bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 19. Aug 2017, 19:13

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Lady Terminator

„Manchmal wäre es besser, die Vergangenheit bliebe nur Erinnerung, damit sich zwischen den Seiten des Buches, das die Zeit geschrieben hat, Staub sammelt.“

Ausländische Filmindustrien, die sich an westlichen Erfolgsfilmen orientieren, treiben mitunter seltsame Blüten. Einer der Höhepunkte in dieser Hinsicht dürfte der indonesische Okkult-Horror/Action-Mix und „Terminator“-Low-Budget-Rip-Off „Lady Terminator“ sein, den Regisseur H. Tjut Djalil („Mystics in Bali“) sein, der 1989 veröffentlicht wurde, munter Motive aus Camerons Sci-Fi-Action-Kracher mit indonesischer Mythologie kreuzt und sich seither in Trash-affinen Cineasten-Kreisen großer Beliebtheit erfreut:

„Was in diesem Buch alles verborgen ist, beschert Ihnen vielleicht ein schlimmeres Schicksal, als Sie es je vermuten.“ – „Und was... könnte das sein?“ – „Das Unergründliche!“

Eine sexbesessene indonesische Südseekönigin befördert auf der Suche nach Befriedigung einen ihrer Stecher nach dem anderen beim Sexualakt mittels eines aus ihrem Schoß schießenden Aals (oder einer Schlange oder was auch immer) ins Jenseits, bis sie an ihren Meister gerät: Dieser bündelt die tödliche Aal-Power in einen Dolch und gebietet der Königin, ihr schändliches Treiben aufzugeben. Diese reagiert recht zerknirscht und zieht es vor, ihr Reich auf den Meeresgrund zu verlegen, sich dort mit den Mächten des Bösen zu verbünden und schwört, sich 100 Jahre später an dessen Urenkelin zu rächen. Exakt 100 Jahre später reist die Anthropologie-Studentin Tania (Barbara Anne Constable) nach Indonesien, weil sie an ihrer Dissertation über eben diesen Mythos arbeitet. Sämtliche Warnungen der Einheimischen schlägt sie in den Wind und findet schließlich tatsächlich das ehemalige Schloss der Sex-Königin, wo jedoch deren böse Macht von ihr Besitz ergreift. Tania ist zum willenlosen Instrument des Bösen geworden und verschwendet keinen Gedanken mehr an ihre Abschlussarbeit, sondern kennt nur noch ein Ziel: Rache! Wer sich ihr in den Weg stellt, wird gnadenlos eliminiert, während sie besagter Urenkelin immer näher kommt: Es handelt sich um das Pop-Sternchen Erica (Claudia Angelique Rademaker), deren Freunde und Fans nun auch die längste Zeit sicher waren. Doch Erica kann sich mithilfe des Polizisten Max (Christopher J. Hart) zunächst in Sicherheit bringen, zumindest so lange, bis die Terminatorin in die Polizeistation eindringt und ein blutiges Massaker verursacht. Ericas Onkel Masabu ist mit dem Mythos vertraut, doch auch seine Macht ist begrenzt. Werden Erica und Max, die mittlerweile zarte amouröse Bande knüpfen, der Tötungsmaschine entkommen können?

