Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin (1973)

Moderator: jogiwan

Re: Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin

Beitragvon ugo-piazza » 16. Jan 2011, 23:33

untot hat geschrieben:Klar läuft das unter Horror guck mal in die OFDb! ;)


Ich geb nen Scheiß auf die OFDB! :lol:
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin

Beitragvon Salvatore Baccaro » 6. Jun 2011, 20:57

Notizen zu LA ROSE DE FER von Jean Rollin:

1. LA ROSE DE FER ist kein Spielfilm. Jeder, der eine lineare Narration, eine stringente Handlung, oder überhaupt eine Geschichte erwartet, die man in mehr als einem Nebensatz ausdrücken könnte, wird maßlos enttäuscht werden. Meiner Meinung nach zerfällt Rollins Oeuvre grob in zwei Teile. Zum einen hat man da die überaus komplexen, sich in abstrusesten Plots verlierenden und verirrenden Filme wie bspw. LIPS OF BLOOD, zum andern die Werke, in denen es hauptsächlich um das geht, was man sieht, und nicht um den Inhalt, die die malerischen Bilder transportieren wie FASCINATION. LA ROSE DE FER ist hierin wohl der radikalste Film Rollins. Minimalistischer, kammerspielartiger, sich dem Massengeschmack verweigernder geht wohl kaum. Zwei junge Menschen, ein Friedhof, sonst nichts. Bei LA ROSE DE FER entzieht Rollin sich ganz dem morbiden Pomp seiner früheren Filme. LA ROSE DE FER hat keine Mythologie. Der Film steht losgelöst in seinem eigenen Kosmos. Er ist wie ein einziger Ton am Klavier, aus dem nie eine Melodie erwächst, und wenn man sie doch hört, liegt es an einem selbst.

2. Wenn LA ROSE DE FER kein Spielfilm ist, was ist er dann? LA ROSE DE FER ist ein Gemälde. Seine Bilder wechseln zwar, dem Medium Film gemäß, ständig, es herrscht kein Stillstand, alles ist Bewegung, trotzdem fügt sich jeder einzelne Splitter zu einem prächtigen, ruhigen Kunstwerk zusammen, das eins wirkt, ohne Brüche. LA ROSE DE FER ist die Illustration eines Gedichts. Auf mich wirkt der Film immer so, als würde er das bebildern, was man beim Lesen manches Gedichts von Baudelaire oder Rimbaud empfindet, in den zwei, drei Minuten, die man braucht, um von der ersten zur letzten Zeile zu kommen, eine Kamera in die eigene Brust gerichtet. LA ROSE DE FER ist vor allem aber eine Ansammlung von Bildern, nicht mehr, nicht weniger. Rollin zeigt und kommentiert nicht. Lange verweilt die Kamera auf Grabsteinen, Engelsstatuen ohne Köpfe, welken Blumensträußen auf frischen Särgen. Rollin hat alle Zeit der Welt. Im Grunde hebelt er die Zeit sogar aus den Fugen. LA ROSE DE FER ist nicht mal achtzig Minuten lang. Gleichzeitig kommt er einem wie wahlweise zwei Stunden oder fünf Minuten vor, eben weil, nachdem das Liebespaar den Friedhof betritt, nichts rein Äußerliches, nichts, was man in Worten ausdrücken könnte, mehr geschieht. Minutenlang wird nicht gesprochen. Die Kulisse bleibt starr und monoton.

3. LA ROSE DE FER ist einer von Rollins persönlichsten Filmen. Er beginnt an seinem geliebten Strand, den er in so vielen seiner Filme verewigte. Die Kamera fängt ein, was ihn berührt. Rollin liebt Friefhöfe, Gebeine und einsame Kapellen. Den jungen Helden könnte man gar mit ihm selbst gleichsetzen, wenn er, inmitten einer etwas skurrilen Hochzeitsgesellschaft, aus dem Nichts heraus ein Gedicht vorzutragen beginnt. Es stammt aus der Feder von Rollins Lieblingspoeten Corbìere. Man schaut verdutzt, applaudiert ihm amüsiert, der junge Mann setzt sich etwas verlegen wieder hin. Rollin selbst indes verkörpert im Film als unheimlicher Friedhofsbesucher mit verzogenem Gesicht auftauchend das genaue Gegenteil. Ist es zu weit gegriffen, den jungen Gedichteliebhaber als einen Teil seiner Selbst, und den Fratzen ziehenden Buckligen als einen andern verstehen zu wollen?

