Love - Gaspar Noé (2015)

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Love - Gaspar Noé (2015)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 12. Nov 2016, 00:27

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Originaltitel: Love

Produktionsland: Frankreich / Belgien 2015

Regie: Gaspar Noé

Darsteller: Aomi Muyock, Karl Glusman, Klara Kristin, Gaspar Noé

Vier sich teilweise ergänzende, sich teilweise widersprechende Thesen zu Gaspar Noés Film LOVE:

1. Gaspar Noés LOVE ist ein bescheidener Film.
Schön in ihrer Schlichtheit und schlicht in ihrer Schönheit ist die Eröffnungsszene. Ein Mann und eine Frau liegen gemeinsam auf einem Bett. Er stimuliert langsam ihre Klitoris, sie hat die Hand an seinem Penis, den sie genauso langsam reibt. Irgendwann ejakuliert er, unspektakulär, still und leise. Die Kamera fängt diese gegenseitige Masturbation von einem fixen Standpunkt aus ein. Sie urteilt nicht, überdramatisiert nicht. Das sind einfach nur zwei Menschen, die Sex miteinander haben.
Sie heißt Electra, er heißt Murphy. Kennengelernt haben sie sich in Paris, wo sie lebt und er hingezogen ist. Sie hat irgendwas mit Kunst zu tun, er ist Austauschstudent aus Amerika und möchte Filme aus Blut, Tränen und Sperma drehen, wie er ihr bei einem ihrer zahlreichen Spaziergänge erklärt. Sie leben in einer Blase, scheint es, und müssen weder einkaufen gehen noch irgendwie Geld verdienen, nicht mal in Hörsälen sieht man ihn. Stattdessen haben sie oft und ausgiebig Sex, und hängen in Clubs ab, und nehmen Drogen von Blunts bis zu Kokain. Über ihre familiären und sozialen Hintergründe wird sich ebenfalls ausgeschwiegen. Wichtiger ist Murphys Lieblingsfilm. Er ist ziemlich entsetzt, als Electra ihm gesteht, Kubricks 2001 nie gesehen zu haben. Sein Appartement ist ein Museum von Filmpostern. Alles, was Rang und Namen hat, blickt uns von den Wänden mit großen Augen an: Tod Brownings FREAKS, und Fritz Langs M, und Pasolinis SALÓ. Auch dabei ist, was keinen Rang und einen schlechten Namen hat, zum Beispiel D’Amatos EMANUELLE IN AMERICA oder Morrisseys FLESH FOR FRANKENSTEIN.
Die Tage, Wochen, Monate ziehen dahin. Electra und Murphy lieben sich, streiten sich, vertragen sich wieder, lieben sich umso mehr. Was ist Deine ultimative Sex-Phantasie?, fragt er sie. Ihre Antwort ist so schlicht und schön wie ihr gesamtes Liebesleben, das sich durch kaum Extreme, nur durch extreme Leidenschaft auszeichnet: Einmal mit einem anderen Mädchen ins Bett springen. Murphy erwidert: Im Ernst? Das ist auch meine ultimative Sex-Phantasie! Schnell ist ein Opfer gefunden: Die neue Nachbarin Omi, die die Beiden unten bei den Briefkästen im Hausflur ansprechen und spontan zum Essen einladen. Die Gespräche, die sie führen, sind schlicht und schön. Ja, ich