Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

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Moderator: jogiwan

Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 19. Apr 2018, 20:20

Dogura Magura

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Ohne Erinnerung an sein vorangegangenes Leben, sein Aussehen und seinen Namen erwacht ein junger Mann in der Zelle einer psychiatrischen Anstalt. Wenig später erzählt ihm der behandelte Arzt Dr. Wakabayashi dass der junge Mann namens Ichiro seine Mutter und seine zukünftige Braut ermordet hat und daraufhin dem Wahnsinn verfallen ist. Außerdem erfährt Ichiro auch noch die abenteuerliche Geschichte, dass bereits einer seiner Vorfahren vor Jahrhunderten dieselbe Tat begangen hat und seine Mordlust quasi über Generationen weitervererbt wurde. Doch wenig später ist der Arzt mit seiner obskuren Theorie verschwunden und an seine Stelle tritt ein weiterer Arzt namens Prof. Masaki, der Ichiro wiederum eine etwas andere Begründung für seine anhaltende Amnesie erzählt und während Ichiro verzweifelt versucht herauszufinden, was tatsächlich geschehen ist, wird er scheinbar unfreiwillig zum Spielball zweier konkurrierender Psychologen, während auch alles um ihn herum immer mehr in einen endlosen Alptraum verwandelt.

Regisseur Toshio Matsumoto hat mich ja bereits mit seinem progressiven Drama „Pfahl in meinem Fleisch“ sehr begeistert und auch „Dogura Magura“ ist ein mehr als ungewöhnlicher Film, bei dem sich der Zuschauer nie in Sicherheit wiegen kann. Die Geschichte über einen jungen Mann mit Gedächtnisschwund ist ja augenscheinlich die Verfilmung einer als unverfilmbar geltenden Literatur-Vorlage und präsentiert die sonderbare Geschichte eines offensichtlich schwer traumatisierten Mann, der versucht eine Begründung für seine missliche Lage zu finden. Dabei verschwimmen Realität und (Alp-)Traum und auch der Zuschauer wird Ereignissen konfrontiert, die sich ebenfalls nie so richtig einordnen können und sich eventuell im nächsten Moment schon als gänzlich anders entpuppen. Dabei spielt Matsumoto auch geschickt mit Erzählebenen und zieht dem Zuschauer gleich mehrmals recht unvermittelt den sprichwörtlichen Boden unter den Füssen weg, bis dieser fast schon selbst an seiner Wahrnehmung und Verstand zweifelt. Hübsch auch die Tatsache, dass sich der Streifen dabei auch vom Genre her nicht so wirklich festmachen lässt und was als leicht surreales Selbstfindungs-Drama beginnt, wandelt dann auf den Spuren des Thriller bis hin zum Horror und bleibt auch bis zur letzten Minute stets unberechenbar, irritierend und aufregend. Wer außergewöhnliche Filme und diesbezügliche Seherlebnisse mag ist hier jedenfalls an der richtigen Stelle und bekommt mit „Dogura Magura“ einen Film serviert, der die Gehirnwindungen des aufgeschlossenen Zuschauers auf beeindruckende Weise kräuseln lässt.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 20. Apr 2018, 20:21

Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat

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An einer englischen Schule wird das Musical „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ aufgeführt und dazu finden sich Lehrer und Schüler im Turnsaal zusammen. Wenige Minuten später beginnt das quietschbunte Musical nach biblischen Motiven über den jungen Joseph, der mit elf Brüdern heranwächst, von diesen als Sklave nach Ägypten verkauft wird und zwanzig Jahre später als großer und gütiger Herrscher wieder zurückkommt um eine Hungersnot zu beenden.