4. LA ROSE DE FER ist ein Experiment. Sensationell die Bahnhofsszene: ganz offensichtlich ist da alles verlassen, kein Zug rührt sich, trotzdem dröhnen von der Tonspur ständig Ansagen vom Band und die Geräusche einfahrender Züge. Rollin verformt die Realität wie es ihm gefällt. Die Welt, die er zeigt, ist seine eigene. Zu Beginn bekommen wir in Stummfilm-Manier Impressionen der kleinen Stadt präsentiert, in der sich die Liebenden kennen lernen. Kaum etwas Modernes ist in LA ROSE DE FER untergebracht. Die Helden sitzen auf Fahrrädern, nicht in Autos. Ganz im Gegenteil zur Nouvelle Vague, damals schon am Auslaufen, zieht Rollin sich in eine Parallelwelt, einen Mikrokosmos zurück, der eine Vergangenheit einschließt, die so vielleicht nie existiert hat.

5. LA ROSE DE FER ist Poesie. Alles kann etwas bedeuten, nichts muss etwas bedeuten. Was repräsentiert der Friedhof? Will Rollin ein Statement über die Liebe in einer toten Gesellschaft machen? Repräsentiert der Friedhof überhaupt etwas? War es nicht eher so, dass Rollin und seinem Team die pittoreske Optik gefiel und sie den Film in einer Nacht ohne besondere Agenda improvisierten? LA ROSE DER FER wirkt befreiend. Kino wird zu Magie, und von Magie kann man sich verzaubern lassen ohne sich den Kopf zerbrechen zu müssen (vielmehr verdirbt einem das Kopfzerbrechen den Spaß: wie hat nun dieser Trick funktioniert?!, das will niemand wissen...). LA ROSE DE FER ist alles in allem.

6. LA ROSE DE FER ist ein Horrorfilm, sofern man mit Horror das ungemeine Gefühl meint, das einen beschleicht, wenn man sich einer Stimmung gegenübersieht, die man nicht durchschaut und die einen immens bedrängt. Von Anfang an ist da diese schreckliche Melancholie, diese Trauer, als habe man selbst eben erst jemanden zu Grabe getragen, die sich im Laufe des Films in eine beklemmende Atmosphäre verdichtet, die einem einredet, jede Sekunde müsse etwas Schlimmes passieren, etwas, das dann nie eintrifft, denn Rollin spielt mit Erwartungen und torpediert sie dann bewusst damit, dass er weder sie erfüllt noch überhaupt etwas anderes. LA ROSE DE FER ist dabei schön in seiner Reihe von Enttäuschungen. Wenn die Hauptdarstellerin in ihren Monolog verfällt, nachdem sie ihren Liebsten lebendig begrub, fragt man sowieso nicht mehr nach Genreregeln.

7. LA ROSE DE FER ist voller kleiner Details, winziger Photos wie in Medaillons vergangener Zeiten. Da ist der Clown, der einen Blumenstrauß niederlegt, in voller Montur, tieftraurig. Da ist ein Kindersarg voller Knochen. Da ist die alte Frau, die als Letzte den Friedhof verlässt und morgens als Erste dort wieder auftaucht. LA ROSE DE FER ist eine Galerie aus Gemäldedetails, die, leicht übersehbaren Dinge in eine Reihe gestellt, einem vorgaukeln, dieser Film sei eben nicht nur ein Film, sondern das Leben, denn in der Wirklichkeit "ist es ja genau so."

8. LA ROSE DE FER bedeutet mir viel.
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Re: Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin

Beitragvon Vinz Clortho » 7. Jun 2011, 17:36

Salvatore Baccaro hat geschrieben:8. LA ROSE DE FER bedeutet mir viel.


Du, da wär' ich jetzt echt nicht drauf gekommen ... :lol:

Von Rollin kenn' ich bislang nur "Fascination". Der gemeine Engländer würde jetzt vielleicht sagen "It made little bis no SENSE to me". :kicher: Harhar - da schließ ich mich glatt an. Aber nicht nur Sensen - Hupen gab's auch. Und davon nicht zu knapp. Wie kommt es eigentlich, dass Rollins Filme fast immer in irgendwelchen zugigen Gemäuern spielen, die Protagonistinnen jedoch meist nur einen Hauch von Nichts, bisweilen sogar noch weniger anhaben? Das erklär' mir mal einer.

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Re: Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin

Beitragvon buxtebrawler » 7. Jun 2011, 19:51

Vinz Clortho hat geschrieben:"It made little bis no SENSE to me". :kicher:


:mrgreen:
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin

Beitragvon ugo-piazza » 8. Jun 2011, 11:28

Vinz Clortho hat geschrieben:
Salvatore Baccaro hat geschrieben:8. LA ROSE DE FER bedeutet mir viel.


Du, da wär' ich jetzt echt nicht drauf gekommen ... :lol:

Von Rollin kenn' ich bislang nur "Fascination". Der gemeine Engländer würde jetzt vielleicht sagen "It made little bis no SENSE to me". :kicher: Harhar - da schließ ich mich glatt an. Aber nicht nur Sensen - Hupen gab's auch. Und davon nicht zu knapp. Wie kommt es eigentlich, dass Rollins Filme fast immer in irgendwelchen zugigen Gemäuern spielen, die Protagonistinnen jedoch meist nur einen Hauch von Nichts, bisweilen sogar noch weniger anhaben? Das erklär' mir mal einer.

