bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 13. Sep 2017, 16:58

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Heiße Berührungen

„Könnten Sie nicht vorstellen, dass ich vielleicht mit irgendeinem von Ihnen schlafen würde…?“

In, man möge es sich auf der Zunge zergehen lassen, belgisch-französisch-italienisch-schweizerisch-spanischer Koproduktion drehte der spanische Viel- und Billig-Filmer Jess Franco („The Perverse Countess“) zusammen mit seinem Kollegen Julio Pérez Tabernero („Cannibal Terror“) 1975 einen weiteren auf seine Lebenspartnerin, Muse und Exhibitionistin Lina Romay („Entfesselte Begierde“) zugeschnittenen Sexfilm, genauer: eine Sex-Krimi-Komödie. „Heiße Berührungen“ alias „Midnight Party“ alias „Lady Porno“ wurde im Januar 1976 veröffentlicht und im deutschsprachigen Auswertungsraum leider arg verstümmelt, bis die deutsche DVD Abhilfe schuf.

„Mein Kopf is’n Wassereimer!“

Nachtclub-Stripperin und Prostituierte Sylvia (Lina Romay) ist mit einem Musiker (Alain Petit, „Zombie Lake“) liiert, unterhält jedoch auch einen Anwalt (Olivier Mathot, „Das Schiff der gefangenen Frauen“) als Liebhaber und ist kaum einem Schäferstündchen abgeneigt. Auf einer Party betrinkt sie sich und wird zu einem Dreier mit einer vollbusigen Dame eingeladen. Als sie nach der Orgie wieder erwacht, liegen ihre Sexualpartner erstochen neben ihr. Daraufhin lässt Janos Radeck (Jess Franco persönlich) sie entführen und foltern und versucht, ihr die Morde anzuhängen. Zwar kann Sylvia fliehen, doch schließlich wird sie von Radeck K.O. geschlagen und ein großer Unbekannter (Claude Boisson, „Die Sex-Klinik“) kommt in Spiel – unversehens findet Sylvia sich zwischen den Fronten einer Spionage-Affäre wieder…

„Alte Schlampe! Verliert man bei einem Verhör seine Perücke?!“

Lina alias Sylvia räkelt sich auf dem Bett und stellt sich dem Zuschauer vor, indem sie ihn direkt anspricht, ein Klavier klimpert dazu. Die Kamera zoomt dabei immer wieder nach einer Detailaufnahme von ihrer Vagina weg oder extrem auf sie zu. Ausnahms- und angenehmerweise ist sie diesmal komplett rasiert. Fortan führt Lina als Erzählerin durch die Handlung, die abseits ihres Betts stattfindet, jedoch zwischenzeitlich immer wieder auf sie in jenem Setting zurückkommt. Die eigentliche Geschichte beginnt im Nachtclub, wo eine Band spielt, zu der Sylvia strippt und von der Kamera wieder extrem bezoomt wird, auf ihren Po, in ihren Schritt. Der schicksalhafte Dreier schließlich besteht aus sehr expliziten Szenen und führt durch die Entführung direkt zum nächsten, wenn sie sich mit Radecks Gehilfen vergnügt und man sich um den Cunnilingus streitet.

„Wir müssen uns jetzt erst mal auseinandersortieren…“

Anschließend platzt Franco in seiner Rolle als Radeck hinein, doch kurz darauf wird wieder muschigeleckt. Plötzlich jedoch beherrscht Sylvia sowohl Chinesisch als auch Karate und kann so einen Fluchtversuch unternehmen, der sie zu ihrer Affäre, Anwalt Alphonse, führt. Dieser entpuppt sich nun als Detektiv, was Sylvia nicht daran hindert, mit ihm zu schlafen, bevor sie erneut entführt wird. Auf komödiantische Weise geht es eine Weile so weiter, Sylvia hat Sex mit Unbekannten, ihren Lovern und ihren Kunden, u.a. mit einem „Hausmann“, der sie um Haushaltsgeld anbettelt. Diese bizarre Szene sorgt für eine damals sicherlich besonders ungewohnte Umkehrung der Geschlechterrollen und ist somit fast schon progressiv zu nennen. Nach ihrer nächsten Entführung und dem nächsten obligatorischen Dreier macht Radeck kurzen Prozess und bringt die Ohnmächtige zum vermeintlichen Mordopfer Joe, dem „großen Unbekannten“, der eigentlich ein Auslandsspion ist. Dieser möchte Sylvia vergewaltigen, doch selbst an ihm scheint die Nymphe Gefallen zu finden. Da kommt Alphonse dazwischen und erschießt den Missetäter, will jedoch auch Sylvia nach ihrem Leben trachten, denn auch er ist weder Anwalt noch Detektiv, sondern ebenfalls ein böser Spion.

„Ich liebe dich!“ – „Ich dich auch, Scheiße!“

Als ihr Musiker-Freund sie schließlich zu retten versucht, kommt dank der Schusswechsel gegen Ende gar Action-Feeling auf, bevor Lina ganz am Schluss explizit masturbiert. Neben dieser Mischung aus expliziten Szenen sexueller Handlungen an der Grenze zum Hardcore und einer sehr eigenartigen hanebüchenen Kriminalkomödienhandlung, die nicht nur wenig Sinn ergibt, sondern auch arg billig heruntergekurbelt scheint, macht Francos Versuch der Installation einer Meta-Ebene „Heiße Berührungen“ zu etwas Besonderem: In den Zwischensequenzen gibt Lina Romay sich als Schauspielerin zu erkennen und Jess Franco sich gegen Ende als Autor. Eventuell war ihnen bewusst, dass sie ihren Film ohnehin nur schwerlich als einen wie auch immer gearteten Realismus ihrem Publikum verkaufen können und dass er keinen Sog erschafft, der den Zuschauer gefangen nimmt, keine Illusionen erzeugt, die diese Meta-Ebene zerstören würde. „Heiße Berührungen“ wirkt wie eine Mischung aus Laientheater und Fetisch-Rollenspiel. Für viel wahrscheinlicher aber halte ich es, dass auch dieser Film für die aktive Exhibitionistin und den bekennenden Voyeur ein großer Spaß war, auf den man sich als Zuschauer einlassen kann oder eben auch nicht. Das Hauptproblem, das ich mit diesem Film habe, ist dann auch gar nicht sein Ansatz in Sachen Erotik/Sex, auch nicht sein sichtbar geringes Budget, es ist vielmehr sein Humorverständnis auf meist eigentümlich infantilem Niveau in Kombination mit einer schluderigen Alibi-Handlung, der es leider nicht einmal gelingt, eine auch nur halbwegs taugliche Geschichte zu erzählen. Lina-Romay-Fans sind hier an der richtigen Adresse, Franco-Kenner und -Freunde dürften ebenfalls ihren Spaß haben, ich aber danke Lina in erster Linie für die Entdeckung eines Rasierers und dem Schnitt dafür, dass er den Film auch in der Komplettfassung nach 90 Minuten hat enden lassen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 14. Sep 2017, 15:06

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Fifa Fever

Anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens produzierte die „Fédération Internationale de Football Association“, kurz: Fifa, den auf DVD vermarkteten Dokumentarfilm „Fifa Fever“, der sich allen Fußball-Weltmeisterschaften beginnend mit der ersten in Uruguay bis hin zur zum Produktionszeitpunkt letzten, 2002 in Südkorea und Japan ausgetragenen widmet – jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern nach Themen in Kapitel unterteilt:

So bekommt man zunächst einmal die nach Meinung der Produzenten zehn besten Distanzschüsse zu sehen, gefolgt von berühmten Premieren, „Kämpfen der Giganten“, Schiedsrichter-Fehlentscheidungen und herausstechenden Torhütern. Da fehlen unverständlicherweise der deutsche Bodo Illgner und der Argentinier Goycochea, die während der WM 1990 brillierten und sich im Endspiel gar gegenüberstanden. Auf die enthusiastischen Fans wird ebenso kurz eingegangen wie auf vergeigte Torchancen, die Top-10 der Kopfballtore und herausragende Trainer. Pannen, Patzer und weitere Besonderheiten finden Erwähnung, gefolgt von legendären Aufholjagden und ebensolche Verteidiger. Besonders sehenswerten Freistößen wird gehuldigt, die ungarische Nationalmannschaft von 1954 ebenso hervorgehoben wie die brasilianische von 1970 und erinnerungswürdige Solo-Läufe und besonders leistungsstarke Mittelfeldspieler ins Gedächtnis gerufen.

„Kämpfe und Fouls“ lautet ein weiteres Kapitel, bevor man auf eine weitere besonders starke brasilianische Elf eingeht, nämlich der von 1958. Auch Glanzparaden fehlen ebenso wenig wie „böse Jungs“ und Überraschungssiege von Underdogs. Tolle Tore als Konsequenz besonders schön herausgespielter Mannschaftsleistungen lassen mit der Zunge schnalzen, bis auch dem deutschen Erzrivalen Holland die Ehre zuteilwird, mit seinem 1974er Team hervorgehoben zu werden – natürlich nicht, ohne deren Niederlage gegen Deutschland zu erwähnen, haha… Sich durch besondere Verdienste ausgezeichnet habende Stürmer runden diese bunte Collagen-Sammlung ab.

Der mit elektronischer Musik unterlegte Film mit seinem vielleicht etwas arg unaufgeregten, sachlichen Sprecher konnte zudem einige O-Töne von Spielern wie Andreas Brehme, Marcos Paquetá und Gordon Banks gewinnen. Neben einem Spezial zur damals bevorstehenden Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland und dem neuen, aus zahlreichen restaurierten Originalaufnahmen bestehenden Film zur allerersten WM 1930 dürften Beiträge zum Frauenfußball, der Fifa-Juniorenmeisterschaft sowie eine Exkursion zu den Futsal-Weltmeisterschaften den Horizont manch Zuschauers erweitern. Etwas eigenartig mutet es an, wenn man die sachliche Ebene verlässt und sich über vergangene Mode und Frisuren lustig macht, bringt dafür jedoch auch den exzentrischen mexikanischen Torwart Jorge Campos mit seinem selbstentworfenen Trikot unter. So viele schöne und bizarre Details „Fifa Fever“ hervorkramt, so gewöhnungsbedürftig ist der Collagen-Stil, der nicht wie sicherlich erwartet chronologischen Abläufen folgt, sondern thematisch sortiert sämtliche Weltmeisterschaften durcheinanderwirft. Daran kann man sich ja noch relativ schnell gewöhnen; schwerer fällt dies in Bezug auf die stakkatohafte Aneinanderreihung der Szenen, die einzelne Momente nicht auskostet und dies auch gar nicht zulässt. Hier geht’s Schlag auf Schlag; eine Reizüberflutung, als wolle man selbst ADHS-Patienten in die Knie zwingen. Man hetzt von einem Ausschnitt zum anderen, ignoriert permanent den einordnenden, sporthistorischen Kontext und folgt keinerlei Dramaturgie, was auf Dauer ermüdend wirkt. Nostalgie heraufbeschwören oder gar Gänsehaut erzeugen können andere WM-Filme da wesentlich besser und ob die zahlreichen hier enthaltenen Top-Listen nicht arg subjektiv oder lückenhaft sind, sei zumindest gemutmaßt. Kritik an den Turnieren oder an der Fifa wird gänzlich ausgespart.