Jetzt auch erstmals im Rahmen meiner donnerstäglichen Musikfilmabende gesehen entpuppt sich das Musical von Andrew Lloyd Weber als völlig überladenes Vergnügen, dass in der vorliegenden Inszenierung doch immer ganz knapp an der Grenze des guten Geschmacks vorbeischrammt. Der titelgebende Mantel von Joseph in „Technicolor“ ist wohl nicht umsonst den Regenbogenfarben nachempfunden und dennoch ist das im englischen Sprachraum bei Schulaufführungen sehr beliebte Musical ja schon eine unterhaltsame Sache und Songs wie „Any Dream will do“ haben ja auch darüber hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad. In der vorliegenden Fassung, die in den legendären Pinewood-Studios gedreht wurde, schauen ja auch Richard Attenborough und Joan Collins vorbei und auch sonst tanzt, zappelt und singt sich das schier unüberschaubare Ensemble zu stilistisch höchst unterschiedlichen Songs hübsch die Seele aus dem Leib. Das sich die Geschichte mit Menschenhandel, Traumdeutungs-Hokuspokus und Tiersnuff dabei ja nicht unbedingt für ein Musical für die ganze Familie eignet, wird ja ebenfalls hübsch ignoriert und die Idee, Film mit Bühne zu vermischen wurde ebenfalls sehr elegant gelöst. „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ unter der Regie von David Mallet und Steven Pimlott ist jedenfalls eine bunte, turbulente und dennoch unterhaltsame Sache, die – je nachdem ob man mit Musicals etwas anfangen kann – entweder faszinierend oder verstörend wirkt.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 21. Apr 2018, 19:34

Pride

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Im Jahre 1984 ist das Leben der homosexuellen Community in London noch immer von Repressalien und Ablehnung durch Gesellschaft, Zeitungen und die Politik geprägt. Als zur gleichen Zeit auch ein Streik der Minenarbeiter für Aufsehen sorgt und das Land polarisiert, bildet der schwule Aktivist Mark spontan eine Gruppe zur Unterstützung der streikenden Minenarbeiter und sammelt Geld für die unterdrückte Berufsgruppe. Doch die sind erst einmal alles andere als begeistert von der Unterstützung aus der eher unerwarteten Ecke und dennoch entsteht aus diesem Moment und nach dem Zusammentreffen der grobschlächtigen Arbeiter und den politisch interessierten Schwulen und Lesben eine freundschaftliche Solidarität, die auch über den Streik hinaus anhalten soll…

Wunderbare Mischung aus Komödie, Drama und Zeitdokument, dass auf sehr positiv gestimmte Weise eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1984 aufgreift, bei dem streikende Bergarbeiter von einer lesbischwulen Aktivistentruppe unterstützt wurde. Dabei lebt „Pride“ als „Culture-Clash“-Komödie natürlich von den augenscheinlichen Unterschieden und den Vorbehalten, die hier aber auf augenzwinkernde Weise abgebaut werden. Dabei ist „Pride“ aber nicht nur „Gute Laune“-Kino, sondern präsentiert auch die Rückschläge, wenngleich das Augenmerk hier größtenteils auf das Verbindende, als das Trennende gelegt wird. Doch die ersten Kontaktversuche laufen ja alles andere als einfach ab und dennoch lassen sich die Aktivisten nicht von ihrem Weg abbringen und auch die Minen-Arbeiter sind weit weniger voreingenommen, wie man vielleicht im Vorfeld annehmen würde. Nebenher gibt es auch noch das Lebensgefühl und viel Musik aus den Achtzigern, von The Smiths bis hin zu Bronski Beat, ein wunderbar gut gelauntes Ensemble aus britischen Charakter-Darstellern und am Ende steht ein sehr berührender Moment, der wirklich wunderbar ist und „Pride“ noch lange nachhallen lässt. Absolut sehenswert auch das „Making-of“, dass hier dann noch die damaligen Beteiligten vor den Vorhang holt und die einmalige Geschichte nochmals Revue passieren lassen.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 22. Apr 2018, 20:27

Freejack

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Der Rennfahrer Alex Furlong wird kurz vor einem tödlichen Crash von den Angestellten eines gewissenlosen Konzerns in die Zukunft entführt, wo in seinen intakten Körper der Geist eines schwerreichen Kunden transferiert werden soll. Als dazu im Augenblick der erfolgten Zeitreise sein eigener Geist ausgelöscht werden soll, geht die Behandlung aber schief und Alex kann flüchten und wird dadurch zum sogenannten „Freejack“, auf den ein großes Kopfgeld ausgesetzt wird. Im Jahr 2009 hat sich die Welt und vor allem New York maßgeblich geändert, doch als Alex erfährt, dass seine damalige Liebe Julie mittlerweile eine erfolgreiche Managerin ist, macht er sich nach ihr auf die Suche, während eine Horde gewaltbereiter Kopfgeldjäger hinter ihm her ist.