bin gegen Abtreibung, sagt Omi, als Murphy sie fragt, denn ihre eigene Mutter habe sie nicht bekommen wollen, und hätte sie abgetrieben, säße sie jetzt nicht hier bei ihnen. Aber wie kann man gegen Abtreibung sein, wenn man, wie wir, Fleisch isst?, fragt Murphy und verweist auf ihre vollen Teller. Kurz darauf wird schon wieder geschwiegen. Man liegt auf Murphys Bett, kifft elegisch, beginnt sich allmählich anzunähern, erst ein Kuss, dann zwei, und irgendwann sind sie alle drei nackt und Murphy streift sich ein Kondom über, und Electra liebkost Omis Brüste, und Omi liebkost Murphys Hintern.
Der Sex in LOVE ist echt wie er nur sein kann. Jede Vagina wird tatsächlich penetriert, jedes Glied tatsächlich zum Ejakulieren gebracht. Trotzdem unterscheidet sich Noés Vision der Sexualität weit von den Bildern handelsüblicher Pornofilme vom Anbeginn der Kinematographie bis zu Youporn. Der Sex in LOVE ist echt wie er nur sein kann. Da wird nicht übertrieben gestöhnt, da werden keine verrückten Posen ausprobiert, da fehlt die SM-Gerte genauso wie irgendwelche Monster-Dildos. Es sind einfach nur Körper, die sich vereinigen, so wie in jedem Schlafzimmer. Die Kamera urteilt nicht, überdramatisiert nicht. Trotzdem ist das Ganze natürlich überaus ästhetisch eingefangen. Die Körper entsprechen den gängigen westlichen Schönheitsidealen, das stimmt. Aber die Ästhetik entspricht Schlichtheitsidealen, wie sie die westliche Pornographie schon lange vergessen hat. Noé bringt es immer wieder in Interviews auf den Punkt: Für mich ist ein Penis genauso ein Körperteil wie eine Hand. Wieso sollte ich ihn nicht genauso filmen wie diese?
Electra verreist, Murphy bleibt zurück, und hat am gegenüberliegenden Fenster dauernd Omi vor der Nase. Es kommt wie es kommen muss, zu Sex, zu einem gerissenen Kondom, zu einer Schwangerschaft, zur Trennung zwischen Electra und Murphy, die ihm seinen Treuebruch nicht verzeihen kann oder will. Omi bringt einen kleinen Jungen zur Welt, zieht bei Murphy ein, und der, der Electra nie aus dem Kopf bekommt, lebt sich hinein in ein Familienleben, das er in seinem Innersten ablehnt. Alles, was ihm bleibt: Etwas Gras, versteckt in einer VHS-Hülle von Noés erstem Langfilm SEUL CONTRE TOUS.
LOVE ist klassisches narratives Kino. Nicht mehr möchte dieser Film als uns Charaktere nahebringen, eine Geschichte erzählen, über die ewigen Themen Liebe, Lust und Leiden. Seine expliziten Sexszenen sind nicht so sehr Selbstzweck – und nehmen sowieso höchstens eine Viertelstunde von über zwei Stunden Laufzeit ein -, sondern fügen sich harmonisch in die Handlung ein. LOVE ist unspektakulär, still und leise. Falls sich jemand wirklich von seinen Sexszenen vor den Kopf gestoßen fühlt, hat er wohl noch nie ein Liebesnest von innen gesehen.

