bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 13. Sep 2017, 17:58

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Heiße Berührungen

„Könnten Sie nicht vorstellen, dass ich vielleicht mit irgendeinem von Ihnen schlafen würde…?“

In, man möge es sich auf der Zunge zergehen lassen, belgisch-französisch-italienisch-schweizerisch-spanischer Koproduktion drehte der spanische Viel- und Billig-Filmer Jess Franco („The Perverse Countess“) zusammen mit seinem Kollegen Julio Pérez Tabernero („Cannibal Terror“) 1975 einen weiteren auf seine Lebenspartnerin, Muse und Exhibitionistin Lina Romay („Entfesselte Begierde“) zugeschnittenen Sexfilm, genauer: eine Sex-Krimi-Komödie. „Heiße Berührungen“ alias „Midnight Party“ alias „Lady Porno“ wurde im Januar 1976 veröffentlicht und im deutschsprachigen Auswertungsraum leider arg verstümmelt, bis die deutsche DVD Abhilfe schuf.

„Mein Kopf is’n Wassereimer!“

Nachtclub-Stripperin und Prostituierte Sylvia (Lina Romay) ist mit einem Musiker (Alain Petit, „Zombie Lake“) liiert, unterhält jedoch auch einen Anwalt (Olivier Mathot, „Das Schiff der gefangenen Frauen“) als Liebhaber und ist kaum einem Schäferstündchen abgeneigt. Auf einer Party betrinkt sie sich und wird zu einem Dreier mit einer vollbusigen Dame eingeladen. Als sie nach der Orgie wieder erwacht, liegen ihre Sexualpartner erstochen neben ihr. Daraufhin lässt Janos Radeck (Jess Franco persönlich) sie entführen und foltern und versucht, ihr die Morde anzuhängen. Zwar kann Sylvia fliehen, doch schließlich wird sie von Radeck K.O. geschlagen und ein großer Unbekannter (Claude Boisson, „Die Sex-Klinik“) kommt in Spiel – unversehens findet Sylvia sich zwischen den Fronten einer Spionage-Affäre wieder…

„Alte Schlampe! Verliert man bei einem Verhör seine Perücke?!“

Lina alias Sylvia räkelt sich auf dem Bett und stellt sich dem Zuschauer vor, indem sie ihn direkt anspricht, ein Klavier klimpert dazu. Die Kamera zoomt dabei immer wieder nach einer Detailaufnahme von ihrer Vagina weg oder extrem auf sie zu. Ausnahms- und angenehmerweise ist sie diesmal komplett rasiert. Fortan führt Lina als Erzählerin durch die Handlung, die abseits ihres Betts stattfindet, jedoch zwischenzeitlich immer wieder auf sie in jenem Setting zurückkommt. Die eigentliche Geschichte beginnt im Nachtclub, wo eine Band spielt, zu der Sylvia strippt und von der Kamera wieder extrem bezoomt wird, auf ihren Po, in ihren Schritt. Der schicksalhafte Dreier schließlich besteht aus sehr expliziten Szenen und führt durch die Entführung direkt zum nächsten, wenn sie sich mit Radecks Gehilfen vergnügt und man sich um den Cunnilingus streitet.

„Wir müssen uns jetzt erst mal auseinandersortieren…“

Anschließend platzt Franco in seiner Rolle als Radeck hinein, doch kurz darauf wird wieder muschigeleckt. Plötzlich jedoch beherrscht Sylvia sowohl Chinesisch als auch Karate und kann so einen Fluchtversuch unternehmen, der sie zu ihrer Affäre, Anwalt Alphonse, führt. Dieser entpuppt sich nun als Detektiv, was Sylvia nicht daran hindert, mit ihm zu schlafen, bevor sie erneut entführt wird. Auf komödiantische Weise geht es eine Weile so weiter, Sylvia hat Sex mit Unbekannten, ihren Lovern und ihren Kunden, u.a. mit einem „Hausmann“, der sie um Haushaltsgeld anbettelt. Diese bizarre Szene sorgt für eine damals sicherlich besonders ungewohnte Umkehrung der Geschlechterrollen und ist somit fast schon progressiv zu nennen. Nach ihrer nächsten Entführung und dem nächsten obligatorischen Dreier macht Radeck kurzen Prozess und bringt die Ohnmächtige zum vermeintlichen Mordopfer Joe, dem „großen Unbekannten“, der eigentlich ein Auslandsspion ist. Dieser möchte Sylvia vergewaltigen, doch selbst an ihm scheint die Nymphe Gefallen zu finden. Da kommt Alphonse dazwischen und erschießt den Missetäter, will jedoch auch Sylvia nach ihrem Leben trachten, denn auch er ist weder Anwalt noch Detektiv, sondern ebenfalls ein böser Spion.