Eigentlich ganz lustiger Sci-Fi-Action-Film mit Zeitreise-Elementen und durchaus prominenten Cast und jeder Menge Action aus der B-Ecke, in der ein Rennfahrer kurz für seinem Unfalltod in die Zukunft entführt wird, wo sein Körper als gesunde Hülle für einen bereits verstorbenen Industriellen herhalten soll. Doch niemand gibt seinen Körper natürlich so ohne Weiteres und freiwillig her und so kommt es im abgefuckten New York des Jahres 2009 auch zur mörderischen Verfolgungsjagd zwischen dem Rennfahrer und den modernen Kopfgeldjägern. Die bisweilen sehr abenteuerliche Geschichte ist dabei eher trashig, etwas vorhersehbar und entbehrt nicht einer gewissen Komik und dennoch schafft es Regisseur Geoff Murphy den Verlauf des Streifens und sein Finale durchaus packend zu gestalten. Die Ausstattung des Streifens, irgendwo zwischen Matte-Painting, futuristischen Fahrzeugen und CGI aus den Anfangstagen macht Laune - es kracht und scheppert an allen Ecken und am Ende singen dann auch noch die Scorpions „Hit between the Eyes“. Also alles im grünen Bereich und ich mag ja generell Filme in denen ein zukünftiges Szenario bereits von der Realität eingeholt wurde und bin dann immer ganz beruhigt, wenn diese dann nicht ganz mit dem gezeigten und dystopischen Bild übereinstimmt. Zwar ist „Freejack“ schon sehr trashig und verheizt seine viel zu bekannten Gesichter in einem eher anspruchslosen Action-Feuerwerk, aber ich mag diesen Film und stell den sogleich ins Regal neben „Robocop“. "Total Recall" und „Dark Angel“.

Timecop

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Walker ist ein sogenannter Timecop, der streng geheim und im Auftrag der amerikanischen Regierung mögliche Verfehlungen überwacht, die durch unerlaubte Zeitreisen entstehen könnten, die seit den Neunzigern möglich sind. Als sich vermehrt Eingriffe in die Zeit abzeichnen, in denen offensichtlich über das Projekt informierte Personen versuchen eine große Menge Geld zu beschaffen, fällt der Verdacht auf einen zwielichtigen und gewissenlosen Senator, der Ambitionen auf die Präsidentschaft hat und dringend Geld für seinen Wahlkampf benötigt. Als dieser von Walkers Ambitionen erfährt, versucht dieser alles um die Schnüffelei des moralisch einwandfreien Cops zu verhindern und hat mit Zeitreisen auch das ideale Instrument dafür, den neugierigen Cop mit perfiden Mitteln im sprichwörtlichen Lauf der Zeit loszuwerden…

Nach „Freejack“ ist „Timecop“ ja die nächste positive Überraschung bei meiner Zeitreise-Retrospektive und präsentiert Jean-Claude van Damme als körperlich fitten und moralisch standfesten Cop, der Verbrechen in der Zeit aufklären und ausmerzen soll, die durch einen gewissenlosen Politiker begangen werden. Die Geschichte ist durchaus „tricky“, bietet ausreichend Platz für Reisen in der Zeit und den belgischen Martial-Arts-Star sich und seine sportlichen Fähigkeiten ausreichen zu präsentieren. Die Kampfsporteinlagen hätten meines Erachtens zwar nicht unbedingt so dominant sein müssen, aber ansonsten ist „Timecop“ jedenfalls hübsch turbulent und bietet immer wieder nette Überraschungen und unterschiedliche Szenarien mit derselben Ausgangslage. Ron Silvers skrupellose Ambitionen auf den Job des Präsidenten erinnerten mich ebenfalls frappant an real existierende Personen und auch sonst hätte ich mir einen derart kurzweiligen Film wohl eher nicht erwartet. Zwar muss man ebenfalls wohlwollend über diverse Plotholes hinwegsehen und über die Sinnhaftigkeit der ganzen Sause sollte man nicht weiter nachdenken, aber wer Zeitreise und Action nicht gänzlich abgeneigt ist, bekommt hier auch einen sehr spaßigen Film serviert, bei dem auch die FSK einen guten Tag hatte.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 23. Apr 2018, 20:20

