Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Moderator: jogiwan

Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Adalmar » 13. Feb 2018, 17:17

buxtebrawler hat geschrieben:Bild
Bastian Sick – Happy Aua. Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache


Ich mag solche Bücher generell auch ganz gern, auch wenn ich da die "Hohlspiegel"-Bücher oder "Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst" / "Bauchchirurg schneidet hervorragend ab", die auf Presse-Stilblüten basieren, unterhaltsamer finde, nicht zuletzt da ich über die kleinen Sünden der professionellen Schreibzunft eher lachen kann, als wenn sich ein Bäcker oder ein Schnellimbiss-Wirt verschrieben hat. Was ich bei "Happy Aua" nicht so gut finde, sind die Kommentare, die entweder den offensichtlichen humoristischen Effekt noch mal durchkauen oder versuchen, aus einem banalen Rechtschreibfehler eher gezwungen eine Pointe rauszuholen.
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 13. Feb 2018, 18:05

Adalmar hat geschrieben:Ich mag solche Bücher generell auch ganz gern, auch wenn ich da die "Hohlspiegel"-Bücher oder "Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst" / "Bauchchirurg schneidet hervorragend ab", die auf Presse-Stilblüten basieren, unterhaltsamer finde, nicht zuletzt da ich über die kleinen Sünden der professionellen Schreibzunft eher lachen kann, als wenn sich ein Bäcker oder ein Schnellimbiss-Wirt verschrieben hat. Was ich bei "Happy Aua" nicht so gut finde, sind die Kommentare, die entweder den offensichtlichen humoristischen Effekt noch mal durchkauen oder versuchen, aus einem banalen Rechtschreibfehler eher gezwungen eine Pointe rauszuholen.


Ich weiß, was du meinst, habe aber solch ein vorkommenübergreifendes, buntes Sammelsurium auch mal ganz gern. Die Kommentare erscheinen oftmals reichlich überflüssig, ja, erfüllen aber glaube ich die Funktion, sprachlich bzw. rechtschreiberisch nicht so sicheren Lesern auf amüsante den Fehler zu erläutern, ohne dabei zu erklärbärig rüberzukommen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Canisius » 13. Feb 2018, 18:09

karlAbundzu hat geschrieben:@canisius
Heinz Fricke klingt ja mal richtig interessant!

Auf jeden Fall! Könnte Dir gefallen. Also, schlag zu und berichte dann hier. :D
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon Canisius » 13. Feb 2018, 18:11

buxtebrawler hat geschrieben:
Canisius hat geschrieben:Habe mal überlegt etwas zu Autoren zu schreiben, zu deren Werken ich keinen Zugang gefunden habe.
"Gescheiterte literarische Projekte" könnte die Überschrift sein. Das wäre dann analog zum Thread über beinahe gesehene Filme. Aber ob das hier reinpasst? :?


Klar! Wenn nicht im Offtopic-Bereich - wo dann? :nick:


Okay, ich schaue mal, was ich machen kann. ;)
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon sergio petroni » 17. Feb 2018, 14:06

Heute angekommen....
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DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Re: Die gemütliche DELIRIA-LITERATUR LOUNGE

Beitragvon buxtebrawler » 20. Feb 2018, 13:16

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Martin Opitz – Buch von der Deutschen Poeterey

„Martin Opitz war der Begründer der Schlesischen Dichterschule, deutscher Dichter und ein bedeutender Theoretiker des Barock“, weiß Wikipedia. Germanistikstudenten ist er jedoch in erster Linie als Nervensäge bekannt. Sein o. g. Buch wurde in die Universal-Bibliothek des Reclam-Verlags aufgenommen und rund 220-seitig als eines der berüchtigten gelben Büchlein veröffentlicht, wobei seine o. g. Aufzeichnungen lediglich die ersten 76 Seiten ausmachen. Der übrige Teil besteht aus diversen Anhängen und Anmerkungen, die nicht Teil dieser Besprechung sein sollen. Poeterey, das bedeutet zunächst einmal Dichtkunst/Poetik, aber auch das Nachdenken über dieselbe – und ihre Lehre. Es handelt sich um eine Auftragsarbeit während des 30-jährigen Kriegs mit dem Ziel der Legitimation deutscher Dichtkunst neben der damals gebräuchlichen französischen, lateinischen und griechischen sowie die Etablierung des Deutschen als Hochsprache. Opitz vertritt das Dichterbild des Poeta doctus, also eines Dichters, der sowohl über sprachliches Talent als auch über fundiertes Wissen lateinischer und griechischer Dichtung und ein daraus resultierendes Regelverständnis verfügt. Opitz schlägt eine Brücke zu mittelalterlichen deutschen Dichtern wie Walther von der Vogelweide und versucht auch damit, eine Lanze für die deutsche Poesie zu brechen. So weit, so gut.