Das Gefühl, das diesen Turnieren innewohnt, die ganz viel mit Geduld, Spannung und Emotionen zu tun haben, schafft dieser inkl. Bonusmaterial rund vierstündige Film leider kaum zu vermitteln und sollte daher lediglich als ein ergänzendes buntes Potpourri, als lose Sammlung herausragender Szenen, vielleicht als grober Überblick über möglichen Faszinosa des Fußballsports und dahingehende Inspirationsquelle für tiefergehende Beschäftigung mit entsprechenden Teilabschnitten betrachtet werden.

Erwähnt sei noch, dass der Film offenbar laufend aktualisiert wird und dementsprechend neuere Versionen existieren, die vermutlich die zwischenzeitlich stattgefundenen Turniere berücksichtigen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 19. Sep 2017, 14:45

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Er war Superstar: Falco - Eine Legende wird 60

„Er war Superstar, er war populär, er war so exaltiert because er hatte Flair…“

Johann „Hans“ Hölzel, geboren am 19.02.1957 in Wien, gelangte unter seinem Künstlernamen Falco zu Weltruhm und avancierte in den 1980ern zu einem der bedeutendsten Pop-Künstler und -Interpreten des deutschsprachigen Raums. Anlässlich seines 60. Geburtstags produzierte der Privatsender Vox in enger Zusammenarbeit mit Falco-Biograph Peter Lanz die fast dreieinhalbstündige Dokumentation „Er war Superstar: Falco - Eine Legende wird 60“, nach den (mir noch unbekannten) Dokumentationen „Falco lebt!“ und „Falco – Hoch wie nie“ ein weiterer Versuch der Aufarbeitung des Lebens und Schaffens des viel zu früh verstorbenen Musikers.

Falco war der einzige Überlebende von Drillingen und begann bereits früh, sich für Musik zu interessieren und sein Talent zu entdecken. Er verfügte über ein sog. absolutes Gehör und erkor schließlich den E-Bass zu seinem Lieblingsinstrument. Seine musikalische Karriere begann er als Jazz-Bassist in West-Berlin. Nach seiner Rückkehr nach Wien trat er dem avantgardistischen „Ersten Wiener Musiktheater“ bei und erntete regionale Erfolge. Kurz darauf wechselte er jedoch zum chaotischen Anarcho-Kollektiv „Drahdiwaberl“ und unternahm parallel mit „Spinning Wheel“ erste eigene Gehversuche. Bei Drahdiwaberl konnte er 1980 mit „Ganz Wien“ ein eigenes Stück unterbringen, bei dem er den Lead-Gesang übernahm. Das eigentlich zur Überbrückung von Pausen gedachte Lied wurde ein Hit im Wiener Underground; der bissige Text setzte sich mit der Drogengeilheit der Wiener Bohème auseinander und wurde vom Rundfunk boykottiert. „Ganz Wien“ landete auch auf Falcos Debüt-Album, kann also als Geburtsstunde jenes Alter Egos Hölzels betrachtet werden.

Inspiriert von David Bowies Verwandlungskunst schuf er die Kunstfigur Falco, einen arroganten, frechen, eleganten und geschniegelten Dressman mit breitem Wiener Schmäh, der deutschen, österreichischen und englischen Sprechgesang mischt und auf einem New-Wave/Hip-Hop/Synthie-Pop-Crossover (später erweitert um Funk-Elemente und weitere Einflüsse) performt. Musikalisch war Falco mit seinem ersten Produzenten Robert Ponger nicht nur am Puls der Zeit, sondern innovativ: Falcos erster großer Hit, der ursprünglich lediglich als B-Seite vorgesehene „Der Kommissar“, war der erste kommerzielle erfolgreiche Rap-Song eines weißen Künstlers; Falco gilt seither als erster weißer Rapper und wurde seinerzeit in den USA als solcher vermarktet, wo ihn die aufkeimende Hip-Hop-Szene entdeckte. Sein Debütalbum „Einzelhaft“ wurde ein Erfolg; die Musik war urban, trendy und modern, aber nicht gefällig, zuweilen inhaltlich provokant.

Auf diese frühe Entwicklung Falcos inkl. der ersten Solo-Tournee geht der Film ebenso ein wie auf die schwierige zweite Albumproduktion „Junge Roemer“, die geprägt war von zahlreichenden Verzögerungen und ausufernden Kosten. Es wurde das erste deutschsprachige Album, das komplett verfilmt wurde, floppte jedoch im Vergleich zum Debüt – wenn es auch besonders im Nachhinein von Kritikern sehr geschätzt wird. „Kann es Liebe sein“ wurde im Anschluss als neuaufgenommenes Duett mit Désirée Nosbusch ausgekoppelt, bevor es zur überaus erfolgreichen Zusammenarbeit mit neuen Produzenten, den holländischen Bolland-Brüdern, kam. Gemeinsam entwickelte man Falcos größten Hit „Rock Me Amadeus“ vor dem Hintergrund des populären Kinofilms „Amadeus“. Der Song schoss derart durch die Decke, dass auch diese Doku ihn als Aufhänger nahm und eröffnend detailliert auf ihn und seine aufwändige Musikvideo-Produktion einging. Der Evergreen „Rock Me Amadeus“ avancierte zum ersten und einzigen deutschsprachigen Song, der es bis auf Platz 1 der US-Charts schaffte. Auf dem dazugehörigen Album „3“ befindet sich auch der Song „Jeanny“, der einen Skandal auslöste, weil Falco sich für ihn in die Rolle eines Triebtäters versetzt – eines von Falcos stärksten und berührendsten Stücken, das diese Dokumentation entsprechend herausstellt.

„Er war Superstar: Falco - Eine Legende wird 60“ setzt sich aus vielen Originaltönen von Weggefährten zusammen, von seiner Ex-Frau Isabella Vitkovic, seiner vermeintlichen Tochter Katharina Bianca (die mit sieben Jahren erfuhr, dass Johann Hölzel nicht ihr biologischer Vater ist, was beide schockiert hat), seinen Produzenten, Plattenfirmenbossen, seinem Manager, ehemaligen Band- und Musikerkollegen (Udo Lindenberg, D. Nosbusch etc.), seinem Biographen Peter Lanz u.a., mal mehr, mal weniger aufschlussreich, da insbesondere das erste Drittel viel Hölzels Privatleben beleuchtet und dadurch starke boulevardeske Züge annimmt. Ein Sprecher kommentiert und verbindet Collagen aus zahlreichen Originalaufnahmen wie Interviews aus dem Archiv und Live-Auftritten, sogar Hölzels Mutter Maria kommt zu Wort und schließlich gar ein Falco-Imitator.

Nach Falcos viertem Album „Emotional“ und einer Japan-Tour war Falco ausgebrannt, eine US-Tour ließ er platzen und wechselte zum Produzentenduo Gunther Mende und Candy de Rouge. Das Ergebnis der Zusammenarbeit wurde von der Plattenfirma jedoch abgelehnt. Lediglich vier Songs wurden auf das 1988er Album „Wiener Blut“ übernommen, die übrigen wurden erneut bei den Bolland-Brüdern beauftragt. Falco war mittlerweile alkohol- und medikamentenabhängig und die Zusammenarbeit mit den Bollands endete im Streit, das Album blieb in Sachen Verkaufszahlen hinter den Erwartungen zurück. Sogar die Tour zum Album wurde abgeblasen. Ein Duett mit Madonna war angedacht, doch Falco lehnte ab und sang „Body Next to Body“ lieber mit Brigitte Nielsen unter der Produktion Giorgio Moroders. Falcos Ehe ging in die Brüche und mit der nächsten Albumproduktion „Data De Groove“ war der Tiefpunkt erreicht.

Doch Falco rappelte sich auf, ging auf Weltreise und bekam seinen Alkoholismus in den Griff. Anfang der 1990er war er wieder topfit und arbeitete wieder mit den Bollands für sein Album „Nachtflug“ zusammen, das zum gelungenen Comeback inkl. Tour wurde. Ausgerechnet vor seinem großen Auftritt auf dem Donauinselfest wurde er zwar rückfällig, doch alles wurde gut: Das Konzert, bei dem sogar der Blitz einschlug (!), wurde zum legendärsten seiner Karriere. Anschließend ging Falco in sein selbstgewähltes Exil, die Dominikanische Republik, und veröffentlichte unter einem Pseudonym die damals zeitgemäße Techno-Nummer „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“, die zum Hit wurde. In der „DomRep“ arbeitete er auch an seinem leider letzten Album, bis er nach einem Autounfall seinen Verletzungen erlag. Der Song „Out of the Dark“ befeuerte aufgrund seines Texts Gerüchte über seinen möglichen Suizid, dabei stammte es jedoch gar nicht aus Falcos Feder, sondern von Torsten Börger. Posthum wurde das letzte Album ein Riesenerfolg. Vor einer Art Epilog mit dem „Jeanny“ spielenden Bolland endet dieser Dokumentarfilm mit Bildern des Begräbnisses sowie der sargtragenden Rocker aus dem „Rock Me Amadeus“-Videoclip und hinterlässt bei mir eine Gänsehaut.

