Die Waffe, die Stunde, das Motiv - Francesco Mazzei

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Die Waffe, die Stunde, das Motiv - Francesco Mazzei

Beitragvon horror1966 » 18. Mär 2013, 18:06

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Die Waffe, die Stunde, das Motiv
(L'Arma, l'ora, il movente)
mit Renzo Montagnani, Bedy Moratti, Eva Czermerys, Salvatore Puntillo, Claudia Gravy, Alcira Harris, Arturo Trina, Adolfo Belletti, Amaldo Bellefiore, Francesco D'Adda, Gina Mascetti, Maurizio Bonuglia
Regie: Francesco Mazzei
Drehbuch: Francesco Mazzei / Mario Bianchi
Kamera: Giovanni Ciarlo
Musik: Francesco De Masi
keine Jugendfreigabe
Italien / 1973

Der Mord an dem gütigen Pater Don Giorgio gibt Kommissar Boito Rätsel auf. Noch bevor das Motiv erkennbar wird, geschieht ein weiterer Mord in der Umgebung des Paters.


Auch der zweite Film aus der gerade erschienenen Giallo Collection von Koch Media ist eine deutsche DVD-Premiere und anscheinend gab es diesen eher unbekannten Genre-Vertreter noch nicht einmal auf VHS zu begutachten. Umso schöner ist es deshalb, das man den Film von Francesco Mazzei nun endlich begutachten kann, offenbart sich doch eine gelungene Kombination aus Giallo-und Drama, das auch teilweise kritisch mit der katholischen Kirche ins Gericht geht. Zu Beginn braucht die Story zugegebenermaßen ein wenig Anlaufzeit um so richtig in die Gänge zu kommen, wobei das Geschehen jedoch zu keiner Zeit langatmig oder gar uninteressant erscheint. Dennoch gewinnt das Ganze merklich an Klasse, als endlich mit Renzo Montagnani der ermittelnde Kommissar auf der Bildfläche erscheint, der dem geschehen durch seine ganz eigene Art einen persönlichen Stempel aufdrückt. Die Zeichnung des intelligenten Ermittlers ist dabei sehr gut gelungen und seine Methoden erscheinen phasenweise sogar etwas außergewöhnlich und stellen zudem das Salz in der Suppe dar. Ihm zur Seite steht sein Assistent Moriconi, der das genaue Gegenteil seines Vorgesetzten darstellt und in der Rolle des klischeebeladenen Trottels eine wunderbare Figur abgibt, die auch für einige humorige Momente verantwortlich zeichnet.

Ansonsten war es das aber auch schon mit der witzigen Seite des Szenarios, das sich neben einer interessanten Kriminal-Geschichte auch mit der Doppel-Moral der Kirche beschäftigt und diese des Öfteren eindrucksvoll ins Bild setzt. Dabei steht der Mord an einem jungen Pfarrer im Vordergrund, der gleich 2 Affären mit verheirateten Frauen hatte und sich dann immer selbst für seine Sünden gegeißelt hat. Auch wenn die Polizei bei ihren Ermittlungen ziemlich lange im Dunkeln tappt, so liegt das Motiv für die Tötung doch für den Zuschauer recht offensichtlich auf der Hand. Auch die Identität des Killers ist dabei nicht wirklich im Verborgenen und dürfte insbesondere für Kenner des Genres unmittelbar auf der Hand liegen. Zudem gibt es immer wieder diverse Anhaltspunkte die auf eine ganz bestimmte Person abzielen, die sich dann letztendlich am Ende auch als Mörder offenbart. Diese Indizien werden hauptsächlich von einer bestimmten Figur der Geschichte eingestreut auf die ich nicht näher eingehen möchte, die jedoch durch ihr Verhalten eine ganz klare Tendenz erkennen lässt.

