Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Euer Filmtagebuch, Kommentare zu Filmen, Reviews

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Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon Theoretiker » 9. Sep 2012, 08:26

Hier findet ihr meine wüsten Warnungen vor unterirdischen Werken und liebenswerte Lobpreisungen meiner Lieblingsfilme.

Betreten auf eigene Gefahr, Diskussionen erwünscht.

Euer Theoretiker

_________________________________

Rezensionen:

#1 Stalker
#2 Tropa de Elite
#3 Montana Sacra
Zuletzt geändert von Theoretiker am 12. Sep 2012, 18:56, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon Theoretiker » 9. Sep 2012, 08:32

#1 - Stalker


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Filmdaten:

OT: Stalker

Regie: Andrei Tarkovsky

Land: UDSSR/Deutschland

Jahr: 1979

Darsteller: Aleksandr Kaidanovsky, Anatoli Solonitsyn, Nikolai Grinko, Alissa Freindlich, Natascha Abramowa - und ein schwarzer Schäferhund

Buchvorlage: 'Picknick am Wegesrand' von Arkadi und Boris Strugatzki

Interessierte seien davor gewarnt, die dt. DVD von Icestorm zu kaufen, die hat keinen O-Ton und keine gute Bildqualität. Die oben zu sehende von Artificial Eye hat hingegen O-Ton, dt. Untertitel und eine sehr gute Bildqualität, ist also absolut empfehlenswert, bei dem derzeitigen Kurs sowieso.


Handlung:

Eine verwahrloste und größtenteils zerstörte Stadt in einem "kleinen Land". Sie ist Zeuge einer scheinbar gescheiterten Zivilisation, die an einem Endpunkt angekommen ist. Nahe der Stadt befindet sich der Grenzzaun zur mysteriösen "Zone". Dieser von der Staatsgewalt hermetisch abgeriegelte Bereich war vor vielen Jahren Schauplatz einer Katastrophe, die die dort lebenden Menschen vernichtet haben soll. Die Wissenschaftler sind sich jedoch uneins, was genau dieses Unglück hervorgerufen hat. Vielleicht ein eingeschlagener Meteorit, ein Angriff von Außerirdischen? Die vor Jahren in die Zone entsandten Kundschafter kamen nicht zurück, und aus Furcht vor dem unbekannten Mysterium wurde die Zone abgeriegelt. In der Bevölkerung geht jedoch das Gerücht um, dass in der Zone ein Raum zu finden sei, in der sich der geheimste und innigste Wunsch eines jeden Menschen erfülle.

Unter der Führung des Stalkers, eines feinfühligen und ortskundigen Fährtenlesers, wagen der Schriftsteller und der Wissenschaftler eine Reise zu diesem sagenumwobenen Raum. Die drei Reisenden können durch die militärische Absperrung brechen und bestreiten den Weg durch die sehr meditativ wirkende Landschaft der Zone. Stetig warnt der Stalker vor einem komplexen System tödlicher Fallen, die er zu erkennen und zu umgehen weiß. Je näher die Protagonisten dem Raum kommen, desto offensichtlicher werden ihre eigentlichen Beweggründe und desto tiefer führt die Reise in ihre eigene Innenwelt....

Quelle: OFDB


Meine Kritik:

(Spoilerwarnung!)

Dieser Film gibt keine Antworten - im Gegenteil. Er lässt den Zuschauer fragend zurück, weil es ungemein schwer fällt, trotz der äußerst dialoglastigen, ja philosophischen Szenen, das Gesehene einzuordnen und zur Gänze zu verstehen.

Aber gerade die Filme, die anregen, die hinterfragen, sind die anspruchvollsten und vor allem wichtigsten Werke, da man sie nicht konsumieren kann, sondern durch die man gefordert wird und vor allem aufgefordert wird, sich mit anderen Sichtweisen, Meinungen und Ideologien - und mit sich selbst auseinanderzusetzen. Popcorn-Kino, das unbestritten seine Daseinsberechtigung hat, bei dem man entspannen und sich ablenken kann, gibt es heutzutage zuhauf, schnelle Schnitte, Hektik, Style - alles schön und gut, aber letztendlich doch unbefriedigend und, geben wir es doch zu, dumm.

