Innocence - Lucile Hadzihalilovic (2004)

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Innocence - Lucile Hadzihalilovic (2004)

Beitragvon sergio petroni » 19. Okt 2017, 18:25

INNOCENCE

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Originaltitel: Innocence

Alternativtitel: L'Ecole

Herstellungsland-/jahr: FRA/BEL/GB 2004

Regie: Lucile Hadzihalilovic

Darsteller: Zoé Auclair, Laisson Lalieux, Astrid Homme, Lea Bridarolli, Ana Palomo-Diaz,
Bérangère Haubruge, Olga Peytavi-Müller, Marion Cotillard, Hélène de Fougerolles,
Véronique Nordey, Corinne Marchand, Sonia Petrovna, ...

Story: Umgeben von einem Wald, dessen beleuchtete Pfade nicht verlassen werden dürfen, befindet sich ein Mädcheninternat. Der Stundenplan beinhaltet Ballett- und Biologieunterricht. Wie alle Neuen, wird auch die sechsjährige Iris in einem Sarg eingeliefert. Von den anderen Mädchen wird sie in das tägliche Leben eingewiesen. Die Mädchen verbleiben in dem Internat, bis sie alt genug sind. Dies wird durch die Farbe der Haarschleife gezeigt. Das Farbspektrum reicht von rot für die Neuankömmlinge, über blau bis zu lila für die, die das Internat bald verlassen werden. Die einzige Möglichkeit, das Internat früher zu verlassen besteht darin, von der Dame, die jedes Jahr in das Internat kommt, auserwählt zu werden. Zu den Mädchen, die das wollen, gehört auch Alice...
(quelle: ofdb.de)
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Re: Innocence - Lucile Hadzihalilovic (2004)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 4. Jan 2018, 12:05

Nachdem ich kürzlich endlich ihren neusten Spielfilm ÉVOLUTION genießen durfte, habe ich mir nun noch einmal Lucile Hadzihalilovics Langfilm-Debut INNOCENCE von 2004 zu Gemüte geführt, den ich mindestens zehn Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Trotz der langen Zeit, die wir uns nicht gesehen haben, erkannte ich sofort wieder, was es damals gewesen ist, das mich so sehr in den zauberhaften Bann dieses manirierten Märchens für Erwachsene gezogen hat.

Wie ÉVOLUTION über ein Jahrzehnt später beginnt INNOCENCE mit dem Anfang jeden Lebens, dem Element Wasser. Nur ist es hier kein Ozean, in dessen Tiefsee-Schönheit Hadzihalilovic mich unvermittelt hineinstößt, sondern ein Wildbach, von dessen sprudelnden Wellen ausgehend wir Schritt für Schritt an das bizarre Internat herangeführt werden, in dem die Adaption einer Erzählung von Frank Wedekind – MINE-HAHA aus dem Jahre 1904 – für seine zwei Stunden Laufzeit spielen wird. Vorpubertäre Mädchen sind dort untergebracht, umgeben einzig von zwei jüngeren Lehrerinnen - Madame Eva und Madame Edith -, und Greisinnen, die die Hauswirtschaft besorgen. Jedes von ihnen ist in einem Sarg dorthin gelangt, und jedes von ihnen hat sich früher oder später, trotz Erinnerungen an ein vorheriges Leben, an Eltern, an eine Welt jenseits des Waldes und des schlossähnlichen Schul- und Wohngebäudes mit seinen beleuchten Wegen, die man nicht verlassen darf, in die Gruppe integriert. Man hat viel Freizeit, schwimmt im Waldsee, klettert auf Bäume, mobbt einander, hegt Eifersüchteleien – alles wie im normalen Leben. Anders ist nur die Absenz jedweder Mannsperson, dafür aber die unsichtbare Präsenz einer direktorialen Übermutter, die in bestimmten Intervallen die Fortschritte prüft, die die Mädchen in der Disziplin des Balletts machen, und bei jedem ihrer Besuche eine von ihnen herauspickt, um sie mit sich zu nehmen – wozu auch immer, wohin auch immer. Zu sehen sind ältere Herren nur, wenn die alljährliche Serpentinentanzaufführung des Internats stattfinden. In einem Theatersaal sitzen sie auf den Emporen und werfen den Kindern Blumen zu. Es heißt, Madame Edith, die hinkt, habe sich ihren Gehfehler zugezogen, weil sie als Kind aus dem Internat habe fliehen wollen. Madame Eva bekommt beim gemeinschaftlichen Mittagessen einen Heulkrampf, und muss von ihrer Kollegin getröstet und zur Ordnung gerufen werden. Dazwischen probt eins der Mädchen ebenfalls die Flucht, und kommt mit dem leckgeschlagenen Boot nicht weit. Ein anderes muss die schmerzliche Erfahrung einer zurückgewiesenen Liebe machen, und versenkt eine Rose im See. Ein drittes setzt alles daran, dieses Mal zu den Ausgewählten zu gehören, die die Direktorin mit sich nimmt - wohin auch immer, wozu auch immer. Bis zum vieldeutigen Finale – es endet, wie auch sonst?, in einer Wasserfontäne, und zählt wohl zu den ergreifendsten Filmenden, die ich jemals gesehen habe: nach der Zweitsichtung des Films nun erst recht! – geschieht allerdings nicht viel mehr in dieser beunruhigend stillen, von einem somnambulen Schnitt und einer meditativen Montage unendlich langsam dokumentierten Welt, die anmutet wie eine Mixtur aus SUSPIRIA (wegen der Ballett-Thematik, und der Beleuchtung, bei der die Primärfarben Rot und Grün dominieren) und einem in einem hermetischen Paralleluniversum angesiedelten Remake von MÄDCHEN IN UNIFORM (wegen des Topos einer schwer über allem liegenden Ordnungsmacht, gegen die aufzubegehren einen ihre Gewalt nur umso stärker fühlen lässt, und der Konzentration auf ein festliches Ereignis, das jedoch zuallererst nicht dem Vergnügen der Mädchen dienen soll, sondern der Affirmation der bestehenden Herrschaftsverhältnisse.)