„Ich bin keine Lady, ich bin Anthropologin!“

Bereits der Prolog hat es in sich: Nach eingangs erwähntem Zitat aus dem Off lernt man besagte Südseekönigin kennen, die in einer grotesken Sexszene ihren Partner zu Tode zu menstruieren scheint, weil sie wieder einmal keine Befriedigung erlangt. Tatsächlich hat der sagenumwobene Aal (oder Schlange oder was auch immer...) zugeschlagen, doch die gezeigte Blutfontäne lässt sich auch anders interpretieren. Erst, nachdem derjenige seines Amtes waltete, der ihr Einhalt gebot und damit den Fluch heraufbeschwor, wird die Handlung in die Gegenwart verlegt. Tania erscheint auf der Bildfläche, sucht zielstrebig einen Buchhändler und mit den dort erhaltenen Informationen das versunkene Schloss auf und wir werden Zeuge, wie die Böse Macht von ihr Besitz ergreift, indem der Aal (oder die Schlange oder...) vaginal in sie eindringt. Dem Meer entstiegen, zerbumst sie im besten Südseeköniginnen-Stil Einheimische, läuft zunächst oben ohne herum und zerblitzt ihr Hotelzimmer. Die Terminator-Rip-Off-Substanz des Films, der Camerons Science-Fiction-Anteil gegen den Südseeköniginnen-Mythos austauschte, kommt nun so richtig in Fahrt: Belederjackt wütet Tania bzw. das, was aus ihr geworden ist, auf der Suche nach Erica unkaputtbar durch die Stadt und ballert Leute ab. Vor einer zünftigen Schießerei mit den Bullen muss man einen Auftritt Ericas in einem Nachtclub über sich ergehen lassen, doch irgendwie haben alle ständig MGs dabei und Explosionen, Vorfolgungsjagden und wilde Schießereien bestimmen fortan die Szenerie.

„Verrückte Touristen!“

Eine der Spitzen dieser Gewaltorgie ist das vom großen Vorbild entlehnte Massaker in der Polizeistation, gegen das Arnies Original wie ein Sturm im Wasserglas wirkt. Auch Ericas zauseliger Onkel, der Lady T. mittels Magie zu bekämpfen versucht, muss dran glauben, bis die reichlich vorhersehbare Romanze zwischen dem US-Bullen und der Träller-Else kurz durchschnaufen lässt – schließlich braucht die Kriegsmaschine eine kurze Pause, um sich selbst ein Auge zu amputieren und wieder einzusetzen... Schon bald richtet sie jedoch wieder eine Unmenge an Kollateralschäden an, wird mit einem Raketenwerfer beschossen, kehrt verbrannt aus einem Flammeninferno zurück und schießt Flugzeuge und Menschen mit aus ihren Augen blitzenden Lasern ab.

„Lady Terminator“ ist ein Paradebeispiel für Resultate, die erzeugt werden, wenn findige Filmemacher versuchen, erfolgreiche Genre-Filme nicht nur zu kopieren, sondern zu übertrumpfen! Das bedeutet in diesem Fall: Mehr Gewalt, mehr Action, mehr Sex (die knackige Barbara Anne Constable zieht blank, von der kruden Hintergrundgeschichte ganz zu schweigen). Für den Trash-Faktor sorgen darüber hinaus die klischeehaften Charaktere, die schrägen Dialoge – wenn’s beim Polizisten um Leichen geht, geht’s beunruhigenderweise stets gleichzeitig ums Essen – und mitunter die technische Umsetzung: Hauereien und sonstige Actionszenen werden bisweilen beschleunigt wiedergegeben und von bereits im Entstehungsjahr überholt gewirkt habenden ’80er-Jahre-Computereffekten wird Gebrauch gemacht. Ansonsten ist „Lady Terminator“ aber überraschend gelungen, überzeugt nicht zuletzt mit grandioser ’80er-Ästhetik, gegen Ende schick-zerstörten Masken- und Make-up-Effekten sowie einer Hauptdarstellerin, deren böser Blick Schwarzeneggers Original in nichts nachsteht, darüber hinaus jedoch mit weiblichem Charme und Reizen punktet (schade und unverständlich, dass dies offenbar ihre einzige Rolle blieb). Der pathetische Sprecher, der in den Film einführt und schließlich wieder aus ihm entlässt, versieht „Lady Terminator“ mit einem zusätzlichen Ernst, der dem Film gut tut und gerade aus heutiger Sicht interessanter macht als manch augenzwinkernde, selbstironische Genre-Parodie aus dem Bereich des freiwilligen Trashs. „Lady Terminator“ rockt gewaltig, leistet sich keinerlei Hänger und wirkt durch sein kulturelles Crossover vertraut und bizarr zugleich. Da kann die erzählte Geschichte noch so sehr holpern, Logiklücken produzieren und verwirren – mir nicht ganz klar wurde beispielsweise die Bedeutung der ominösen Halskette...? –, den Spaßfaktor für Anhänger der etwas abseitigen Unterhaltung nimmt Tjut Djalils königlicher Südseeperle all dies nicht. Der Buchhändler zu Beginn hatte eben recht: Es bleibt unergründlich.