Der Film funktioniert auf mehreren Ebenen, da er auch als vordergründige Zivilisationskritik interpretiert werden kann. Da der Film wohl letztendlich der Auslöser dafür war, dass Tarkovsky die UDSSR verlassen musste, beweist, dass auch das Regime sein Werk als Kritik verstanden hat. Dies aber als wesentliche Aussage zu verstehen, wird diesem kaum gerecht und zeugt von der eindimensionalen Denkweise solch totalitärer Regime. Es wäre aber viel zu einfach, die durchaus vorhandene Zivilisationskritik als einzige Aussage des Films zu verstehen.

Schon den Film einem bestimmten Genre zuzuordnen, fällt schwer. Oft ist in Beschreibungen "Science Fiction" zu lesen, was es m. E. nun gar nicht trifft. Das Gezeigte ist zwar fiktiv, aber gleichzeitig auch so zeitlos, dass das eher technische Si-Fi Genre nun kaum passen will, zumal so etwas wie Action gar nicht stattfindet.

Dieser Film ist gänzlich anders. Lange Einstellungen, ruhige Bilder, eloquente Dialoge, Bildkompositionen, die mehr sagen, als so mancher Film in der gesamten Laufzeit.

Am ehesten ist der Film als mystisches Endzeitdrama zu bezeichnen. Ein Drama, das auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt ist, denn die Zone kann man auch als unser "Ich", unser Inneres begreifen, das stetig und unruhig zwischen Realität und Glaube, Hoffnung und Ängsten, Rationalität und Emotionen hin- und hergerissen wird, das aber immer geneigt ist, Glück zu finden und vor allem eine Antwort auf das "Warum". Welches Warum? Das sieht bei jedem anders aus, "warum lebe ich", "warum habe ich keinen Erfolg", "warum bin ich unglücklich"....

Die drei Protagonisten, den Stalker, den Schrifsteller und den Wissenschaftler, kann man stellvertretend für das, was uns Menschen im Wesentlichen ausmacht, sehen: den Wissenschaftler, der rationale und analysierende Part als unseren Intellekt (Geist); den Schriftsteller, der kreative und philosophische Part als unseren 'Bauch'; und den Stalker, der emotionale und empathische Part als unser Herz.

Nur wenn diese drei im Einklang sind und handeln, werden sie ihr Ziel in der Zone erreichen, den Raum, der den größten Wunsch eines Jeden erfüllen kann. Dass sie zwar ihr Ziel erreichen, aber keiner der drei den Raum betritt, ist letztendlich das Resultat des Ungleichgewichts und des Selbstzerstörischen dieser drei - und somit unseres Ichs. Fast nie werden Geist, Bauch und Herz im Einklang stehen, streben sie doch so sehr in unterschiedliche Richtungen, ist das, was als Erfüllung und Glück gesehen wird, so gegensätzlich und im stetigen Wandel. Wie heißt es so schön, wir stehen uns selbst oft im Weg!

So steht die Rückkehr auch für das Scheitern. Das Rationale, das bereit ist, alles für ein höheres Ziel zu opfern (=der Wissenschaftler, der den Raum sprengen möchte, um ihn vor dem Bösen zu schützen), auch das (individuelle) Glück. Das Kreative in uns, dass zwar schöpferisch sein kann, aber auch leicht ins Nihilistische abdriftet und alles als sinnlos ansieht, wie der gescheiterte Schriftsteller. Unsere Emotionen, die zu Liebe führen können, aber auch zu Rückzug und falschem Individualismus, wie der Stalker, der lieber seine Familie zurücklässt, um anderen zu helfen und in die Zone zu gehen, weil er sich dort frei fühlt, dabei aber seine Einsamkeit verdrängt.

Etwas vordergründiger kann man diese drei auch stellvertretend für die entsprechenden Strömungen bzw. Ideologien sehen.

Dies wird im Kontext des Scheiterns unserer Zivilisation präsentiert, die die Natur geißelt und die Menschen ziellos umherirren lässt, ihnen aber keien Antworten geben kann. Die Natur, das Leben schlechthin, hat nur in der Zone ein Refugium gefunden, die im Gegensatz zur restlichen, verkommenen Welt in Farbe gezeigt wird. Auch auf dieser Ebene funktioniert dieses Werk hervorragend.