Erstaunlicherweise mangelt es der Geschichte dennoch nicht an der nötigen Spannung, um den Betrachter für sich zu gewinnen, denn obwohl Mazzei ziemlich offensichtliche Spuren in Richtung des Killers legt, kann man sich doch fast die gesamte Laufzeit über nicht vollkommen sicher sein, ob man mit den eigenen Vermutungen auch richtig liegt. Und so kann man sich trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit der Ereignisse an einem gelungenem Film erfreuen, dessen Inszenierung ein wenig von den ansonsten handelsüblichen Genre-Kollegen abweicht. So handelt es sich in vorliegendem Fall um keine wirklich Serie von Morden, denn lediglich 2 Menschen werden Opfer des Mörders. Zum anderen verleiht die Hintergrund-Thematik der kirchlichen Doppel-Moral dem ganzen eine unglaublich faszinierende Note und drückt dem Geschehen den Stempel des Dramas auf, der absolut passend erscheint.

Es ist schon absolut erstaunlich wenn man sieht, wie viele kleine Film-Juwelen eher unbeachtet vor sich hin dümpeln, bevor sie endlich einmal auf DVD veröffentlicht werden. Auch "Die Waffe, die Stunde, das Motiv" ist durchaus in diese Kategorie einzuordnen, denn auch wenn sich der Film eventuell nicht mit den absoluten Grüßen des Genres messen kann, so bietet er allerbeste-und kurzweilige Unterhaltung. Mazzei's Werk siedelt sich meiner Meinung nach auf jeden Fall oberhalb des Durchschnitts an und ist durch die Genre-Kombination aus Giallo-und Drama zudem noch ein recht außergewöhnlicher Vertreter seiner Art. Allein dieser Aspekt sollte einen neugierig machen und dem Film endlich die Beachtung schenken, die er aufgrund der vorhandenen Klasse definitiv verdient hat.


Fazit:


"Die Waffe, die Stunde, das Motiv" ist vielleicht nicht unbedingt ein Meisterwerk, kombiniert jedoch 2 verschiedene Genres unheimlich gut miteinander. Mit ein wenig Anlaufzeit offenbart sich eine äußerst spannende Geschichte, an der man als Fan auf jeden Fall seine Freude hat. Ich fühlte mich bestens unterhalten und kann nur eine absolute Empfehlung für diesen Film aussprechen.


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Re: Die Waffe, die Stunde, das Motiv - Francesco Mazzei

Beitragvon untot » 5. Apr 2013, 15:53

Ich mochte den Film richtig gerne!
Mir gefällt wenn sich die Handlung in einer Art abgeschotteter Umgebung abspielt, hier ein Kloster mit einer Schule für Jungen.
Die Handlung ist spannend und keine Minute langweilig, wenn man sich auch schon recht früh denken kann wie die Geschichte ausgehen wird.
Trotzdem schadet das dem Sehvergnügen in keinster Weise, die Drehorte sind wunderbar und die Atmo ist zu jeder Zeit stimmig.
Darstellerisch ist auch nix auszusetzen, dicke Empfehlung meinerseits! :thup:

8/10
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Re: Die Waffe, die Stunde, das Motiv - Francesco Mazzei

Beitragvon Arkadin » 8. Apr 2013, 17:38

Aus meiner Review der Koch Media Giallo Collection:

Der junge und gutaussehende Pater Don Giorgio (Maurizio Bonuglia) unterhält sexuelle Beziehungen mit gleich zwei verheirateten Frauen. Als er seine Affäre mit Orchidea (Bedy Moratti) beenden will, wird er in seiner Kirche erstochen. Der Waisenjunge Ferruccio (Arturo Trina) beobachtet den Mord, schweigt aber gegenüber der Polizei. Kommissar Boito (Renzo Montagnani) übernimmt den Fall und verliebt sich dabei in Orchidea. Da geschieht ein weiterer Mord…

„Die Waffe, die Stunde, das Motiv“ ist ein weiterer, eher unbekannter Giallo, der bisher nicht auf DVD veröffentlicht wurde. 1984 hatte er seine Premiere im DDR-Fernsehen, woher auch die etwas hölzerne Synchronisation stammen dürfte. Wie „Tödliche Erbschaft“ rekrutieren sich die Darsteller aus weniger bekannteren Gesichtern, die zumeist auch nicht im Genre Zuhause waren. Die Hauptrolle spielt Renzo Montagnani, den man aus einigen Sex-Komödien kennen könnte. Unter den weiblichen Darstellern fallen Bedy Moratti und Eva Czemerys auf, die mit ihren herben Erscheinungen nicht gerade konventionellen Schönheitserwartungen entsprechen, aber mit offenherzigem Körpereinsatz und vor allem einer Menge Charisma im Gedächtnis bleiben. Schade, dass Bedy Moratti nur auf eine Handvoll Filmauftritte kommt. Einzig die hochattraktive Claudia Gravy, deren Schönheit hier leider überwiegend unter einer Nonnentracht versteckt bleibt, kennt man aus Paoloa Caveras ungewöhnlichem Western „Willkommen in der Hölle“.