„Er war Superstar: Falco - Eine Legende wird 60“ ist eine spannende Reise in eine Zeit, in der Populärmusik noch nicht rein auf Gefälligkeit hin konzipiert wurde, sondern sich auf natürliche Weise aus verschiedenen Musikstilen Ende der 1970er, Anfang der 1980er entwickelt hatte, heutzutage unter dem Oberbegriff „‘80er-Pop“ zusammengefasst wird und noch weit davon entfernt war, was in den 1990ern an sinnentleerter Plastikmusik als Pop- und Dance-Sound verkauft wurde. Zugleich ist eine Art Portrait eines Künstlers gelungen, der – zusammen mit seinen Produzenten und anderen in die Entstehungsprozesse Involvierten – einer der Pioniere des „‘80er-Sounds“ war und auf ewig fest mit dieser musikalischen Epoche verbunden bleiben wird, der ganz oben und ziemlich weit unten, der streitbar, aber immer interessant und vor allem inspiriert, leidenschaftlich und ambitioniert war, der die lauten wie die leisen Töne beherrschte und möglicherweise mittels Unnahbarkeit und Exzessen seine sensible, verletzliche Seite zu kaschieren versuchte. Dieser Film macht große Lust darauf, sich eingehender mit Falcos musikalischem Erbe zu beschäftigen, es abseits der großen bekannten Hits zu entdecken oder wiederzuentdecken, es zu analysieren oder schlicht auf sich wirken zu lassen. Und zwar trotz oder gerade weil es dieser Film zugunsten einer stärkeren Gewichtung aufs Boulevardeske versäumt, auf die Inhalte der Alben über die Hits hinaus einzugehen. So zerreißt man sich beispielsweise über Falcos gespaltenes Frauenverhältnis, statt auch nur ansatzweise das „Emotional“-Album künstlerisch zu skizzieren oder einzuordnen. Angesichts der Spielzeit sollte man meinen, dass Zeit dafür eigentlich reichlich vorhanden gewesen wäre. Andererseits lebt gerade der Charakter Falco natürlich auch davon, dass man hinter die Kulissen schauen und herausfinden möchte, wie viel Falco in Johann Hölzel steckt und umgekehrt. Dennoch wäre mir eine etwas andere Gewichtung lieber gewesen. Nichtsdestotrotz ist dieser Film überaus sehenswert und dürfte für jeden von Belang sein, der popkulturell interessiert ist – egal, was er von Falco hält, ob er in den ‘80ern selbst dabei war oder sie nur vom Hörensagen kennt und ob er mit der Musik etwas anfangen kann. Übrig bleibt in jedem Fall die Frage, was Falco uns heutzutage noch zu sagen gehabt hätte…?

R.I.P., Johann „Falco“ Hölzel.
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Beitragvon buxtebrawler » 20. Sep 2017, 13:48

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Good-bye, Emmanuelle

„Ich wusste gar nicht, dass es auch zu dritt so wunderbar sein kann!“

Mit der zweiten Fortsetzung der französischen „Emmanuelle“-Softsex-Filmreihe, die ursprünglich auf Romanen Emmanuelle Arsans beruhte, betraute Produzent Rousset-Rouard im Jahre 1977 den Regisseur Francois Leterrier („Hunger nach Liebe“) und wählte einen weit weniger provokanten, regelrecht gefälligen Ansatz:

Emmanuelle (Sylvia Kristel) und Jean (Umberto Orsini, „Der Antichrist“) hat es auf die Seychellen verschlagen. Dort hat Emmanuelle Gefallen an der dunkelhäutigen Schneiderin Angélique (Radiah Frye, „Spermula“) gefunden, die sie verführt, um Jean damit zu überraschen, was in einen Dreier gipfelt. Sie lernen eine Fickkommune am Strand kennen, in die sie sich mit hinein bumsen. Die befreundeten Ehepaare Clara (Sylvie Fennec, „Fahrt zur Hölle, ihr Halunken“) und Guillaume (Erik Colin, „Sag' mir, dass du mich liebst“) sowie Florence (Olga Georges-Picot, „Catherine - Ein Leben für die Liebe“) und Michel (Jacques Doniol-Valcroze, „Ich liebe dich, ich liebe dich“), die Malerin Chloe (Charlotte Alexandra, „Unmoralische Geschichten“) sowie Emmanuelles Bekannter Gerard und die Stewardess Vanessa amüsieren sich mit- und untereinander, doch Clara reagiert eifersüchtig. Emmanuelle lernt schließlich den Filmregisseur Grégory Perrin (Jean-Pierre Bouvier, „Meine liebste Jahreszeit“) kennen, der Emmanuelle bereits beim Sex mit einem Schweden heimlich gefilmt hatte. Auch mit Grégory hat Emmanuelle Sex und verliebt sich gar in ihn, doch lehnt er Emmanuelles Polygamie und Promiskuität ab. Darüber gerät Emmanuelle in Streit mit Jean, der erstmals ebenfalls Eifersucht zeigt und Emmanuelle vorwirft, sich von Grégory negativ beeinflussen zu lassen. Dies führt gar zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen den Männern, woraufhin Emmanuelle sich mit Grégory nach Paris abzusetzen gedenkt. Jean versucht, dieser Entwicklung durch diverse Manipulationen Einhalt zu gebieten…

Zäsur und Revolution bei „Emmanuelle“! Scheint es zunächst neben den üblichen Ingredienzen vornehmlich um die Eifersucht der Clara-Guillaume-Beziehungskiste vor dem Hintergrund ihnen gegenüber offen zur Schau gestellter alternativer polygamer Partnerschafts- und Sexualitätsentwürfe zu gehen, wirft Emmanuelle ihre Überzeugungen plötzlich über Bord und brennt mit einem neuen Partner für eine klassisch monogame Liebschaft durch! Damit bricht die Filmreihe mit ihrem eigenen Konzept, das bisher Lust- und Lebensqualitätsgewinn durch Polygamie propagierte, was ihr jedoch auch Ärger mit der Zensur einbrachte. Überlieferungen zufolge wollte der Produzent eben diesen diesmal vermeiden und deshalb den Weg des geringsten Widerstands gehen, was zum vollzogenen Wandel geführt habe. Losgelöst von den vorausgegangenen Teilen betrachtet wäre das vielleicht auch gar nicht so schlimm, doch um es auf den Punkt zu bringen: „Good-bye, Emmanuelle“ ist langweilig wie Sau.

Die Inhaltsbeschreibung suggeriert weit mehr Sexszenen, als enthalten sind – und die, die vor der Kamera stattfinden, sind überraschend kurz und unerotisch. Eine Ausnahme stellt eine längere Sexszene im Meer dar, doch die übrigen sind nicht der Rede wert. Die Handlung wird stattdessen beispielsweise mittels einer minutenlangen Tanzszene auf einer Party gestreckt und mithilfe der exotischen Kulisse des Schauplatzes versucht man erfolglos, von der Belanglosigkeit der Bilder abzulenken. Zudem sieht Sylvia Kristel mit ihrer gelockten Kurzhaarfrisur irgendwie unvorteilhaft aus. Dass ein Regisseur einen Film dreht, in dem ausgerechnet ein Regisseur Sexbombe Emmanuelle domestiziert, empfinde ich zudem als tief chauvinistisch. Da hilft auch der von Serge Gainsbourg gehauchte Titel-Chanson nichts mehr: „Good-bye Emmanuelle“ ist der bisherige Tiefpunkt der Reihe. Es sollte Kristels letzter Auftritt als klassische Emmanuelle bleiben, erst 1984 stand sie zwecks Initiation einer „neuen“ Emmanuelle erneut für die dann erst fortgesetzte Filmreihe vor der Kamera.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 22. Sep 2017, 15:55

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Schulmädchen-Report, 10. Teil - Irgendwann fängt jede an

„Ich gebe zu, dass das Wort Sitte etwas irreführend ist. Wie könnte man es anders bezeichnen?“ – „Vielleicht mit Moral!“

Wie bei Teil 9 durfte erneut Walter Boos auf dem Regiestuhl platznehmen, um den mittlerweile zehnten Teil der fragwürdigen „Schulmädchen-Report“-Reihe zu inszenieren. Wir schreiben das Jahr 1976 und der Markt ist offenbar noch immer nicht mit „Reportfilmen“ gesättigt…

Die Rahmenhandlung, die die einzelnen Episoden lose zusammenhält, findet in einer Schulklasse statt, wo über Recht und Moral, genauer: über Unterschiede zwischen moralisch verwerflich und strafrechtlich belangbar diskutiert wird. Die Lehrerin (Anke Syring, „Wie sag‘ ich’s meinem Kinde?“) berichtet von einem pikanten Fall, der in Form des ersten Beitrags verarbeitet wird: Ein Lehrer muss sich wegen Missbrauchs seiner Schülerin Susanne Hofer (Bärbel Markus, „Geheimtechniken der Sexualität“) verantworten. Susannes Mutter (Eva Berthold, „Jagdszenen aus Niederbayern“) habe gewollt, dass er ihrer Tochter Nachhilfe gibt, doch laut belastender Aussage habe er sie abgefüllt und defloriert, was Boos in gewohnten Nackedeibildern illustriert. Doch der junge Bert (Claus Obalksi, „Wer spritzt denn da am Mittelmeer“), der scharf auf Susanne ist, gibt zu Protokoll, bei ihr abgeblitzt und eifersüchtig geworden zu sein und sie daraufhin beobachtet zu haben. Nun stellt sich alles ganz anders dar: Susanne stürzte sich nackt auf ihren Lehrer, der sie abwehrte und verschwand. Stattdessen bumsten dann Susanne und Bert miteinander – das Verfahren wurde eingestellt. Diese Episode schlägt voll in die alte Kerbe, in der Herren mittleren Alters Opfer der sexuellen Gelüste von Schülerinnen werden und bedient damit einmal mehr Altherren-Fantasien.

„Mich kotzt diese ewige Bumserei mit dir an!“

Anders in Ingas (Marianne Dupont, „Ob Dirndl oder Lederhos' - gejodelt wird ganz wild drauflos“) Fall: Diese beginnt im Wohnzimmer ihrer Familie zu masturbieren, wird dabei von ihrer Mutter (Ingeborg Moosholzer, „Erotik im Beruf - Was jeder Personalchef gern verschweigt“) unterbrochen. Inga hat erstmals Gefallen an ihrem Körper gefunden, hegt sexuelle Fantasien und räkelt sich nackt auf ihrem Bett. Den Bruder ihrer Freundin, Max (Heinz Gerstl, „Teenager-Report - Die ganz jungen Mädchen“) sein Name, begleitet sie auf eine Party und kommt ihm anschließend im Auto näher. Anscheinend stocknüchtern kehren sie von der Party zurück, wie Inga aus dem Off berichtet. Max bricht das Liebesspiel jedoch vorzeitig ab: Er will nicht, weil Inga noch Jungfrau ist. Aus Trotz reißt sich Inga den Nächstbesten auf, der sie entjungfert und verdammt schnell zum Höhepunkt kommt. Inga ist enttäuscht und schnappt sich einen Anfänger, mit dem’s auch nicht recht klappen will. Schließlich lernt sie Freddy (Siggi Buchner, „Kesse Teens und irre Typen“) kennen, mit dem zunächst alles in Ordnung scheint. Doch dem wird der viele Sex schnell zu viel und so hetzt er zwei seiner Kumpels auf Inga! Heulend auf der Flucht lernt Inga dann endlich ihren Rolf (Heiner Lauterbach, „Männer“) kennen, mit dem sie die ideale Kombination aus Sex und Liebe erfahren darf. In komprimierter und extrem unglaubwürdiger Form gibt diese Episode vor, die Schwierigkeiten ihre Sexualität entdeckender Mädchen bei der Partnerwahl und damit verbundenen Gefahren, Enttäuschungen zu erleben, zu thematisieren. Das Ergebnis ist jedoch nicht mehr als ein weiterer schmieriger, unsensibler, plakativer Beitrag zur Reihe, der sich rein aus seinen Schauwerten nährt und beinahe suggeriert, dass junge Frauen Freiwild seien, die richtiggehend nach ihrer Entjungferung dürsteten.