Und obwohl am Ende des Films klar wird, dass keine Fragen beantwortet werden, ist man gewiss, dass man ganz großes Kino genießen durfte. Nur das Popcorn wäre unpassend gewesen...


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Re: Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon Adalmar » 9. Sep 2012, 09:33

Danke für die Vorstellung, ich sollte mir wirklich mal die UK-DVD besorgen. Habe von Tarkovsky bislang nur "Der Spiegel" gesehen, womit ich aber offen gestanden nicht allzu viel anfangen konnte.
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Re: Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon buxtebrawler » 9. Sep 2012, 20:20

Klasse, ein neues Filmtagebuch! :thup:

:popcorn:

Viel Spaß beim "Führen", Theoretiker, und praktischerweise wünsche ich die entsprechende Zeit und Muße gleich dazu :)
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon Theoretiker » 11. Sep 2012, 17:18

Adalmar hat geschrieben:Danke für die Vorstellung, ich sollte mir wirklich mal die UK-DVD besorgen. Habe von Tarkovsky bislang nur "Der Spiegel" gesehen, womit ich aber offen gestanden nicht allzu viel anfangen konnte.


Auf gleicher Stufe wie "Stalker" sehe ich "Andrej Rubljow"m da braucht man aber ein langen Atem. :mrgreen:
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Re: Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon Theoretiker » 11. Sep 2012, 17:22

#2 Tropa de Elite


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Filmdaten:

OT: Tropa de Elite
Land & Jahr: Brasilien, USA 2007
Genre: Action-Drama
Regie: José Padilha
Darsteller: Wagner Moura, Caio Junqueira, André Ramiro, u. a.
Ton: portugiesisch mit engl. Subs
Gesehen auf: Blu-Ray (UK) – „Elite Squad“


Handlung:

1997, Rio de Janeiro, Brasilien: im Kampf gegen Drogendealer und Schießereien in den Slums ist die Polizei des Öfteren machtlos, wenn sie denn überhaupt dagegen ankämpfen möchte. Die meisten Polizisten sind korrupt und arbeiten mit den Dealern und nicht gegen sie, sehen weg und holen sich alle paar Tage ihr Schutzgeld ab.

Captain Nascimento (Wagner Moura) hingegen arbeitet für die Spezialeinheit BOPE (Batalhão de Operações Policiais Especiais), die nur aus rund 100 Männern besteht. Sie kommt zum Einsatz, wenn die Polizei komplett überfordert ist. Dabei bedient sie sich fragwürdiger Methoden: sie schießt erst und fragt danach, während sie oft nur mit folterähnlichen Befragungen zu ihren gewünschten Informationen kommt.

Da Nascimentos Frau schwanger ist und er sowieso aus dem Dienst austreten will, weil er immer wieder unter Panikattacken während der Einsätze leidet, ist er gerade auf der Suche nach einem fähigen Nachfolger. Dafür kommen die beiden Polizisten André Matias (André Ramiro), der nebenbei noch Jura studiert, und dessen bester Freund Neto (Caio Junqueira) in Frage, die zu dieser Zeit das BOPE-Trainingscamp beginnen...

Quelle: OFDB


Meine Kritik:

Regisseur Padilha wandelt mit seinem Film auf einem sehr, sehr schmalen Grat. Dieser Grat liegt zwischen der (gerechtfertigten) Aufklärung über die Zustände in den Favelas der Millionenmetropole Rio de Janeiro im semidokumentarischen Erzählstil und der Unterhaltung des Zuschauers mit einem Thema, bei dem eigentlich keiner auf die Idee kommen dürfte, dass er damit (reine) Unterhaltung abliefern kann.

Es verwundert nicht, dass der Film nicht nur in Brasilien stark umstritten ist, sondern auch dessen Auszeichnung mit dem „Goldenen Bären“ auf der Berlinale 2008 sehr überraschend kam.

Darf ein Film, der offensichtlich eher als Aufklärung denn als Unterhaltung verstanden werden will, mehr oder weniger „kommentarlos“ die Vorgehensweisen dieser paramilitärischen Sondereinheit, nämlich Folter und Mord, die nun überhaupt nichts mehr mit rechtsstaatlich zulässigen Mitteln zu tun haben, so „unterhaltsam“ schildern? Muss er nicht selbst eindeutig(er) Stellung beziehen?

