Mademoiselle Cuisses Longues - Sergio Martino (1973)

Klamauk, Satire & jede Menge Gags

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Mademoiselle Cuisses Longues - Sergio Martino (1973)

Beitragvon jogiwan » 1. Sep 2012, 14:08

Mademoiselle Cuisses Longues

Bild

Originaltitel: Giovannona coscialunga, disonorata con onore

Alternativtitel: Giovannona Long-Thigh

Herstellungsland: Italien / 1973

Regie: Sergio Martino

Darsteller: Edwige Fenech, Pippo Franco, Gigi Ballista, Riccardo Garrone, Sandro Merli

Story:

A new judge closes a cheese factory for pollution; its owner, La Noce, bribes a monsignor who points him toward an official who might fix it. La Noce needs leverage and discovers the official's taste for other men's wives. He sends his stuttering assistant, Albertini, to hire a willing woman to pretend to be La Noce's wife. Albertini finds a virginal-looking prostitute with a potty mouth. A train trip from Rome to Sicily has many mix ups, but once in Sicily, maybe La Noce's plan to compromise the official will succeed. All the characters converge: La Noce, his wife, Albertini, the whore, her pimp, the official, his wife, and the official's jealous secretary. What about the cheese? (quelle: imdb.com)
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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Re: Mademoiselle Cuisses Longues - Sergio Martino (1973)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 24. Aug 2015, 19:53

Anfang der 70er hat der italienische Regisseur Sergio Martino, der zuvor, wenn überhaupt, einzig durch drittklassige Mondo-Filme wie AMERICA COSÌ NUDA, COSÌ VIOLENTA (1970) und einen Western namens ARIZONA SI SCATENO…E LI FECE FUORI TUTTI aufgefallen war, eine Reihe von Gialli gedreht, die heute zurecht zu den großen Klassikern und Meilensteinen des Genres gezählt werden dürfen. Gerade seine ersten beiden, nach einem ähnlichen Rezept entstandenen Gelblinge, LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH und LA CODA DELLO SCORPIONE, beide von 1971, liefern, meine ich, so etwas wie Giallo-Prototypen. In zwei späteren Werken, einmal IL TUO VIZIO É UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE (1972) und dann noch TUTTO I COLORI DEL BUIO (1972), variiert Martino zwar sein Grundmuster bzw. seine ästhetische Ausrichtung, dennoch fügen sich die beiden Filme problemlos in das Genre, aus dem sie den Großteil ihrer Inspiration ziehen. Ins gleiche Jahr indes, in dem er mit I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE (1973) seine klassische Giallo-Phase beenden sollte, fällt ein Film, der weiter nicht aus der Reihe tanzen könnte: GIOVANNONA COSCIALUNGA, DISONORATA CON ONORE, eine Sexkomödie ohne den geringsten Gelbstich.

Der Plot lässt einem schon mal im positiven Sinne die Haare sträuben: ein italienischer Verwaltungsbezirk erhält einen neuen Richter, der sich, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, durch unverrückbare moralische Grundsätze auszeichnet, und deshalb erstmal mit den schlimmsten Gesetzesbrüchen aufzuräumen versucht, die in der ihm unterstellten Region begangen werden. La Noce, seines Zeichens Besitzer eines weitläufigen Käseimperiums, trifft es besonders hart. Besagter Richter nämlich findet im örtlichen Fluss eine hohe Konzentration von Giftstoffen. Die wiederum lässt sich relativ leicht auf La Noces Käserei zurückführen. Der leidenschaftliche Kapitalist, der seinen eigenen Mitarbeitern rät, ja nicht von dem verseuchten Käse zu essen, mit dem er Millionen macht, sieht sich schon vor den Trümmern seiner Existenz: immerhin soll seine Fabrik geschlossen, er selbst jeglicher Ämter enthoben werden. Gemeinsam mit seiner linken Hand, dem trotteligen Albertini, heckt er deshalb folgenden Plan aus: ein gewisser Pédico, der, munkelt man, alsbald in die höchsten politischen Ränge aufrücken wird, könnte, würde er ihn irgendwie auf seine Seite zu ziehen vermögen, die Schließung seiner Fabrik vielleicht abwenden. Mittels korrupter Kleriker findet La Noce jedoch heraus, dass jener Pédico ebenfalls ein Ausbund an Lasterlosigkeit sein soll. Sein einziger Fehler scheint nur zu sein, dass er sich gerne einmal an den Frauen verheirateter Männer vergreift. Genau daraus wollen La Noce und Albertini ihm nunmehr einen Strick drehen. La Noce, dessen eigene Gattin frömmelnd das Haus hütet und, als halbe Nonne sozusagen, kaum einmal vor die Tür tritt, beauftragt Albertini, ihm ein Freudenmädchen zu besorgen, das Pédico gegenüber als La Noces Frau auftreten, ihn verführen und somit erpressbar machen soll. Eher zufällig stößt Albertini am nächsten Straßenstrichrand auf Cocò, eine Prostituierte, deren körperlichen Reize in diametral entgegengesetztem Verhältnis zu ihren Verstandeskräften stehen. Eine Nachtzugreise, bei der La Noce, Albertini und Cocò natürlich rein zufällig auf Pédico nebst Gattin und Sekretärin stoßen, soll über Misslingen oder Glücken des Unterfangens entscheiden. Dann aber geht alles drunter und drüber. Pédicos Sekretärin möchte La Noce in ihr Bett zerren. Cocò wiederum verliebt sich Hals über Kopf in Albertini. Albertini letztlich versucht verzweifelt, die Fäden des ausufernden Abenteuers zusammenzuhalten.