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2. Gaspar Noés LOVE ist ein effekthascherischer Film.
Immer diese Gimmicks. Man könnte fast meinen, Noé wolle mit ihnen einen substantiellen Mangel seiner Filme überspielen. Die linear-invertierte Struktur und der vermeintlich fehlende Schnitt von IRRÉVERSIBLE. Die Überlänge und die Tatsache, dass er im Grunde fast nur aus endlosen Kamerafahrten durchs Lichtermeer Tokios besteht, von ENTER THE VOID. Nun nicht nur LOVE, sondern LOVE in 3D. Noé ist wohl der einzige Regisseur, der bei dieser Technik als Erstes daran denkt, sein Publikum mit cum-shots direkt in die Kameralinse zu beglücken – und, wenn ich meine 3D-Brille trage, über die Linse hinaus mitten in mein Gesicht hinein.
Diese Ejakulationen stehen symptomatisch für einen Film, der sich auf einer technischen Idee ausruht, und denkt, mehr Inhalt bräuchte es nicht, den Zuschauer zu befriedigen. Offensichtlich ist nämlich: Jedes Bild in LOVE ist ganz darauf hin komponiert, dass es für den dreidimensionalen Blick am effektivsten wirken soll. Stets befinden sich die Protagonisten im Bildvordergrund, fast wie bei einer Theatersituation, und dahinter eröffnen sich Hintergründe in unterschiedlichen Abstufungen, in unterschiedlichen Farben, alle dazu da, um dem Auge zu schmeicheln. LOVE wird, wenn diese Ästhetik natürlich ihre Wirkung in vollstem Maße erzielt und wohl jeder sich nach der oben erwähnten full-frontal Ejakulation erstmal reflexartig über die Wange wischt, dadurch aber zu einem Film, dessen Substanz komplett seinen Formalitäten zum Opfer fällt.
Noé war noch nie ein Regisseur, der glaubhafte Figuren konstruiert hat. Stets sind seine Helden blass, schablonenhaft. Am meisten erfahren wir noch darüber, wie sie gern mit wem ins Bett hüpfen. Auch komplexe Geschichten liegen dem Mann nicht. Das, was in den drei Stunden von ENTER THE VOID passiert, hätte man auch in einer Viertelstunde erzählen können. Im Vordergrund steht deshalb stets sein unbedingter Stilwillen. Manche Dinge müssen bei Noé einfach in einem Film drin sein: Ein paar Anspielungen auf seine Lieblingsfilme, Großaufnahmen von flirrenden Lampen, Sperma, Blut und Tränen. Im Falle von LOVE hat sich das Repertoire jedoch mittlerweile ziemlich erschöpft: Über weite Strecke dokumentiert der Film eine völlig belanglose Alltagsliebesbeziehung zwischen jungen, hippen Leuten, die scheinbar mehr mit ihren Geschlechtsteilen als mit Herz oder Kopf denken. Prätentiös wirken die gefühlten tausend Filmposter in Murphys Appartement, die uns mit Titeln wie Fritz Langs M oder Griffiths BIRTH OF A NATION oder Scorseses TAXI DRIVER einen Anspruch entgegenschreien, von dem es in LOVE weitgehend mangelt. Prätentiös, oft unbeholfen, manchmal peinlich sind die Dialoge. Themen wie Vegetarismus oder Pro/Contra-Abortion sind da noch das Tiefgründigste, was herumkommt. Sowieso scheint Noé, wenn er nicht gerade seine Darsteller zu echten sexuellen Handlungen dirigiert hat, vor allem damit beschäftigt gewesen sein, seine Plattensammlung zu durchforsten. Die Tonspur wirkt fast wie ein Tarantino-Mixtape. Da ist viel aus Filmen – das Kinderlied aus Argentos PROFONDO ROSSO zum Beispiel, oder die pathetische Finalmusik aus Angers LUCIFER RISING -, und ein paar Disco-Beats, und John Frusciante, und was von Bach und Satie. Das schmeichelt dem Ohr, und die Bilder schmeicheln den Augen, sicher. Aber seine inhärente Leere kann LOVE nicht über zwei Stunden hinter einer ansprechenden Fassade verstecken.
Es scheint überhaupt zu sein, dass Noés überbordende Persönlichkeit ihm selbst dabei im Wege steht, endlich mal einen Film zu drehen, der von mehr handelt als von Drogen, Sex und Filmen. Nicht nur, dass das Kind, das Murphy und Omi bekommen, unbedingt Gaspar getauft werden muss, oder dass eine VHS-Hülle seines ersten Langfilms SEUL CONTRE TOUS als Versteck für Murphys Marihuana herhält, Noé höchstpersönlich beehrt den Film zweimal mit seiner physischen Anwesenheit, wenn er Electras Ex-Lover spielt. Der ist ein Künstler wie aus dem Klischee-Bilderbuch: Voller blöder Exzentrik, mit Händen, die magnetisch von jedem Frauenarsch angezogen werden, und Toupet auf dem eigentlich kahlen Kopf. Wenn der eifersüchtige und betrunkene Murphy ihm eins mit der Flasche überzieht, ist das nicht als Selbstkritik gemeint. Gaspar Noé feiert sich selbst am meisten, und zwar so sehr, dass LOVE im Rückblick beinahe mehr wie ein Werk der Autoerotik wirkt. Da hat sich jemand einen auf sich selbst runtergeholt, und zwar in exquisiten 3D-Bildern.