Eine Distanz, die es dem Zuschauer ermöglicht, über das Gesehene zu reflektieren, wird diesem kaum zugestanden. Er wird mittels Handkamera mitten ins grausame Geschehen geworfen und hat aufgrund des spannenden Plots, der Kameraführung und der sehr authentisch wirkenden Inszenierung kaum eine Möglichkeit, sich der Sogwirkung zu entziehen.

Resultiert dieser Vorwurf aber nicht auch daraus, dass hier die andere Seite gezeigt wird, also nicht wie z. B. bei „City of Gods“ die Sichtweise der armen Bewohner der Favelas, der eigentlichen Täter, sondern das der Bürgerkrieg aus der Sicht der Polizei und der Sondereinheiten geschildert wird? Es ist ungemein anspruchsvoller, sich von den eigentlich Guten zu distanzieren, denn der Zweck heiligt ja bekanntlich die Mittel, und deren Absegnung wäre ein leichtes.

Da dem Zuschauer in erster Linie das Leben der vermeintlich Guten geschildert wird, fällt es daher schon ungemein schwer, deren Methoden zu verurteilen und sich nicht insgeheim dabei zu ertappen, diese zu ignorieren oder gar zu rechtfertigen. Einige Kritiker bemängelten, dass die BOPA als Allheilmittel gegen Drogenhandel und Polizeikorruption kaum hinterfragt werde, der Zuschauer zum „faschistoiden Voyeur“ degradiert und geradezu manipuliert werde.

Ich bin nicht dieser Auffassung. Es wäre auch eine nicht zu lösende Aufgabe, diese komplexe Thematik mit humanistisch-juristischen Dialogen und Aussagen zu versehen und gleichzeitig einen 90-minütigen Spielfilm zu kreieren, der seine Zuschauer bei der Stange hält - mal ganz davon abgesehen, dass das kaum ein Zuschauer verstehen würde.

Als mündiger und kritischer Mensch sollte man in der Lage sein, mit Regisseur Padilha den schmalen Grat zwischen Aufklärung und Anklage auf der einen Seite und Voyeurismus auf der anderen Seite gehen zu können und die Aufgabe zu bewältigen, sich selbst ein Urteil zu bilden. Gerade auch deshalb, weil die Gewalt nie selbstzweckhaft erscheint und überwiegend sehr abstoßend dargestellt wird.

Allerdings ist es eine anspruchsvolle Aufgabe, die es da zu meistern gilt. Es ist viel einfacher, wenn ein Film eindeutig Stellung bezieht. Dies unterlässt „Tropa de Elite“ aber. Er überlässt es dem Zuschauer, anzuklagen. Nicht nur die Drogenhändler und die korrupte Polizei, die für diese Zustände verantwortlich sind, sondern auch die zu verurteilen, die meinen, es gebe keine anderen Mittel, als mit Menschrechtsverletzungen und Mord dieses „System“ und perverse Gleichgewicht zu bekämpfen.

Viele Regisseure neigen dazu, den Zuschauer zu entmündigen, für ihn zu definieren, was Recht und was Unrecht ist. Das beginnt oft bei grenzdebilen Storys, die mit der üblichen Schwarz-Weiß-Malerei aufwarten und den Kampf „Gut gegen Böse“ mit eindimensionalen Charakteren und dementsprechend platten Dialogen garnieren. Dies tut „Tropa de Elite“ gerade nicht, hier gibt es keine Guten, jede der Gruppen – Drogendealer, korrupte Polizisten, die Drogen nehmende bourgeoise Studentenschaft und auch die BOPA, trägt ihren Teil zum alltäglichen Wahnsinn in Rio bei.

Da hier außerdem der Charakterzeichnung, allen voran Capitao Nascimento, der auch aus dem Off kommentiert, aber auch den Rekruten Matias und Neto, viel Raum gegeben wird, kann der Zuschauer deren Entwicklung und Handlungsweisen zwar verstehen, schreckt aber davor zurück, diese zu rechtfertigen – was wohl auch Padilhas Intention gewesen sein dürfte.

Keiner der Protagonisten ist dazu geeignet, sich mit ihm zu identifizieren, auch der mit hehren Zielen ausgestattete Matias scheitert am Ende am eigenen Anspruch, indem er durch die unmenschliche Ausbildung der BOPA und den persönlichen Verlust zur deren entmoralisierter Marionette wird.