Bei einem Versuch objektiver Abwägung komme ich auf 6,5 von 10 Intimbereichsfischen (oder -schlangen oder was auch immer), für Genre-Fans jedoch ist ein Rendezvous mit Lady, Entschuldigung, Anthropologin Terminator ein feuchter Südseetraum.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 23. Aug 2017, 10:43

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Hannibal Rising

„Er reagiert auf nichts – das ist unheimlich!“

Nach „Roter Drache“ erschien im Jahre 2007 mit „Hannibal Rising“ das zweite Prequel zur mit „Das Schweigen der Lämmer“ begonnenen Filmreihe um den intelligenten und kultivierten Kannibalen Hannibal Lecter (wobei „Roter Drache“ als „Blutmond“ alias „Manhunt“ bereits fünf Jahre vor „Das Schweigen der Lämmer“ erstverfilmt wurde, seinerzeit noch ohne Anthony Hopkins). Dieses vom britischen Regisseur Peter Webber („Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) nach einem Skript des Autors der den Filmen zugrunde liegenden Romanreihe Thomas Harris verfilmte Prequel ist jedoch – im Gegensatz zu „Roter Drache“ – auch als Roman bereits als Prequel konzipiert worden und beleuchtet die Jugendjahre und die kannibalistische Initiation Lecters, weshalb auf einen anderen Hauptdarsteller als Anthony Hopkins zurückgegriffen werden musste. Der Film entstand in britisch-französisch-italienisch-tschechischer Koproduktion.

Der junge Hannibal (Aaron Thomas) wächst in Litauen behütet auf, bis die Region zwischen die Fronten des Zweiten Weltkriegs gerät. Die Nazis fallen ein und die Sowjets kämpfen vor dem Haus der Lecters gegen Stukas, wobei Hannibals Eltern (Ingeborga Dapkunaite, „Kiss of Life“ und Richard Leaf, „Penelope“) ihr Leben lassen. Fortan kümmert sich Hannibal allein um seine kleine Schwester Mischa (Helena-Lia Tachovská), bis eine litauische Söldnertruppe das Haus okkupiert. Verzweifelt auf der Nahrungssuche geschieht das Unfassbare: Vor den Augen Hannibals verspeisen sie Mischa. Acht Jahre später ist aus dem Anwesen der Lecters ein Waisenhaus geworden, in dem weiterhin der nach der Gräueltat verstummte Hannibal (nun Gaspard Ulliel, „Der letzte Tag“) lebt. Eines Tages flieht er über die französische Grenze nach Frankreich zu seiner Tante Lady Murasaki (Gong Li, „Die Geisha“) und beginnt wieder zu reden. Von ihr lässt er sich zum Samurai ausbilden. Nachdem er auf dem Markt in Ärger mit dem Schlachter (Charles Maquignon, „American Werewolf in Paris“) geraten ist, macht er ihn kurze Zeit später einen Kopf kürzer und bringt das abgeschlagene Haupt seiner Tante als Trophäe. Er beginnt daraufhin, die damaligen Ereignisse aufzuarbeiten, recherchiert und plant einen tödlichen Rachefeldzug gegen die Mörder seiner Schwester…

Die anfängliche Familienidylle wird schnell jäh zerstört; durch Kriegsszenen bringt Webber den Zuschauern Destruktivität, Wahnsinn und Ohnmachtsgefühle nah, die Kriege mit sich bringen. Die Stimmung ist entsprechend unwirtlich, der Film düster. Als die Söldnertruppe eintrifft, betont Webber zwar ihren Hunger und lässt einen von ihnen einen gefrorenen Vogel roh verspeisen, was mit Mischa passiert ist, lässt sich jedoch lediglich erahnen und wird im späteren Verlauf der filmischen Gegenwart erst nach und nach durch immer detailliertere Rückblenden verdeutlicht, die sich aus Hannibals unruhigen Träumen zusammensetzen. Die zweite Hälfte des Films ist bestimmt von Hannibals Rache. Er spürt einen damals Beteiligten nach dem anderen auf, geht dabei mit viel Geschick und Intelligenz vor und foltert und tötet schließlich grausam und sadistisch.