Opposite of Sex - Das Gegenteil von Sex

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Die sechzehnjährige Dede ist ein durchtriebenes Luder ohne moralische Bedenken und nachdem sie sich mit ihrer Mutter beim Begräbnis ihres Stiefvaters überworfen hat, flieht sie zu ihrem schwulen Halbbruder Bill, der als gut situierter Lehrer mit dem Geld seines an Aids verstorbenen Ex und mit seinem neuen Lover Matt in einem geräumigen Haus lebt. Dort beginnt sie als Erstes Matt zu verführen und das ist erst der Beginn einer Reihe von turbulenten Monaten und schon bald zieht die Affäre weite Kreise, in die auch noch eine ganze Reihe weiterer Personen hineingezogen werden…

Bitterböse und schwarze Komödie über eine sarkastische Sechzehnjährige, die loszieht um alles Harmonische im Leben anderen Menschen von Grund auf zu zerstören und dabei auch keinen Genierer kennt. „The Opposite of Sex“ ist dabei erfrischend unverkrampft und erinnert so gar nicht an die üblichen und eher seichten Komödien aus den Staaten, sondern erinnert in seiner Mischung aus Witz und ernsten Themen auch eher an europäische Produktionen. Irgendwie hat der Streifen auch starke Ähnlichkeit mit Francois Ozon’s „Sitcom“, in dem ebenfalls (spieß-)bürgerliche Werte auf hübsche Weise auseinandergenommen werden. Dennoch ist „Das Gegenteil von Sex“ keine destruktive Angelegenheit, sondern eine sehr vergnügliche Sache und zeigt Homos wie Heteros auf der Suche nach dem Sinn im Leben, jede Menge Vorurteile und überraschende Wendungen, ohne ins Lächerliche abzudriften. Die Figuren sind zwar schräg aber doch immer liebenswert und hier geht es auch nicht darum, jemanden mit Rachegelüsten eins auszuwischen, sondern wie bestimmte Personen reagieren, wenn sie unvermittelt aus ihrer persönlichen Komfortzone gerissen werden. Das gelingt mit neunzig Minuten an frechen Dialogen, dem gut gelaunten Cast und dem originellen Drehbuch auch sehr gut, selbst wenn man als Zuschauer dafür ebenfalls gelegentliche Irritationen in Kauf nehmen muss.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 24. Apr 2018, 20:31

Volcano

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Mike Roark ist Chef der Katastrophenschutzbehörde in Los Angeles und daher stets alarmiert, wenn wieder einmal die Erde bebt oder sich eine sonstige Katastrophe anbahnt. Als er an einem Wochenende mit seiner Tochter Kelly in Urlaub fahren möchte, kommt ihm dabei aber ein ominöser Unfall bei den Stadtwerken in die Quere, bei dem einige Männer unter der Erde Verbrennungen zum Opfer fallen. Während der Chef der Stadtwerke davon ausgeht, dass seine Arbeiter ein Heizungsrohr angebohrt haben, ist sich Mike da nicht so sicher und auch bei der hübschen Geologin Amy mehren sich die Anzeichen, dass Magma die Verletzungen verursacht haben könnte und ein größerer Ausbruch von Lava kurz bevor steht.

Katastrophenfilme haben ja irgendwie immer Saison und wohl ausnahmslos jeder Zuschauer schaut sich ein derartiges Szenario wohl lieber auf der großen Leinwand an, als es selbst erleben zu müssen. Der Inhalt von „Volcano“ ist da ja keine Ausnahme und dennoch ist die Geschichte über den Katastrophenschutzexperten an vorderster Front, als in Los Angeles ein Vulkan ausbricht, so derartig haarsträubend und unlogisch, dass man sich echt nur noch wundern kann, wer Regisseur Mick Jackson seine Vulkanausbruchs-Sause in Downtown Los Angeles eigentlich abkaufen soll. Ich bin ja kein Geologe oder Vulkan-Experte, aber dass Lava sehr heiß ist und man sich bei einem Ausbruch gleich aus mehreren Gründen eher nicht in der Nähe der Ausbruchsstelle aufhalten sollte, ist mir geläufig, aber das hat sich anscheinend wohl nicht bis in die Stadt der Engel durchgesprochen. Hier wird ständig an oder über Lava agiert und dabei so getan, als wäre das ein Klacks und so etwas wie eine Hitzeentwicklung schlichtweg nicht existent. Wenn man aber filmtechnisch schon alle Naturkatastrophen durch sind und auch „Dante’s Peak“ nur kurz zurück liegt, bleibt wohl nur noch der Griff nach den Sternen oder der Weg in den Big-Budget-Trash und hier wird dann auch definitiv Zweiteres beschritten. Katastrophal sind hier auch besonders das Drehbuch und seine zahllosen und völlig überzeichneten Nebenhandlungsstränge, die den Zuschauer davon ablenken sollen, dass der Inhalt von „Volcano“ eigentlich vollkommen hirnrissig ist. Klappt aber ganz gut und wenn es rummst, scheppert und andauernd etwas in Flammen aufgeht ist das für mich als verkappter Pyromane auch völlig okay und mir ist auch lieber, die Lava fließt durch den Hollywood Boulevard, als durch den eigenen Vorgarten.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 25. Apr 2018, 20:00

