Die Affäre Sadiel - Yves Boisset (1972)

Moderator: jogiwan

Die Affäre Sadiel - Yves Boisset (1972)

Beitragvon AL NORTHON » 16. Nov 2011, 16:36

DIE AFFÄRE SADIEL
Originaltitel: Attentat, L'
Herstellungsland: Deutschland, Frankreich, Italien
Erscheinungsjahr: 1972
Regie: Yves Boisset

Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Michel Piccoli, Jean Seberg, Gian Maria Volonté und Roy Scheider

Inhalt:
Der im Exil lebende Politiker Sadiel ( Volontè ) wird für Amerika gefährlich, denn in der dritten Welt schürt er extremistische Bewegungen. Da wird Darien ( Trintignant ) unfreiwillig zum Werkzeug des Geheimdienstes: Er erhält den Auftrag, Sadiel in sein Heimatland zu locken, wo Sadiel schließlich ermordet wird. Darien verfaßt alles auf ein Tonband, um die Welt von diesem Unrecht zu informieren. Aber auch er wird vom CIA erschossen und das Tonbandverschwindet.

Der Film ist sehr ruhig von der Erzählweise, Action gibt es kaum, das nur am Rande falls jemand einen Film erwartet wie z.B. IL BOSS. Dieser Film ist eher eine Empfehlung für Leute, die Damianos DAS VERFAHREN IST EINGESTELLT, VERGESSEN SIE`S oder DER TERROR FÜHRT REGIE mögen. Mir hat der Film sehr gut gefallen und der Schluss zieht echt die Stimmung runter. In einer Rolle (als Amerikaner ) sehen wir Haifischjäger Roy Scheider, gesprochen in der dt. Fassung von Danneberg mit amerik. Akzent. Die dt. Synchro ist sehr gut gemacht mit absoluten Top - Sprechern ( Kronberg, Ott, Brückner, usw. ).
Die Erstauflage von VTD kam mir ungeschnitten vor ( es gibt auch eine 2. Auflage ab 16 die geschnitten ist ) und hat eine hervorragende Qualität.

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Re: Die Affäre Sadiel - Yves Boisset

Beitragvon Ringo aka Angelface » 16. Nov 2011, 22:26

Habe nur eine alte TV Aufnahme aus den 90ern, aber der Film ist absolut Top und empfehlenswert. Der Fokus liegt auf der Rolle von Trintignant, der einen idealistischen aber schwachen Reporter gibt. Aufgrund seiner Studienfreundschaft mit Sadiel wird er vom Geheimdienst benutzt, um Sadiel in eine Falle zu locken. Zu spät erkennt Darien seinen Fehler.....

Der Film beginnt mit einer Pariser Studentendemo und endet irgendwo in Algerien, dazwischen werden die Mechanismen des modernen Imperialismus angeprangert. Obwohl fast 40 Jahre alt, hat der Film nichts von seiner Aktualität verloren. Die wirtschaftlichen Interessen der Großmächte dominieren die Politik und führen zu leicht lenkbaren Diktaturen in den rohstoffreichen Ländern. Soziale und nationale Bewegungen werden unterdrückt. Kein Film für den Sonntagnachmittag. Toll gefilmt, mit der Musik von Morricone und einem tollen Cast!

9/10 für den anspruchsvollen Filmfan.
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Re: Die Affäre Sadiel - Yves Boisset

Beitragvon buxtebrawler » 16. Nov 2011, 22:36

Klingt überaus interessant!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Die Affäre Sadiel - Yves Boisset

Beitragvon ugo-piazza » 17. Nov 2011, 12:27

buxtebrawler hat geschrieben:Klingt überaus interessant!


IST interessant!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Die Affäre Sadiel - Yves Boisset

Beitragvon Santini » 12. Jan 2012, 15:10

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Re: Die Affäre Sadiel - Yves Boisset

Beitragvon sergio petroni » 14. Aug 2017, 19:03

Yeah!
Kommt am 17.08.2017 von Studiocanal auf DVD :thup:
Ist sowas von gekauft,
und bitte noch mehr von Boisset!
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Re: Die Affäre Sadiel - Yves Boisset (1972)

Beitragvon sergio petroni » 17. Sep 2017, 13:47

Wer nach "Kommando Cobra" und "Ein Bulle sieht rot" von Yves Boisset mit "Das Attentat" ein ähnlich rasantes
Actionfeuerwerk erwartet liegt falsch. "Das Attentat" oder auch "Die Affäre Sadiel" ist ein ruhiger Politthriller,
der wahre Ereignisse aus den 1960ern aufgreift.
Der im Exil in Genf lebende marokkanische Oppositionspolitiker Sadiel (Gian Maria Volonte) plant die Rückkehr in sein Land und in die dortige Regierung. Das gefällt vielen Verantwortlichen in Frankreich aber auch in den USA nicht.
Frei nach dem Motto: Lieber einen lenk- und berechenbaren Diktator an der Macht, als einen unberechenbaren
Menschenfreund, der Marokko selbstbewußter und eigenständiger machen könnte.
Die Geheimdienstmaschinerie läuft an. Sadiel soll aus dem neutralen Genf nach Paris gelockt werden,
wo er für die Häscher leichter greifbar wäre. Helfen soll dem französischen Geheimdienst der Journalist
Darien (Jean-Louis Trintignant), ein ehemaliger Studienfreund Sadiels. Der Plan gelingt, Sadiel gelangt
nach Paris, und Darien erkennt, wofür er mißbraucht wurde. Zu spät?

Neben der Musik von Morricone und einem Drehbuch von Jorge Semprun hat "Das Attentat" eine
absolute Traumbesetzung zu bieten. Neben Volonte und Trintignant spielen:
Michel Piccoli, Bruno Cremer, Jean Seberg, Nigel Davenport, Philippe Noiret, Roy Scheider,
Michel Bouquet, Francois Perier, Karl-Otto Alberty und und und.
Auch Karin Schubert taucht in einer Nebenrolle auf.

Boissets Film fesselt mit einer an der Wahrheit angelehnten Geschichte, ruhig und gnadenlos präzise
erzählt. Die tragende Rolle spielt Trintignant als linker Journalist, der mit wenig Selbstachtung ausgestattet
in eine Geschichte gerät, die von ihm verlangt, klare Kante zu zeigen.
Großes französisches Thrillerkino und nun dank Arthaus/Studiocanal auch endlich bei uns auf DVD erhältlich.
Die DVD selbst bietet leider keine Extras und ist auch qualitativ nicht gut gelungen (dunkel,
Bild in VHS-Unschärfe). Dies ändert aber nichts an der Qualität des Films.
8,5/10
DrDjangoMD hat geschrieben:„Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, doch ach – es wankt der Grund auf dem wir bauten.“
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Re: Die Affäre Sadiel - Yves Boisset (1972)

Beitragvon sergio petroni » 17. Sep 2017, 14:13

Ergänzende Informationen aus dem Spiegel zur damaligen Erstaufführung des Films.
Wer "Das Attentat" noch nicht kennt, sei vorab auf Spoiler hingewiesen.

06.11.1972
FRANKREICH
Von oben gedeckt
Der neue französische Spielfilm „Das Attentat“, der die Entführung und Ermordung des marokkanischen Oppositionspolitikers Ben Barka nachempfindet, geriet zu einem Attentat auf die Wahrheit.
Die Wahrheit, meine Herren, ist einfach", resümiert der Boß am Ende des Kinostücks: "Es wird keine Affäre Sadiel geben."
Die Affäre gab es, 1965 in Paris. Sadiel hieß Mehdi Ben Barka. Die Entführung und mutmaßliche Ermordung des in seiner Heimat zum Tode verurteilten marokkanischen Oppositionsführers -- er lebte zumeist im Schweizer Exil -- hatte de Gaulles Regime fast ebenso kompromittiert wie einst der Dreyfus-Skandal die III. Republik Frankreichs.
Sieben Jahre nach der Ben-Barka-Affäre erlebte das Pariser Publikum den Politkrimi in Eastmancolor: Der Film "Das Attentat" (Regie: Yves Boisset) hatte mit Jean-Louis Trintignant, Michel Piccoli, Gian Maria Volontè und Jean Seberg in den Hauptrollen Mitte Oktober in sechs Pariser Lichtspieltheatern Premiere.
Die Wahrheit über das Schicksal des Mehdi ("Der Glückliche") Ben Barka freilich enthüllt "Das Attentat" nicht, denn die kennen nur wenige -- und sie schweigen. wenn sie überhaupt noch leben. Wo. wie und ob überhaupt der Imke marokkanische Führer starb, weiß die Öffentlichkeit bis heute nicht.
"Was passiert ist", sagte damals Frankreichs Staatschef Charles de Gaulle, "war nur vulgär und subaltern." Doch das war es sicher nicht, auch wenn es später fast nur Subalterne waren, die verurteilt wurden.
Bekannt ist: Philippe Bernier, französischer Journalist. und Georges Figon, Filmszenerist, Edelgangster, Gréco- und Sagan-Fan, hatten den ihnen bekannten Berbersproß Ben Barka nach Paris geladen, um mit ihm ein Fernsehfilm-Projekt über die Entkolonialisierung Marokkos zu besprechen.
Am 29. Oktober landete Ben Barka, aus Genf kommend, auf dem Pariser Flughafen Orly. Als er gegen Mittag auf dem Boulevard Saint-Germain aus dem Taxi stieg. um in der Brasserie Lipp seine Fernsehfreunde zu treffen, wurde er von den in Zivil gekleideten Polizisten Souchon und Voitot in einen
* Gian Maria Volontè als Sadiel
Dienstwagen geladen und abtransportiert.
Über das, was dann geschah, gab Georges Figon die detaillierteste Version, eine Version, an die sich später auch jene weitgehend hielten, die vor den Kadi kamen.
Figon, der mit einem oder mehreren Geheimdiensten -- oder gar keinem -- zusammenarbeitete, wußte, daß Ben Barka in Paris mehr erwartete als Filmgespräche. Nach dem Kidnapping legte er Tonbandgeständnisse ab und verteilte sie an Journalisten -- Auszüge druckte das Nachrichtenmagazin "L'Express".
Figon zufolge war Ben Barka in der Nähe von Paris in die Villa des Gangsters Boucheseiche deportiert worden. Dorthin reisten tags darauf auch Marokkos Geheimdienstchef Dlimi sowie der damalige marokkanische Innenminister General Mohammed Oufkir -- inzwischen durch Mord oder Selbstmord Opfer des mißlungenen August-Putsches gegen seinen König Hassan.
Oufkir soll seinen Opponenten Ben Barka, an eine Heizung gekettet, mit einem Krummdolch erstochen haben. Die Tat war, so behauptete Figon, von französischen und marokkanischen Geheimdienstlern gemeinsam organisiert und inszeniert.
In der Tat fühlten sich alle unteren Chargen des Dramas, die im Jahr danach vor Gericht gestellt wurden, "gedeckt", die beiden Polizisten von ganz oben aus dem Elysee-Palast, wie einem von ihnen entschlüpfte.
Ohne Figons nicht nachweisbare Geständnisse hätte sich die Entführung des Marokkaners mit Sicherheit nicht zu einer Affäre ausgewachsen, und Figon mußte dafür büßen. Als am 17. Januar 1966 Polizei seine Wohnung stürmte, war Figon erschossen. Offizielle Version: Selbstmord. Daran glaubt niemand. So flachste beispielsweise der -- inzwischen aus der DDR ausgetretene -- Abgeordnete Henri Modiano, der sich von seiner Partei verfolgt fühlte, er wünsche nicht "figoniert" zu werden.
Boissets "Attentat"-Filmheld Darien (Jean-Louis Trintignant) ist eine Mixtur aus einem Zehntel Philippe Bernier und neun Zehnteln Figon. Erpreßt vom französischen Geheimdienst, lockt er den Film-Ben-Barka Sadiel nach Paris. Als er sieht, was seinem marokkanischen Freund passiert, springt ei- ah. Doch im Gegensatz zum echten Figon gelingt es Darien nicht, seine Tonbandgeständnisse an den Mann zu bringen. Die Abweichung war gewollt. Es sei "juristisch unmöglich" gewesen, sagt der Regisseur. einen dokumentarischen Film mit unbekannten Darstellern zu drehen, daher habe er die Fiktion gewählt.
So geriet "Das Attentat" zu einem Attentat auf die Wahrhaftigkeit. Denn Boisset hat sehr wohl recherchiert und beim Staatsfunk ORTF einen Fernsehmann ausgemacht, der mit Geheimdienstlern konspirierte und nach der Affäre Ben Barka Karriere machte.
Auch stellt Boisset im Film den großen Geheimen vor, der alle Fäden in der Hand hält. Der sei authentisch, behauptet Boisset, und er gehöre weder zur französischen Spionageorganisation SDECE noch zum Innenministerium, sein Rang sei "viel höher". Jeder Eingeweihte in Frankreich kennt jenen so hohen Dunkelmann, und niemand wagt, seinen Namen zu nennen, weil er so allmächtig ist. Nur: so naiv-plump wie im "Attentat" ist jene graue Eminenz nicht.
Dafür entdeckte Regisseur Boisset, der ja keinen Dokumentarfilm drehen wollte, den wahren Drahtzieher des Attentats auf Ben Barka: die amerikanische CIA, Lieblingsbuhmann aller Franzosen.
Ein amerikanischer Freund Ben Barkas -- Boisset kann mit ihm nur den Pariser "Newsweek"-Chefkorrespondenten Edward Behr gemeint haben
bringt in diesem Film im Auftrag der CIA den Mitwisser Figon um. Dann erscheint die französische Polizei auf der Bildfläche beim toten Figon und kassiert dessen Tonbandgeständnis.
Eines der Bänder aber hatte in Wahrheit Edward Behr zuvor ergattert. "Ich wußte gar nicht". frotzelte Behr nach der festlichen Premiere, "daß ich Figon ermordet habe." Behr bitter: "Die wirkliche Geschichte hat man, wie am Ende den armen Sadiel, beerdigt."
Wie groß die Sorge bestimmter Kreise war, beweist, daß Anfang August, bei seinem Aufenthalt in Paris und vor dem Putsch Oufkirs, König Hassan von Marokko eifrig, wenn auch erfolglos, bei den Filmmachern antichambriert haben soll: Er wollte den Film sehen.
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