Nun erzählt Kati ihre Geschichte und redet von einer „Wald- und Wiesen-Party“, obwohl diese unschwer erkennbar in einem Schwimmbad stattfand. Kati möchte erst mit ihrem Verehrer Frank (Carl-Heinz Kühn, „Champagner aus dem Knobelbecher“) schlafen, wenn er ihre verhasste Stiefmutter „auf’s Kreuz gelegt“ hat. Sie meint es bitter ernst und lässt ihn tatsächlich vorher nicht ran. Frank gibt alles und so gelingt ihm die Verführung der Stiefmutter, wovon Kati Fotos macht. Mit diesen schwärzt sie sie bei ihrem Vater an, um sie loszuwerden. Doch als Frank zu seinem verdienten Sex mit Kati kommt, stellt er fest, dass er mit ihrer Stiefmutter mehr Spaß hatte. Und zu allem Überfluss hat Katis Vater auch bald eine Neue: Paula (Carina Kreisch, „Monika und die Sechzehnjährigen“), ihre Sitznachbarin aus der Schule! Diese Episode ist letztlich recht lustig in ihrer moralischen Ausrichtung, in der das Karma zurückschlägt und Kati ihre List doppelt zurückbezahlt bekommt. Dass sie vermutlich komplett dem Reich der Fantasie entspringt und kein sonderlich gutes Licht auf Stiefmütter (die ohnehin einen schweren Stand haben) wirft, ist dabei die andere Seite der Medaille, von der abermaligen Bedienung Altherrengegeifers als finale Pointe einmal ganz zu schweigen.

Seffi (Alexandra Bogojevic, „Engelchen macht weiter - Hoppe, hoppe Reiter“) fehlt heute in ihrer Klasse, krankheitsbedingt. Ihre Geschichte erfahren wir trotzdem: Sie muss sich mit ihrem Freund Karl (Peter Hamm, „Liebesgrüße aus der Lederhose“) heimlich treffen, weil ihre Mutter so sehr aufpasst. Karl leiht sich den damaligen Horror-Kassenknüller „Der Exorzist“, während Seffi einsam in Gedanken an Karl und was mit ihm alles möglich wäre masturbiert. Gemeinsam heckt man einen Plan aus: Sie übt nach dem „Der Exorzist“-Vorbild Besessenheit, schneidet Grimassen, raunt „Fick mich!“ etc. Gegenüber ihrer Mutter spielt sie schließlich die dämonisch Besessene, entledigt sich vor ihr ihres Höschens und gibt an, ihre Muschi würde brennen. Ihren Rock liftend springt sie begleitet von „lustigen“ Klangeinspielern durch die Kulissen, dass es zum Fremdschämen ist. Doch die Schmierenkomödie geht weiter und Seffi pinkelt auf den Fußboden. Karl verkleidet sich als Exorzist und betreibt Teufelsaustreibung durch Geschlechtsverkehr, bis er enttarnt und davongejagt wird. Dieser komödiantische Beitrag zum zehnten Teil ist ein weiteres Beispiel für hochnotpeinlichen schlüpfrigen deutschen „Humor“ und sprengt jede Trash-Skala.

„Diese scheiß Konferenz!“

Die Rahmenhandlung schweift nun zum Thema Gleichberechtigung (Hört, hört!) ab und Iris (Gina Janssen, „Jagd auf Jungfrauen“) ergreift das Wort: Sie hat in Walter (Paul Glawion, „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“) einen wesentlich älteren Liebhaber, der Generaldirektor eines Chemiekonzerns ist und ihr ein Appartement geschenkt hat. Ihre Eltern wissen von nichts; denen erzählt sie, sie sei babysitten. Plötzlich trifft Iris auf Walters Ehefrau (Astrid Jacob, „Ehrenhäuptling der Watubas“) in ihrer Wohnung. Diese suggeriert, Walter habe die Liaison mit Iris beendet. Beobachtet wird Iris von Franz (Peter Hamm, „Weiße Haut auf schwarzem Markt“), Walters Neffen. Der ist scharf auf sie. Zur Abschreckung stellt sie ihn ihren Eltern vor usw. usf., Quintessenz: Walter hin oder her, jemand wie Iris bleibt nicht lang allein.

„Was willst du mit der Bildung?!“

Die Zuschauer und die Darsteller(innen) waren den Filmemachern augenscheinlich scheißegal; Hauptsache, es ließ sich noch weiterer Gewinn mit einer Billigproduktion erwirtschaften. Ob dabei etwas halbwegs Vertretbares, Gehaltvolles herauskam, interessierte ebenso wenig wie insbesondere die Jungdarstellerinnen davor zu schützen, sich komplett zum Affen zu machen. Das Resultat ist mit seinem peinlich-aufgesetzten Authentizitätsanspruch einmal mehr zum Kopfschütteln und insbesondere in seiner „Exorzismus“-Episode derart neben der Spur, dass man es selbst gesehen haben muss, um es glauben zu können – dadurch jedoch für Trashologen ebenso interessant wie für Liebhaber ‘70er-Jahre-Sexploitation, die neben viel Zeit- und Lokalkolorit einmal mehr die Gelegenheit bekommen, urdeutsche Erzeugnisse wie diese in den internationalen Vergleich zu setzen und dabei festzustellen, wie wenig hierzulande offenbar Sinnlichkeit und Anspruch gefragt waren: Sexualität haftete noch immer etwas Schmuddeliges an, über das man hinter vorgehaltener Hand kicherte, was den komödiantischen und realsatirischen Anteil dieser Produktionen erklärt und sie für den Konsum durch Spießer prädestinierte. Doch wie steht es um den eigentlichen Kern des Films, den Erotikanteil? Man lasse es mich so formulieren: Das erneut durchmischte Ensemble aus bekannten und neuen Darstellerinnen (mit der aus Teil 9 bekannten Gina Janssen ist auch eine waschechte Pornodarstellerin dabei) ist attraktiv, natürlich und selbstbewusst genug, um gegen schwachsinniges Drehbuch und lieblose Regie anzuspielen und für nicht von der Hand zu weisende optische Anreize zu sorgen – in Kombination mit dem sich aus all seinen Unzulänglichkeiten ergebenden Unterhaltungsfaktor und dem Verzicht auf allzu kranken Stoff wie Vergewaltigungs- oder Inzest-Fantasien ergibt sich so ein zehnter Teil der absurden Reihe, der nicht zu seinen schlechtesten zählt, der aber auch keinerlei Interesse an einer Evolution der Reihe oder des Genres hegt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 29. Sep 2017, 14:13

Habe "Es" vorgezogen:

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Es

„Bin ich dir immer noch nicht real genug?!“

US-Autor Stephen Kings 1986 veröffentlichter Roman „Es“ ist vielleicht der beste, weil tiefgründigste, berührendste und nicht zuletzt gruseligste Roman der Nachkriegszeit, zumindest ist er es für mich. Ebenso ist Regisseur Tommy Lee Wallace‘ Verfilmung, die in Form eines TV-Zweiteilers 1990 fürs US-Fernsehen produziert wurde, für mich persönlich die qualitativ und inhaltlich hochwertigste TV-Produktion, die ich bisher sehen durfte. Im zarten präpubertären Kindesalter sah ich nämlich die VHS-Fassung des Films von der dreistündigen Warner-Kassette und war völlig hin und weg von diesem Film, den ich mir immer und immer wieder ansah und der dazu führte, dass ich mir tatsächlich die 1.100 Seiten starke Taschenbuchversion des Stoffs lieh und in den Ferien in nur elf Tagen durchackerte. „Es“ ist bis heute meine Lieblingsgeschichte, die mir eine ungeschönte, neue, doch in sich schlüssige Sicht auf die Welt verschaffte und meinen Wertekanon beeinflusste – und die Verfilmung hat für meinen Geschmack alles, was einen guten Horrorfilm ausmacht, denn diese hatte das Genre für mich gewissermaßen definiert. Um es kurz zu machen: „Es“ ist Teil meiner DNA geworden und hat bis heute nicht an Bedeutung für mich eingebüßt.

„Muss man Jungfrau sein, um diesen scheiß Clown zu sehen?!“

Wie mir ging es vielen meiner Generation, sodass Kings Meisterstück und der tanzende Clown Pennywise zum populärkulturellen Gut wurden. Ein Angehöriger der Generation „Es“ dürfte auch der gebürtige Argentinier Andrés Muschietti sein, der 2013 mit einer kanadisch-spanischen Koproduktion, dem Horrorfilm „Mama“, in Genrekreisen auf sich aufmerksam machte – und zwar in positiver Hinsicht. Auf Muschietti fiel die Wahl der „New Line Cinema“-Produzenten, als nach einem Regisseur für die „Es“-Neuverfilmung als hochbudgetierte Kino-Produktion gesucht wurde – welch Mammutaufgabe für jemanden, der erst einen einzigen abfüllenden Spielfilm zu verantworten hatte. Das Drehbuch arbeiteten die unverbrauchten Autoren Chase Palmer, Cary Fukunaga und Gary Dauberman aus. Während in der literarischen Vorlage das Böse in Form des unheilvollen Clowns alle 27 Jahre eine US-amerikanische Kleinstadt heimsucht, änderte man für die Erstverfilmung diese Zeitspanne auf runde 30 Jahre. Dies korrigierte man in der Neuverfilmung, die – tatsächlich – exakt 27 Jahre nach Wallace‘ Version in die Kinos fand und dort bereits manch Rekord brach. Sie passt auch perfekt in diese Zeit, in der Kino- und Serienproduktionen massiv die 1980er-Dekade wiederentdecken, wurde doch die Handlung von den ausgehenden Fünfzigerjahren 30 Jahre in die Zukunft gelegt: Sie spielt in den Jahren 1988 und 1989.