Fazit:

Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, bei diesem Film die mitreißende Inszenierung und damit den Unterhaltungsaspekt nicht in den Vordergrund treten zu lassen, sondern sich selbst dazu zu zwingen, zu hinterfragen, was man da gerade gesehen hat und den Film auf das Wesentliche zu reduzieren.

Eine anspruchsvolle, aber keinesfalls unmögliche Aufgabe.

„Tropa de Elite“ ist zweifellos ein mitreißender und kontroverser Film. Führen aber nicht gerade die kontroversen Filme dazu, dass auch unbequeme Thematiken nicht einfach totgeschwiegen werden, sondern diskutiert werden und sich Menschen darüber austauschen?

Daher ist „Tropa de Elite“ allein schon aus diesem Grund ein Film, den man gesehen haben sollte.

8,5/10
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Re: Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon Arkadin » 11. Sep 2012, 23:20

Theoretiker hat geschrieben:
Adalmar hat geschrieben:Danke für die Vorstellung, ich sollte mir wirklich mal die UK-DVD besorgen. Habe von Tarkovsky bislang nur "Der Spiegel" gesehen, womit ich aber offen gestanden nicht allzu viel anfangen konnte.


Auf gleicher Stufe wie "Stalker" sehe ich "Andrej Rubljow"m da braucht man aber ein langen Atem. :mrgreen:


"Andrej Rubljow" mag ich auch sehr gerne. Mit "Der Spiegel" hatte ich erst Probleme, aber der Film wächst im nachhinein gewaltig. Je mehr man drüber nachdenkt, umso mehr Dimensionen eröffnen sich einem. Mittlerweile einer meiner liebsten Tarkowskis. Wobei... irgendwo sind die alle großartig. Am "Schwächsten" empfinde ich mittlerweile "Solaris" und das ist wirklich Jammern auf ganz, ganz hohem Niveau.
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Re: Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon Theoretiker » 12. Sep 2012, 18:55

#3 Montana Sacra

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Filmdaten:

Originaltitel: Montana Sacra

Alternativtitel: La Montana Sagrada; The Holy Mountain; Der heilige Berg

Land & Jahr: Mexico, USA; 1973

Laufzeit: 114 Min.

Regie: Alejandro Jodorowsky

DVD: Tartan (engl., ohne Subs)

Darsteller: Horacio Salinas, Alejandro Jodorowsky, Zamira Saunders, Juan Ferrara, Adriana Page, u. a.


Handlung (Spoiler):

Ein namenloser Dieb (Horácio Salinas) wird von einigen Männern, die als römische Legionäre verkleidet sind, betrunken gemacht, um von seinem Körper naturgetreue Abgüsse des gekreuzigten Christus herzustellen, die anschließend gewinnbringend verkauft werden sollen. Doch der Dieb durchschaut den Plan der Ganoven und zerstört in seinem Zorn alle angefertigten Figuren bis auf eine, mit der er durch die Stadt irrt.

Auf seiner Odyssee begegnet er einem geheimnisvollen Alchemisten (Alejandro Jodorowsky), der es versteht, aus Exkrementen Gold zu fabrizieren. Fasziniert von den Fähigkeiten des Magiers schließt sich der Dieb diesem an und lässt sich auf eine Initiationsritual ein. Der Alchemist führt den Dieb in eine Gruppe von sieben weiteren Gefährten ein, die allesamt ebenfalls im weitesten Sinne Diebe waren, den "Mächtigen des Universums". Der Alchemist will sich mit ihnen auf die Suche nach dem Heiligen Berg machen, auf dessen Gipfel neun Weise thronen sollen, die das Geheimnis der Unsterblichkeit besitzen. Um in den Besitz dieses Geheimnisses zu gelangen, muss zunächst jedes der Gruppenmitglieder sein eigenes Ego völlig aufgeben, bis die Gruppe die Stufe eines gemeinsamen Bewusstseins erreicht hat. Im Verlauf der Reise gelingt das schwierige Unterfangen schließlich, so dass die Gruppe nun endlich zur Lotusinsel übersetzen kann, wo sich der Heilige Berg befindet. Dort allerdings erwartet alle Teilnehmer der Entdeckungsreise (und die Zuschauer des Films) eine Überraschung...