Warum „Die Waffe, die Stunde, das Motiv“ ein FSK18 bekam, ist nicht so leicht nachvollziehbar. Wahrscheinlich stammt die Alterseinstufung noch aus der Zeit seiner Kinoaufführung. An den Gewaltszenen dürfte es nicht liegen. Diese sind zwar – dank SFX-Hexenmeister Carlo Rambaldi – schmackig, aber nicht besonders exzessiv. Vielmehr dürften die Damen und Herren der FSK damals große Probleme mit der Kirchenfeindlichkeit des Filmes gehabt haben. Der hübsche Pfarrer Don Giorgio ist ein triebgesteuerter Gigolo, welcher nicht nur Affären mit gleich zwei verheirateten Frauen hat, sondern auch seinen Glauben vorschiebt, um eine der beiden zum Teufel zu jagen. Zwar leistet er Buße, indem er sich mit einer Peitsche selbst kasteit, aber man wird das Gefühl nicht los, dass ihm dies ein masochistisches Vergnügen bereitet. Ähnliches lässt sich über die Nonnen sagen, die sich in einer merkwürdigen, nicht ganz in den Film passenden, Szene mit der Peitsche selber bestrafen. Ob für unkeusche Gedanken, eine Affäre mit Don Giorgio (was nicht ausgeschlossen ist) oder weil sie untereinander ihre fleischlichen Gelüste befriedigen, sei einmal dahingestellt. Gefilmt wurde das Ganze eher wie eine große Orgie, als wie ein Strafgericht.

Der kleine Arturo Trina , der als Findelkind bei den Nonnen aufwächst, macht auch nicht gerade einen gesunden und glücklichen Eindruck. Sein winziges Zimmerchen gleicht einer Gefängniszelle, der einzige familiäre Kontakt ist der zu der Lehrerin, die ihn ab und zu besucht. Und die merkwürdige Medizin, die ihm verabreicht wird, wirkt ebenfalls wenig vertrauenerweckend. Hier wird eine junge Seele durch die unmenschliche Maschinerie der Kirche verbogen. Kein Wunder, dass er sich am Ende ähnlich intrigant verhält, wie es Don Giorgio tat.

Renzo Montagnani in der Rolle des Kommissars verhält sich sehr untypisch, ja, manchmal auch unverständlich und wirkt auf den ersten Blick fehlbesetzt. Andererseits führt dies auch zu einer gewissen Unsicherheit gegenüber den Motiven dieses Charakters, was sich gut in die allgemein paranoide, kalte und „ungute“ Stimmung des Filmes einfügt. Ungewöhnlich auch die Entscheidung des Regisseurs Francesco Mazzei, fast gänzlich auf ein wichtiges Giallo-Element zu verzichten, nämlich der Musik. Zwar hat er mit Francesco De Masi einen berühmten Komponisten engagiert, verzichtet aber beinahe vollständig auf Filmmusik. Was dem Film einen sehr ruhigen, sachlichen – fast neorealistischen Ton gibt. Man darf allerdings auch nicht verhehlen, dass „Die Waffe, die Stunde, das Motiv“ über weite Strecken auch etwas behäbig wirkt. Für Mazzei blieb „Die Waffe, die Stunde, das Motiv“ die einzige Regiearbeit. Er produzierte eine Handvoll Filme, für die er auch das Drehbuch schrieb, dann verschwand er 1974 wieder von der Bildfläche.