„Ich liebe dich!“ – „Ich dich auch, Scheiße!“

Als ihr Musiker-Freund sie schließlich zu retten versucht, kommt dank der Schusswechsel gegen Ende gar Action-Feeling auf, bevor Lina ganz am Schluss explizit masturbiert. Neben dieser Mischung aus expliziten Szenen sexueller Handlungen an der Grenze zum Hardcore und einer sehr eigenartigen hanebüchenen Kriminalkomödienhandlung, die nicht nur wenig Sinn ergibt, sondern auch arg billig heruntergekurbelt scheint, macht Francos Versuch der Installation einer Meta-Ebene „Heiße Berührungen“ zu etwas Besonderem: In den Zwischensequenzen gibt Lina Romay sich als Schauspielerin zu erkennen und Jess Franco sich gegen Ende als Autor. Eventuell war ihnen bewusst, dass sie ihren Film ohnehin nur schwerlich als einen wie auch immer gearteten Realismus ihrem Publikum verkaufen können und dass er keinen Sog erschafft, der den Zuschauer gefangen nimmt, keine Illusionen erzeugt, die diese Meta-Ebene zerstören würde. „Heiße Berührungen“ wirkt wie eine Mischung aus Laientheater und Fetisch-Rollenspiel. Für viel wahrscheinlicher aber halte ich es, dass auch dieser Film für die aktive Exhibitionistin und den bekennenden Voyeur ein großer Spaß war, auf den man sich als Zuschauer einlassen kann oder eben auch nicht. Das Hauptproblem, das ich mit diesem Film habe, ist dann auch gar nicht sein Ansatz in Sachen Erotik/Sex, auch nicht sein sichtbar geringes Budget, es ist vielmehr sein Humorverständnis auf meist eigentümlich infantilem Niveau in Kombination mit einer schluderigen Alibi-Handlung, der es leider nicht einmal gelingt, eine auch nur halbwegs taugliche Geschichte zu erzählen. Lina-Romay-Fans sind hier an der richtigen Adresse, Franco-Kenner und -Freunde dürften ebenfalls ihren Spaß haben, ich aber danke Lina in erster Linie für die Entdeckung eines Rasierers und dem Schnitt dafür, dass er den Film auch in der Komplettfassung nach 90 Minuten hat enden lassen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 14. Sep 2017, 16:06

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Fifa Fever

Anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens produzierte die „Fédération Internationale de Football Association“, kurz: Fifa, den auf DVD vermarkteten Dokumentarfilm „Fifa Fever“, der sich allen Fußball-Weltmeisterschaften beginnend mit der ersten in Uruguay bis hin zur zum Produktionszeitpunkt letzten, 2002 in Südkorea und Japan ausgetragenen widmet – jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern nach Themen in Kapitel unterteilt:

So bekommt man zunächst einmal die nach Meinung der Produzenten zehn besten Distanzschüsse zu sehen, gefolgt von berühmten Premieren, „Kämpfen der Giganten“, Schiedsrichter-Fehlentscheidungen und herausstechenden Torhütern. Da fehlen unverständlicherweise der deutsche Bodo Illgner und der Argentinier Goycochea, die während der WM 1990 brillierten und sich im Endspiel gar gegenüberstanden. Auf die enthusiastischen Fans wird ebenso kurz eingegangen wie auf vergeigte Torchancen, die Top-10 der Kopfballtore und herausragende Trainer. Pannen, Patzer und weitere Besonderheiten finden Erwähnung, gefolgt von legendären Aufholjagden und ebensolche Verteidiger. Besonders sehenswerten Freistößen wird gehuldigt, die ungarische Nationalmannschaft von 1954 ebenso hervorgehoben wie die brasilianische von 1970 und erinnerungswürdige Solo-Läufe und besonders leistungsstarke Mittelfeldspieler ins Gedächtnis gerufen.

„Kämpfe und Fouls“ lautet ein weiteres Kapitel, bevor man auf eine weitere besonders starke brasilianische Elf eingeht, nämlich der von 1958. Auch Glanzparaden fehlen ebenso wenig wie „böse Jungs“ und Überraschungssiege von Underdogs. Tolle Tore als Konsequenz besonders schön herausgespielter Mannschaftsleistungen lassen mit der Zunge schnalzen, bis auch dem deutschen Erzrivalen Holland die Ehre zuteilwird, mit seinem 1974er Team hervorgehoben zu werden – natürlich nicht, ohne deren Niederlage gegen Deutschland zu erwähnen, haha… Sich durch besondere Verdienste ausgezeichnet habende Stürmer runden diese bunte Collagen-Sammlung ab.