Ich muss gestehen, auf dem Papier hört sich die reine Geschichte von GIOVANNONA COSCIALUNGA gar nicht mal so schlecht an wie ich sie letztlich übersetzt in bewegte Bilder empfunden habe. Gerade die erste Viertelstunde, in der es vor korrupten Politikern, lasterhaften Geistlichen und mafiösen Strukturen nur so wimmelt, hätte genügend Potential für eine einerseits komische, andererseits bissige Satire auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im Italien der frühen 70er abgegeben. Dann aber, spätestens, wenn La Noce den Plan gefasst hat, Pédico im wahrsten Sinne des Wortes bei seinen Eiern zu packen, entscheidet sich Martions Film gänzlich dafür, den Weg einer herkömmlichen Sexklamotte einzuschlagen, bei der alberne Slapstick-Späße wichtiger sind als jedweder hintersinnige Humor, der dem Film irgendeine Tiefe hätte verleihen können. Möglicherweise tue ich dem Film dahingehend unrecht, dass ich ihn eben nicht mit den Augen eines italienischen Publikums von vor vierzig Jahren sehen kann, und damit etwaige Feinheiten und subtile Spitzen naturgemäß übersehe, doch unterm Strich hat GIOVANNONA COSCIALUNGA meine Mundwinkel nichtsdestotrotz wesentlich öfter genervt nach unten als erheitert nach oben zucken lassen. Zum einen hat das mit der oben bereits erwähnten Infantilität der Witzeleien zu tun. Ich finde es einfach nicht besonders amüsant, wenn Albertini, sozusagen der Held der Chose, während einer Zugfahrt fortwährend ein Reisekoffer auf den Kopf fällt oder wenn er seinen Telefonhörer, von La Noce mitten in der Nacht aus den Federn geholt, verschlafen in ein Goldfischbecken fallen lässt und den darin umherschwimmenden Tierchen erklärt, sie sollen aus Kostengründen keine Ferngespräche führen. Dass Albertini permanent, vor allem, wenn er aufgeregt ist, und das kommt in GIOVANNONA COSCIALUNGA in jeder zweiten Szene vor, zu Stottern beginnt, liefert Martino außerdem Gelegenheit, humoristisch auf einer linguistischen Ebene zu operieren. Albertini verspricht sich, bringt Worte, die ähnlich klingen, aber etwas völlig Gegensätzliches bedeuten, durcheinander, oder wiederholt die erste Silbe eines Wortes, da seine Zunge einfach nicht weiterwill, mehrmals, sodass seine Zuhörer etwas ganz Anderes verstehen als das, was er sagen will. Erneut muss ich unterstreichen, dass ich als Nicht-Muttersprachler ganz bestimmt höchstens die Hälfte dieser eventuell wirklich großartigen Wortakrobatikakte und Sprachspielereien verstanden habe. Erneut muss ich unterstreichen, dass das, was ich von diesen Wortakrobatikakten und Sprachspielereien verstanden habe, mich wenig bis gar nicht zum Lachen gebracht hat. Ein Wortwitz, der zu den besseren gehört, lautet zum Beispiel wie folgt: Albertinis Wagen ist auf offener Straße liegengeblieben. Weißer Rauch quillt unter dem Kühler hervor. Sein Kommentar ist: Habemus papa!