Als Grundlage für diese DVD stand ganz offensichtlich nur eine alte 35mm Kopie zur Verfügung. Diese befand sich in nicht gerade optimaler Kondition. Immer wieder weist das Ausgangsmaterial Bildfehler und fehlende Einzelbilder auf. Einmal erscheint links sogar sekundenlang ein dicker grüner Laufstreifen. Ich muss sagen, dass mich dies nicht sonderlich stört, da ich generell diesen „gebrauchten Kino-Look“ ganz gerne mag. Ich kann aber auch gut verstehen, wenn einige Käufer sich darüber beschweren werden. Wahrscheinlich war nirgendwo ein besseres Master aufzutreiben (möglicherweise erklärt dies auch, warum die Box immer wieder verschoben wurde), und ich für meinen Teil bin froh, dass der Film überhaupt veröffentlicht wurde. Der Ton klingt etwas blechern und die ostdeutsche Synchro ist von der eher preisgünstigen Sorte. Daneben gibt es noch ein 10-minütiges Interview mit Salvatore Puntillo, der im Film eine Nebenrolle spielt. Puntillo kommt dabei zwar sehr sympathisch rüber, hat aber nicht viel Erhellendes zum Film und den Dreharbeiten beizutragen.


Screenshots und mehr über die "Koch Media Giallo Collection": http://www.filmforum-bremen.de/2013/03/ ... on-teil-1/
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Re: Die Waffe, die Stunde, das Motiv - Francesco Mazzei

Beitragvon Onkel Joe » 26. Apr 2013, 22:09

Ganz netter Film, mir gefällt Renzo hier am besten, seine Art und Weise hat etwas einzigartiges.
Wie soll ich aber diesen Film bewerten ohne Ihm unrecht zu tun :?.Mazzei hatte einfach keine ahnung von dem Sing/Sang eines Directors und somit fehlt es irgendwie an allen Ecken.Egal, kleines Filmchen aber nett.
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Re: Die Waffe, die Stunde, das Motiv - Francesco Mazzei

Beitragvon jogiwan » 28. Apr 2013, 12:32

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Der junge Kaplan Don Giorgio (Maurizio Bonuglia) ist aufgrund seiner lockeren Art nicht nur bei den Schulkindern seines Klosters beliebt, sondern verdreht mit seinen attraktiven Äußeren auch der Frauenwelt gehörig den Kopf. So unterhält der Seelsorger und Musiklehrer auch Beziehungen mit der Medizinerin Orchidea (Bedy Moratti), der Gattin des Architekten Aristide, der sich der Renovierung des Konvents verschrieben hat, sowie auch deren besten Freundin Giulia (Eva Czemerys), die von dem jungen Geistlichen nicht genug bekommen kann und den Mann drängt, seinen Berufung als Priester aufzugeben.

Als sich Don Giorgio nicht nur zunehmend dem Druck der Öffentlichkeit und dem Klatsch der Leute ausgesetzt sieht, sondern auch von seinem beiden Affären in der Öffentlichkeit zunehmend bedrängt wird, versucht der Mann seinen Glauben mit Selbstgeißelung wieder zu festigen und beendet kurze Zeit später seine Beziehung zu Orchidea. Diese reagiert fassungslos und versucht den Kaplan wieder für sich zu gewinnen und als er auch die Affäre mit Julia lösen möchte, setzt diese den Mann ganz unverhohlen unter Druck.

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Wenig später wird Don Giorgio während dem Orgelspiel in der Kirche mit einem spitzen Gegenstand ermordet und die Tat von dem jungen Waisen Ferruccio (Arturo Trina) beobachtet, der sich darüber jedoch ausschweigt. Niemand im Kloster kann sich so recht erklären, warum der gütige Seelsorger ermordet und der Ermittler Boito (Renzo Montagnani) und seine Männer verdächtigen auch rasch den Hausbesorger Anselmo (Adolfo Belleti), der bereits einige Jahre im Zuchthause verbracht hat und in Untersuchungshaft genommen wird, obwohl er seine Unschuld beteuert.