Wenn ein faszinierend rätselhafter Charakter entmystifiziert wird und trotzdem oberflächlich bleibt, wurde etwas verkehrt gemacht: Leider gelingt es Webber – möglicherweise der mir unbekannten literarischen Vorlage geschuldet – nicht, Hannibal Lecters Psyche auszuleuchten. Letztlich ist es sein Kriegstrauma, auf das seine Entwicklung zum genialen Kannibalen und Mörder zurückgeführt wird, was soweit nachvollziehbar anmutet. Auch seine Rachepläne sind verständlich. Doch statt stärker auf die psychologische Komponente zu setzen, innere Konflikte aufzuzeigen, zu skizzieren, wie die Mord Hannibal verändern und schließlich zu dem machen, was er später in „Roter Drache“ und „Das Schweigen der Lämmer“ geworden ist, macht Webber einen überdurchschnittlichen, letztendlich jedoch herkömmlichen Rache-Thriller aus dem Stoff, der nach typischer Genre-Ware müffelt und sich relativ schnell abnutzt. Während man als Zuschauer mehr erfahren und die Informationslücken zwischen Hannibals Kindheit und seiner späteren Inhaftierung zu „Roter Drache“-Zeiten schließen möchte, spult Webber einen Genre-Film nach Schema F ab, der die entscheidenden Aha-Momente vermissen lässt.

Dennoch kein schlechter Film, sondern annehmbare Kost für Genre-Freunde, die wirkt, als habe man sich eines bekannten Charakters exploitativ bedient. Dass das Ganze dabei jedoch keinesfalls billig oder schluderig wirkt, verdankt Webber der gelungenen Besetzung der Hauptrollen und ist Konsequenz aus seiner künstlerisch durchaus ambitionierten Umsetzung, die auf düstere, kalte Atmosphäre in Kombination mit einer ausgewogenen Mischung aus Härte und Schauwerten setzt, bei der jedoch, wie erläutert, die charakterliche Entwicklung letztlich enttäuschend auf der Strecke bleibt.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 23. Aug 2017, 18:26

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Strange Days

„Das hier ist das Leben!“

Regisseurin Kathryn Bigelow, die sich mit Filmen wie „Near Dark“, „Blue Steel“ und „Gefährliche Brandung“ einen Namen gemacht hatte, greift 1995 den nahenden Millenniumswahn in ihrem nach einem Drehbuch James Camerons entstandenen Science-Fiction-Action-Thriller „Strange Days“ auf. An den Kinokassen floppte der Film, wurde jedoch im Laufe der Zeit von Filmfreunden und -Kritik wiederentdeckt.

„Paranoia heißt nur, die Realität wirklicher zu sehen als andere!“

Kurz vor dem Jahreswechsel 1999/2000 herrscht auf den Straßen von Los Angeles das Chaos: Die Militärpolizei ist ebenso allgegenwärtig wie die Ghettoisierung der Stadt durch verschiedenste Gruppen. Der ehemalige Polizist Lenny Nero (Ralph Fiennes, „Schindlers Liste“) verdingt sich als Dealer illegaler Squid-Disks, Datenträgern, auf denen reale Point-of-View-Videos inklusive echter menschlicher Gefühle gespeichert sind, die sich die Konsumenten direkt ins eigene Hirn einspeisen lassen. Lenny ist mit der Leibwächterin Mace (Angela Bassett, „Bloody Marie - Eine Frau mit Biss“) befreundet, die in ihn verliebt ist, während er seiner Ex-Freundin Faith (Juliette Lewis, „Natural Born Killers“) hinterhertrauert, die ihn für den Musikproduzenten Philo Gant (Michael Wincott, „Curtains – Wahn ohne Ende“) hat sitzen lassen. Er konsumiert selbst Squid, vornehmlich die gemeinsam mit Faith entstandenen Daten, den Konsum und Handel von Snuff-Squids, mit denen sich der Tod anderer Menschen nachempfinden lässt, lehnt er jedoch ab. Die Prostituierte Iris (Brigitte Bako, „Wilde Orchidee 3“) versucht verzweifelt, mit Lenny Kontakt aufzunehmen und deponiert schließlich eine Squid-Disk in seinem Auto, die die Ermordung des berühmten Hip-Hoppers und sozialen Revoluzzers Jeriko One (Glenn Plummer, „South Central“) durch zwei Polizisten zeigt. Kurz darauf wird auch Iris ermordet, mutmaßlich weil sie Zeugin der Tat war. Lenny fürchtet nun um Faith, da Philo Gant Jeriko Ones Produzent war. Mace versucht, an den Polizeivorsitzenden Strickland (Josef Sommer, „Die Frauen von Stepford“) zu gelangen, um ihm die Aufnahmen zu zeigen. Lenny verschafft sich derweil Zutritt zu Faith‘ Wohnung und findet dort eine Squid-Disk, die Faith‘ vermeintliche Ermordung zeigt. Auch Gant ist mehr tot als lebendig. Welches Spiel wird gespielt, welche Rolle nimmt Faith‘ Leibwächter und neue Affäre Max Peltier (Tom Sizemore, „Blue Steel“), der Lenny bedroht, dabei ein und weshalb soll Lenny als Täter herhalten? Und wird es gelingen, die Killer-Cops zur Rechenschaft zu ziehen und damit einen Bürgerkrieg in L.A. zu verhindern? Der Countdown zum Jahr 2000 tickt unaufhaltsam…

