „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“ im Riva-Verlag. Zwischendurch gab es jedoch bereits ein Werk namens „Like mich am Arsch – wie unsere Gesellschaft durch Smartphones, Computerspiele und soziale Netzwerke vereinsamt und verblödet“, dessen Titel Hocks konservativen Kulturpessimismus bereits erahnen lässt.

So schlägt er mit seinem in zahlreiche kurze Kapitel unterteilten, zum Bestseller avancierten Buch dann auch voll in diese Kerbe: Jedes Kapitel ist – nach einem Vorwort Dr. Hellmuth Karaseks, das vermuten lässt, er habe das Buch gar nicht gelesen – mit einem angenommenen Grund für Hocks im Titel aufgestellte These überschrieben, von „Weil uns schon am Anfang der Spaß verging“ über „Weil Disney mehr Bumm! war als Dürrenmatt“ bis hin zu „Weil wir zu zwitschern begannen“. Dahinter verbergen sich neben zumindest teilweise durchaus zutreffender Kritik an Schulsystem und Lehrplänen sowie einigen interessanten, bisweilen jedoch sicherlich auch strittigen Ausflügen in die Historie der Sprachentwicklung u.ä. vor allem exemplarisch herangezogene Beispiele für Vergewaltigungen der deutschen Sprache: durch Beamtendeutsch, Politikerrhetorik und von zum Teil sogar falschen Anglizismen durchsetztes Vokabular der Werbe-Branche und der Wirtschaft mit ihren „Managern“ im Allgemeinen, wovon auch ich ein (Klage-)Lied singen kann – sitzt man doch im von Halbwissen und Jugendwahn bestimmten marktschreierischen „Marketing“ ebenso häufig wie im ebensolchen Entscheidungs- und Führungsbereich von Unternehmen dem Irrglauben auf, Amerikanisierung sei „cool“ sowie Ausdruck von Modernität und Innovation. So stolpert man von einer missglückten, sinnbefreiten „denglischen“ Floskel zur nächsten über die Stolpersteine der Sprachdurchmischung, dass es nur noch peinliche Schaumschlägerei ist.

Doch all das ist nicht neu und wurde zu Recht schon häufig kritisiert – ob in ähnlichen Büchern oder in anderen Medien. An den charmanten Witz eines Bastian Sick reicht Hock jedoch kaum heran, auch scheint er keinen Bildungsauftrag zu verfolgen: Wo Sick freundlich erklärt, wie man es besser bzw. richtig mache, bleibt Hock polemisch und wenig konstruktiv. Das wäre vielleicht gar nicht so schlimm, würde er nicht immer wieder sein arg konservatives Weltbild durchklingen lassen, das beispielsweise zu einer fürchterlich pauschalen, viel zu undifferenzierten Abwatschung der sog. ‘68er führt. Die Antwort darauf, wo das Problem bei aller angebrachten Kritik am „Gendering“ bei der Verwendung von Doppelformen à la „Leserinnen und Leser“ liegen soll, bleibt er schuldig, mit wenig deutschen Begriffen wie „Dokutainment“ oder „Genre“ hat Hock hingegen keinerlei Berührungsängste, was wie ein Widerspruch zu manch Kapitel erscheint und ihn einer ähnlichen Wischiwaschi-Einstellung wie derjenigen, die er kritisiert, verdächtig macht – und dass er auch die vernünftigen Aspekte der jüngsten Rechtschreibreformen pauschal niedermacht, entbehrt nun wirklich jeglicher Sachlichkeit. Seine eigene Orthographie ist indes auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Insbesondere die Trennung von Haupt- und Nebensätzen durch satzabschließende Punkte stößt mir immer wieder auf, die mir einer fragwürdigen Journalismusschule zu entspringen scheint, in der lange Sätze pauschal als Teufelswerk diskreditiert werden.

Dass Begriffe wie „absegnen“ oder „abnicken“ aus dem von Hock in erster Linie wegen dessen Bürokratiesprache vorgeführten DDR-Deutsch kämen, wage ich einfach mal zu bezweifeln, doch das ist natürlich ein Detail. Weshalb sich „selbst ein sprachlich hochbegabter Schüler kaum“ von Kafka „wach küssen“ lassen könne, erschließt sich mir jedoch überhaupt nicht. Ich halte diese Behauptung für ausgemachten Quatsch, Hocks vermutlich verquerem Geschmack entsprungen. Blogs als „neumodischen Unsinn“ abzutun, ist wiederum eine bodenlose Unverschämtheit und ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die das Netz um lesenswerte, bisweilen ausführlichere und besser recherchierte, weil keinerlei Print-Beschränkungen unterliegenden, Inhalte erweitern. Sieht da ein konservativer Print-Journalist evtl. seine Felle davonschwimmen?

Abschließend bleibt anzumerken, dass Hocks Battle gegen Gangsta-Rap bischn lame ist, da wäre mehr gegangen. Immerhin gelingt ihm aber ein versöhnlicher Abschluss, wenn er im letzten, wie ein Anhang wirkenden Kapitel altertümliche, aus dem Sprachgebrauch beinahe oder bereits komplett verschwundene Begriff in Umgangs- und Jugendsprachsätze integriert, was mich dann doch ziemlich schmunzeln ließ. Letztendlich ist Hocks Pamphlet als polemischer, in harschem Ton verfasster Überblick über die schlimmsten Sprachpanscher durchaus gut zu gebrauchen. Dass zwischenzeitlich immer wieder bedenkliche Fortschrittsfeindlichkeit, politischer Konservatismus und wutbürgerliche Ignoranz durchscheinen, ist jedoch befremdlich – insbesondere vor dem Hintergrund, dass Hock aus dem Bereich der bürgerlichen Presse und der Klatschschreiber stammt sowie als CSU-Pressereferent tätig war und damit zur allgemeinen Verblödung sicherlich selbst seinen Anteil geleistet hat.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon karlAbundzu » 8. Mai 2018, 17:13

Da stand ich im Flughafen Cagliari, 40 Minuten Verspätung , und seh einen schönen Diabolik Sammelband, und war echt am überlegen, auf deutsch bekommt man den eh nie, dachte ich. Dann aber doch nicht gekauft. Und was seh ich heute im Comicshop meiner Wahl:
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Arkadin » 8. Mai 2018, 21:15

karlAbundzu hat geschrieben:Und was seh ich heute im Comicshop meiner Wahl:
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Aber noch nicht gelesen.


Deutsches Comic? Da traut sich wieder einer ran?
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