Doch gerade im Regelverständnis liegt der Knackpunkt seines Buchs, denn bei allem Wissen, über das der belesene Opitz zweifelsohne verfügte, bei allem Kunstverständnis und hehren Zielen, stellt er ein starres Regelwerk in fragwürdiger „typisch deutscher“ Krämer-, Buchhalter- und Verwaltermanier, ja, in teutonischem Ordnungs-, Normungs- und Schubladisierungswahn auf, das heutzutage glücklicherweise längst als überholt gilt. So besteht er stur auf Reime, ja, erlaubt gar ausschließlich den Jambus und den Trochäus als Versfüße, als absolute Ausnahme vielleicht noch den Daktylus, peitscht sein Verständnis von Metrik durch und manifestiert die Ständeklausel, die den Adel als Figuren für Tragödien, deren opportune Themen er sogleich aufzählt, und den Pöbel für Komödien vorsieht und predigt von oben herab ein von Elitedenken bestimmtes Bild von der Poesie, dass es regelrecht abschreckend wirkt. Und eitler Geck, der er war, bringt er in sein gestelztes Geschwafel ohne Punkt und Komma immer wieder eigene Gedichte als typische Beispiele ein, um gleichzeitig unterwürfig vor den hohen Herren von Auftraggebern in den Staub zu fallen.

Opitz hat sein Ziel mit seinem „Buch von der Deutschen Poeterey“ erreicht – doch zu welchem Preis? Jahrhundertelang wurde sein Gesetzeswerk als das Maß aller Dinge betrachtet und behielt Allgemeingültigkeit, trug damit zum haltlosen, viel zu engen Kunstbegriff und weniger dem freien, kreativen Geist als vielmehr Opitz‘ Paragraphen folgenden Vorstellungen von gutem Stil bei, derer sich zu entledigen sich als Mammutaufgabe herausstellte und die bis heute in vielen Köpfen fest verankert scheinen. Nun wäre es allerdings zu kurz gefasst, Opitz dafür die Schuld zu geben, vermutlich würde auch viel zu viel von ihm verlangt, würde man von ihm im Jahre 1624 einen derartigen Weitblick erwarten. Opitz als Grundlage in Ehren zu halten, seine Doktrin jedoch infrage zu stellen und zu reformieren, hätte anderen oblegen. Auch kann man ihn wohl kaum dafür verantwortlich machen, dass heutige Germanistikstudenten innerhalb des Teilfachs „Neuere (sic!) deutsche Literatur“ sich mit seinen bisweilen kruden Axiomen im beinahe unlesbarem Originalwortlaut herumplagen müssen. Seine damals verwendete Sprache hat mit der heutigen nur noch marginal etwas zu sein, teilweise verfügen aus lediglich drei Buchstaben bestehende Wörter über nicht weniger als drei Rechtschreibfehler. Das macht die Lektüre nahezu unerträglich und der Sinn dieser Tortur darf bezweifelt werden, schließlich hätte es eine übersichtliche Zusammenfassung des Inhalts oder – als Kompromiss, wenn es denn sein muss – eine Übersetzung in verständliches, zeitgenössisches Deutsch auch getan.

So erfüllt Opitz’ „Buch von der Deutschen Poeterey“ in erster Linie den Zweck, Erstsemester, die mit einem solchen Grauen in einem Teilfach mit dem genannten Namen niemals gerechnet hätten, abzuschrecken, ja, sie gewissermaßen zu quälen, gerechtfertigt mit Authentizität und Quellentreue. Wie viel Sinnvolleres, Anregenderes, Geistvolleres hätte in dieser Zeit gelehrt oder gemeinsam erarbeitet werden können? So dringend, wie Opitz reformiert gehörte, gehört auch der Lehrplan des 21. Jahrhunderts auf den Prüfstand. Da wundert es mich dann auch fast gar nicht mehr, dass mein Exemplar dieser Schwarte trotz sorgsamen Transports und behutsamen Umgangs innerhalb kürzester Zeit Schaden nahm, beinahe, als habe eine höhere, gerechte Macht es aus der Welt schaffen wollen. Mein „Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, das zweite Reclam-Büchlein des NdL-Erstsemesters, sieht hingegen noch fast aus wie neu, obgleich es mit wesentlich größerer Begeisterung gelesen wurde...
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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