Der sich in seiner Pubertät befindende Bill Denbrough (Jaeden Lieberher, „Midnight Special“) muss den Verlust seines kleinen Bruders Georgie (Jackson Robert Scott) beklagen: Nachdem er ihm an einem verregneten Herbsttag ein Papierschiffchen gebastelt hatte, ist dieser beim Spielen damit spurlos verschwunden. Was der von seinem Stottern geplagte Bill noch nicht weiß, jedoch bald herausfinden wird: Georgie wurde Opfer des „tanzenden Clowns“ Pennywise (Bill Skarsgård, „Atomic Blonde“), jener Inkarnation des Bösen, das die Kleinstadt Derry im nordöstlichen Bundesstaat Maine in unheilvoller Regelmäßigkeit alle 27 Jahre heimsucht, um sich sattzufuttern und sich anschließend wieder in einen langen Schlaf zu begeben. Somit ist Georgie auch nur eines von mehreren vermisst gemeldeten Kindern, die der Grund für eine verhängte Ausgangssperre sind. Bill und seine Schulfreunde, der Jude Stanley Uris (Wyatt Oleff, „Guardians of the Galaxy“), der dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom seiner Mutter (Molly Atkinson, „Sam’s Lake“) ausgesetzte Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer) und der dickbebrillte Nachwuchskomiker Richie Tozier (Finn Wolfhard, „Stranger Things“) sind Außenseiter in Derry, die von den halbstarken Rowdys um den soziopathischen Polizistensohn Henry Bowers (Nicholas Hamilton, „Der dunkle Turm“) gemobbt und terrorisiert werden. Ähnlich ergeht es dem farbigen Waisen Mike Hanlon (Chosen Jacobs, „Cops and Robbers“), dem adipösen Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor, „Geostorm“) und der rothaarigen Beverly Marsh (Sophia Lillis, „37“), um die sich wilde Gerüchte an der Schule ranken und die unter ihrem offenbar pädophil veranlagten Vater (Stephen Bogaert, „American Psycho“) leidet. Sie alle raufen sich zum „Club der Verlierer“ zusammen und beginnen, sich sowohl gegen Bowers und seine Kumpanen zu wehren als auch nach und nach ihre persönliche Konfrontationen mit dem Horrorclown auszutauschen, sich gegenseitig Mut zuzusprechen – und schließlich den Kampf gegen das Monstrum aufzunehmen…

Was „Es“ für mich zu so etwas Besonderem machte, war die Verquickung mit etwas, das, wie ich später herausfinden sollte, als Coming of Age bezeichnet wird. Kings 1982er Novelle „Die Leiche“ (1986 von Rob Reiner wunderbar unprätentiös als „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ verfilmt), die frei jeglicher phantastischer Elemente war, stellte eine Art Fingerübung dar, aus dessen Prämisse King später seinen in epischer Breite erzählten Roman gestalten sollte: Eine Clique Heranwachsender, die einen Sommer miteinander verbringt, der alles ändern wird. So fällt es schwer, diesbzgl. hinsichtlich „Es“ von einem Subtext zu sprechen, zu allgegenwärtig sind die Probleme und letztlich die Lösungsstrategien der Kinder, für die der übersinnliche Horror strenggenommen lediglich Beiwerk ist – zumindest was die Aussage des Stoffs betrifft. Letztlich dient er der Visualisierung und Vergegenständlichung der Herausforderungen des Erwachsenwerdens und macht somit eine intelligente, ausgewogene Coming-of-Age-Horrorgeschichte aus der Kleinstadtstory um den bösen Clown. Wallace‘ Original mit seiner perfekten Fünfziger-Jahre-Stimmung und der Traumbesetzung mit Tim Curry als Pennywise hat sich Szene für Szene in mein Langzeitfilmgedächtnis eingebrannt. Nun trat also ein komplett neues Ensemble an, mit diesem in Konkurrenz zu treten.

Die Neuverfilmung scheint sich zunächst stark an Erstverfilmung und Romanvorlage zu orientieren; als eine erste Abweichung spielt Bills Mutter jedoch nicht „Für Elise“, sondern ein anderes Stück auf ihrem Klavier. Der Prolog mit Georgies Tod ist dann auch in bedrückender Konsequenz und grafisch brutaler umgesetzt worden. Die Sorgen um einen weniger gruseligen Pennywise, der altertümlicher als Currys Interpretation gekleidet ist und alberne Hasenzähne und eine ebensolche schwarzgeschminkte Stupsnase bekam, stellt sich schnell als unbegründet heraus: So lieb er auf den kursierenden Szenenfotos aussah, so abgrundtiefe und hässlich wird er, wenn er seine Rolle als gutmütiger Clown verlässt und seinen Opfern seine wahre Identität preisgibt. Dennoch war Curry in seiner Rolle charismatischer, mit seinem zynischen schwarzen Humor und seinen Sprücheklopfereien in dieser Hinsicht clownesker, doch Skarsgårds Pennywise wurde ein wenig anders angelegt: Er wirkt, als würde er weniger die ganz nahe persönliche Ebene zu den Kindern suchen. Er ist monströser und dialogärmer.

Im Laufe der 135 Minuten verstärkt sich der Eindruck, dass die Autoren gut daran taten, die Schlüsselmomente weitestgehend zu übernehmen und entsprechend zu gewichten, dazwischen jedoch zahlreiche Variationen vorzunehmen: Zum einen betrifft dies die tief sitzenden Ängste, mit denen Pennywise seine Opfer konfrontiert, die, wenn ich nicht irre, komplett neu und angepasst an die 1980er sind, zum anderen die Charakterisierungen der Protagonisten: Nun ist beispielsweise Ben derjenige, der tief in Derrys Stadtgeschichte wühlt, nicht mehr Mike, und Beverly steht stärker im Fokus. Flapsigere Sprüche, insbesondere Richies, und eine an Sex-Appeal stärkere Beverly lassen die Spießigkeit der ‘50er hinter sich, ein „Gremlins“-Plakat im Kinderzimmer und „A Nightmare on Elm Street 5“ auf der Kinoreklame besorgen das Retro-Zeitkolorit ebenso wie weitere popkulturelle Zitate, Frisuren, Kleidung, Farben und erinnern die o.g. „Generation „Es““ an ihre eigene Kindheit. Leider übertrieb man es mit der Integration der unsäglichen Boygroup „New Kids on the Block“ in den Film, deren Fan Ben ist, während einer der Rowdys Anthrax- und Metallica-Shirts trägt – das wäre mir umgekehrt lieber gewesen. Andererseits waren Bowers und Konsorten – wie so viele Antagonisten in Kings Universum – ja auch Teddyboy/Rockabilly-Typen, ohne dass King deren Musik damit beleidigen wollte. Immerhin fanden Metal-Klassiker wie Anvils „666“ und Anthrax‘ „Antisocial“ in den Soundtrack, darüber hinaus in einer besonders schönen Szene auch „Six Different Ways“ von The Cure. Ob man Vokuhila-Schnitte bereits in den ‘80ern auch als solche bezeichnete, sei einmal dahingestellt, doch das mag der deutschen Synchronisation geschuldet sein. Ansonsten scheint man erfolgreich eine nahezu authentische Retro-Parallelwelt erschaffen zu haben.

Sind einem Buch und Erstverfilmung noch so gegenwärtig wie einem Großteil der Zuschauer, besteht das Kunststück für den Regisseur darin, aus den dadurch vorhersehbaren Spannungsszenen Suspense zu generieren, die aufgrund des Wissensvorsprungs der Zuschauer gegenüber den Protagonisten die Fingernägel in den Kinosessel graben lassen. Dies gelingt Muschietti scheinbar mühelos, indem er nicht in moderne Hektik verfällt, sondern all diese Momente zumindest im Aufbau genüsslich auszukosten scheint und mit dem Vorwissen seines Publikums spielt, das genügend Zeit hat, sich all die Schrecklichkeiten auszumalen, die den bemitleidenswerten Kindern auf der Leinwand gleich zustoßen könnten – und diese dann zu übertrumpfen: mit vielen guten neuen Ideen und kreativen Schreckensszenarien, mit einer sich die Waage haltenden Melange aus Masken- und Make-up-Arbeit sowie akzeptablen, gut umgesetzten CGI-Effekten, die Pennywise furchterregend bizarr, verzerrt bis animalisch erscheinen lassen, sowie darüber hinausgehenden horriblen SFX, die anatomische und physikalische Gesetze unterlaufen. Jedoch: Wo Wallace mehr auf Atmosphäre setzte, bringt Muschietti verstärkt effekthascherische Jumpscares ins Spiel, untermauert von der breiten, opulenten Klangkulisse. Nötig gehabt hätte er es nicht. Der neue „Es“ ist generell grafischer und blutiger, was besonders eindrucksvoll die Badezimmerszene Beverlys beweist: Anstelle eines blutigen Waschbeckens beschert uns Muschietti das reinste Blutbad im wahrsten Sinne des Wortes. Und wer Muschiettis „Mother“ gesehen hat, wird sich in der einen oder anderen Inkarnation Pennywise‘ an die (wahrhaft gruselige) Gestalt aus jenem Film erinnern, die Ähnlichkeit ist mitunter (mir etwas zu) frappierend.

Die Unverbrauchtheit, die ich den Autoren attestierte, lässt sich den Jungmimen zweifelsohne ebenfalls zubilligen: Das Kunststück, alle sieben „Loser“-Charaktere mehr oder weniger gleichberechtigt zu berücksichtigen, ist erstaunlich gut gelungen, wenn auch Beverly und Bill im Mittelpunkt stehen, was die Handlung gebietet. Alle Rollen scheinen mir gut und ausdrucksstark besetzt und mit Sophia Lillis fand man für die Rolle der Beverly einen erfrischenden, rothaarigen und sommersprossigen Springinsfeld, der sich mit seiner schauspielerischen Leistung und seiner charismatischen Ausstrahlung offensiv für weitere Rollen empfiehlt. Erstaunlich auch, dass mit Nicholas Hamilton jemand für die Rolle Henry Bowers‘ entdeckt wurde, dessen Gesichtszüge denen des Original-Bowers Jarred Blancard überaus ähnlich sind.

Das Wichtigste aber ist, dass auch diese „Es“-Verfilmung den Ton und die Aussage der Vorlage trifft: Wie durch Freundschaft und Zusammenhalt die Widrigkeiten des Lebens gestemmt werden können, wie sich Heranwachsende von ihrem Elternhaus (teils radikal) emanzipieren und einen eigenen Willen entwickeln, den sie gegen die Erwachsenenwelt verteidigen müssen und wie das Böse sich in erster Linie von Angst nährt – eine Erkenntnis, die angesichts aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen gerade einmal wieder hochaktuell ist. So funktioniert dieser im Übrigen mit diversen wohldosierten humoristischen Momenten angerreicherte „Es“ auch mühelos erkennbar als Metapher auf die Entfremdung vom erwachsenen Umfeld, das hier generell alles andere als gut wegkommt und den Kids keine Hilfe ist, sondern von indifferent bis bevormundend, oppositionell, gefährlich und übergriffig sämtliche negativen Facetten abdeckt, die die Entwicklung der jungen Generation behindern. Die Erwachsenen wirken hier, als hätten sie ihr Leben bereits aufgegeben, wie leblose, fremdgesteuerte Körper, die die Augen vor der Realität verschließen und im krassen Gegensatz zum Lebenswillen ihrer Kinder stehen, den sie erdrücken zu wollen scheinen.