„Du könntest sogar das Arschloch einer Ratte als Ehering verticken!“

1995 dürfte der Beginn des Films mit seiner Point-of-View-Perspektive während eines Überfalls wie einer jener Virtual-Reality-Trips gewirkt haben, wie sie aktuell immer stärker in den interaktiven Unterhaltungsbereich vordringen. Der POV-Porno mit Ex-Freundin Faith, den sich Lenny reinzieht, illustriert dabei eindrucksvoll die mutmaßlich große Hoffnung für den VR-Markt sowohl aus Industrie- als auch aus Konsumentensicht, auch wenn diese nicht allzu laut ausgesprochen wird. Dass die in ihrem Film ausgemalte Zukunft bereits vier, fünf Jahre nach Erscheinen des Films von der Realität eingeholt sein würde, dürfte Bigelow und Cameron bewusst gewesen sein. Dieser Umstand hielt sie jedoch nicht davon ab, diese Dystopie zu zeichnen, da sie nicht allzu weit von unserer Gegenwart fußt. Mordende Bullen nicht nur in L.A., Rassismus und Rassenunruhen, Militarisierung, Ghettoisierung und paradoxerweise immer realitätsnähere Flucht aus der Realität und die Entwicklung echter Gefühle hin zu einem Konsumprodukt waren und sind Themen, Probleme und Phänomene, mit denen sich die Zivilisation auseinanderzusetzen hat und die sie bisweilen bestimmt.

„Das hier sind verbrauchte Gefühle!“

In „Strange Days“ nimmt Bigelow den Mord am Rapper als Aufhänger für einen ungewöhnlich bunten Science-Fiction-Neo-Noir-Thriller, der ohne klassische Helden auskommt (am ehesten könnte man noch Mace als solche betrachten) und ausführlich die Emotionshaushalte und persönlichen Schicksale seiner Protagonisten innerhalb unerfüllter Sehnsüchte, komplizierter Dreieckskonstellationen und einer aufgescheuchten, hysterischen Außenwelt in politisch brisanten Zeiten unter die Lupe nimmt. Die sich aus mehreren Stränge zusammensetzende, recht komplexe Handlung passt dazu und bleibt lange Zeit ebenso undurchsichtig wie manch Rolle. Während Juliette Lewis als Faith die Femme fatale mimt, einen Live-Auftritt hinlegt und sich mehrmals oben ohne zeigt, ist die Beziehung zwischen Mace und Lenny die reinste Hassliebe jener Natur, in der sie weiß, dass die Person von Lennys Sehnsucht ihm nicht guttut, sie eigentlich die ideale Partnerin wäre, doch an seiner Ignoranz, aber auch Ohnmacht, sich seiner nach wie vor starken Gefühle für die „Falsche“ zu erwehren, schier verzweifelt.