Im Zuge der Ermittlungen präsentieren sich Boito von fremdgehenden Frauen, gehörnten Ehemännern und zugeknöpften Nonnen auch zahlreiche Tatverdächtige, die allesamt ein Motiv haben und für die fragliche Tatnacht jedoch kein Alibi vorweisen können. An der charismatischen Orchidea hat Boito jedoch erhöhtes Interesse und der Ermittler verliebt sich in die Frau, die ebenfalls Interesse an dem forschen Polizisten erkundet. Während sich die beiden näher kommen, geschieht jedoch ein weiterer Mord im Umfeld der hübschen Frau, die ihre Unschuld ebenfalls nicht beweisen kann…

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Mit seinem einzigen Werk „Die Waffe, die Stunde, das Motiv“ hat Regisseur Francesco Mazzei einen Streifen abgeliefert, der zwar allgemein unter dem Titel „Giallo“ gelistet wird, aber der im Verlauf seiner Handlung auch noch andere Genres wie „Nunploitation“ und Drama streift und sich auch in anderer Weise von üblichen Giallo-Strickmustern abhebt. Leider jedoch für mein Empfinden nicht in unbedingt positiver Weise und anstatt eine übliche „Whodunnit“-Geschichte zu erzählen und im hübschen Ambiente zu schmissiger Musik den Verdacht geschickt von einer Person auf die andere zu lenken, lässt der Regisseur den Zuschauer weitgehend etwas zu sehr im Dunkeln tappen.

Statt der etwas konstruiert-wirkenden Kriminalgeschichte, die sich mit dem ersten Mord auch recht lange Zeit lässt, stehen auch eher die dramatischen Figuren und ein Szenario im Vordergrund, dass man durchaus als religionskritisch bezeichnen könnte und symptomatisch für seine Entstehungszeit gilt, in der Autoritäten zunehmend moralisch hinterfragt wurden. Das Kloster und die geistlichen Figuren werden ja als durchaus seltsame Wesen präsentiert, die sich fleischlichen Genüssen hingeben oder sich selbst auf blutige Weise kasteien. Letztere Szenen passen dann auch irgendwie nicht so recht zu einem Werk aus der Giallo-Kiste und irgendwie wirkt „Die Stunde, die Waffe, das Motiv“ auch stets wie eine etwas unglücklicher Genre-Mixtur, die nie so recht weiß, was es denn eigentlich sein möchte.

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Der ganze Streifen ist dann auch eher systemerhaltend ausgefallen und richtige Begeisterung wollte sich bei meiner Sichtung auch nicht wirklich ausgefallen. Zwar ist „Die Stunde, die Waffe, das Motiv“ nicht unbedingt schlecht ausgefallen, aber das Genre und auch die Drama-Kiste bieten doch dutzende Vertreter, die allesamt besser ausgefallen sind, auch wenn es nach untenhin auch noch viel Luft gibt. Irgendwie fehlt aber der Charme vergleichbarer Werke und die lahme Erzählweise, die unspektakulären Setting, das Fehlen von bekannten Gesichtern und der spärliche Einsatz von Musik machen Mazzeis Streifen dann auch eher zu einem Werk für fortgeschrittene Italo-Fans, während Giallo-Neueinsteiger so wohl eher weniger dem gelben Virus erliegen werden.

In der Hauptrolle agiert Renzo Montagnani als Kommissar und Sympathieträger, der trotz etwas enger und nicht immer funktionaler Kleidung stets eine recht gute Figur abgibt. Auch Bedy Moratti mit ihren großen und traurigen Augen ist in ihrer tragischen Rolle recht glaubwürdig und Claudia Gravy sorgt trotz Nonnentracht für den erotischen Aufputz. Das bekannteste Gesicht ist aber sicherlich Maurizio Bonuglia als Don Giorgio, der mit „Der schwarze Tag des Widders“ und „The Perfume of the Lady in Black“ aber in zwei Gialli mitgespielt hat, die allesamt wesentlich besser ausgefallen sind und dennoch hierzulande noch nicht auf DVD veröffentlicht wurden.