Hadzihalilovic lässt ihrem Film jede Tür und jeden interpretatorischen Zugriff seines Publikums offen. Wo ihr langjähriger Lebens- und Arbeitspartner Gaspar Noe gerne mit dem Holzhammer agiert, und seine Zuschauerschaft an die Grenzen des physisch und psychisch Ertragbaren prügelt – die Vergewaltigungsszene in IRREVERSIBLE, die 3D-Cum-Shots in LOVE, ganz zu schweigen von dem zweieinhalbstündigen LSD-Trip, der ENTER THE VOID darstellt -, bevorzugt Hadzihalilovic die Töne, die so leise sind, dass man sie kaum hört, die Leerstellen, die so viel sagen, dass man es kaum versteht, die Andeutungen, die so zart sind, dass man sie kaum wahrnimmt, und kommt letztendlich zum gleichen aufwühlenden Endergebnis auf Seiten des emotional überwältigten Rezipienten. Denn so schön INNOCENCE auch anzusehen ist, so voller klatschnasser, quiekender Mädchenkörper, sich in tausend Tropfen auflösender Bachwellen und todtraurigen, ernsten, verliebten Blicke, die beredsamer sind als alle Worte, so sehr verstört dieser Horrorfilm ganz ohne expliziten Horror gerade durch seine betonte Schlicht- und Harmlosigkeit. Ein Subtext, der von zermalmenden Machtdiskursen handelt, von der Ausbeutung kindlicher Sexualität, von korsettartigen Geschlechterrollen nämlich ist für mich zwar nicht sichtbar, dafür aber umso deutlicher in jeder Einstellung zu spüren, in der Hadzihalilovic ihre juvenilen Protagonistinnen zu Gefangenen der Internatsarchitektur, ihrer von außen oktroyierter Alltagsriten oder ganz profan der Enge von Holzsärgen stilisiert. INNOCENCE ist ein lichtdurchfluteter, ästhetisch konsequenter, von hervorragenden Kinderschauspielerinnen getragener Alptraum, der darin seinesgleichen sucht, dass er der neuen französischen Film-Extreme der späten 1990er, frühen 2000er, obwohl er ihr vorgeblich eine verträumte Sommerstimmung entgegensetzt, trotz oder gerade deshalb unheimlich nahekommt.


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Re: Innocence - Lucile Hadzihalilovic (2004)

Beitragvon Adalmar » 5. Jan 2018, 00:54

Die Suspiria-Bezüge sind hier natürlich unverkennbar und Hadzihalilovic bezieht sich auch auf Argento als Inspiration im Interview auf der UK-DVD. Hatte übrigens ganz vergessen, dass Marion Cotillard da mitspielt.

Übrigens wie eigentlich immer eine hervorragende Besprechung!
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Re: Innocence - Lucile Hadzihalilovic (2004)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 5. Jan 2018, 13:02

Adalmar hat geschrieben:Übrigens wie eigentlich immer eine hervorragende Besprechung!


Merci! :verbeug:

Viel Argento steckt, wie ich finde, auch in den Tanzaufführungs-Szenen (siehe meine Abb.3 - man beachte dort, neben der Ausleuchtung, vor allem die augenhöhlenartigen Fenster im Hintergrund mit den schemenhaften Gestalten, die mich unweigerlich an OPERA und PROFONDO ROSSO erinnern.)

Hast Du schon ÉVOLUTION gesehen?
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Re: Innocence - Lucile Hadzihalilovic (2004)

Beitragvon Adalmar » 5. Jan 2018, 22:11

Leider noch nicht, ist aber eingeplant.
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