Trotz seiner fast 140-minütigen Laufzeit ist das Tempo recht hoch, ein regelrechter audiovisueller Overkill prasselt auf den Zuschauer ein. Optisch ist „Strange Days“ eine Wucht und sicherlich das in dieser Hinsicht Beeindruckendste, das Bigelow und ihrem Team bis dato gelungen war. Dass es dabei über weite Strecken glückte, Neo-Noir-Atmosphäre in Kombination mit dystopischer Stimmung aufrecht zu erhalten, spricht grundsätzlich für Bigelows Gespür, das sie jedoch verlässt, wenn der Film aller Rasanz zum Trotz spätestens im letzten Drittel dann doch überfrachtet und zu lang wirkt und damit eine Überforderung auf beiden Seiten indiziert: Der Regie, Camerons Drehbuch auf Spielfilmlänge zu trimmen oder über längere Distanz kohärent spannend und nachvollziehbar zu gestalten sowie des Zuschauers, seine Aufmerksamkeit weiterhin zu gewährleisten und den Stoff in all seinen Facetten, Verästelungen und Details zu erfassen. Da kann die Pointe dann auch schnell unbefriedigend wirken, wenn man nach über zwei Stunden Durchhaltevermögen ein etwas zu fröhliches, gefälliges Happy End vorgesetzt bekommt, das sich nicht traut, die Revolte in gesellschaftliche Umstürze eskalieren zu lassen, mit allen negativen oder positiven Konsequenzen – denn nach einem Pulverfass, das jeden Moment nicht nur hochgehen könnte, sondern auch sollte, riecht es in „Strange Days“ verdammt oft.

Neben den unbedingt zu erwähnenden guten bis herausstechenden schauspielerischen Leistungen verdient auch die musikalische Untermalung erhöhte Aufmerksamkeit, setzt sie sich doch neben etwas Easy Listening und Hip-Hop aus punkigen und metallischen Stücken von Interpreten wie Skunk Anansie (inkl. Cameo), Testament oder auch Prong mit einer Coverversion des titelgebenden The-Doors-Stücks zusammen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 24. Aug 2017, 14:47

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Nightmare Sisters

„Sie sind auf übersinnliche Vibrationen eingestellt!“

US-Low-Budget-Genre-Regisseur David DeCoteau begann seine Karriere Mitte der 1980er mit Hetero- und Schwulen-Pornos und stieg schließlich ins Direct-to-Video-Geschäft ein, um unzählige trashige Billigheimer u.a. für die „Full Moon“-Schmiede zu realisieren. Mir war er bisher als Regisseur von Filmen wie „Killer Eye - Experiment des Grauens“, „Witchouse“ und „Talisman“ bekannt. Für den nun zur Rezension vorliegende „Nightmare Sisters“, ein für den Videothekenmarkt produzierter Mix auf Erotik, Horror und Komödie, versammelte er die Scream Queens Linnea Quigley, Brinke Stevens, und Michelle Bauer vor der Kamera. Entstanden ist der Film innerhalb von vier Tagen im September 1987 mit einem Budget von ca. 40.000 Dollar in der Wohnung des Produzenten und diente als Resteverwertung nach den Dreharbeiten von DeCoteaus „Sorority Babes in the Slimeball Bowl-O-Rama“. Die Darstellerinnen kümmerten sich selbst um ihr Make-up und ihre Kostüme, wobei sie letztere recht schnell wieder ablegen durften… Im Folgenden erlaube ich mir, die gesamte Handlung zu verraten, da es mir für den Filmgenuss unerheblich scheint, ob sie bereits bekannt ist oder nicht.