Mein Nachbar Totoro

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jogiwan hat geschrieben:Gestern gleich nochmals im Rahmen meiner Hayao Miyazaki-Retrospektive gesichtet und „Mein Nachbar Totoro“ ist einfach ein wunderbares Werk über einen abenteuerlichen Sommer auf dem Lande, kindliche Fantasie und zwei Kinder, die in einer schwierigen Zeit immer wieder Hilfe von unerwarteter Seite bekommen, wenn Traurigkeit, Einsamkeit oder Langeweile droht. Ob der große Totoro aus einem Kinderbuch entsprungen ist, oder tatsächlich existiert ist dabei unerheblich und Miyazaki trennt seine Geschichte auch nicht wie üblich in „real“ oder „fantastisch“ sondern erzählt sie in einem Fluss und gänzlich aus der Sichtweise der beiden Kinder. Ein wunderbarer Film mit noch wunderbareren Figuren, der mit jeder Sichtung wächst und den man auch nur voll und ganz in sein Herz schließen kann.


Gerade gesehen, dass ich den anscheinend fast auf den Tag genau vor drei Jahren das letzte Mal gesehen habe. Ich liebe diesen unaufgeregten, schönen und ruhigen Film über eine fantasievoll-unbeschwerte Kindheit.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 26. Apr 2018, 19:26

So lange dein Herz schlägt

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Ruhig und unaufgeregt erzählter Streifen über das menschliche Herz aus unterschiedlichen Blickwinkeln, die mit der Lebensgeschichte einer Kardiologin verwoben sind. Dabei geht es einerseits neben den schulmedizinischen Erkenntnissen um die Fähigkeiten, die dem Organ in früheren Tagen zugeschrieben wurden, wie auch den Empfindungen und Redewendungen, die dem Herzen zugeschrieben werden und sich eben nicht so einfach mit Skalpell und Anatomie-Lehrbuch beweisen lassen. Dabei wirkt die Low-Budget-Produktion „Solange dein Herz schlägt“ auf mich als nüchtern-analytischer Mensch aber doch etwas zu dick aufgetragen und für meinen Geschmack war der Inhalt auch etwas zu rührselig, gefühlsduselig und esoterisch inszeniert. Klar bietet der menschliche Körper noch immer Geheimnisse, die sich schulmedizinisch nicht zur Gänze erklären lassen, aber die Art wie das hier präsentiert wird, geht mir persönlich zu sehr in eine bestimmte Richtung. Keine Ahnung warum ich mir die Scheibe überhaupt besorgt hat und irgendwie hat mich der Inhalt ja doch angesprochen, aber das Endergebnis hat mich eher mäßig begeistert und eignet sich wohl auch eher für mystisch oder religiös interessierten Menschen, die im eigenen Leben auch auf Schicksal und göttliche Vorsehung vertrauen möchten. Wem sich bei den Schlagwörtern „Glaube, Liebe, Hoffnung“ nicht gleich die Zehennägel aufrollen, kann ja einen Blick riskieren, aber Leutchen aus der Genre-Ecke werden aufgrund der etwas schmalzigen Herangehensweise wohl eher weniger bedient und auch sicher nicht bekehrt.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 27. Apr 2018, 20:35