Diese schlagen sich wacker gegen die Gefahren und geben sich gegenseitig Rückhalt in diesem Sommer ihres Lebens, nach dem nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Dabei wirken sie jedoch bisweilen etwas sehr abgeklärt angesichts des massiven Unheils, mit dem sie sich konfrontiert sehen und hier und da wird’s fast schon mainstreamig-spielbergesk. Auch die beiden Kussszenen mögen etwas kitschig erscheinen. Dies steht jedoch kaum im Kontrast zu den Aussagen des Films, die dankenswerterweise weder verklausuliert noch mit dem Holzhammer vermittelt werden. Muschietti & Co. gingen offensichtlich mit viel Ehrfurcht vor Kings Roman zu Werke, sodass die Chancen gut stehen, auch eine neue Generation mit der Geschichte um Pennywise und den Club der Verlierer zu prägen – das Potential, manch etwas zu jungen Zuschauer zu traumatisieren, hat der Film allemal. Ob die kalten Schauer, die mich während des Kinobesuchs durchfuhren, mit meinen Erinnerungen an meine damalige Beschäftigung mit dem Stoff zusammenhängen oder genuin auf Muschiettis Film zurückzufuhren sind, vermag ich nicht zu sagen, vermutlich ist es eine Mischung aus beidem.

Auch diese Verfilmung erreicht nicht die Tiefe der literarischen Vorlage und das kann sie auch gar nicht – dafür bräuchte es schon die Erzählzeit und -struktur einer Serie. Deshalb gab es auch keine wirkliche Alternative dazu, bereits mit dem Endkampf der Kinder gegen Es nach 135 nie langatmigen Minuten zu enden und sich den zweiten Teil um die Erwachsengewordenen 27 Jahre später für eine für 2019 angekündigte Fortsetzung aufzusparen, auf die ich mich außerordentlich freue. Mit seinen schon jetzt überragenden Einspielergebnissen dürfte New Line Cinema mit „Es“ einer der Horrorhits des Jahrzehnts gelungen sein, der einen neuen Meilenstein gesetzt und evtl. eine neue Welle des Genres losgetreten hat. Wenngleich mir Wallace‘ Verfilmung und ihr Ensemble noch immer mehr am Herzen liegen, kann ich zu diesem überaus respektablen neuen Anlauf nur gratulieren. Als selbsternanntes Ehrenmitglied im Club der Verlierer bin ich froh darüber, dass auf diese Weise „Es“ im Bewusstsein einer neuen Generation verankert wird – immerhin wirkt es fast so, als seien vornehmlich diejenigen für die Probleme dieser Welt verantwortlich, die „Es“ nicht gelesen/gesehen oder nicht verstanden haben…
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 6. Okt 2017, 10:01

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Die letzte Frau

„Ihr Weiber könnt mich alle nur fertigmachen, verflucht noch eins!“

Marco Ferreri hatte es erneut getan: Nach „Das große Fressen“ inszenierte der italienische Regisseur mit „Die letzte Frau“ im Jahre 1976 einen weiteren skandalträchtigen Film, ein Drama mit Erotik-Anteilen. Die französisch-italienische Koproduktion atmet jedoch eindeutig den Geist des französischen Kinos und bezieht ihre Skandalwirkung aus wenigen plakativen Szenen.

„Frauen sind sehr sensible Tierchen. Und sie haben sehr viel Fantasie!“

Der alleinerziehende Ingenieur Gérard (Gérard Depardieu, „Die Ausgebufften“) muss aufgrund einer Betriebspause einen einmonatigen Zwangsurlaub abbummeln. Als er seinen Säugling Pierrot (David Biggani) aus dem Firmenkindergarten abholt, lernt er Valerie (Ornella Muti, „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“) kennen, die seinen Nachwuchs gerade stillt. Sofort funkt es zwischen beiden, man küsst sich. Eigentlich wollte Valerie mit ihrem Freund, dem wesentlich älteren Michel (Michel Piccoli, „Themroc“), in den Urlaub fahren, überlegt es sich jedoch spontan anders und lässt ihn stehen, um ihre Zeit mit Gérard verbringen zu können. Dieser wurde von seiner feministische Gründe vorschiebenden Frau verlassen und sehnt sich einerseits nach einer neuen erfüllenden Beziehung, hat jedoch andererseits Sorge, dass Pierrot eine zu starke Bindung zur schnell eine Mutterrolle einnehmenden Valerie aufbauen könnte. Außerdem definiert er sich nach außen hin stark über seine Männlichkeit und Sexualität, möchte jedoch gleichzeitig nicht auf sie reduziert werden… Nach anfänglichem Liebesglück wird die Beziehung schnell brüchig, es kommt zum Streit und schließlich zur Eskalation.

„Ihr seid doch alle gleich… Ihr seid beschissen!“

Gérard badet mit seinem Kind, zeigt uns dessen Schniepel und auch seinen eigenen. Er steht nackt im Zimmer, auch Valerie zieht sich aus. Gérard hat eine stattliche Erektion, die die Kamera in voller Blüte einfängt. Dieser Grad selbstverständlicher Nacktheit ist ungewöhnlich für einen Spielfilm, der eben kein Softsex- oder Pornofilm ist. Ferreri setzt diese Aufnahmen als Bilder der Normalität ein, er stilisiert oder ästhetisiert sie nicht übermäßig. Bis auf wenige Aufnahmen sind auch die Sexszenen nicht auf Erotik getrimmt, denn all das ist gar nicht Thema des Films – auch wenn es zunächst einen anderen Anschein haben mag. Vielmehr scheint es mir um einen in seinen Geschlechterrollen gefangenen Mann zu gehen, der seinem Imponiergehabe und ständigem vulgären Gequatsche zum Trotz eine innere Einsamkeit spürt, der er kaum Ausdruck zu verleihen vermag, die jedoch Valerie spürt und sich lieber auf die sexuelle Ebene mit Gérard begibt, statt sich seiner vollumfänglich im Rahmen einer hingebungsvollen Partnerschaft anzunehmen.

Gérards Verzweiflung kulminiert schließlich in (Achtung, Spoiler!) seiner Kastration, die er selbst mittels eines Elektromessers vornimmt. Diese Pointe kann interpretiert werden als radikaler Schritt, um sich an der vornehmlich an seiner Sexualität interessierten Valerie zu rächen bzw. ihr zu trotzen, um nicht mehr über seine Sexualität definiert werden zu können, um nicht mehr Opfer seiner Triebe zu sein oder auch als physikalische Umsetzung einer von Gérard empfundenen Entmannung resultierend aus den Unstimmigkeiten in der Beziehung mit Valerie. Gute schauspielerische Leistungen und eine spärlich eingesetzte, dafür umso effektivere melancholische musikalische Untermalung stehen einer dialogreichen Handlung in Überlänge gegenüber, die Straffung hätte vertragen können. Ja, „Die letzte Frau“ ist mit seinem Ende provokant und schockierend – vor allem aber ein geschwätziger französischer Problemwälzfilm, der zu lange braucht, um auf den Punkt zu kommen und dem es kaum gelingt, die Oberfläche seiner Charakterisierungen zu durchbrechen. Trotz intimer Einblicke in ihr Privatleben bleiben einem Gérard und Valerie ebenso fremd wie sie sich offenbar selbst.

Benötigt Ferreri tatsächlich eine Inspirationsquelle à la Bukowski („Ganz normal verrückt“), um einen wirklich stimmigen Film zu kreieren? Mehr als 5,5 von 10 Elektromessern kann ich ihm hierfür nicht in die Hand drücken.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 16. Okt 2017, 16:54

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Black Emanuelle - 2. Teil

„Emanuelle, habe ich dir schon mal gesagt, wie schön du bist?“

1976 hatte der umtriebige italienische Filmemacher Joe D’Amato den „Black Emanuelle“-Topoi vom Regisseur des ersten Teils, Bitto Albertini, übernommen. D’Amato hatte seinerzeit noch keinen seiner berüchtigten Horrorfilme gedreht, mit „Hemmungslos der Lust verfallen“ und „Foltergarten der Sinnlichkeit“ jedoch bereits Erfahrung im erotischen Bereich gesammelt. Er war es, der Laura Gemser in ihrer Paraderolle in Serie schickte.

„Es muss schön sein, eine harmonische Ehe zu führen!“

Die Reporterin Emanuelle (Laura Gemser) verschlägt es gemeinsam mit ihrem Bekannten, dem Archäologen Roberto (Gabriele Tinti), nach Thailand, wo sie eine Fotoreportage über den König anfertigen soll. Den Kontakt soll Prinz Sanit (Ivan Rassimov, „Mondo Cannibale“) vermitteln. Dieser findet schnell Gefallen an der attraktiven Frau, doch nicht nur mit ihm, auch mit der hübschen Masseurin Gee (Koike Mahoco, „The Snake God“) lässt sie sich auf erotische Abenteuer ein. Politische Unruhen verhindern jedoch das Treffen mit dem König und als Emanuelles Kamera und ihre Papiere gestohlen werden, wird es zunehmend ungemütlich. Sie sieht sich abzureisen gezwungen und landet in Marokko, wo sie den amerikanischen Konsul David (Venantino Venantini) und dessen noch unberührte, verunsicherte Tochter Debra (Debra Berger, „Parapsycho - Spektrum der Angst“) kennenlernt…

„Emanuelle ist sehr selbständig und sie macht auch immer das, wozu sie Lust hat.“

Das fröhliche gepfiffene und gesungene Titellied leitet zu einem Restaurantbesuch Emanuelles mit Roberto über, während dessen beide betonen, keine feste Bindung einzugehen. Alles andere hätte den Zuschauer sicherlich auch sehr gewundert, der sich in unmittelbarem Anschluss an der ersten Softsex-Szene erfreuen darf. Nicht nur die Darsteller wurden in teils anderen Rollen (Tinti, Venantini) aus dem ersten Teil übernommen, auch eine Sexszene mit kopulativen Zwischenschnitten industrieller Maschinen erinnert noch stark an Albertini, wurde diese Idee doch direkt von ihm übernommen. Fortan geht D’Amato jedoch eigene Wege – und erhöht die Schlagzahl:

Um als Fotografin möglichst nah an die Königsfamilie zu gelangen, sucht Emanuelle die Nähe des Prinzen und lässt sich wie in einer Hommage an Gemsers ikonische Nebenrolle in „Emmanuelle 2“ eine erotische Massage von Gee verabreichen. Im Anschluss vernascht sie den Hotelpagen, wobei sie von Roberto unterbrochen wird, der nun ebenfalls wieder in Emanuelles Nähe ist. Gemeinsam lernen sie ein ekelhaft harmonisches Touristenpaar für eine Fotosession kennen und besuchen eine Stripshow mit Kerzenwachseinlagen auf nackter Haut. Diese bringt die Handlung zwar nicht voran, doch lehnt der Film zum Zurücklehnen und Genießen ein, wenn er tatsächlich mehrere Striptease-Auftritte in aller Ausführlichkeit zeigt. Die zweite um den Golfball ist sogar recht explizit ausgefallen. Emanuelle und die anderen Gäste befummeln sich dazu unterm Tisch und niemand kann es ihnen verdenken.