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3. Gaspar Noés LOVE ist ein irrelevanter Film.
Banal und plakativ ist die Eröffnungsszene. Ein Mann und eine Frau liegen gemeinsam auf einem Bett. Er stimuliert langsam ihre Klitoris, sie hat die Hand an seinem Penis, den sie genauso langsam reibt. Irgendwann ejakuliert er, unspektakulär, still und leise. Die Kamera fängt diese gegenseitige Masturbation von einem fixen Standpunkt aus ein. Sie urteilt nicht, überdramatisiert nicht. Das sind einfach nur zwei Menschen, die Sex miteinander haben.
Gaspar Noé war noch nie, mit Ausnahme vielleicht, wenn man ganz viel Gnade walten lassen will, von CARNE und SEUL CONTRE TOUS, ein besonders politischer Regisseur. Sein Themenfeld ist eng umsteckt: Drogen, Sex, Filme. Natürlich sei es ihm gegönnt, seit nunmehr zwei Dekaden seinen persönlichen Präferenzen kinematographische Denkmäler setzen zu dürfen. Zu sagen hat er mit diesen trotzdem nichts – und während IRRÉVERSIBLE oder ENTER THE VOID, wenn auch weitgehend substanzlos, immerhin noch formell und ästhetisch ihre Momente hatten, so gerät LOVE zum völligen Leerlauf auf allen Ebenen. Das heißt nicht, dass er ein schlechter Film ist, oder ein Film, der wehtut. Genau das aber ist sein Problem: LOVE ist ein Film, den niemand braucht, weil es ihn schon gibt, tausendfach, seit Beginn der Filmgeschichte.
Murphy ist fünfundzwanzig und Amerikaner. Er will Regisseur werden. Natürlich muss er hierfür nach Paris, wo die Wiege der Nouvelle Vague steht. Dort trifft er, gutaussehend und gutbestückt, auf Elektra. Sie haben Sex, nehmen Drogen, quatschen über Filme. Dass Murphy sich mit Mitte Zwanzig in Paris ein eigenes Appartement leisten kann, zeugt dabei genauso von Noés offensichtlicher Realitätsferne wie, dass man seine Protagonisten Elektra, Murphy und später Omi, die zu beiden ins Bett steigt, niemals außerhalb der Kiste oder Wohnungen voller selbstzweckhafter Filmplakate zeigt. Noés Helden müssen keiner Arbeit nachgehen, sich nicht irgendwo mühsam ihre Miete verdienen, ihr Kühlschrank füllt sich von selbst, und wenn überhaupt, dann hängen sie auf elitären Kunstausstellungen oder in angesagten Clubs herum. Es ist eine reine Kunstwelt, die LOVE da um seine blassen, belanglosen Figuren herum aufbaut, eine Welt wie aus einem Modemagazin, bestehend aus einer Oberfläche, an der man nicht mal zu kratzen braucht, und schon lässt sie ihre Leere klaffen. In einer Zeit, in der die Fronten sich verhärten und Europa, je nach Perspektive, seinem Untergang oder seiner Befreiung entgegenkippt, auf jeden Fall aber eine schwere Krise erlebt, hat Noé noch immer nichts weiter zu erzählen als dass da Schwänze sind, die in Muschis versinken, und Gras, das in VHS-Hüllen seines Langspielfilmdebuts versteckt wird, und Kondome platzen und irgendwer irgendwen verlässt und irgendwer mit irgendwem Kinder kriegt.
Aber das ist symptomatisch für eine sogenannte Arthouse-Filmindustrie, die sich lange von ihren Wurzeln entfernt hat. Wo in den 60ern, als es aus der Wiege der Nouvelle Vague noch schrie und plärrte, Regisseure offen gegen den Vietnamkrieg protestierten oder soziale Themen lang und breit in ihren Filmen thematisierten oder sich gleich marxistischen Kollektiven anschlossen, um die kinematographische Infrastruktur der sogenannten Dritten Welt aufzubauen, da ist der Autorenfilm im Jahre 2015 stehengeblieben bei Ejakulationen in Kameralinsen und pubertären Liebesproblemchen von ungebildeten, unsympathischen, unpolitischen Leuten, deren Horizont beim nächsten One-Stand-Night, bei der nächsten Party-Cocktail und beim nächsten Marihuana-Kauf endet.
Wo nun eigentlich die Provokation ist?, fragt man sich nach zweieinhalb Stunden Gesprächen, Geschlechtsverkehr und Ganja. LOVE tut nicht weh. LOVE erregt nicht. LOVE erzählt eine blöde Geschichte in zugebenermaßen hüb-schen Bildern und unsimuliertem Leinwand-Sex. Die wahre Provokation wäre gewesen, hätte Noé auch außerhalb der Balzereien seiner Protagonisten einmal Stellung bezogen – zu Themen, die heute mehr als je wirklich relevant sind.