Straßen in Flammen

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jogiwan hat geschrieben:Normalerweise mag ich ja Musikfilme sehr gerne, aber im Falle von "Straßen in Flammen" bin ich dann doch weitgehend ratlos. Walter Hills Streifen hat irgendwie mit seinen Darstellern, Settings und Songs auch alle Zutaten für einen entsprechenden Hit, aber es kommt irgendwie keine Dynamik auf, was wohl auch irgendwie daran liegt, dass die Figuren so überzeichnet und der Rest irgendwie lieblos daherkommt. So hat man das Gefühl, die Figuren fahren trotz ständigem Schauplatzwechsel in 100 Metern der gleichen Kulisse herum und dennoch kommt die wie eine griechische Tragödie aufgebaute und dennoch recht minimale Geschichte mit viel Musik nie so richtig in Fahrt. Irgendwie hab ich die Musik auch eher als Störfaktor wahrgenommen und die unbekannten Songs bringen die Story imho auch nicht wirklich weiter. Diane Lane ist als zappelnde Rock-Prinzessin nicht gerade die ideale Wahl und bei Willem Dafoe in seiner Latex-Latzhose gruselt es mich eher. Ein Film, dem ich sicher nochmal eine Chance geben werde, aber der mich gestern leider so gar nicht überzeugen konnte. Und Willem Dafoe in einer Latex-Latzhose... brr..... :angst:


Auch die Zweitsichtung im englischen Original und im Rahmen meines Musikfilm-Donnerstags brachte leider keine Besserung und „Straßen in Flammen“ ist leider meines Erachtens der gründlich misslungene Versuch, eine Western-artige Geschichte in einer Art Anti-Musical mit viel Action, Krawall und Pathos zu verbraten. Ein einsamer und schweigsamer Held mit Sidekick, eine holde Sängerin, eine Horde Motorrad-Bösewichte und ein finaler Showdown Mann-gegen-Mann erinnern ja auch stark an das ungeliebte Genre und im Falle von Walter Hill kommen hier noch Achtziger-Rocksongs dazu, die der Handlung ebenfalls nie so wirklich zuträglich sind und auch nicht ins Ohr gehen. Walter Hill, den ich ansonsten ja sehr schätze, wollte mit seinem Film wohl die Welt des Musicals einem Genre-Publikum näher bringen und dieser eigentlich löbliche Vorsatz scheitert daran, dass er auf elementare Dinge verzichtet, die für Musikfilme jedoch unabkömmlich sind. Statt Liebesgeschichte, Wohlfühl-Faktor und schmissige Songs gibt es dafür Explosionen, Verfolgungsjagden, Leerlauf und einen Titelhelden, der am Ende mit leeren Händen aus dem Staub macht. Was bei Western vor mir aus noch funktionieren kann, geht hier jedenfalls gründlich in die Hose bzw. bei meiner Erwartungshaltung vorbei und fertig ist ein Film, der zwar gut ausschaut und mit seinen nächtlichen Neon-Settings hübsch gemacht ist, aber inhaltlich leider ganz gehörig enttäuscht und so überhaupt nicht funzt.
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Re: Friedhof ohne Kreuze - das Jess Rollin-Tribute-Filmtagebuch

Beitragvon jogiwan » 28. Apr 2018, 19:38

Groper Train - Der Grapscher Zug

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1934 gelangt der Soldat Gohei in der Mandschurei zufällig in den Besitz der größten, schwarzen Perle der Welt und nimmt diese mit nach Japan. Fünfzig Jahre später ist die Black Pearl für die Öffentlichkeit noch immer spurlos verschwunden und als Gohei während eines sexuellen Akts mit seiner jungen Ehefrau Matsuko einen Infarkt erleidet, spricht er die Worte „Muschi“ und „Abdruck“ als letzten Hinweis auf den Verbleib des Schatzes, ehe er verstirbt. Als Matsuko daraufhin den Detektiv Kuroda engagiert um mit dem delikaten Durckerzeugnis die schwarze Perle zu finden, macht sich dieser voller Tatendrang auf die Suche nach der Spenderin der ominösen Vorlage um so auch dem Geheimnis des Verbleibs der legendären Perle auf die Spur zu kommen. Dazu mischt sich Kuroda in die überfüllten Züge von Tokios U-Bahn um im dichten Gedränge auf intime Tuchfühlung gehen.