„Wenigstens wissen wir jetzt, dass die Chinesinnen sie nicht quer sitzen haben!“

Beim Prinzen wird schließlich gemeinsam von der Rauschpfeife genascht und übereinander hergefallen. Der Prinz führt Emanuelle in die höhere Liebeskunst ein und irgendwem muss nach all diesen Momentan eingefallen sein, dass man ja nicht einfach Sexszene an Sexszene reihen können, weshalb D’Amato unpassenden Tiersnuff in Form eines Kampfes Mungo versus Schlange installiert. Auf diese Weise mit Teilen der Fauna bekanntgemacht, erfährt man, dass das ach so harmonische Paar Knatsch untereinander hatte und es Roberto in die Sahara zieht. Für Emanuelle kommt es indes knüppeldick: In ihr Hotelzimmer wurde eingebrochen, Kamera und Pass wurden entwendet. Doch es kommt noch schlimmer: Eine (im Original deutsch sprechende) Söldnergruppe des Königs lauert ihr auf und vergewaltigt sie. Damit sie es erträgt, erinnert sie sich an des Prinzen Worte, was diese Szene – vor allem mit der Konsequenz, dass Emanuelle dieses vermutlich jede andere Frau traumatisierende und schwerverletzende Verbrechen erstaunlich locker wegsteckt – jedoch kaum weniger fragwürdig erscheinen lässt. Deutlich mehr Empathie hätte dem Drehbuch an dieser Stelle gutgetan und man hätte diese Szene wohl besser ganz gestrichen – in dieser Form jedoch erweckt sie noch immer den unschönen Anschein, trotz nicht offen positiver Darstellung ein bestimmtes Publikum bedienen zu wollen und Vergewaltigungen zu relativieren. Mit Wohlwollen könnte diese Sequenz eventuell auch als Warnung an Zuschauerinnen verstanden werden, bei allem selbstbewussten, emanzipierten und sexuell aufgeschlossenem Auftreten vorsichtig zu bleiben.

Jedenfalls soll Emanuelle verschwinden und ihr Prinz wurde inhaftiert, der Vorwurf lautet auf Komplott gegen das Königshaus. Bei der Flughafenpolizei muss sie den Offizier mit Sex bestechen, um einen Passierschein zu erhalten. Am Flughafen trifft sie ihre Freundin Frances (Ely Galleani, „Baba Yaga“) wieder, man hat denselben Flug gebucht. Diesen nutzt man, um sich auf der Flugzeugtoilette miteinander zu vergnügen, was der Film leider nur kurz in Form der Initiation anreißt. In Casablanca sucht sie die US-Botschaft auf und lernt dort Debra kennen, die von Emanuelles Auftreten begeistert ist. Roberto, den sie bei seinen Ausgrabungen besucht, hat sich zwischenzeitlich überraschend mit seiner britischen Kollegin Janet verlobt. Dass Emanuelle sich darüber freut und dem jungen Glück gratuliert, beweist, dass sie tatsächlich keinerlei Besitzdenken kennt. Zu dritt teilt man sich schließlich ein Zelt und Roberto treibt es mit seiner Verlobten genau neben Emanuelle, bis er sie miteinbezieht. Später treffen sie auf berittene Beduinen, die ihre Show vor ihnen abziehen. Voller Abenteuerlust begleiten die Damen die Gruppe, in deren Quartier noch einmal gestrippt wird. Roberto stößt später hinzu und will nichts weiter wissen, wirkt dann doch etwas zerknirscht. Nicht lange und Janet löst die Verlobung auf, aber Roberto reagiert mit Gleichgültigkeit.

„Trägst du niemals einen Büstenhalter?“ – „Ich habe ihn verbrannt!“

Emanuelle trifft Debra wieder und bekommt ihre Ausrüstung zurück, gleichzeitig becirct Debras Vater David sie, dessen Schriftstellerkumpel Tommy (Chris Avram, „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“) auch ständig in seiner Nähe ist. Ein gemeinsames Bad Emanuelles mit Debra lässt den Erotikfaktor weiter in die Höhe schnellen. Debra ist es auch, die Roberto und Emanuelle beim Sex beobachtet und dabei Hand an sich selbst legt. Als Roberto Debra grob dazuholt und behauptet, Lesben zu hassen, schmeißt Emanuelle ihn raus und gibt sich ganz Debra hin, was D’Amato jedoch erneut nur andeutet. Die Frauen haben sich ineinander verliebt und Tommy würde auch gern mal mit Emanuelle ins Bett, vielleicht beim nächsten Mal… Roberto hadert derweil mit der Situation, Emanuelle und er scheinen sich nun nachhaltig voneinander loszusagen. Am Ende heißt es jedoch, auch Abschied von Debra zu nehmen, da Emanuelle nach Paris muss. Das freche Früchtchen hatte doch tatsächlich die ganze Zeit Emanuelles Pass und rückt ihn erst jetzt heraus…

„Black Emanuelle - 2. Teil“ ist mit Sicherheit einer der gelungensten und stillvollsten Filme D’Amatos, wenngleich man einige Abstriche machen muss. Gegenüber dem unausgegorenen ersten Teil handelt es sich jedoch um einen gewaltigen Schritt nach vorn. Begleitet von Nico Fidencos Easy-Listening-Musik und fröhlichen bis schwelgerischen Klängen agiert die Kamera auf hohem Niveau und hat nichts gemein mit den Ruckelarien manch Billigheimers jener Zeit. Auch der Schnitt macht den Film rund und wirkt durchdacht, wenn auch manchmal etwas abrupt. Die eine oder andere Szene hätte gern weitergefasst sein dürfen. Die „Black Emanuelle“-Reihe wurde wesentlich feministischer angelegt und das französische Vorbild um Sylvia Kristel und so ist auch dieser erste Beitrag D’Amatos weit weniger chauvinistisch und sexistisch als ähnliche Genrevertreter. Dennoch ist er natürlich in erster Linie auf ein männliches Publikum ausgerichtet und verzichtet bei aller Darstellung weiblicher Scham auf jedwedes männliche Geschlechtsorgan vor der Kamera. Letztlich ist das inkonsequent und ungleichberechtigt, mehr Mut diesbzgl. hätte ihn eventuell einem noch größeren Publikum geöffnet. Doch auch in dieser Form vereint er derart viele unterschiedliche Frauentypen im Film, die allesamt ihre Erotikszenen bekommen, dass weit mehr Geschmäcker abgedeckt werden als lediglich den am südostasiatischen Typ, den Laura Gemser verkörpert. Unabhängig von ihrem Äußeren strotzt Emanuelle vor Selbstvertrauen, ist sie empathisch und intelligent sowie sexuell aufgeschlossen, selbstbestimmt und Grenzen zwischen Ethnien und Geschlechtern einreißend.

Für Debra wird sie zum Vorbild, liebevoll widmet sie sich der problembehafteten Jugendlichen und nimmt sie ein gutes Stück mit in ihre Welt, lässt sie partizipieren, ohne sie auszunutzen oder zu verderben. Dabei handelt es sich sozusagen um das krasse Gegenteil der sexuellen Initiation in Just Jaeckins „Emmanuelle“. Und bei allem bewahrt sich Emanuelle ihre Freiheit, was all ihre Begleiterinnen und Begleiter letztlich akzeptieren müssen – und akzeptieren. „Black Emanuelle - 2. Teil“ vermittelt nicht nur populäres „Urlaubs-Feeling“, sondern bringt auch einen – wenn auch exploitativen – politischen Aspekt ein, eine Art Blaupause für die wesentlich kruderen Strudel, in die Emanuelle in den weiteren Fortsetzungen geraten soll. Vielleicht war Emanuelle nie wieder so stark wie in dieser ersten Fortsetzung, die in erster Linie auf anmutige, ästhetische Erotik denn auf Schmuddel und Schockwirkung setzt. Bei D’Amato alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 18. Okt 2017, 23:36

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Die Sünden der ganz jungen Mädchen

„Ich kann immer noch nicht begreifen, wie sie den Sargdeckel zugemacht haben...“

Der italienische Regisseur Marcello Andrei („Die wilde Meute“) brachte es in seiner Laufbahn offenbar auf lediglich fünf Filme, von seinem Debüt „Heirat auf Sizilianisch“ aus dem Jahre 1963 einmal abgesehen allesamt aus den 1970er Jahren. Mit seinem vorletzten Film versuchte er sich 1976 an einer Erotikkomödie, für die er auf Genre-Ikone Gloria Guida („Oben ohne, unten Jeans“) zurückgreifen konnte – und enttäuschend wenig daraus machte.

„Wir werden uns jetzt öfter sehen!“

Don Salvatore stirbt beim Sex im türkischen Bad. Man informiert die Witwe Donna Nunziata (Lucretia Love, „Sein Schlachtfeld war das Bett“), deren Bruder Antonello (Carlo Giuffrè, „Hochwürden Don Camillo“), ein Schriftsteller, hinzustößt. Er soll sich um die 22-jährige Stieftochter Elena (Gloria Guida) kümmern. Elena ist sofort von ihm begeistert und darf ihm sogar seinen Vollbart abrasieren, den bereits seine Schwester kritisiert hatte. Fand sie vorher, er sähe aus wie ein Tattergreis, merkt sie nun an, er ähnele einem kleinen Jungen. Sie behauptet ihm gegenüber, frigide zu sein und alle Männer abstoßend zu finden, doch beobachtet er sie kurz darauf, wie sie sich vor jemand anderem auszieht und sich lasziv bewegt. Dadurch versucht sie, ihren Onkel aus der Reserve zu locken – was offensichtlich ist, der Film sie aber sicherheitshalber aus dem Off bestätigen lässt.

„Du bist ein Mädchen mit einer Menge Hirngespinste!“

Um ihn heiß zu machen, gibt sie sich lesbischen Spielchen in der Sauna hin, was zur ersten Nacktszene des Films führt. Als Antonello sie zur Rede stellt, behauptet sie, lesbisch zu sein. Er versohlt ihr den Hintern (!), doch ihr gefällt’s. Als nächsten Versuch behauptet sie, dem Fetisch zu erliegen, an seinen Unterhosen zu schnüffeln. Vom alten Bock Caruso lässt sie sich beraten, spielt daraufhin die Nymphomanin und provoziert Antonello mit frechen Sprüchen. Schließlich tut sie so, als sei sie fieberkrank – mit dem Thermometer zwischen den Beinen. Antonello reicht’s nun und er haut ihre eine runter, woraufhin Elena in Tränen ausbricht und ihm ihr Schauspiel gesteht.

„Ich brauche Ihre Hilfe! Sie sind doch ein alter Bock und kennen sicher jede erdenkliche Perversion!“

Doch damit längst nicht genug: Urplötzlich heiratet sie mir nichts, dir nichts einen anderen, Carusos Sohn Saverio (Gianluigi Chirizzi, „Kesse Teens - Die erste Liebe“). Offenbar hatte sie mit Antonello ausgemacht, es mit ihm zu treiben, sobald sie verheiratet ist – mit ihrem nun endlich ebenfalls willigen Onkel wird sie auf der Hochzeitsfeier jedoch unterbrochen. Als Elena von der Hochzeitsreise zurückkehrt, verzehrt sich Antonello endlich nach ihr, doch nun gibt sie sich abweisend. Als sich endlich wieder beide einig sind und gemeinsam in die Badewanne hüpfen, werden sie erneut jäh gestört.

Visualisierte Fantasien, wie Saverio sie zu erschießen droht, sind eine Art Überleitung dazu, wie Elena und Antonello sich hinter dessen Rücken lieben, der ihm nun schlaue Tipps zum Fremdgehen und Heiraten gibt, ohne etwas zu ahnen. Tatsächlich heiratet auch Antonello nun eine andere. Saverio gerät derweil in einen Autounfall und wird schwer verletzt. Im Krankenhaus liegend bittet dieser einfältige Simpel darum, dass Antonellos neue Frau Elena überwacht, um als Pointe seinerseits Elena mit Antonellos neuer Frau zu betrügen.

Nach Antonellos ursprünglichem Auftauchen wurde der zunächst sehr alberne Tonfall spürbar ernster, doch die absurde Handlung bar jeder Sensibilität und jeden Verständnisses für Jugendliche in libidinöser oder amouröser Verwirrung macht aus „Die Sünden der ganz jungen Mädchen“ alias „Flotte Teens und die erste Liebe“ schnell wieder ein billiges, sexklamottiges, unlustiges Filmchen, dem es deutlich an Erotikszenen mangelt. Auch überaus wenig monogame, katholisch fromme italienische Familien wurden schon wesentlich besser filmisch aufs Korn genommen. Der häufig abrupte und holprige Schnitt trägt sein Übriges zum Ärgernis bei, wenngleich Chefschnuckelchen Guida, die diesmal ihr Haar etwas dunkler trägt, natürlich wieder ein Hingucker ist. Dass sie sich hier mit dümmlichem, trivialstem Humor herumschlagen und Altherrenfantasien bedienen muss, ist die reinste Verschwendung.

Fürs Protokoll sei noch angemerkt, dass sich auch Lucretia Love als Witwe einmal oben ohne zeigt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 25. Okt 2017, 20:47

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Nackte Eva

„Ich glaube, es ist wundervoll, etwas Sinnvolles zu tun.“

Bereits drei Monate nach Exotik-Erotik-Ikone Laura Gemsers erster Zusammenarbeit mit Filmemacher Joe DAmato, der ersten „Black Emanuelle“-Fortsetzung, konnte ein weiteres Ergebnis dieser fruchtbaren Kollaboration in den Lichtspielhäusern genossen werden: Am 05.08.1976 kam „Nackte Evas“ in die Kinos, ein weiterer voll und ganz auf Gemser zugeschnittener Erotik-/Softsex-Streifen.

„Ich bin keine Schlange!“

Eva (Laura Gemser) reist als Schlangentänzerin um die Welt. Aktuell verschlägt es sie nach Hongkong; bereits auf dem Flug lernt sie den gutsituierten Jules (Gabriele Tinti, „Black Emanuelle“) kennen. In Hongkong angekommen, stellt dieser sie seinem älteren Bruder Judas (Jack Palance, „Die seltsame Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“) vor. Judas ist passionierter Schlangensammler und von den Kriechtieren ebenso begeistert wie von Eva, der er anbietet, zu sich und seinen Schlangen zu ziehen. Eva nimmt das Angebot nach anfänglicher Skepsis an, findet in diesem Ambiente dekadenten Reichtums jedoch am meisten Gefallen an Gerri (Michele Starck, „Laura“), einer Europäerin, zu der sie eine lustvoll-lesbische Beziehung eingeht. Dies sieht Jules jedoch gar nicht gern und sorgt dafür, dass Gerri von einer grünen Mamba gebissen wird und am Schlangengift stirbt. Es soll wie ein Unfall aussehen – doch daran glaubt Eva nicht…

Wie unschwer bereits an der Inhaltsangabe abzulesen, strotzt „Nackte Eva“ nur so vor christlichen bzw. alttestamentarischen Metaphern: Eva und die Schlange aus dem Paradies sowie Verräter Judas finden sich wieder, wenngleich letzterer im Vergleich zu Jules der eindeutig Harmlosere ist. Piero Umilianos sinnliche Musik versucht sich an einer Interpretation der von toller Kameraarbeit eingefangenen Bilder und soll den Zuschauer in die richtige, erotisch knisternde Stimmung bringen. Denn damit, vom Apfel zu kosten, gibt sich diese Eva längst nicht zufrieden: Sie fantasiert von ihrem Schwarm und masturbiert dazu, auf einer Party baggert sie ein Pärchen an (wird jedoch unterbrochen, eine Sexszene bleibt aus) und beobachtet die attraktive Gerri beim Umziehen, hilft ihr in den Bikini, sondert lüsterne Blicke ab. Beide geben sich einer erotischen Massage hin und als Gerri zurück gen Heimat fliegen will, entsorgt Eva kurzerhand deren Flugticket – denn sie hat sich in sie verliebt.

Jules macht derweil mit einer Candy (Ziggy Zanger, „Black Emmanuelle, White Emmanuelle“) herum, Schlangenspielchen „wie in alten Zeiten“ – und durchaus erotisch gefilmt. Auch Candy hat dabei zunächst ihren Spaß, fällt nach einem Schlangenbiss jedoch in Ohnmacht. Eva besucht lieber einen Nachtclub mit Gerri und frönt dem Slowdance sowie dem Striptease-Auftritt der Kim-Sisters aus Korea, den eine wildgewordene Kamera einfängt. Jules suggeriert, Judas habe Schuld am Schlangenbiss und als beide Brüder verreisen müssen, vertraut Judas Eva seine Schlangen an. Evtl. ist D’Amato an dieser Stelle ebenso wie mir aufgefallen, dass das alles nett anzusehen, aber eben auch ein bisschen langatmig ist, weshalb er nun auf den schockierenden Mondo-esken Typ Exotik setzt und dem Zuschauer Tiersnuff um die Ohren haut, indem er die Häutung, Zerhackung und Zubereitung einer anfänglich lebendigen Schlange auf einem Marktplatz zeigt. Während ich noch sinniere, wie man so etwas Widerlichem beiwohnen und das bedauerliche Geschöpfs dann auch noch verspeisen kann, folgen nackte Tatsachen: Eva und Gerri duschen gemeinsam, Jules beobachtet die Szenerie missgünstig. Weiterer Tiersnuff (eine Schlange erwürgt eine Maus) wechselt sich mit schönen erotischen Momentaufnahmen ab, bis Jules schließlich die grüne Mamba ins Frauenschlafzimmer schleust und das Unheil seinen Lauf nimmt.

(Achtung, massive Spoiler!) Evas Racheplan geht mit einem Ortswechsel einher: Zusammen mit Jules fliegt sie in ihre philippinische Heimat und lässt sich dort von einem Einheimischen liebkosen. Zusammen mit seinem Bruder handelt dieser in Evas Auftrag, als sie Jules nach einheimischer Sitte eine Schlange rektal einführen, die sich durch dessen Körper fressen und damit Gerris Tod rächen soll. Welch herrlich krude Idee! Im Epilog schließlich ist Eva ehrlich zum zurückgekehrten Judas und erhält daraufhin einen Rüffel sowie die Gewissheit, dass Judas nichts mehr von ihr wissen will. Als sie ein letztes Mal mit einer grünen Mamba vor ihm tanzt, schließt sich der Kreis des Schicksals, als auch sie tödlich gebissen wird.

Wenn andere ihre Briefmarkensammlung zeigen, trumpft Judas mit seiner Schlangenkollektion auf und rennt damit nicht nur bei Liebhabern dieser Tiere offene Türen ein, sondern hat hierdurch auch einen starken Bezugspunkt zur Protagonistin dieses Films, die verführerische biblische Schlange bzw. für die Freiheit und die Lust einen Pakt mit der Schlange eingegangene vertriebene Paradiesbewohnerin und wenig domestizierte Wilde zugleich ist, die anziehend und – zumindest am Ende – abschreckend zugleich wirkt, die sich erfolgreich in einer neureichen Welt weißer Dekadenz behauptet, Respekt einfordert und Angriffe hart bestraft. Damit verkörpert Laura Gemser einmal mehr eine starke weibliche und zugleich erotische Persönlichkeit, wenn auch in einem leider seltsam emotionsarmen, diffus und oberflächlich bleibenden Film mit der einen oder anderen Anleihe beim Giallo-Genre. Ihr Ehemann Gabriele Tinti war seinerzeit ein Stammmime an ihrer Seite und Jack Palance in einem waschechten D’Amato innerhalb dieses Ensembles zu sehen, macht natürlich ebenfalls Freude. Wie eine Schlange versteht es „Nackte Eva“, den Rezipienten zu umschlängeln und zu hypnotisieren, für sich einzunehmen. Und ebenso metapherreich und häufig allegorisch bleibt die Handlung, die trotz ihrer dramaturgischen Schwächen in Kombination mit der überdurchschnittlichen fotografischen Gestaltung des Films zu einer zwar nie formvollendet gelungenen, jedoch überdurchschnittlichen Melange aus Softsexfilm und Erotik-Drama führt, aufgrund unnötiger Streck- und Schockszenen aus dem unsäglichen Tiersnuff-Fundus jedoch mit Punktabzug leben muss. Die originelle Rachemethode jedenfalls lohnt es sich zu merken und besser als D’Amatos Ruf ist „Nackte Eva“ allemal.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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