Der mit elektronischer Musik unterlegte Film mit seinem vielleicht etwas arg unaufgeregten, sachlichen Sprecher konnte zudem einige O-Töne von Spielern wie Andreas Brehme, Marcos Paquetá und Gordon Banks gewinnen. Neben einem Spezial zur damals bevorstehenden Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland und dem neuen, aus zahlreichen restaurierten Originalaufnahmen bestehenden Film zur allerersten WM 1930 dürften Beiträge zum Frauenfußball, der Fifa-Juniorenmeisterschaft sowie eine Exkursion zu den Futsal-Weltmeisterschaften den Horizont manch Zuschauers erweitern. Etwas eigenartig mutet es an, wenn man die sachliche Ebene verlässt und sich über vergangene Mode und Frisuren lustig macht, bringt dafür jedoch auch den exzentrischen mexikanischen Torwart Jorge Campos mit seinem selbstentworfenen Trikot unter. So viele schöne und bizarre Details „Fifa Fever“ hervorkramt, so gewöhnungsbedürftig ist der Collagen-Stil, der nicht wie sicherlich erwartet chronologischen Abläufen folgt, sondern thematisch sortiert sämtliche Weltmeisterschaften durcheinanderwirft. Daran kann man sich ja noch relativ schnell gewöhnen; schwerer fällt dies in Bezug auf die stakkatohafte Aneinanderreihung der Szenen, die einzelne Momente nicht auskostet und dies auch gar nicht zulässt. Hier geht’s Schlag auf Schlag; eine Reizüberflutung, als wolle man selbst ADHS-Patienten in die Knie zwingen. Man hetzt von einem Ausschnitt zum anderen, ignoriert permanent den einordnenden, sporthistorischen Kontext und folgt keinerlei Dramaturgie, was auf Dauer ermüdend wirkt. Nostalgie heraufbeschwören oder gar Gänsehaut erzeugen können andere WM-Filme da wesentlich besser und ob die zahlreichen hier enthaltenen Top-Listen nicht arg subjektiv oder lückenhaft sind, sei zumindest gemutmaßt. Kritik an den Turnieren oder an der Fifa wird gänzlich ausgespart.

Das Gefühl, das diesen Turnieren innewohnt, die ganz viel mit Geduld, Spannung und Emotionen zu tun haben, schafft dieser inkl. Bonusmaterial rund vierstündige Film leider kaum zu vermitteln und sollte daher lediglich als ein ergänzendes buntes Potpourri, als lose Sammlung herausragender Szenen, vielleicht als grober Überblick über möglichen Faszinosa des Fußballsports und dahingehende Inspirationsquelle für tiefergehende Beschäftigung mit entsprechenden Teilabschnitten betrachtet werden.

Erwähnt sei noch, dass der Film offenbar laufend aktualisiert wird und dementsprechend neuere Versionen existieren, die vermutlich die zwischenzeitlich stattgefundenen Turniere berücksichtigen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 19. Sep 2017, 15:45

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Er war Superstar: Falco - Eine Legende wird 60

„Er war Superstar, er war populär, er war so exaltiert because er hatte Flair…“

Johann „Hans“ Hölzel, geboren am 19.02.1957 in Wien, gelangte unter seinem Künstlernamen Falco zu Weltruhm und avancierte in den 1980ern zu einem der bedeutendsten Pop-Künstler und -Interpreten des deutschsprachigen Raums. Anlässlich seines 60. Geburtstags produzierte der Privatsender Vox in enger Zusammenarbeit mit Falco-Biograph Peter Lanz die fast dreieinhalbstündige Dokumentation „Er war Superstar: Falco - Eine Legende wird 60“, nach den (mir noch unbekannten) Dokumentationen „Falco lebt!“ und „Falco – Hoch wie nie“ ein weiterer Versuch der Aufarbeitung des Lebens und Schaffens des viel zu früh verstorbenen Musikers.

Falco war der einzige Überlebende von Drillingen und begann bereits früh, sich für Musik zu interessieren und sein Talent zu entdecken. Er verfügte über ein sog. absolutes Gehör und erkor schließlich den E-Bass zu seinem Lieblingsinstrument. Seine musikalische Karriere begann er als Jazz-Bassist in West-Berlin. Nach seiner Rückkehr nach Wien trat er dem avantgardistischen „Ersten Wiener Musiktheater“ bei und erntete regionale Erfolge. Kurz darauf wechselte er jedoch zum chaotischen Anarcho-Kollektiv „Drahdiwaberl“ und unternahm parallel mit „Spinning Wheel“ erste eigene Gehversuche. Bei Drahdiwaberl konnte er 1980 mit „Ganz Wien“ ein eigenes Stück unterbringen, bei dem er den Lead-Gesang übernahm. Das eigentlich zur Überbrückung von Pausen gedachte Lied wurde ein Hit im Wiener Underground; der bissige Text setzte sich mit der Drogengeilheit der Wiener Bohème auseinander und wurde vom Rundfunk boykottiert. „Ganz Wien“ landete auch auf Falcos Debüt-Album, kann also als Geburtsstunde jenes Alter Egos Hölzels betrachtet werden.

Inspiriert von David Bowies Verwandlungskunst schuf er die Kunstfigur Falco, einen arroganten, frechen, eleganten und geschniegelten Dressman mit breitem Wiener Schmäh, der deutschen, österreichischen und englischen Sprechgesang mischt und auf einem New-Wave/Hip-Hop/Synthie-Pop-Crossover (später erweitert um Funk-Elemente und weitere Einflüsse) performt. Musikalisch war Falco mit seinem ersten Produzenten Robert Ponger nicht nur am Puls der Zeit, sondern innovativ: Falcos erster großer Hit, der ursprünglich lediglich als B-Seite vorgesehene „Der Kommissar“, war der erste kommerzielle erfolgreiche Rap-Song eines weißen Künstlers; Falco gilt seither als erster weißer Rapper und wurde seinerzeit in den USA als solcher vermarktet, wo ihn die aufkeimende Hip-Hop-Szene entdeckte. Sein Debütalbum „Einzelhaft“ wurde ein Erfolg; die Musik war urban, trendy und modern, aber nicht gefällig, zuweilen inhaltlich provokant.

Auf diese frühe Entwicklung Falcos inkl. der ersten Solo-Tournee geht der Film ebenso ein wie auf die schwierige zweite Albumproduktion „Junge Roemer“, die geprägt war von zahlreichenden Verzögerungen und ausufernden Kosten. Es wurde das erste deutschsprachige Album, das komplett verfilmt wurde, floppte jedoch im Vergleich zum Debüt – wenn es auch besonders im Nachhinein von Kritikern sehr geschätzt wird. „Kann es Liebe sein“ wurde im Anschluss als neuaufgenommenes Duett mit Désirée Nosbusch ausgekoppelt, bevor es zur überaus erfolgreichen Zusammenarbeit mit neuen Produzenten, den holländischen Bolland-Brüdern, kam. Gemeinsam entwickelte man Falcos größten Hit „Rock Me Amadeus“ vor dem Hintergrund des populären Kinofilms „Amadeus“. Der Song schoss derart durch die Decke, dass auch diese Doku ihn als Aufhänger nahm und eröffnend detailliert auf ihn und seine aufwändige Musikvideo-Produktion einging. Der Evergreen „Rock Me Amadeus“ avancierte zum ersten und einzigen deutschsprachigen Song, der es bis auf Platz 1 der US-Charts schaffte. Auf dem dazugehörigen Album „3“ befindet sich auch der Song „Jeanny“, der einen Skandal auslöste, weil Falco sich für ihn in die Rolle eines Triebtäters versetzt – eines von Falcos stärksten und berührendsten Stücken, das diese Dokumentation entsprechend herausstellt.

„Er war Superstar: Falco - Eine Legende wird 60“ setzt sich aus vielen Originaltönen von Weggefährten zusammen, von seiner Ex-Frau Isabella Vitkovic, seiner vermeintlichen Tochter Katharina Bianca (die mit sieben Jahren erfuhr, dass Johann Hölzel nicht ihr biologischer Vater ist, was beide schockiert hat), seinen Produzenten, Plattenfirmenbossen, seinem Manager, ehemaligen Band- und Musikerkollegen (Udo Lindenberg, D. Nosbusch etc.), seinem Biographen Peter Lanz u.a., mal mehr, mal weniger aufschlussreich, da insbesondere das erste Drittel viel Hölzels Privatleben beleuchtet und dadurch starke boulevardeske Züge annimmt. Ein Sprecher kommentiert und verbindet Collagen aus zahlreichen Originalaufnahmen wie Interviews aus dem Archiv und Live-Auftritten, sogar Hölzels Mutter Maria kommt zu Wort und schließlich gar ein Falco-Imitator.

Nach Falcos viertem Album „Emotional“ und einer Japan-Tour war Falco ausgebrannt, eine US-Tour ließ er platzen und wechselte zum Produzentenduo Gunther Mende und Candy de Rouge. Das Ergebnis der Zusammenarbeit wurde von der Plattenfirma jedoch abgelehnt. Lediglich vier Songs wurden auf das 1988er Album „Wiener Blut“ übernommen, die übrigen wurden erneut bei den Bolland-Brüdern beauftragt. Falco war mittlerweile alkohol- und medikamentenabhängig und die Zusammenarbeit mit den Bollands endete im Streit, das Album blieb in Sachen Verkaufszahlen hinter den Erwartungen zurück. Sogar die Tour zum Album wurde abgeblasen. Ein Duett mit Madonna war angedacht, doch Falco lehnte ab und sang „Body Next to Body“ lieber mit Brigitte Nielsen unter der Produktion Giorgio Moroders. Falcos Ehe ging in die Brüche und mit der nächsten Albumproduktion „Data De Groove“ war der Tiefpunkt erreicht.

Doch Falco rappelte sich auf, ging auf Weltreise und bekam seinen Alkoholismus in den Griff. Anfang der 1990er war er wieder topfit und arbeitete wieder mit den Bollands für sein Album „Nachtflug“ zusammen, das zum gelungenen Comeback inkl. Tour wurde. Ausgerechnet vor seinem großen Auftritt auf dem Donauinselfest wurde er zwar rückfällig, doch alles wurde gut: Das Konzert, bei dem sogar der Blitz einschlug (!), wurde zum legendärsten seiner Karriere. Anschließend ging Falco in sein selbstgewähltes Exil, die Dominikanische Republik, und veröffentlichte unter einem Pseudonym die damals zeitgemäße Techno-Nummer „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“, die zum Hit wurde. In der „DomRep“ arbeitete er auch an seinem leider letzten Album, bis er nach einem Autounfall seinen Verletzungen erlag. Der Song „Out of the Dark“ befeuerte aufgrund seines Texts Gerüchte über seinen möglichen Suizid, dabei stammte es jedoch gar nicht aus Falcos Feder, sondern von Torsten Börger. Posthum wurde das letzte Album ein Riesenerfolg. Vor einer Art Epilog mit dem „Jeanny“ spielenden Bolland endet dieser Dokumentarfilm mit Bildern des Begräbnisses sowie der sargtragenden Rocker aus dem „Rock Me Amadeus“-Videoclip und hinterlässt bei mir eine Gänsehaut.

„Er war Superstar: Falco - Eine Legende wird 60“ ist eine spannende Reise in eine Zeit, in der Populärmusik noch nicht rein auf Gefälligkeit hin konzipiert wurde, sondern sich auf natürliche Weise aus verschiedenen Musikstilen Ende der 1970er, Anfang der 1980er entwickelt hatte, heutzutage unter dem Oberbegriff „‘80er-Pop“ zusammengefasst wird und noch weit davon entfernt war, was in den 1990ern an sinnentleerter Plastikmusik als Pop- und Dance-Sound verkauft wurde. Zugleich ist eine Art Portrait eines Künstlers gelungen, der – zusammen mit seinen Produzenten und anderen in die Entstehungsprozesse Involvierten – einer der Pioniere des „‘80er-Sounds“ war und auf ewig fest mit dieser musikalischen Epoche verbunden bleiben wird, der ganz oben und ziemlich weit unten, der streitbar, aber immer interessant und vor allem inspiriert, leidenschaftlich und ambitioniert war, der die lauten wie die leisen Töne beherrschte und möglicherweise mittels Unnahbarkeit und Exzessen seine sensible, verletzliche Seite zu kaschieren versuchte. Dieser Film macht große Lust darauf, sich eingehender mit Falcos musikalischem Erbe zu beschäftigen, es abseits der großen bekannten Hits zu entdecken oder wiederzuentdecken, es zu analysieren oder schlicht auf sich wirken zu lassen. Und zwar trotz oder gerade weil es dieser Film zugunsten einer stärkeren Gewichtung aufs Boulevardeske versäumt, auf die Inhalte der Alben über die Hits hinaus einzugehen. So zerreißt man sich beispielsweise über Falcos gespaltenes Frauenverhältnis, statt auch nur ansatzweise das „Emotional“-Album künstlerisch zu skizzieren oder einzuordnen. Angesichts der Spielzeit sollte man meinen, dass Zeit dafür eigentlich reichlich vorhanden gewesen wäre. Andererseits lebt gerade der Charakter Falco natürlich auch davon, dass man hinter die Kulissen schauen und herausfinden möchte, wie viel Falco in Johann Hölzel steckt und umgekehrt. Dennoch wäre mir eine etwas andere Gewichtung lieber gewesen. Nichtsdestotrotz ist dieser Film überaus sehenswert und dürfte für jeden von Belang sein, der popkulturell interessiert ist – egal, was er von Falco hält, ob er in den ‘80ern selbst dabei war oder sie nur vom Hörensagen kennt und ob er mit der Musik etwas anfangen kann. Übrig bleibt in jedem Fall die Frage, was Falco uns heutzutage noch zu sagen gehabt hätte…?

R.I.P., Johann „Falco“ Hölzel.
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Beitragvon buxtebrawler » 20. Sep 2017, 14:48

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Good-bye, Emmanuelle

„Ich wusste gar nicht, dass es auch zu dritt so wunderbar sein kann!“

Mit der zweiten Fortsetzung der französischen „Emmanuelle“-Softsex-Filmreihe, die ursprünglich auf Romanen Emmanuelle Arsans beruhte, betraute Produzent Rousset-Rouard im Jahre 1977 den Regisseur Francois Leterrier („Hunger nach Liebe“) und wählte einen weit weniger provokanten, regelrecht gefälligen Ansatz:

Emmanuelle (Sylvia Kristel) und Jean (Umberto Orsini, „Der Antichrist“) hat es auf die Seychellen verschlagen. Dort hat Emmanuelle Gefallen an der dunkelhäutigen Schneiderin Angélique (Radiah Frye, „Spermula“) gefunden, die sie verführt, um Jean damit zu überraschen, was in einen Dreier gipfelt. Sie lernen eine Fickkommune am Strand kennen, in die sie sich mit hinein bumsen. Die befreundeten Ehepaare Clara (Sylvie Fennec, „Fahrt zur Hölle, ihr Halunken“) und Guillaume (Erik Colin, „Sag' mir, dass du mich liebst“) sowie Florence (Olga Georges-Picot, „Catherine - Ein Leben für die Liebe“) und Michel (Jacques Doniol-Valcroze, „Ich liebe dich, ich liebe dich“), die Malerin Chloe (Charlotte Alexandra, „Unmoralische Geschichten“) sowie Emmanuelles Bekannter Gerard und die Stewardess Vanessa amüsieren sich mit- und untereinander, doch Clara reagiert eifersüchtig. Emmanuelle lernt schließlich den Filmregisseur Grégory Perrin (Jean-Pierre Bouvier, „Meine liebste Jahreszeit“) kennen, der Emmanuelle bereits beim Sex mit einem Schweden heimlich gefilmt hatte. Auch mit Grégory hat Emmanuelle Sex und verliebt sich gar in ihn, doch lehnt er Emmanuelles Polygamie und Promiskuität ab. Darüber gerät Emmanuelle in Streit mit Jean, der erstmals ebenfalls Eifersucht zeigt und Emmanuelle vorwirft, sich von Grégory negativ beeinflussen zu lassen. Dies führt gar zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen den Männern, woraufhin Emmanuelle sich mit Grégory nach Paris abzusetzen gedenkt. Jean versucht, dieser Entwicklung durch diverse Manipulationen Einhalt zu gebieten…

Zäsur und Revolution bei „Emmanuelle“! Scheint es zunächst neben den üblichen Ingredienzen vornehmlich um die Eifersucht der Clara-Guillaume-Beziehungskiste vor dem Hintergrund ihnen gegenüber offen zur Schau gestellter alternativer polygamer Partnerschafts- und Sexualitätsentwürfe zu gehen, wirft Emmanuelle ihre Überzeugungen plötzlich über Bord und brennt mit einem neuen Partner für eine klassisch monogame Liebschaft durch! Damit bricht die Filmreihe mit ihrem eigenen Konzept, das bisher Lust- und Lebensqualitätsgewinn durch Polygamie propagierte, was ihr jedoch auch Ärger mit der Zensur einbrachte. Überlieferungen zufolge wollte der Produzent eben diesen diesmal vermeiden und deshalb den Weg des geringsten Widerstands gehen, was zum vollzogenen Wandel geführt habe. Losgelöst von den vorausgegangenen Teilen betrachtet wäre das vielleicht auch gar nicht so schlimm, doch um es auf den Punkt zu bringen: „Good-bye, Emmanuelle“ ist langweilig wie Sau.

Die Inhaltsbeschreibung suggeriert weit mehr Sexszenen, als enthalten sind – und die, die vor der Kamera stattfinden, sind überraschend kurz und unerotisch. Eine Ausnahme stellt eine längere Sexszene im Meer dar, doch die übrigen sind nicht der Rede wert. Die Handlung wird stattdessen beispielsweise mittels einer minutenlangen Tanzszene auf einer Party gestreckt und mithilfe der exotischen Kulisse des Schauplatzes versucht man erfolglos, von der Belanglosigkeit der Bilder abzulenken. Zudem sieht Sylvia Kristel mit ihrer gelockten Kurzhaarfrisur irgendwie unvorteilhaft aus. Dass ein Regisseur einen Film dreht, in dem ausgerechnet ein Regisseur Sexbombe Emmanuelle domestiziert, empfinde ich zudem als tief chauvinistisch. Da hilft auch der von Serge Gainsbourg gehauchte Titel-Chanson nichts mehr: „Good-bye Emmanuelle“ ist der bisherige Tiefpunkt der Reihe. Es sollte Kristels letzter Auftritt als klassische Emmanuelle bleiben, erst 1984 stand sie zwecks Initiation einer „neuen“ Emmanuelle erneut für die dann erst fortgesetzte Filmreihe vor der Kamera.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 22. Sep 2017, 16:55

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Schulmädchen-Report, 10. Teil - Irgendwann fängt jede an

„Ich gebe zu, dass das Wort Sitte etwas irreführend ist. Wie könnte man es anders bezeichnen?“ – „Vielleicht mit Moral!“

Wie bei Teil 9 durfte erneut Walter Boos auf dem Regiestuhl platznehmen, um den mittlerweile zehnten Teil der fragwürdigen „Schulmädchen-Report“-Reihe zu inszenieren. Wir schreiben das Jahr 1976 und der Markt ist offenbar noch immer nicht mit „Reportfilmen“ gesättigt…

Die Rahmenhandlung, die die einzelnen Episoden lose zusammenhält, findet in einer Schulklasse statt, wo über Recht und Moral, genauer: über Unterschiede zwischen moralisch verwerflich und strafrechtlich belangbar diskutiert wird. Die Lehrerin (Anke Syring, „Wie sag‘ ich’s meinem Kinde?“) berichtet von einem pikanten Fall, der in Form des ersten Beitrags verarbeitet wird: Ein Lehrer muss sich wegen Missbrauchs seiner Schülerin Susanne Hofer (Bärbel Markus, „Geheimtechniken der Sexualität“) verantworten. Susannes Mutter (Eva Berthold, „Jagdszenen aus Niederbayern“) habe gewollt, dass er ihrer Tochter Nachhilfe gibt, doch laut belastender Aussage habe er sie abgefüllt und defloriert, was Boos in gewohnten Nackedeibildern illustriert. Doch der junge Bert (Claus Obalksi, „Wer spritzt denn da am Mittelmeer“), der scharf auf Susanne ist, gibt zu Protokoll, bei ihr abgeblitzt und eifersüchtig geworden zu sein und sie daraufhin beobachtet zu haben. Nun stellt sich alles ganz anders dar: Susanne stürzte sich nackt auf ihren Lehrer, der sie abwehrte und verschwand. Stattdessen bumsten dann Susanne und Bert miteinander – das Verfahren wurde eingestellt. Diese Episode schlägt voll in die alte Kerbe, in der Herren mittleren Alters Opfer der sexuellen Gelüste von Schülerinnen werden und bedient damit einmal mehr Altherren-Fantasien.

„Mich kotzt diese ewige Bumserei mit dir an!“

Anders in Ingas (Marianne Dupont, „Ob Dirndl oder Lederhos' - gejodelt wird ganz wild drauflos“) Fall: Diese beginnt im Wohnzimmer ihrer Familie zu masturbieren, wird dabei von ihrer Mutter (Ingeborg Moosholzer, „Erotik im Beruf - Was jeder Personalchef gern verschweigt“) unterbrochen. Inga hat erstmals Gefallen an ihrem Körper gefunden, hegt sexuelle Fantasien und räkelt sich nackt auf ihrem Bett. Den Bruder ihrer Freundin, Max (Heinz Gerstl, „Teenager-Report - Die ganz jungen Mädchen“) sein Name, begleitet sie auf eine Party und kommt ihm anschließend im Auto näher. Anscheinend stocknüchtern kehren sie von der Party zurück, wie Inga aus dem Off berichtet. Max bricht das Liebesspiel jedoch vorzeitig ab: Er will nicht, weil Inga noch Jungfrau ist. Aus Trotz reißt sich Inga den Nächstbesten auf, der sie entjungfert und verdammt schnell zum Höhepunkt kommt. Inga ist enttäuscht und schnappt sich einen Anfänger, mit dem’s auch nicht recht klappen will. Schließlich lernt sie Freddy (Siggi Buchner, „Kesse Teens und irre Typen“) kennen, mit dem zunächst alles in Ordnung scheint. Doch dem wird der viele Sex schnell zu viel und so hetzt er zwei seiner Kumpels auf Inga! Heulend auf der Flucht lernt Inga dann endlich ihren Rolf (Heiner Lauterbach, „Männer“) kennen, mit dem sie die ideale Kombination aus Sex und Liebe erfahren darf. In komprimierter und extrem unglaubwürdiger Form gibt diese Episode vor, die Schwierigkeiten ihre Sexualität entdeckender Mädchen bei der Partnerwahl und damit verbundenen Gefahren, Enttäuschungen zu erleben, zu thematisieren. Das Ergebnis ist jedoch nicht mehr als ein weiterer schmieriger, unsensibler, plakativer Beitrag zur Reihe, der sich rein aus seinen Schauwerten nährt und beinahe suggeriert, dass junge Frauen Freiwild seien, die richtiggehend nach ihrer Entjungferung dürsteten.

Nun erzählt Kati ihre Geschichte und redet von einer „Wald- und Wiesen-Party“, obwohl diese unschwer erkennbar in einem Schwimmbad stattfand. Kati möchte erst mit ihrem Verehrer Frank (Carl-Heinz Kühn, „Champagner aus dem Knobelbecher“) schlafen, wenn er ihre verhasste Stiefmutter „auf’s Kreuz gelegt“ hat. Sie meint es bitter ernst und lässt ihn tatsächlich vorher nicht ran. Frank gibt alles und so gelingt ihm die Verführung der Stiefmutter, wovon Kati Fotos macht. Mit diesen schwärzt sie sie bei ihrem Vater an, um sie loszuwerden. Doch als Frank zu seinem verdienten Sex mit Kati kommt, stellt er fest, dass er mit ihrer Stiefmutter mehr Spaß hatte. Und zu allem Überfluss hat Katis Vater auch bald eine Neue: Paula (Carina Kreisch, „Monika und die Sechzehnjährigen“), ihre Sitznachbarin aus der Schule! Diese Episode ist letztlich recht lustig in ihrer moralischen Ausrichtung, in der das Karma zurückschlägt und Kati ihre List doppelt zurückbezahlt bekommt. Dass sie vermutlich komplett dem Reich der Fantasie entspringt und kein sonderlich gutes Licht auf Stiefmütter (die ohnehin einen schweren Stand haben) wirft, ist dabei die andere Seite der Medaille, von der abermaligen Bedienung Altherrengegeifers als finale Pointe einmal ganz zu schweigen.

Seffi (Alexandra Bogojevic, „Engelchen macht weiter - Hoppe, hoppe Reiter“) fehlt heute in ihrer Klasse, krankheitsbedingt. Ihre Geschichte erfahren wir trotzdem: Sie muss sich mit ihrem Freund Karl (Peter Hamm, „Liebesgrüße aus der Lederhose“) heimlich treffen, weil ihre Mutter so sehr aufpasst. Karl leiht sich den damaligen Horror-Kassenknüller „Der Exorzist“, während Seffi einsam in Gedanken an Karl und was mit ihm alles möglich wäre masturbiert. Gemeinsam heckt man einen Plan aus: Sie übt nach dem „Der Exorzist“-Vorbild Besessenheit, schneidet Grimassen, raunt „Fick mich!“ etc. Gegenüber ihrer Mutter spielt sie schließlich die dämonisch Besessene, entledigt sich vor ihr ihres Höschens und gibt an, ihre Muschi würde brennen. Ihren Rock liftend springt sie begleitet von „lustigen“ Klangeinspielern durch die Kulissen, dass es zum Fremdschämen ist. Doch die Schmierenkomödie geht weiter und Seffi pinkelt auf den Fußboden. Karl verkleidet sich als Exorzist und betreibt Teufelsaustreibung durch Geschlechtsverkehr, bis er enttarnt und davongejagt wird. Dieser komödiantische Beitrag zum zehnten Teil ist ein weiteres Beispiel für hochnotpeinlichen schlüpfrigen deutschen „Humor“ und sprengt jede Trash-Skala.

„Diese scheiß Konferenz!“

Die Rahmenhandlung schweift nun zum Thema Gleichberechtigung (Hört, hört!) ab und Iris (Gina Janssen, „Jagd auf Jungfrauen“) ergreift das Wort: Sie hat in Walter (Paul Glawion, „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“) einen wesentlich älteren Liebhaber, der Generaldirektor eines Chemiekonzerns ist und ihr ein Appartement geschenkt hat. Ihre Eltern wissen von nichts; denen erzählt sie, sie sei babysitten. Plötzlich trifft Iris auf Walters Ehefrau (Astrid Jacob, „Ehrenhäuptling der Watubas“) in ihrer Wohnung. Diese suggeriert, Walter habe die Liaison mit Iris beendet. Beobachtet wird Iris von Franz (Peter Hamm, „Weiße Haut auf schwarzem Markt“), Walters Neffen. Der ist scharf auf sie. Zur Abschreckung stellt sie ihn ihren Eltern vor usw. usf., Quintessenz: Walter hin oder her, jemand wie Iris bleibt nicht lang allein.

„Was willst du mit der Bildung?!“

Die Zuschauer und die Darsteller(innen) waren den Filmemachern augenscheinlich scheißegal; Hauptsache, es ließ sich noch weiterer Gewinn mit einer Billigproduktion erwirtschaften. Ob dabei etwas halbwegs Vertretbares, Gehaltvolles herauskam, interessierte ebenso wenig wie insbesondere die Jungdarstellerinnen davor zu schützen, sich komplett zum Affen zu machen. Das Resultat ist mit seinem peinlich-aufgesetzten Authentizitätsanspruch einmal mehr zum Kopfschütteln und insbesondere in seiner „Exorzismus“-Episode derart neben der Spur, dass man es selbst gesehen haben muss, um es glauben zu können – dadurch jedoch für Trashologen ebenso interessant wie für Liebhaber ‘70er-Jahre-Sexploitation, die neben viel Zeit- und Lokalkolorit einmal mehr die Gelegenheit bekommen, urdeutsche Erzeugnisse wie diese in den internationalen Vergleich zu setzen und dabei festzustellen, wie wenig hierzulande offenbar Sinnlichkeit und Anspruch gefragt waren: Sexualität haftete noch immer etwas Schmuddeliges an, über das man hinter vorgehaltener Hand kicherte, was den komödiantischen und realsatirischen Anteil dieser Produktionen erklärt und sie für den Konsum durch Spießer prädestinierte. Doch wie steht es um den eigentlichen Kern des Films, den Erotikanteil? Man lasse es mich so formulieren: Das erneut durchmischte Ensemble aus bekannten und neuen Darstellerinnen (mit der aus Teil 9 bekannten Gina Janssen ist auch eine waschechte Pornodarstellerin dabei) ist attraktiv, natürlich und selbstbewusst genug, um gegen schwachsinniges Drehbuch und lieblose Regie anzuspielen und für nicht von der Hand zu weisende optische Anreize zu sorgen – in Kombination mit dem sich aus all seinen Unzulänglichkeiten ergebenden Unterhaltungsfaktor und dem Verzicht auf allzu kranken Stoff wie Vergewaltigungs- oder Inzest-Fantasien ergibt sich so ein zehnter Teil der absurden Reihe, der nicht zu seinen schlechtesten zählt, der aber auch keinerlei Interesse an einer Evolution der Reihe oder des Genres hegt.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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