Quelle: Filmdatenbank


Meine Kritik (Spoiler!):

Es kursieren viele Gerüchte über die Entstehung dieses Werkes, dass z. B. bei Regisseur und Darstellern Drogen im Spiel gewesen sind. Das kann man bei der orgiastischen Bilderflut voller Obszönitäten und Gewalt gegenüber Mensch und Tier gerne glauben.

Dem Film merkt man auf jeden Fall das im Vergleich zu 'El Topo' höhere Budget an, was Jodorowsky ausgiebig für eine aufwändige Inszenierung nutzen konnte. Apropos nutzen: der Film war - wenig überraschend - ein kommerzielles Disaster, was angesichts des Gezeigten auch wenig verwunderlich ist. Massenkompatibilität sieht halt anders aus.

Bei vielen Filmen, die als surrealistisch/ experimentell/ avantgardistisch bezeichnet werden können, kapituliert der geneigte Zuschauer/Kritiker, indem er ihn als "unbeschreiblich" definiert oder mit "kann man nicht in Worte fassen" die eigene Hillflosigkeit ob des Gesehenen manifestiert.

Auch bei 'Montana Sacra' kann man schnell kapitulieren, allerdings ist die eigentliche Handlung recht gut verständlich. Viele Einstellungen und Arrangements erschließen sich dem Betrachter aber nicht, wobei man nicht den Fehler begehen sollte, in jedem Bild einen tieferen Sinn zu finden. Das sich Jodorowsky über viele Jahre mit Religionen, New Age und philosophischen Ansätzen jedweder Art beschäftigte, ist zwar offensichtlich. Wenn er aber mit Kröten die Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier "nachspielt", dann bricht auch einfach der Schalk im Nacken des Regie-Genies durch.

Hier "kriegt jede Religion ihr Fett weg", der Dieb, der Jesus verköpert, dem Prostituierte folgen (Maria Magdalena), und der sich gegen Kommerzialisierung des christlichen Glaubens wehrt, sei nur ein Beispiel.

Es wird schlichtweg alles hinterfragt und gleichzeitig kritisiert, Glaube, Religionen, Machtausübung, Kapitalismus, Narzissmus, Maßlosigkeit. So stehen die sieben Mächtigen vermutlich für die 7 biblischen Todsünden, stellen aber Anklage und Bekenntnis in Personalunion dar.

Wenn der Alchimist seinen Weggefährten klar macht, dass die Suche nach dem Sinn des Lebens oder gar Unsterblichkeit erfolglos sein musste, wird nicht nur der Zuschauer brutal in die Realität zurückgeholt:

"Is this the end of our adventure? No, nothing has an end. If we don't find immortality and least we shall find reality. Starting with a tale we have found life. But is this life actually reality? No. It's a film. We're only images, dreams and photographs. We mustn't stay here as prisoners. Let's shatter the illusion. That's magic! Goodbye to the Holy Mountain. Real life awaits us!"

Man kann nur vermuten, dass seine "Trips" Jodorowkys zu der Erkenntnis geführt haben, dass weder Glaube noch philosophische oder sonstige (politische) Weltanschauungen den Menschen einen wirklichen Sinn des Lebens vermitteln können.

Den müssen sie schon selbst finden...

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Re: Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon Theoretiker » 15. Sep 2012, 19:17

#4 - 300

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Filmdaten:

O-Titel: 300
Land & Jahr: USA / 2007
Deutscher Kinostart: 5. April 2007
Dt. Vertrieb: Warner Bros.
FSK: ab 16
Länge: ca. 117 Min.
Regisseur: Zack Snyder
Darsteller: Gerard Butler, Lena Headey, Rodrigo Santoro, Dominic West, Vincent Regan, Tom Wisdom, Andrew Tiernan, u. a.


Handlung:

Wir schreiben das Jahr 480 vor Christus. König Leonidas marschiert mit einer kleinen Armee von loyalen Spartiaten auf die Thermopylen zu. Dort befindet sich eine hundertausende Soldaten umfassende Übermacht an Persern, die Griechenland erobern wollen.