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Die Bildqualität im Rahmen der „Koch Media Giallo Collection“ ist ebenfalls eher nicht so prickelnd, wirkt farblos mit leichtem Grünstich und lässt sich wohl am besten mit dem Prädikat „Grindhouse“ beschreiben. Die deutsche Sychnro, die wohl von einer DDR-Ausstrahlung herrührt ist recht passabel und wer sich „L’arma, l’ora, Il movente“ lieber im Original anschauen möchte, hat samt optionaler Untertiteln in Deutsch auch die Möglichkeit dazu. Abgerundet wird der mit einer FSK-18-Freigabe auch viel zu hoch versehene Silberling mit einem elfminütigen Interview mit Nebendarsteller Salvatore Puntillo (und nicht dem am Cover angegebenen Francesco Mazzei) und einem Poster mit einem längeren Text von „Amer“-Regisseuren Héléne Cattet und Bruno Forzani.

Unterm Strich ist „Die Waffe, die Stunde, das Motiv“ ein eher durchschnittlicher Giallo und durchwachsenes Vergnügen, das im Vergleich zu den beiden anderen Filmen der Box auch der schwächste Vertreter der hier präsentierten Dreierpackung darstellt. Mit seiner Mischung aus Krimi und arthousigem Drama, sowie Anleihen beim „Nunpolitation“-Genre und Satire hat Francesco Mazzei auch meinen Geschmack nicht gänzlich getroffen und der Charme von sonstigen Genre-Highlights ist hier auch nur beschränkt vorhanden. Zwar muss man mittlerweile über jede neue Giallo-VÖ dankbar sein muss, aber für den Auftakt einer hoffentlich noch zahlreich fortgesetzt werdenden Reihe ist der etwas behäbige Gialli dann sicher nicht die perfekte Wahl.

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Re: Die Waffe, die Stunde, das Motiv - Francesco Mazzei

Beitragvon Prisma » 16. Feb 2015, 12:45



DIE WAFFE, DIE STUNDE, DAS MOTIV

● L'ARMA, L'ORA, IL MOVENTE / DIE WAFFE, DIE STUNDE, DAS MOTIV (I|1972)
mit Renzo Montagnani, Bedy Moratti, Eva Czemerys, Salvatore Puntillo, Claudia Gravi sowie Arturo Trina und Maurizio Bonuglia
eine Produktion der Julia Film
ein Film von Francesco Mazzei


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»Ich habe nichts gesehen, ich bin im Dienst!«


In einem Kloster ereignet sich ein entsetzlicher Mord. Der junge Kaplan Don Giorgio (Maurizio Bonuglia) wird dort von den Schwestern erstochen aufgefunden, und das Motiv liegt zunächst im Dunkeln. Bei seinen schwierigen Ermittlungen stellt Kommissar Boito (Renzo Montagnani) fest, dass es sich bei dem Ermordeten um einen Herrn mit allzu weltlichen Gedanken gehandelt hat, denn er hatte einige Affären. So erschließen sich nun einige Tatmotive und die Verdächtigen geben sich die Klinke in die Hand. Geschah das Verbrechen aus Eifersucht oder kommen die gehörnten Ehemänner für die Tat in Frage? Der Mörder gerät jedenfalls schon bald unter Druck, da das bestialische Verbrechen von einem Unbekannten beobachtet wurde...

Bei dieser Produktion von 1972 hört sich der Plot zunächst eigentlich recht interessant an. Der Einstieg ist rasant, so dass man sich schnellstens und unmittelbar im Szenario wiederfindet, doch womit nicht zu rechnen war ist, dass der Film plötzlich komplett umkippt. Regisseur Francesco Mazzei inszenierte einerseits recht klassisch, doch andererseits auch ziemlich unverständlich, was im Endeffekt viel auffälliger in Erscheinung treten wird. Für Giallo-Verhältnisse bekommt man es schlussendlich mit einem eckigen Beitrag zu tun, der vor Langeweile nur so strotzt, und darüber hinaus zu viele Unklarheiten im Aufbau und den Rahmenbedingungen transportiert. Offenbar gesellschaftskritisch angelehnt, versagt dieses Sammelsurium an psychischen Störungen auf ganzer Linie und hinterlässt nicht nur einen unbequemen, sondern vor allem einen überaus geschmacklosen Eindruck. Dass der Film unterm Strich tatsächlich anders ausgefallen ist, und sich durch seine Abgrenzungstaktik hervorzuheben versucht, hinterlässt nicht den gewünschten Aha-Effekt, sondern regt nur noch mehr zum Vergleichen innerhalb des Giallo-Orbit an, und lässt in Windeseile zahlreiche schwache Beiträge ausfindig machen, die ebenfalls ungeniert anders sein wollten, aber im Vergleich wesentlich eingängiger geworden sind. Das Potential der Schauplätze und des Tatortes Kirche wurde leider komplett vertan, genau wie die Steilvorlagen gewisser Charaktere. Es ist nichts zu machen, "Die Waffe, die Stunde, das Motiv" ist in überaus eindeutiger Manier ermüdend und verschwenderisch ausgefallen. Die Besetzung birgt Licht- und Schattenseiten.

