Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon buxtebrawler » 1. Feb 2011, 15:49

Luigi Bazzonis Ausnahme-Giallo aus dem Jahre 1971 mit Franco „Django“ Nero in der Hauptrolle ist ein unheimlich durchästhetisiertes Meisterwerk in Sachen Cinematographie. Kameramann Vittorio Storaro, der später „Apocalypse Now“ drehte, zieht von der ersten Sekunde an sämtliche Register und setzt die Drehorte, insbesondere ihre Architektur, überaus stilvoll in Szene, dass man sich in den Bildern, die passend zur Stimmung des Films düster, kalt, abweisend und traurig, dabei aber seltsam faszinierend wirken, verlieren möchte und die eigenwillige Atmosphäre in sich aufsaugt. Die sparsam, zurückhaltend eingesetzte Filmmusik von Maestro Ennio Morricone unterstreicht die Atmosphäre geschickt und erzielt durch die zahlreichen ruhigen, gänzlich ohne musikalische Untermalung auskommenden Szenen, eine noch intensivere Wirkung. Bei meinen Gedanken an diese ihrer Zeit voraus wirkende, perfekt subtile Emotionen hervorrufende Gestaltung durchfährt mich eine Gänsehaut. Die Geschichte des Films weist viele Giallo-typische Versatzstücke auf; so gibt es einen Mörder mit einem undurchsichtigen Motiv, der unerkannt meuchelt, einen mehr oder weniger durch Zufall involvierten Mann, der auf eigene Faust Ermittlungen anstellt und selbst in den Verdacht der Polizei gerät und schöne Frauen, in diesem Falle in tatsächlich erotischen Szenen anstelle schmierigen Sleazes. Franco Nero mimt den Reporter Andrea, dem der Fall keine Ruhe lässt, bis er selbst in Gefahr gerät und gibt dabei einen klassischen, immer nachvollziehbaren Anti-Helden, der in Frauengeschichten verwickelt ist, gerne mal tiefer ins Glas schaut und den eine melancholische Aura umgibt, die sich auf den Zuschauer überträgt. Eine von Neros eher „leiseren“ Rollen, die er mit Bravour meistert. Dabei drosselt das Drehbuch das Tempo der Handlung stellenweise doch arg, was ohne die meisterliche Atmosphäre, den Stil des Films, sicherlich nicht so ohne weiteres funktionieren würde. So aber gibt man sich der behutsamen Dramaturgie gerne hin und braucht gar keine sonderlich spektakuläre, überraschende Wendung mehr. Inhaltlich ist das, was „Ein schwarzer Tag für den Widder“ bietet, aber grundsolide, nicht unkomplex und keinesfalls langweilig, das Spannungsbarometer köchelt auf kleinerer Flamme beständig vor sich hin. Das Erzeugen der speziellen, unterkühlten Ästhetik wurde nach meinem subjektiven Empfinden in den 1980ern des Öfteren versucht, allerdings selten so erfolgreich wie in diesem Frühsiebziger-Werk. In der richtigen Stimmung und ohne falsche Erwartungshaltung konsumiert, nein, erlebt, ist „Ein schwarzer Tag für den Widder“ ein Genuss der besonderen Art, dem man sich mit Einsetzen des Abspanns am liebsten gleich noch einmal hingeben würde. Dem Drehbuch liegt übrigens eine Literaturvorlage zugrunde, ich wage aber zu vermuten, dass es sich um keinen Groschenroman im gelben Einband gehandelt hat, oder?
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon Nello Pazzafini » 1. Feb 2011, 21:23

Onkel Joe hat geschrieben:Nicolai hat natürlich auch eigenes Material veröffentlicht aber das meiste was er eingespielt hat wurde von Morricone geschrieben und da der Großmeister(der Definitive ein Workaholic gewesen ist) nicht viel Zeit hatte wurden Nicolai und noch andere einberufen seine Musik einzuspielen.Nicolai hat dem ganzen natürlich seinen Persönlichen touch gegeben was natürlich sehr gut kam, sonst hätte sich der Score in 8 von 10 Filmen gleich angehört :mrgreen: .


also Onkel, nicht Bruno mit Ennio vergleichen. Nicolai hat 100te scores geschrieben ohne jeglichen Zutun von Morricone. Es gab eine Phase wo die beiden konstant zusammenarbeiteten, oftmals hat Nicolai Morricone Scores arrangiert, orchestriert bzw. das orchester bei Aufnahmen dirigiert.
Bis zu einem Zeitpunkt wo die beiden im Streit auseinander gegangen sind. Dies blieb bis Nicoali´s Tod leider so und ich habe auch nicht in Erfahrung bringen können was da wirklich passiert ist.
Danach war Nicolai mindestens genauso extrem beim komponieren wie der gute Ennio! Auf seinen labels Edi Pan sowie Gemelli hat er auch viel von seinem Schaffen veröffentlicht.
Es gibt Stücke von Nicolai die sprechen mich noch mehr an als alles von Morricone. Ist aber auch eine Tagesverfassung. Egal, der Soundtrack zum Widder ist einer der wunderschönsten. Die Cerberus Platte ist auch ein Highlight meiner Morricone Sammlung!!!
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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon Onkel Joe » 1. Feb 2011, 21:32