Leonidas gelingt es schließlich, seine Armee mit der der Arkadier zu vereinen und den Angriff der Perser vorerst abzuwehren. Deren König Xerxes bittet Leonidas zu einer Audienz und versucht, ihn zur Kapitulation zu bewegen. Lenonidas lehnt allerdings ab und schlägt auch die nächste Angriffswelle erfolgreich zurück. Als sich die Situation der Spartaner jedoch immer mehr verschlechtert, schickt Leonidas seinen Barden Dilios zurück, um den Griechen von der Schlacht zu berichten. Der König selbst bleibt mit seinen verbliebenen dreihundert Kämpfern zurück, um sich dem wohl endgültig letzten Gefecht zu stellen...

Quelle: Filmdatenbank


Meine Kritik:

(Das Folgende könnte den einen oder anderen Spoiler enthalten!)

Gute Unterhaltung, "Mainstream", ist immer erwünscht und eine schöne Ablenkung. Unter gute Unterhaltung kann man "300" aber imho nicht subsumieren.

Es müssen nicht immer anspruchsvolle Themen sein und eloquente Dialoge sind auch kein Muss. Und das keine Missverständnisse aufkommen: Historische Korrektheit ist auch nicht wichtig, solange nicht unstreitige Fakten vergewaltigt werden. Dass "300" diesen Anspruch offensichtlich nicht hat, das zeigen ja schon die mystischen Elemente, die Historie muss also nicht weiter betrachtet werden. Es geht bei diesem Review also definitiv nicht um historische Korrektheit.

Bei diesem Film ist kaum etwas Positves anzumerken, die gelungene Kameraführung und Choreografie der Kämpfe mal außen vor gelassen.

Um es mal ironisch überspitzt zu sagen: Leni Riefenstahl dreht mit den American Dreamboys für ein totalitäres Regime einen Propagandafilm über die Freuden des Heldentodes.

Snyder verbindet die filmische Ästhetik Riefenstahls mit dümmlichen Dialogen, die einfach schwer zu ertragen sind. Gerade die Verbindung dieser vorbelasteten, "besonderen" Ästhetik mit den martialischen Dialogen hinterlässt einen faden Beigeschmack, zumal das Entfernen von der Vorlage, der Millerschen Graphic Novel, nicht nachvollziehbar ist und der Eindruck entsteht, dass Snyder diesen Look in Verbindung mit den Dialogen und der Aussage des Films bewusst gewählt hat, um mainstreamtaugliches Kino zu schaffen. Meines Erachtens eine unglückliche Entscheidung.

"Kehre mit deinem Schild wieder heim - oder auf ihm". So oder so ähnlich die Aussage Leonidas´ Frau vor dessen Weggang. Ich konnte mich vor Lachen kaum halten, das Lachen sollte mir aber im Halse stecken bleiben, da dieses unterirdische Niveau der Dialoge beibehalten werden sollte. Wie gesagt, diese dümmlichen Dialoge in Verbindung mit der gewählten Ästhetik - das gibt dem Film eine unterschwellige (ungewollte) Aussage, die befremdlich ist. Selbst die meisten Blockbuster versuchen ansatzweise zumindest einen gewissen Schrecken des Krieges zu vermitteln und nicht ohne Ende schwülstigen Pathos auszukippen, so dass tausendfaches Abschlachten offensichtlich nicht Ernst genommen werden soll.

Zwar fließt hier literweise Kunstblut, aber alle Emotionen fokussieren sich auf die Ergebenheit zum Anführer. Bis auf den Gefühlsausbruch des Herrführers der Spartiaten, als dessen Sohn fällt, wird auf emotionaler Ebene jede Reflektion hinsichtlich des gerade stattfindenden Wahnsinns schmerzlich vermisst. Und selbst dieser Gefühlsausbruch wirkt in der ganzen "heroischen" Atmosphäre seltsam aufgesetzt. Die meiste Zeit geht es um männliche "Uga-Uga-Rituale" in Hochglanzoptik. Selbst das Sterben kommt völlig steril und fast ausnahmslos gesichtlos daher.

Hier scheitert Snyder in der Tat auf ganzer Linie daran, die Atmosphäre und Aussage der Millerschen Graphic Novel - zwei zwar völlig unterschiedliche, aber dennoch totalitäre Regime darzustellen, wie diese funktionieren und den daraus resultierenden menschenverachtenden Wahnsinn anzuprangern - filmisch umzusetzen. Auch die Charaktere bleiben blass und konturenlos, da er versucht, dies "eins zu eins" zu tun, hier hätte sich Miller von der Novel lösen müssen und eine "richtige" Geschichte mit zumindest ansatzweise hinterfragenden Dialogen erzählen sollen.

Die Gratwanderung der Novel misslingt daher, dass Sterben fürs Vaterland wird heroisiert, die grenzdebilen Dialoge tun hierbei ihr übriges. Es ist sehr schade, dass Snyder die Aussage der Novel scheinbar dem Mainstream opferte und diese Chance nicht nutzen konnte oder wollte. Die (unterschwellige) Kritik Millers wird auch nicht ansatzweise vermittelt - im Gegenteil. Wohlgeformte bzw. im Rechner aufbereitete Heldenfiguren wollen das dunkle Böse aus dem Land vertreiben. Autsch!

Schwach! 2/10
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Re: Das praktische Filmtagebuch des Theoretikers

Beitragvon Theoretiker » 18. Sep 2012, 20:29

#5 Freaks

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Filmdaten:

Originaltitel: Freaks
Herstellungsland: USA
Erscheinungsjahr: 1932
Regie: Tod Browning
Darsteller: Wallace Ford, Leila Hyams, Olga Baclanova


Inhalt:

Der Betreiber einer Freakshow erzählt den Besuchern die Geschichte seiner neuesten Attraktion: Der Lilliputaner Hans ist, obwohl er in der Zwergin Frieda eine Freundin hat, in die normalgroße Trapezartistin Cleopatra verliebt. Die jedoch ist hauptsächlich hinter Hans' Geld her, vor allem als er auch noch eine große Erbschaft macht. Zusammen mit dem Muskelmann Herkules plant sie, an das Geld zu kommen. Sie heiratet Hans und wird von den übrigen Freaks akzeptiert, hat jedoch nichts für sie übrig. Sie poussiert stattdessen weiter mit Herkules und plant Hans langsam zu vergiften. Doch in einer stürmischen Nacht ist die Stunde der Freaks gekommen...

Quelle: OFDB


Kurzkritik:

Ein wirklich unglaubliches Werk.

Browning war in seinem Schaffen nicht nur der damaligen Filmindustrie, sondern auch der Gesellschaft in ihrem Umgang mit Menschen abseits der leidlichen "Norm" Jahrzehnte voraus.

Nach dem großen Erfolg mit "Dracula" gab MGM freie Hand bei der Produktion eines weiteren Horrorfilms. Brwonings Kardinalsfehler war, das beim Studio, den Kritikern und erst recht bei den Zuschauern ein völlig falsche Erwartungshaltung weckte. Den Freaks ist alles andere, bloß kein Horrorfilm. Nach damligen Maßstäben war er dies vielleicht vordergründig, aber schon damals konnte man hinter die Kulisse schauen.

Der Film verfehlt trotz des Umstandes, dass eine halbe Stunde fehlt, beim aufgeklärten Zuschauer seine Wirkung nicht. Hier sind die Außenseiter der Gesellschaft diejenigen, die Humanismus und Menschlichkeit verkörpern.

Zur Menschlichkeit gehören aber nicht nur die Suche nach Liebe, Respekt und Anerkennung. Hierzu gehören auch Schwächen, nämlich aus Angst, andere zu verletzen und in dieser Angst über das notwendige Maß hinauszugehen, Rache zu üben, Rache für Verhöhnung und Ausgrenzung.

Die Stärke diese Films ist also, dass Andersein weder verniedlicht oder bemitleidet noch verabscheut oder gar zur Schau gestellt wird.

Er stellt Menschen einfach als Menschen dar. In den 30er Jahren hat das nur kaum jemand verstanden.

Letztendlich hät uns Browning einen Spiegel vor. DIE Norm gibt es nicht. Wir sind alle in irgendeiner Beziehung Freaks. Je perfekter man nach außen scheint oder sich zu präsentieren verucht, umso mehr stellt man sich ins abseits. Schlimmstenfalls, ohne es zu merken.

Allerdings werden die eigentlichen Aussagen mit dem Holzhammer vermittelt, etwas weniger "Anders sein" hätte es auch getan.

Man kann nur erahnen, welch Meisterwerk man zu sehen bekommen würde, wenn man die vollständige Fassung sehen dürfte.

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