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4. Gaspar Noés LOVE ist ein Liebesfilm.
Das frühe Kino ist exhibitionistisch, noch nicht voyeuristisch. Das sagt zumindest Tom Gunning in seinem berühmten Essay zum Jahrmarktskino der Attraktionen, das alles, was es an Reizen hat, seinem Publikum unverblümt vor die Füße wirft. Erst ab den 1910er Jahren beginnt das Kino allmählich damit, uns zu Voyeuren zu machen, uns vergessen zu lassen, dass wir gerade eine Illusion anschauen, uns mit unsichtbaren Schnitten, fiktiven Problemen und hübschen Dekors einzulullen. ENTER THE VOID, Gaspar Noés letzter Film, stand, meine ich, vollkommen in der Tradition dieses Attraktionskinos. Ohne falsche Scham hat er seinen Schauwerten von Anfang an alles andere untergeordnet – seine Figuren, seine Geschichte, seine Plausibilität – und genau damit den Teil des Publikums, der sich darauf einlassen konnte oder wollte, von Anfang an verzaubert. Staunend konnte man den wilden Kamerafahrten durch die Clubs, die Straßen, die verranzten Wohnungen Tokios folgen, sich in einer Vagina von einem ejakulierenden Penis bespritzen lassen, im Finale in einer Hyper-Rausch-Vision des Finales von Antonionis ZABRISKIE POINT zahllosen kopulierenden Paaren zeitgleich in einem Miniatur-Hotel namens LOVE zuschauen können.
Genau diese Hotel-Miniatur taucht auch in Noés neustem Film auf. Sie steht im Zimmer von Murphy, unserem Helden. Er kommt aus den USA, will in Paris studieren, irgendwann Filme aus Blut, Tränen und Schweiß drehen, so wie Noé selbst. Im Fokus von LOVE steht aber, anders als in ENTER THE VOID, eine recht simple, nahezu lineare Geschichte wie sie alltäglicher nicht sein könnte: Murphy verliebt sich in Electra und Electra verliebt sich in Murphy und irgendwann beschließen beide, Nachbarin Omi in ihr oft frequentiertes Bett zu holen, und Murphy schwängert Omi, und Electra trennt sich von Murphy, und der verkraftet das nie – denn, wie es in einer Texttafel zu Beginn heißt, Murphys Law bedeutet, dass alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Den Unterschied zu LOVE kann man schon hier leicht erkennen: Wo dieser eben gar kein narrativer Film sein wollte, sondern ein affizierender Film, der über Emotionen, Bilder, Momente funktioniert und nicht über Figuren, psychologisch aufeinander aufbauenden Handlungen oder eine nacherzählbare Geschichte, da ist LOVE in gewisser Weise das genaue Gegenteil – so, als habe Noé, nachdem er mit dem Vorgänger dem frühen Kino der Jahrmärkte, der Varietés und der Nickelodeons seine Reminiszenz erwiesen hat, nun das Gleiche mit dem frühen Erzählkino machen wollen.
Die Themen von LOVE sind universell. Dieser Film handelt von der Menschheit immanenten Dingen: von gebrochenen Herzen, Fehlentscheidungen im falschen Moment, Leidenschaft, die zu groß wird, und von einer Liebe, von der man einfach nicht lassen kann, wider alle Vernunft. Deshalb siedelt Noé die Handlung auch in seinem ganz eigenen Paralleluniversum an, in dem jede Zimmerwand geschmückt ist von Filmpostern, in denen die Figuren keinem geregelten Leben nachgehen, sondern ausschließlich Sex haben, Drogen nehmen und über ihre Gefühle reden, und in dem eine bis zum Extrem getriebene 3D-Ästhetik zusätzlich den Eindruck erweckt, man würde einem Remake von Kubricks 2001 in einem Nouvelle-Vague-Kontext zuschauen. Zärtlich und ehrlich wie nie zeichnet Noé die Liebesverstrickungen seiner drei Protagonisten. Es stimmt, die reine Fabel könnte einem Hollywood-Melodram der 20er, 30er entlehnt sein, die Umsetzung aber räumt auf mit jeder Melodramatik, und behält stets die Bodenhaftung – so wie Noés Kamera selbst, die, müde von den Rasereien in ENTER THE VOID, die Schauspieler fast ausnahmslos frontal beäugt. Ihr Blick ist dabei ein milder, nie verurteilender, selbst in den unsimulierten Sexszenen nie obszöner. Es scheint, als sei Noé auf seine alten Tage beinahe altersmilde geworden.
Altersmilde möglicherweise wie Michael Haneke, dessen letzter Film AMOUR nicht nur Titelähnlichkeit mit LOVE besitzt, sondern auch sonst die eine oder andere Gemeinsamkeit aufweist. Beide Filme spielen in Pariser Wohnungen, beide Filme sind Kammerspiele, die auf konzentriertem Raum über die tiefste menschliche Bindung sprechen, beide Filme blenden soziale, politische, ökonomische Probleme vollkommen aus. Zumindest bei Haneke weiß man, dass das ein Kunstgriff ist, um die Essenz seines Themas – das menschliche Alter, Krankheit, Tod und wie ein Mensch damit umgeht, wenn all das einem Geliebten widerfährt – herausarbeiten zu können. In gewisser Weise sind AMOUR und LOVE damit wie zwei Teile eines Diptychons, von dem der eine Seitenflügel auf die Liebe unter dem Zeichen der Vergänglichkeit verweist und der andere auf die Liebe in Zeiten, als sie sich unsterblich glaubt. AMOUR ist nüchtern, kühl, weise. LOVE ist lebhaft, leuchtend rot, juvenil bis zum Exzess.
Wenn Gaspar Noé so weitermacht, den richtigen Spagat zwischen Subversion, Narration und visuellem Overkill zu finden, stehen uns noch einige Großtaten bevor. Sein selbstironischer Auftritt als abgehobener Künstler und Electras Ex-Freund mit grauer Perücke und auf Frauenhintern fixierten Händen ist übrigens allein schon einen amüsierten Blick wert.

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Re: Love - Gaspar Noé (2015)

Beitragvon purgatorio » 8. Jul 2017, 09:55

Hab den Film gestern gesichtet. Sperrig aber doch wenig anstrengend, unaufgeregt und doch verschlossen, vielleicht oberflächig mehr, als die Geschichte tatsächlich hergibt. Ich denke noch drüber nach. Aber gelangweilt habe ich mich nie.
Interessehalber hab ich mir nach der Sichtung die ersten 10 Minuten nochmal mit dem Audiokommentar von Stiglegger angesehen. Erschütternd, wie wenig er beim Sprechen mit den Bildern interagiert oder ihnen auch mal Raum gibt. Konsequenz: die berauschend eigenartige Eröffnungssequenz wird total gelangweilt zersabbelt und sofort mit irgendwelchen Filmverweisen zerstört... und schon hatte ich die Lust verloren, mir das weiter anzuhören. Wie läuft das? Muss man bei einem Audiokommentar immer sprechen? Ich hätte mich während des Vorspanns kurz vorgestellt und dann gesagt, dass die Eröffnungssequenz für sich sprechen soll. Man beachte die unaufgeregte Kamera, die weder werten noch erregen möchte. Sie stellt einfach statisch die zwei Hauptcharaktere und ihre Interaktion vor. - Fertig, schweigen und mit dem Rezipienten gemeinsam wirken lassen. Ich würde schon durch den Film, seine Bildsprache, seine Charakteristika und Verweise führen etc., aber man muss doch auch wissen, wann man mal die Klappe halten soll. Wenn das so durchgezogen wird, wie es beginnt, ist es eine Vorlesung, die von nervigen Bildern gestört wird. Ich höre eigentlich nie Audiokommentare - jetzt weiß ich auch wieder warum :lol: Ich weiß, 10 Minuten reichen nicht für ein Urteil. Aber wenn man nach 10 Minuten keine Lust mehr hat, spricht das doch Bände :|
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