Jungejunge. Und sich später über Blasenentzündung wundern - oder Moos zwischen den Zehen. :opa:


Wer jahrelang in zugigen Gemäuern abhängt, ist abgehärtet genug, dort dann auch in einem Hauch von Nichts gekleidet zu sein.
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Re: Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin

Beitragvon sid.vicious » 13. Jul 2011, 21:15

Es ist wichtig bei Friedhof der toten Seelen mit einer gewissen Grundeinstellung heran zu gehen, da dieses kein Horrorfilm ist, sondern ein Film, der zur eigenen Interpretation aufruft. Wie diese letztendlich aussieht, überlässt Rollin ganz und gar dem geeigneten Zuschauer.

Der eigentliche Horror spielt sich nämlich im Kopf der Hauptdarsteller ab. Mireille Dargents Angstzustände gehen in einen gleichgültigen Wahn über. Francoise Pascals anfängliche Lockerheit in eine Art panischen Wahn.

Wie kommt es dazu?

Rollins 2007 entstandener Film La nuit des horloges, gibt einen ganz wichtigen Hinweis: Es sind die Toten, die von den Lebenden träumen, nicht umgekehrt. Eine Aussage die helfen kann, den Weg zur Interpretation zu finden. Das, was wir innerhalb des Films sehen, kann ein Traum sein, der in einer parallelen Welt geträumt wird und demnach gar nicht real ist, da es sich bei der parallelen Zweitwelt folglich um die eigentlich richtige Welt handelt. Mireille Dargents letzte Aussage innerhalb des Films lautet: Ihr seit alle tot und wir leben. In Anbetracht der dargestellten Situation, kann man definitiv davon ausgehen, dass Mireille Dargent damit, den Weg, in die beschriebene parallele Zweitwelt, meint.

Was die technische Seite des Films anbelangt, so wurde die Kameraarbeit, wie auch die Beleuchtung perfekt in Szene gesetzt. Rollin setzt auf perfekt ausgewählte Locations, sprich einen sehr altertümlichen, französischen Friedhof. Dieser ist ein von Romatik und morbider Schönheit geprägter Platz der Ruhe. Er vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit und Frieden, was allerdings im Verlauf des Films ins Gegenteil abdriftet. Der einst von Frieden gezeichnete Ort mutiert zu einer beängstigenden Quelle des Wahns. Ähnlich dem Verlaufen innerhalb eines Labyrinths, ist die Suche nach dem Ausgang zu sehen. Doch auch diese Ansicht, ist mit dem Aufgehen der Sonne in Frage gestellt, wenn nicht gar dementiert. Denn es handelt sich hier nicht um einen Ort als solchen, sondern vielmehr um einen Platz der Erkenntnis, welche Mireille Dargent erkennt. Der eisernen Rose folgend in eine andere, parallele- und von Zerstörung freie Welt, zu wechseln. Der Friedhof die ist somit eine Grenzebarriere, welche die reale und parallele Welt trennt. Natürlich ist das logisch, aber welche Welt ist denn nun die reale?

Fazit:
Friedhof der toten Seelen ist der Alptraum für jeden Mainstreamkonsumenten. Allerdings ein Quell an Erkenntnissen für den Um die Ecke denkenden Filmliebhaber, Romantiker, Intellektuellen oder wie man auch immer die besondere Spezies nennen mag, die Rollins Werk zu schätzen wissen. Die Wertung des Films kann gar nicht anders lauten, als

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Re: Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin

Beitragvon buxtebrawler » 5. Feb 2018, 14:41

Erscheint voraussichtlich am 16.03.2018 bei Wicked Vision/NSM als Blu-ray/DVD-Kombination in verschiedenen Mediabooks:

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Cover A, limitiert auf 666 Exemplare

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Cover B, limitiert auf 333 Exemplare

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Cover C, limitiert auf 444 Exemplare

Extras:
24-seitiges Booklet von Pelle Felsch: „La Poésie Phantastique – Das sinnliche Kino des
Jean Rollin Teil 6“ und David Renske · Einleitung durch Jean Rollin Audiokommentar mit Pelle Felsch, Lars
Dreyer-Winkelmann und Daniel Perée · Featurette: „Nächte auf dem Friedhof“ · Englische Titelsequenz ·
Interview mit Jean Rollin Deutscher Trailer · Originaltrailer · Bildergalerie

Quelle: OFDb-Shop
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Re: Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin (1973)

Beitragvon jogiwan » 5. Feb 2018, 14:46

Ich freu mich auf das BR-Update und bin schon sehr gespannt, ob mir der noch immer nicht gefällt! :nick: :kicher:
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Re: Friedhof der toten Seelen – Jean Rollin (1973)

Beitragvon buxtebrawler » 27. Sep 2018, 15:31

Erscheint voraussichtlich am 28.09.2018 bei Donau Film noch einmal auf DVD:

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