Renzo Montagnani (mir eher bekannt aus Filmen rund um albernes Sex-Gerangel), prägt das Szenario nicht nur sehr begrüßenswert, er hält es meistens auch zusammen. Sein Kommissar Boito wirkt authentisch und sympathisch, außerdem verfeinert er das Geschehen mit einigen sarkastischen und amüsanten Einlagen. Auch dass er keineswegs unfehlbar ist, wird im Verlauf mehr als deutlich. Insgesamt bleibt diese Kommissar-Figur nicht gerade uninteressant, verliert mit dem fortlaufenden Film allerdings massiv an Überzeugungskraft, da er die unliebsame Aufgabe zugeschoben bekam, die Schwächen einiger anderer Charaktere zu kompensieren, was ihm natürlich nicht gelingt. Die Spitzenkandidatin für diesem Vorwurf ist selbstverständlich niemand anders als Bedy Moratti in der weiblichen Hauptrolle, die in jeder Beziehung hoffnungslos uninteressant wirkt. Sie ist entweder von allem etwas zu viel, oder zu wenig, jedoch nicht im positiven Sinne. Hätte man für ihre Orchidea eine Person zur Verfügung gehabt, die eine Sympathieträgerin aus dem Bilderbuch gewesen wäre, hätte man auch den Film in vollkommen andere Bahnen lenken können. Moratti wirkt daher beliebig austauschbar und stellt eine schwerwiegende Fehlbesetzung dar. Wenn man dann noch mit anderen Giallo-Damen vergleicht, erscheint sie bald unerträglich. Ihre Neurosen ermüden, ihre nymphomanischen Anwandlungen langweilen; ihre ganze Erscheinung, mit ihrer offensiv angelegten, jedoch nur fadenscheinig und unglaubwürdig herausgearbeiteten Charakter-Tiefe, wirkt letztlich befremdlich. Maurizio Bonuglia als Kaplan mit eher weltlichen Gelüsten weiß da schon besser zu gefallen, wobei er im Endeffekt auch nur einen sehr verzerrten Anstrich bekommen hat. Ein besonders gravierender Fall von Abneigung rief bei mir dieses entsetzliche, und offensichtlich zutiefst psychisch gestörte Kind Ferruccio hervor, welches bezüglich der Darstellung die abenteuerlichste Entgleisung darstellt.

Das Problem dieses Films ist, dass er sich in viel zu vielen Sequenzen quasi selbst vergisst, und viele ungewöhnliche Attacken startet, die über das Ziel hinausgehen. Was mit dem Tatort Kirche begonnen hatte, und dem anfänglichen Empfinden nach kritisch angelegt sein sollte, entpuppt sich lediglich als versteckter Griff in die Sex-Mottenkiste. Sicher, für einen anständigen Giallo natürlich unabkömmlich oder sogar wünschenswert, aber hier erscheinen beispielsweise die Selbstgeißelungsszenen oder voyeuristische Etappen eher unappetitlich. Folglich gibt sich der Film mit fortlaufender Zeit auch immer aufdringlicher und verliert beinahe sein ganzes Interesse an einer logischen, nachvollziehbaren Auflösung. Die Kamera gibt sich oftmals sehr viel Mühe und schafft es, die teils wirklich vorhandene, düstere Atmosphäre nach Kräften zu unterstützen, doch verliert sich dann meistens im Veranschaulichen von irgend welchen Belanglosigkeiten. Die Musik gibt sich dezent, wirkt wenn es darauf ankommt sehr angemessen dosiert und untermalt sozusagen die eher stumpfe Thematik sehr sicher oder sogar sachlich. Genretypische Wendungen, Irrungen und falsche Fährten sorgen gegebenenfalls wieder für etwas Aufmerksamkeit, die sich jedoch keineswegs auf einem konstanten Niveau befinden wird, auch die Momente, in denen Spannung aufkommt, sind einfach zu übersichtlich ausgefallen. Alle Hoffnungen liegen nach diesem holprigen Verlauf also auf einem hoffentlich spektakulären Finale, welches die Erwartungen aber nicht erfüllen kann. Geboten bekommt man eine wahrhafte Metamorphose, die mit fesselnden Bildern beginnt, plötzlich in Geschmacklosigkeiten abdriftet, und in Vorhersehbarkeit gipfelt. Den Rest gibt einem dann das schwachsinnig angebahnte Happy-End. Also, die Waffe ist bekannt, die Stunde konnte auch rekonstruiert werden, nur das Motiv hat die Regie keineswegs interessiert, und wurde bis auf einige fadenscheinige Andeutungen schließlich beinahe komplett ignoriert. Leider weitgehend misslungen.
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Re: Die Waffe, die Stunde, das Motiv - Francesco Mazzei

Beitragvon karlAbundzu » 16. Jan 2016, 17:04

DIE WAFFE, DIE STUNDE, DAS MOTIV (1973) auf DVD
R: Francesco Mazzei, D: Bedy Moratti, Claudia Gravy, Eva Czemerys, Maurizio Bonuglia, Arturo Trina, Renzo Montagnani, Salvatore Puntillo
M: Francesco De Masi
Sehr langsam behäbig erzählt, so dass er mich nicht richtig mitriss. Abgesehen von einigen Szenen, z. B. die ausgestopfte Tier – Szene in Psycho-Manier oder die Nonnen geißeln sich-Szene.
Der Krimi ist nicht besonders pfiffig konstruiert und fängt eigentlich auch erst nach der Hälfte an, als der zweite Mord passiert.
Interessant, dass er trotzdem eine kalte paranoide Stimmung hat, man denkt oft, dass da noch etwas Größeres dahinterstecken muss.
Schlimm, was den Murmel-Kind so passiert: Bekommt ständig komische Spritzen, wird fast von einem Kruzifix erschlagen, läuft durch eine Tür hinter der kein Boden ist, hängt am Abgrund…
Am interessantesten ist die Rolle und deren Darstellung von Orchidea; von ihrem Mann in der Ehe vergewaltigt, sucht sie ihr Wohl erst im Bett des Priesters und dann des Kommissars (bzw. im Bett eines merkwürdigen Nachmittag-Cafes mit Hinterzimmer. Einziger Dialog zwischen Kommissar und Cafe-Haus-Besitzerin „Mein Sohn ist in Haiti.“ K: „In Tahiti?“ „Nein, Haiti.“ Abgang Frau…). Das spielt Eva Czemerys toll und glaubwürdig. Der Kommissar ist leider in seiner Polizeiarbeit zu naiv, aber in seiner Zerrissenheit und leichten Verunsicherung spielt das Renzo Montagnani gut.
Wenig gialliges (die Stimung, der zweite Mord, die Geheimnisse, der Klosterkeller), eher ein Whodunnit - Krimi mit leicht kirchen-kritischen Tönen über die negativen Folgen der Dogmen.
jogiwan hat geschrieben: solange derartige Filme gedreht werden, ist die Welt noch nicht verloren.
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Re: Die Waffe, die Stunde, das Motiv - Francesco Mazzei

Beitragvon Il Grande Racket » 1. Mär 2016, 00:23

Ich mag den, vor allem wegen Renzo Montagnani, den kaum ein Wässerchen trüben kann. Der Film gibt über die Spielzeit einige recht deutliche Hinweise auf die Auflösung, lullt einen aber teils dermaßen ein, dass diese schwer zu fassen sind. Die Kirchen-kritischen Einsprengsel reißen den Film immer wieder aus seiner Lethargie und halten das Interesse an dem Geschehen aufrecht. Nicht besonders aufregend oder spannend, aber irgendwie sympathisch. 6,5/10
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