Ich habe sie nicht miteinader verglichen, nur kund getan das Bruno zeitweise der Haus und Hof Sklave vom Altmeister war.Was dann wohl auch zum Streit geführt hat ;), Ennio ist ja ein RECHT haber vor dem Herrn.
Mir sind beide recht und beide haben Ihre Guten wie auch schlechten Seiten.
:prost:
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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon jogiwan » 16. Mär 2011, 17:45

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Der abgehalfterte und dem Alkohol sehr zugeneigte Reporter Andrea Bild (Franco Nero) feiert am Silvesterabend im Kreise von Freunden und Bekannten in einer luxuriösen Hotelbar den anstehenden Jahreswechsel. Darunter befindet sich neben seiner Ex-Freundin Helene (Silvia Monti) und dem einflussreichen Arzt Dr. Richard Bini (Renato Romano) und dessen körperbehinderte Gattin Sophia (Rossella Falk) auch der junge Sprachstudent John (Maurizio Bonuglia), der wenig später beim Nachhauseweg in einem dunklen Tunnel von einem unbekannten Mann überfallen und schwer verletzt wird. Während die Polizei von einem Raubüberfall ausgeht und anhand eines am Tatort gefundenen Handschuhs weiter ermittelt, wittert auch Andrea hinter der ganzen Sache eine Story und ermittelt ebenfalls auf eigene Faust und interviewt die einzigen Zeugen der Tat.

Als wenig später ein weiterer Mord an Sophia verübt wird und am Tatort neuerlich ein schwarzer Handschuh gefunden wird, vermutet Andrea, dass hinter der Tat ein Serienmörder stecken könnte, der auch noch weitere Morde geplant hat. Als der Reporter weiter ermittelt und entdeckt, dass der Ehemann der Ermordeten offensichtlich ein Geheimnis verbirgt, wird er wenig später aufgrund dessen Einfluss von seinem Verleger gefeuert. Doch am Tiefpunkt seiner Karriere angelangt, geschieht ein weiterer Mord im Umfeld von Andrea und der Reporter forscht weiter, obwohl er längst selbst zu einem Verdächtigen geworden ist. Gemeinsam mit seiner Ex-Freundin versucht er hinter das Geheimnis der scheinbar willkürlichen Morde zu kommen und hat später auch eine Idee, die ihn geradewegs selbst in das Visier des Killer geraten lässt.

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In meinem kurzen Text zu dem Früh-Giallo „La Donna del Lago“ habe ich ja schon bemängelt, dass Regisseur Luigi Bazzoni in seiner Karriere neben einem Kurz- und Dokumentarfilm leider nur fünf Filme realisiert hat, unter denen sich neben zwei Western auch drei stylische Hochglanz-Gialli befinden, die allesamt großartig und auch in meiner persönlichen Giallo-Top10 sind. Während in dem 1965 entstandenen „La Donna del Lago“ ein Schriftsteller in der Schaffenskrise an einem Ferienort einem Verbrechen an einem jungen Mädchen auf die Spur kommt, entgleitet die Hauptdarstellerin Florinda Bolkan in „Spuren auf dem Mond“ aus dem Jahre 1975 immer mehr in ihre Wahnvorstellungen, was ebenfalls großartig in Szene gesetzt wurde.

Liest man jedoch die Kritiken zu „Ein schwarzer Tag für den Widder“ so sind diese oftmals etwas verhalten, was ich mir beim besten Willen nicht erklären kann. „Giornata nera per l’arete“ mag zwar inhaltlich nicht zu den besten Gialli zählen, ist aber optisch ein derartiger Leckerbissen, sodass man dem Film das etwas behäbige Tempo gerne verzeiht. In dem 1971 entstandenen Streifen ist atemberaubende Siebziger-Architektur so derart schön eingefangen und mit einem wunderbaren Score von Ennio Morricone unterlegt, dass ich dem Streifen auch ohne seiner eigentlichen Geschichte schon eine Wertung im oberen Bereich geben würde.

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Auch die Kriminalgeschichte ist durchaus nett ausgefallen und überrascht ungeeichte Zuschauer sicherlich mit einer kleinen Überraschung im actionreichen Finale. In dem Streifen gibt es aber neben der eigentlichen Mördersuche auch noch zahlreiche Nebenplots, wie z.B. das ambivalente Verhältnis von Andrea Bild zu Frauen und seinen Vorgesetzten, oder die Sache mit Dr. Bini, was den Streifen sicherlich auch etwas unübersichtlich macht und in Kombination mit dem ruhigen Erzähltempo nicht jeden ansprechen dürfte. Aber auch wenn die Auflösung nicht jeden ansprechen würde und durchaus etwas konstruiert wirkt, ist „Ein schwarzer Tag für den Widder“ meilenweit von trashigen Filmen wie „Labyrinth des Schreckens“ oder „Die Nacht der langen Messer“ entfernt.

Müsste ich einen direkten Vergleichsfilm finden, würde ich wohl noch am ehesten „Profondo Rosso“ wählen, in denen ebenfalls der Stil über die eigentliche Geschichte triumphiert und der Zuseher von imposanten und eindrucksvollen Bildern förmlich erschlagen wird. Auch in „Fifth Cord“ - so der englische Titel – gibt es lange und schwelgerische Kamerafahren und absolut eindrucksvolle Einstellungen, sowie das ständige Spiel zwischen Licht, Schatten und Reflektionen, die von dem geschulten Auge des Architekten und ehemaligen Regie-Assistenten zeugen, vor allem die schönen Dinge des Lebens ins rechte Licht zu rücken.

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Darstellerisch begeistert der Streifen dann mit einem Dreamcast, in der vor allem Franco Nero als etwas schmieriger Reporter mit Alkoholproblem glänzen darf. Mit Silvia Monti („Lizard in a woman´s skin“) und Pamela Tiffin stehen ihm gleich zwei wundervolle Frauen zur Seite und auch die bezaubernde Ira von Fürstenberg ist wie immer eine absolute Augenweide, auch wenn ihre Auftritte bzw. Abgang leider nur relativ kurz gehalten sind. Mit Rossella Falk („Der schwarze Leib der Tarantel“), Maurizio Bonuglia („Eye of the Hurricane“), Renato Romano („Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“) und dem englischen Schauspieler Edmung Purdom gibt es weitere beliebte Schauspieler, die aus italienischen Genre-Filmen nicht wegzudenken sind.

Unterm Strich ist „Ein schwarzer Tag für den Widder“ ein absolut stylisher Giallo mit tollen Darstellern, der auf der optischen Ebene auch voll und ganz überzeugt und die Augen des aufgeschlossenen Zuschauers mit schönen Bildern förmlich verwöhnt. Inhaltlich kann der Streifen dann zwar nicht ganz so überzeugen, bietet aber dennoch eine kurzweilige Geschichte mit einem netten Aha-Moment im Finale, die Fans kaum enttäuschen wird. Eine zweite Sichtung ist aber definitiv empfohlen, da man erst bei mehreren Durchgängen in den vollen Genuss der beeindruckenden Bilder kommen wird. Die Darsteller sind jedenfalls wie die Inszenierung absolut top und auch die Musik von Morricone schlichtweg wunderschön und sowieso und überhaupt ist eine würdige deutsche Veröffentlichung dieses grandiosen Filmes schlichtweg überfällig: 9,5/10 Punkten

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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon Onkel Joe » 16. Mär 2011, 22:28

jogiwan hat geschrieben:BildBild



Die Bilder die du ausgesucht hast sind sehr gut gewählt, diese zwei hier sind mit die besten Shots auf ewig die je in Giallos zu sehen waren.Für mich gibts nur noch 4-5 weitere aus anderen Filmen die annähernd die Qualität dieser aussagekräftige Bilder haben. :prost:
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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon untot » 17. Mär 2011, 02:34

Die Brille!! :lol:
So in etwa müssen Fanbrillen aussehen! :mrgreen:
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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon Operazione Bianchi » 17. Mär 2011, 04:28

Ich finde den Film trotz Edel-Optik und erstklassigem Soundtrack insgesamt nur mittelmäßig ... wie schon erwähnt wurde sehr stylisch inszeniert aber in Sachen Inhalt oder Spannung eher beschissen ! Franco Neros Performance ist auch nicht gerade überzeugend ... um nicht zu sagen miserabel ! Ein Paradebeispiel von Style over Substance !
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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon Onkel Joe » 17. Mär 2011, 09:29

Operazione Bianchi hat geschrieben:Franco Neros Performance ist auch nicht gerade überzeugend ... um nicht zu sagen miserabel ! Ein Paradebeispiel von Style over Substance !


Ich fand das Nero ziemlich gut rüberkommt, das ist aber ganz klar immer geschmackssache.
Muss aber auch ganz ehrlich sagen das ich den Film beim ersten anschauen net wirklich prickelnd fand.
Der wächst je öfter mal Ihn schaut und mit anderen Filmen vergleicht ;) .
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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon jogiwan » 17. Mär 2011, 09:33

Ich hab an der Leistung vom ollen Franco eigentlich auch nix zu bemängeln. Seine Rolle als abgehalfteter Sensations-Schreiberling mit Alkoholproblem ist ja wohl bewusst etwas ambivalent gehalten...
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Re: Ein schwarzer Tag für den Widder - Luigi Bazzoni (1971)

Beitragvon Nello Pazzafini » 25. Feb 2012, 12:37

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