Weiter oben habe ich GIOVANNONA COSCIALUNGA selbstverständlich als Sexkomödie bezeichnet. Wer jedoch erwartet, dass Martino eine Nacktszene an die nächste heftet, wird von diesem Film nur enttäuscht werden. Eher ist GIOVANNONA COSCIALUNGA ein Film über Sex, nicht so sehr ein Film, der Sex tatsächlich bebildern würde. Sergio Martinos Schwägerin, Edwige Fenech, weiblicher Star von insgesamt drei seiner fünf klassischen Thriller zwischen 1971 und 1973, zeigt freilich vollen Körpereinsatz und rückt ihre Brüste nicht zu selten ins rechte Licht, viel mehr als das, nämlich Frau Fenechs unbekleideten Oberkörper oder Großaufnahmen ihrer titelgebenden Schenkel, bekommt der gemeine Voyeur in vorliegendem Film nicht zu Gesicht – und selbst diese Szenen sind verschwindend gering und machen höchstens zwei, drei Minuten des Gesamtwerks aus, das sich dann doch lieber mit den mannigfaltigen Verwicklungen und Verwechslungen beschäftigt, die um Fenechs verführerische Schenkel herum entstehen. Auch ohne dass an einer Stelle explizit der Name Decamerone gefallen wäre, hätte ich wohl die beiden besten Momente des Films in Bezug zu der erotisch-amüsanten Prosa des mittelalterlichen Autors Boccaccio gesetzt, dessen irgendwann um 1350 entstandene Novellensammlung wie kaum ein zweites Werk den am horizontalen Geschehen interessierten italienischen Filmproduzenten und Filmregisseuren der frühen 70er von Pasolini bis zu Joe D’Amato Stoffe und Anregungen für feuchte Phantasien lieferte. Die beiden längeren Sequenzen, die ich meine, sind zum einen die bereits skizzierte Nachtzugfahrt, zum andern ein Aufenthalt in Pédicos Landhaus. An beiden Orten überstürzen sich die Ereignisse. Da tauscht dieser mit jenem sein Schlafzimmer, worauf dieser den Besuch erhält, der jenem gelten sollte. Da versucht der eine, den anderen zu becircen, und landet schließlich mit einem Dritten im Bett. Da trifft Cocòs Zuhälter Robertuzzo auf La Noces erzfromme Frau und staffiert sie als neustes Pferd in seinem Hurenstall aus, da trinkt Cocó versehentlich das Schlafmittel, das Pédico eigentlich für La Noce bestimmt hat, und kann im Halbkoma ihre Schenkel nicht mehr für ihn öffnen, da täuschen Albertini und Cocò in Hörweite von Pédico wilden Sex vor, um ihn weichzuklopfen, und letztere geht diesem plötzlich wirklich an die Wäsche. Das alles ist, wie gesagt, für meine Begriffe nichts, wovon mir der Bauch vor Lachkrämpfen schmerzt, doch verglichen mit den, sagen wir, restlichen siebzig Minuten des Films erhöht sich die Gagdichte immerhin so weit, dass der eine oder andere zwangsläufig zünden muss.

Dabei ist mir noch immer nicht ganz klar, ob meine Einschätzung von Martinos erster Komödie als relativem Fiasko letztlich bloß an meinen subjektiven Vorlieben liegt. Man kann GIOVANNONA COSCIALUNGA sicherlich nicht vorwerfen, der Film besäße kein Tempo. Ganz im Gegenteil hetzt Martino uns durch die Geschichte, ohne irgendwann einmal eine längere Rast zum Atemholen einzulegen. Man sollte GIOVANNONA COSCIALUNGA freilich auch nicht mit den nahezu avantgardistischen Filmen vergleichen, die Martino zuvor gedreht hat: den surrealen Alptraum TUTTO I COLORI DEL BUIO zum Beispiel, oder seinen nervenzerfetzenden Proto-Slasher I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE. GIOVANNONA COSCIALUNGA ist eine andere Klasse von Film und erfordert eine andere Herangehensweise, und es spricht wohl nur für Sergio Martinos handwerkliches Talent, dass er scheinbar problemlos von einem höchst-ästhetischen, blutrünstigen, beklemmenden Giallo zu einer eher seichten, eher leichten, eher trivialen Komödie wechseln kann. Andererseits kann ich all die Dinge nicht verhehlen, die mich an GIOVANNONA COSCIALUNGA so sehr störten. Seine Musik beispielweise, dieses ständig wiederholte Zirkus-Thema, das ich schon nach einer halben Stunde nicht mehr hören wollte. Oder die Art und Weise wie Homosexuelle in ihm der Lächerlichkeit preisgegeben werden, als Klischeeschwuchteln, ständig auf Männerfang, von den übrigen Figuren versehen mit Hohn und Spott. Oder generell die mich außerordentlich befremdende Sicht auf die Geschlechter: die Männer als geile Böcke, die von einem leicht gehobenen Rock den letzten Resten ihres Verstandes beraubt werden, die Frauen als willige Beute, stets bereit, zu ihrem eigenen Vorteil mit dem Gesäß zu wedeln. Oder dass der Film mir visuell rein gar nichts gegeben hat: allen voran die ständigen Zeitrafferszenen wirken recht plump und lächerlich. Schließlich gipfelt der Film nicht mal mit einer Moral und/oder einem großen Knalleffekt. Während La Noce und Pédico, nunmehr gleichrangige Partner im politischen Betrieb, weiterhin ihre Machenschaften treiben, ist Albertini zu Cocós Zuhälter geworden und schickt sie solange auf den Strich bis ihm ein anderer Zuhälter per Faustschlag die Lichter ausbläst. Immerhin, in dieser letzte Szene kann man GIOVANNONA COSCIALUNGA eins nicht vorwerfen: dass er nicht doch, auf seine ganz eigene verschrobene Weise, realistisch wäre.
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