„Vielleicht sollten wir ihnen den Magen auspumpen?“

Der Prolog: Amanda (Sandy Brooke, „Sledgehammer“) sucht Wahrsager Omar (Michael Sonye alias Dukey Flyswatter, „Surf Nazis Must Die“) auf und befragt ihn nach ihrem verschwundenen Mann. Omar stellt Kontakt zu diesem her und weiß zu berichten, dass der Vermisste sich mit einer Dämonin eingelassen habe, welche ihn beim Oralverkehr gebissen und in Staub verwandelt habe. Während Amanda sich noch wundert, schießen urplötzlich Dämonenklauen aus der Kugel und reißen Omar den Kopf ab. Schnitt, Vorspann und Ortswechsel: Amanda spielt fortan keine Rolle; wir lernen stattdessen die College-Studentinnen Mickey (Michelle Bauer, „Hollywood Chainsaw Hookers“), Marci (Brinke Stevens, „Jäger der verschollenen Galaxie“) und Melody (Linnea Quigley, „Return of the Living Dead“) kennen, drei notorisch untervögelte, unattraktive Mauerblümchen mit diversen Macken. Eine von ihnen ist ein Messie und schleppt permanent Flohmarktkrempel an, darunter (mutmaßlich neben diversen Filmen DeCoteaus…) die Kristallkugel Omars.

Da sie das Verbindungshaus am Wochenende für sich allein haben, laden sie drei der größten Verlierer am Collage zu einer Party ein – allerdings erst nach einer unfassbar langen, starren Füll- und Streckszene, in der die Mädels sinnfreien Stuss plappern. Als nach einer lahmen Party und missglückten Twister-Partie endlich die Kristallkugel zwecks Seance eingesetzt wird, ist der Film bereits fast zur Hälfte vorüber. Prompt meldet sich der Wächter der Kristallkugel und die Studentinnen verwandeln sich in Oben-ohne-Sexbomben. Nichts Böses ahnend begeben sich drei Strickjackenschönlinge aus der Verbindung des Loser-Trios, die jenes in einer Tour piesacken, zur Party, bespannen die nackten Tatsachen und wollen ihren Teil vom Kuchen abhaben. Die sexy Dämoninnen nehmen kichernd ein Bad, seifen sich gegenseitig ein und versuchen, die Streber zu verführen. Diese werden jedoch von den fiesen Sunnyboys gekidnappt, welche nun deren Position einzunehmen gedenken. Die Dämoninnen schlüpfen in verschiedene Fetisch-Rollen wie Schulmädchen, Tarzans Jane und Hardrock-Sängerin (inkl. Gesangseinlage Quigleys, die einen Song ihrer Band The Skirts aufführt!) –, beißen den Fieslingen ihre Schwänze ab und lösen sie Asche auf.

Die geladenen Gäste können sich schließlich befreien und rufen einen Exorzisten herbei (wie andere einen Schlüsseldienst). Der Mann vom Fach diagnostiziert einen Sukkubus, fängt die Besessenen ein und waltet seines exorzierenden Amtes, bis der Dämon sich zeigt und aussieht wie ein ausgemergelter Iron-Maiden-Eddie. Das Blondchen weiß, was zu tun ist: Die Kugel muss zerstört werden. Gesagt, getan, Happy End.

„Nightmare Sisters“ ist unheimlich… Nämlich unheimlich albern, billig gemacht und niveaulos. Studentenverbindungsquatsch, ausgefallene Mode (Freddys Hemden!), Diskontmasken, wenig schockierende Spezialeffekte und Dialoge wie im Porno. Die schauspielerischen Leistungen der männlichen Pro- und Antagonisten sind nicht der Rede wert. Dafür handelt es sich bei den Damen jedoch um halbwegs erfahrene Genre-Darstellerinnen, die zudem auch unbekleidet eine gute Figur machen und ebenso wie der Hardrock-lastige Soundtrack (neben The Skirts darf Omar-Darsteller Flyswatters Band Haunted Garage für die musikalische Untermalung herhalten) dazu beitragen, dass „Nightmare Sisters“ nicht einfach nur ärgerlicher Scheißdreck ist, mit dem man in den Videotheken auf Bauernfang ging, sondern tatsächlich über einen gewissen Unterhaltungswert für Freunde des schlechten (aber wirklich schlechten) Geschmacks verfügt – und möglicherweise ein gefundenes Fressen für jene Genre-Nerd-Spezies darstellt, die ihre Scream Queens am liebsten nackig sehen (jedem seinen Fetisch). Von einem in irgendeiner Hinsicht ambitionierten Film ist „Nightmare Sisters“ jedoch ebenso weit entfernt wie sein Regisseur von einer Oscar-Nominierung.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 25. