Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Moderator: jogiwan

Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon jogiwan » 5. Feb 2011, 09:22

Enter the Void

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Originaltitel: Enter the Void

Alternativtitel: Soudain le vide

Herstellungsland: Frankreich / 2009

Regie: Gaspar Noé

Darsteller: Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy, Emily Alyn Lind, Jesse Kuhn, u.a.

Story:

Die beiden Waisenkinder Oscar und Linda wurden nach dem Unfalltod ihrer Eltern getrennt, obwohl sie sich geschworen haben, immer bei einander zu bleiben. Mittlerweile hat es Oscar nach Tokyo verschlagen, wo er sich mit kleineren Drogendeals über Wasser hält. Er spart Geld für ein Flugticket, damit Linda ihm in die Millionenmetropole folgen kann. Dort angekommen jobbt dieses mangels Alternativen in einem Striplokal und die Beziehung der beiden erhält erste Risse. Als Oscar während eines Deals in die Falle gelockt wird und erschossen wird, weigert sich seine Seele Linda zu verlassen und geht auf eine transzendale Achterbahnfahrt...
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Re: Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon jogiwan » 5. Feb 2011, 09:29

Hmm... schwierig... Gaspar Noés neuestes Werk ist wie erwartet ein unvorstellbarer Bilderrausch irgendwo zwischen Reizüberflutung, exotischem Ambiente, fluoriszierendem Kitsch-Overdose und Wow-Effekt. Leider hat er bei dem überlangen Werk jedoch etwas auf die Geschichte vergessen und gegen Ende wiederholt sich der gute Herr dann auch noch bei seine ausgelassenen Kamerafahrten, sodass man fast geneigt ist, etwas Langeweile zu empfinden. Exzessive Brutalitäten wie in "Irreversible" gibt es jedoch nicht und auch die Musik, die bisher immer eine große Rolle spielte, wird seltsamerweise in den Hintergrund gedrängt. Nudity gibts dafür zuhauf! Bilder 10/10 - Story 04/10 macht insgesamt also um die 07/10. Und auch wenn "Enter the Void" sicherlich ein interessanter Film ist, so hätte ich mir eigentlich doch etwas mehr erwartet als ein simpler, wenn auch überwältigender Bildertrip!
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Re: Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon jogiwan » 5. Feb 2011, 11:24

Von der Title-Credits kann man sich hier ein Bild machen *lichtblitzabsorbier* 8-)

www.youtube.com Video From : www.youtube.com
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Re: Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon untot » 5. Feb 2011, 16:17

Schon das Opening hat mich genervt, ich werd mit diesem Film einfach nicht warm, so sehr ich "Irreversible" und "Menschenfeind" mochte, so sehr missfällt mir "Enter The Void".
Die Vorgänger hatten wenigstens noch einen Inhalt, während dieser Film hier praktisch keine Story hat, oder eine so dünne, das es in keinem Fall für endlos lange 160 Minuten reicht, da nützen bei mir auch die "schönen" Bilder nichts, hier ist einfach nur Langeweile ohne Ende angesagt.
Die Kameraführung ist absolut gemein, mir wird da echt kotzübel, wie schon gesagt, der erste Film in meinem Leben, den ich vorgespuhlt hab um wenigstens die übelsten Sequenzen auszuhalten.
Bewertung entfällt daher.
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Re: Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon jogiwan » 5. Feb 2011, 16:27

@ untotschi: ich hätte es mir eigentlich angesichts des Intros viel schlimmer erwartet. Im Grunde waren die Szenen mit den Lichtblitzen ja gar nicht so inflationär verwendet und über die gesamte Laufzeit verteilt. Aber ich muss schon ehrlich gestehen, dass ich mir sowas im Kino nicht anschauen wollen würde. Und die Geschichte kann in der Tat leider gar nix!
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Re: Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon untot » 5. Feb 2011, 16:46

Mir wurde es sogar in den Rausch und Flugszenen ganz seltsam, oh Gott, im Kino hätte ich da auch nicht sitzen mögen, ich hätte ja alles "vollgereihert" und wär rausgeflogen! :mrgreen:
Schade, ich hatte mich wirklich auf Noè's neunen Film gefreut. :(
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Re: Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 20. Mär 2011, 21:00

Nachdem ich ENTER THE VOID nun dreimal hintereinander im Kino gesehen habe, muss ich ihn für mich zu einem Meisterwerk küren. Etwas verwundert mich, dass das Hauptargument, das GEGEN den Film vorgebracht wird, in den meisten mir bekannten Kritiken seine Story sein soll bzw. ein Fehlen derselben. Mal abgesehen davon, dass ein Spielfilm ja gar nicht in der Pflicht steht, eine Geschichte im klassischen Sinne zu erzählen, finde ich, dass ENTER THE VOID durchaus eine bewegende, spannende, komplexe Story vorzuweisen hat, komplexer und ausufernder gar als die in SEUL CONTRE TOUS oder IRREVERSIBLE, nur die Art wie sie dem Zuschauer vermittelt wird ist eben eine andere, eine, in der es viele Zwischenräume und Leerstellen gibt, die der Betrachter selbst mit Inhalt füllen muss.

Im Ersten Teil des Films, wenn die circa letzte halbe Stunde im Leben Victors aus seiner subjektiven Sicht geschildert wird, werden bspw. unzählige Fragen, Namen und Andeutungen aufgeworfen, mit denen der Zuschauer zumeist noch gar nichts anfangen kann und die man erst im Zweiten Teil, wenn Victor sein eigenes Leben im Augenblick des Todes an sich vorbeiziehen sieht, halbwegs aufgeklärt bekommt. Auch im Dritten Teil, wenn Victor als "Geist" über den Dingen schwebt, sich ständig von einem Ort zum nächsten bewegt, in der Zeit herumirrt oder auch mal in die Gedankenwelten der Menschen, die ihn im Leben umgaben, eintaucht, bietet im Grunde jede einzelne Szene eine neue Information, ein Voranschreiten der Handlung, wenn auch fragmentarisch und darauf angewiesen, dass man die Zusammenhänge zwischen diesen Momentaufnahmen und kurzen Einblicken eigenständig konstruiert. Noé reicht in diesem Teil meist ein einfaches ikonenhaftes Bild, um sein Publikum darüber in Kenntnis zu setzen, wie es um die Innen- und die Außenwelt der jeweiligen Figur bestellt ist. Bestes Beispiel ist für mich die Szene, in der Linda einen Selbstmordversuch mittels Tabletten zu verüben versuchte, augenscheinlich auf einem Kinderspielplatz, was allein schon aufgrund der Wahl des Ortes ihres freiwilligen Ablebens ziemlich aussagekräftig wirkt. Hinzukommt, dass die subjektive Kamera, d.h. Victors "Geist", sich ihr offenkundig nähert, sie zärtlich berühren, ihr über die Haut streichen möchte, ganz analog zu einer früheren Aussage Lindas, dass sie sich längst umgebracht hätte, würde sie nicht spüren, dass ihr Bruder noch immer irgendwo in ihrer Nähe sei. Ähnlich ist es auch mit den übrigen Szenen im Dritten Teil des Films: keine einzige erschien mir überflüssig, jede wirft einen Blick ins Innere der in ihr vorkommenden Charaktere, jede treibt die Story ein Stück voran, bis das Ganze im Vierten Teil in einem Bilderrausch versinkt, der sich ähnlich wie bei Kubricks 2001 - den Noé lieben muss, wie man z.B. an dem Filmplakat in IRREVERSIBLE bemerken konnte - der Abstraktion derart annähert, dass das Finale offen für so ziemlich jede Interpretationsmöglichkeit wird.

Natürlich kann man es nervig finden, wenn die Kamera zum dutzendsten Mal durch Tokios Straßenschluchten wirbelt, oder sich einem leuchtenden Objekt nähert, um in ihm zu versinken, nichtsdestotrotz finde ich, dass Noé seine künstlerische Vision in ENTER THE VOID 100% stimmig umsetzte, die hier entworfene Narrationstechnik zu Recht zu keinem Zeitpunkt verlässt, um sich einer konventionelleren, breitenwirksameren filmischen Erzählweise anzunähern. Mich hat ENTER THE VOID nichts mehr als staunend zurückgelassen, vielleicht ähnlich wie einen Besucher irgendeines Zirkuszeltes der frühen 1900er Jahre, bei der Aufführung eines für heutige Verhältnisse primitiven, naiven Budenzauber-Filmchens. Filme wie ENTER THE VOID geben, meiner Meinung nach, dem Kino nicht nur seine Unschuld zurück, indem sie es behandeln, als sei es noch nicht seit über 100 Jahren auf verschiedene Weisen berührt und betastet worden bis sich ein gängiges Muster herausbildete, eine Regel, eine Norm, sondern übertragen diese Unschuld auch auf das Publikum, das entweder, wie ich, mit offenem Mund vor der Leinwand sitzt, oder aber, und auch das ist nur ein Zeichen dafür, dass der Film jemanden berührt, wie in den drei Vorführungen mehrmals geschehen, in Einzelfällen genervt, frustriert, wütend oder schockiert den Kinosaal verlässt.
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Re: Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon Arkadin » 21. Mär 2011, 09:33

Salvatore Baccaro hat geschrieben:Mal abgesehen davon, dass ein Spielfilm ja gar nicht in der Pflicht steht, eine Geschichte im klassischen Sinne zu erzählen,


Lieber Salvatore. Für den Satz könnte ich dich knüddeln. Sehe ich auch so und finde, dass gerade die Filme dem aufgeschlossenen Zuschauer am Meisten geben, die sich den Konventionen radikal verweigern.

"Into the Void" habe ich noch nicht gesehen. Ich hatte kurz überlegt mir die BluRay zu holen, werde aber wohl abwarten, ob ich den noch einmal irgendwo auf der großen Leinwand erwische. Nachdem, was ich bisher so gehört habe, ist das ja ein reiner "Kino"-Film und keiner für die kleine Glotze.
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Re: Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 21. Mär 2011, 18:45

Ja, Arkadin, ich sah ihn auch zuerst auf dem heimischen PC-Schirm und war dann bass erstaunt, welche Wirkung er erst auf der Leinwand entfaltete.

Dieser Gedanke, der Kino in die Nähe von Literatur rückt, sozusagen die Regisseure als Autoren sieht, die eben nur ein anderes Medium wählen, um ihre Geschichten zu erzählen, die Federn gegen die Kamera eintauschen, hängt, anders kann ich es mir nicht erklären, noch mit der Frühzeit des Films zusammen, wo ja ausgiebig in der Literaturgeschichte geplündert wurde bzw. das Ganze mit einem Bein oder beiden im Theater stand. Im Mainstream - mit Mainstream meine ich nun den gemeinen Hollywood-Film ohne Ambitionen, einen Fernsehfilm im Öffentlichen Abendprogramm etc. - hat sich diesbezüglich wohl auch nicht allzu viel verändert, da solchen Filmen, ohne nun konkrete Beispiele nennen zu können, Drehbücher zu Grunde liegen, die nach klassischen Erzählmethoden verfasst wurden, sich offenbar gar nicht der Möglichkeiten des Mediums Films bewusst sind, und lediglich Geschichten, die exakt auf die gleiche Weise auch geschrieben funktionerten, in einen andern Aggregatzustand übersetzen, vom Wort zum Bild. Wobei die "Leute" allerdings ja aber auch dann aufschreien, wenn zu viel in einen Film hineingepackt wird, wie z.B. in so ziemlich allem von Zulawski... ;-)

Übrigens heißt der Protagonist natürlich Oscar und nicht Victor!
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Re: Enter the Void - Gaspar Noé (2009)

Beitragvon Marcus Daly » 21. Mär 2012, 21:32

Bereits die Anfangscredits zu Gaspar Noés ENTER THE VOID zeigen ganz unmissverständlich, dass uns der Regisseur auch mit seinem dritten Film unbedingt beeindrucken will. Die übergroßen Lettern kannte man zwar bereits aus seinen ersten beiden Filmen, doch hier zucken sie derart wild zu einem pulsierenden Electrobeat, dass man am Ende zwar nicht mehr wirklich viel lesen kann, dafür aber aber entweder bereits tödlich genervt oder erwartungsvoll gespannt ist, was da sonst noch Wildes folgen wird.

Dabei hat Noe dieses Spiel mit riesigen bunten Buchstaben nicht erfunden, sondern nur für das zeitgenössische Kino wiederbelebt. Bereits Jean-Luc Godard hatte hatte in den 60er-Jahren mit solchen farbigen Schriftzügen experimentiert und diese als gleichberechtigte sinntragende Elemente neben seine Bilder gestellt. So hatte Godard 1967 den Film WEEKEND, mit dem er sich für die nächste Dekade vom narrativen Kino verabschiede, mit einem Texttafel-Spiel enden lassen, bei dem der Schriftzug ENDE DER ERZÄHLUNG zu ENDE DES KINOS mutierte.

Gaspar Noé zufolge ist ENTER THE VOID jedoch insbesondere von Kubricks 2001 inspiriert, den er bereits im Alter von sieben Jahren sah. Da man ihm damals sagte, dass die Schlusssequenz von 2001 den Visionen ähnelte, die man unter bestimmten Drogen erlebt, machte sich der junge Noé einige Jahre später auf die Suche nach den entsprechenden Substanzen, um diese Dinge selber zu erfahren. Und das Ergebnis dieser Experimente am eigenen Körper hat er dann in ENTER THE VOID verarbeitet...

Der Film erzählt die Geschichte des in Tokio lebenden europäischen Junkies und späteren Dealers Oscar, der bei einer Drogenrazzia im Club „The Void“ (ein typisches, wenig subtiles Spiel des Regisseurs) von den ihn verfolgenden Polizisten auf der Toilette erschossen wird. Zeigte der Film das Geschehen bereits von Anfang an aus der subjektiven Sicht des Protagonisten, werden wir nun Zeuge, wie seine Seele den Körper verlässt und über zwei Stunden nach der passenden Gelegenheit sucht, um sich wieder zu reinkarnieren.

Dabei macht ENTER THE VOID bereits in der allerersten Szene klar, welcher beiden Referenzen sich der folgende mehr als zweistündige Seelen-Trip bedienen wird: Da ist zuerst die Analogie zu einem DMT-Trip, welcher wiederum einer Nahtoderfahrung gleichen soll. Auf solch einem Trip ist Oscar nämlich gerade, als er sich auf dem Weg zum besagten Club begibt. Begleitet wird er dabei von seinem Freund Victor, der Oscar gerade das Tibetanische Totenbuch geliehen hat und der diesem und somit auch uns auf dem Weg zum „Void“ kurz mal erklärt, was diesem Buch zufolge eine zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten herumirrende Seele zu treibt.

Und ab dem Moment, wo Oscar auf der besagten Club-Toilette jämmerlich verendet, sind wir auch gleich live dabei, wie seine Seele seinen Körper verlässt, das vergangene Leben erneut durchläuft und das Geschehen um seinen toten Körper und seine verbliebenen Bezugspersonen zumeist aus der Vogelperspektive betrachtet. Dabei ist der einzige Mensch, der Oscar zu seinen Lebzeiten wirklich etwas bedeutet hat, seine jüngere Schwester Linda, die er selbst nach Tokio geholt hatte, und die dort nun als Tänzerin in einem Sexclub arbeitet.

Oscars Seelentrip ist ähnlich psychedelisch, wie sein anfänglicher DMT-Trip inszeniert. So verwandelt sich ENTER THE VOID innerhalb kürzester Zeit in einen einzigen Rausch aus leuchtenden Bonbonfarben. Der Film wird somit selbst zum Trip und die Handlung gerät sehr schnell zur reinen Nebensache. Spätestens jetzt wird auch klar, warum es Oscar im Drehbuch eigentlich nach Tokio verschlagen hat: Die Stadt an sich ist bereits eine Art von psychedelischer Erfahrung. Oscars Erfahrungen unter Drogeneinfluss bzw. als freischwebende Seele machen diese Erfahrung nur noch wesentlich intensiver.

Wie bereits Salvatore Baccaro so wunderbar erläutert hat, ist ENTER THE VOID einer dieser inzwischen relativ raren Filme, die den Zuschauer überhaupt erst wieder daran erinnern, dass Film ein völlig eigenes Medium ist, welches viel mehr kann, als z.B. "nur" die Geschichte eines Buches in Bilder zu verwandeln.

Und ich gebe Salvatore auch vollkommen Recht, dass uns dieser Film einen Eindruck davon vermittelt, wie es in den Anfangstagen des Kinos gewesen sein muss auf Jahrmärkten die ersten Kurzfilme von Kinopionieren wie z.B. Georges Méliès erlebt zu haben. Und wo ich schon gerade bei Méliès bin: Etwas Ähnliches hat ganz offensichtlich auch Martin Scorcese mit seinem aktuellen Film HUGO CABRET versucht. Doch so schön dieser Film auch als Märchen funktioniert, kann all die geballte CGI-Power und 3D-Technik nicht darüber hinwegtäuschen, dass HUGO CABRET ein sehr konventionell erzählter Hollywoodfilm ist.

Ganz anders ist dahingegen der Ansatz von Gaspar Noé in ENTER THE VOID: Wenn man die zweieinhalb Stunden an visuellem Overkill soweit eindampfen würde, dass am Ende nur noch die reine Erzählung übrigbleiben würde, dann würde dieser Stoff wohl nicht viel mehr, als eine etwas längere Kurzgeschichte abgeben. Aber die narrative Ebene ist eben auch nicht der Punkt, der Noé wirklich interessiert. Hier will uns der Regisseur keine Geschichte erzählen, sondern den Seelentrip an sich zum Erlebnis machen. Und auf dieser Ebene ist ENTER THE VOID schlicht und ergreifend ein absolut beeindruckendes und auch zeitloses Meisterwerk geworden.

Völlig makellos ist dieses filmische Glanzstück jedoch leider trotzdem nicht: So visuell aufregend ENTER THE VOID auch über weite Strecken geraten ist, so sehr nervt leider auch immer wieder des Regisseurs unglaubliche Selbstverliebtheit. Zwar nimmt der Film nach den spastisch zuckenden Anfangscredits sehr schnell das Tempo raus und lässt den Bildern die notwendige Zeit auf den Betrachter zu wirken, anstatt diesen wie vielleicht befürchtet nur zweieinhalb Stunden lang mit einem stroboskopblitzartigen Bilderhagel zuzudonnern. Doch Gaspar Noé kennt trotzdem kein Maß und spätestens beim gefühlt einhundertsten sanften Seelenflug über die Dächer des nächtlichen Tokio beginnt man sich unweigerlich zu fragen, ob der Film nicht mindestens eine halbe Stunde zu lang ist.

Und auch, wenn ich persönlich die reine Geschichte von ENTER THE VOID nicht als völlig banal empfinde, so wundert es doch immer wieder mit welchem Pathos und wie todernst Gaspar Noé uns das dargebotene Geschehen verkaufen will. Und spätestens im großen Finale wird es dann unfreiwillig komisch, wenn das Treiben in einem Lovehotel in einer Mischung aus Grenzporno und Esoterik-Quark inszeniert ist. Da aber selbst dies noch nicht ausreicht, um des Regisseurs Größenwahn zu befriedigen, muss er uns allem am Ende dann noch einmal ganz klar zeigen, wer hier nun wirklich den Größten hat...

Da wäre ein gewisses Maß an ironischer Brechung sicherlich nicht von Nachteil gewesen. Um in diesem Zusammenhang noch einmal auf Godards WEEKEND zurückzukommen: Wie bereits erwähnt, lässt Godard diesen Film mit dem nicht minder größenwahnsinnigen Kommentar ENDE DES FILM, ENDE DES KINOS enden. Doch auch dieser Schriftzug verändert sich noch einmal und entpuppt sich in der allerletzten Einstellung lediglich als ein Ausschnitt aus einem Hinweis zur amtlichen Registriernummer des Films. Wäre Gaspar Noé ebenfalls so souverän gewesen, dass er bei all seinen unglaublich prätentiösen Absichten auch noch ein ähnliches Maß an Lockerheit besessen hätte, dann würde ich bei ENTER THE VOID sofort die Höchstpunktzahl zücken. Aber so, wie der Film nun einmal tatsächlich ist, muss ich ihm dann leider doch einen Punkt abziehen (9/10).
Zuletzt geändert von Marcus Daly am 23. Mär 2012, 16:23, insgesamt 1-mal geändert.
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