Bei „Pinku Eiga“-Filmen, der japanischen Mischung aus Kunst-, Genre- und Sexfilm, muss man ja immer auf allerlei Geschmacklosigkeiten und sonderbaren Geschichten eingestellt sein und „Groper Train“ ist ja offensichtlich eine ganze Reihe von sehr fragwürdigen Filmchen, in denen es darum geht, jungen Frauen in überfüllten U-Bahnen am Höschen herumzufingern. Die Sache mit dem Muschi-Abdruck ist aber nur ein Teil des inhaltlich sehr sprunghaften Films, der die ganze Sache auch eher augenzwinkernd und wenig geschmackssicher und zotig angeht. Die betreffende Vorlage des Muschi-Abdrucks in Form einer jungen Frau ist hier auch rasch gefunden und danach wandelt „Groper Train“ auch eher auf den Spuren eines Thrillers, wenn es auf einmal Tote gibt und der Ring mit der schwarzen Perle in falsche Hände gerät. Dazwischen wird aber natürlich viel gefummelt und am Ende dreht der Drehbuchautor in Punkto Schwachsinn auch so richtig auf und lässt die ganze Geschichte irgendwie völlig aus dem Ruder laufen. Als besonderes Highlight gibt es Kamerashots aus einer sehr ungewohnten Perspektive, die dem Zuschauer auch die Kinnlade herunterklappen lässt, ehe „Groper Train“ mit einem moralischen Unterton versöhnlich zu Ende geht. Alles natürlich für westliche Zuschauer völlig jenseitig ist der 1984 gedrehte Streifen schon eine lustig-schräge Sache für aufgeschlossene Zuschauer die wissen, was unter dem Label „Pinku Eiga“ ungefähr zu erwarten ist.

A Lonely Cow weeps at Dawn

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Nach dem Tod des Schwiegersohns verliert der betagte Landwirt Shukichi zunehmend den Sinn für die Realität und lebt gemeinsam mit seiner Schwiegertochter, der Witwe Noriko ein einfaches Leben auf einem Hof, für den sich ein zwielichtiger Investor interessiert. Jeden Morgen geht Shukichi in den Stall zu seinen Kühen, um auch seine Lieblingskuh Bessie zu melken. Doch diese ist bereits vor Jahren bei dem Unfall mit seinem Sohn verstorben und um den Senior nicht den letzten Funken Lebensfreude zu nehmen, hat Noriko kurzerhand die Rolle der Kuh mit allen Konsequenzen eingenommen. Als jedoch eines Tages die habgierige Tochter Shikichis auf den Hof zurückkehrt um diesen zu verkaufen, geraten die Ereignisse aus dem Ruder und auch das eigentlich sehr traurige Geheimnis des Landwirts und seiner Schwiegertochter bleibt nicht unentdeckt…

Filmchen aus der „Pinku Eiga“-Ecke, dass hier den Zuschauer mit einem wahrlich sehr ungewöhnlichen Szenario konfrontiert. Allerdings ist „A Lonely Cow weeps at Dawn“ nicht der vielleicht erwartete Schmuddelfilm mit Kopfschüttel-Garantie, sondern eher ein sehr überraschend ernst gespieltes Drama über Schuld, Einsamkeit, Liebe im Alter und einen Landwirt, der nach dem Unfalltod seines Sohnes und seiner Lieblingskuh zunehmend den Boden unter den Füssen zu verlieren scheint und weitere Personen in den Abgrund zieht. Von der Optik, den wenigen Dialogen und den gepeinigten Figuren her erinnert der Streifen auch eher an die nüchternen und ebenfalls kontroversen Werke des Südkoreaners Kim Ki-Duk und auch hier geht es um Menschen, die sich selbst eine Art heile Welt oder emotionale Zuflucht geschaffen haben, die durch Außenstehende, Demenz und den Lauf der Zeit bedroht wird. Dazu kommen eher unerotische, teils unmotiviert wirkende Softsex-Szenen und ein eher abrupt wirkendes Ende, das den Zuschauer ebenfalls mit gemischten Gefühlen zurücklässt. Eigentlich schon ein Downer und dann wieder so schräg und voller Traurigkeit und abseitigem Humor, dass man sich als Zuschauer dem exzentrischen Treiben und Geschehen kaum entziehen kann. Eine Metapher? Ein Traum? Der Abgesang einer überalterten Gesellschaft? Keine Ahnung und vielleicht erweitere ich meine Eindrücke in ein paar Tagen noch um ein paar Zeilen, aber jetzt bin ich doch noch immer etwas ratlos...
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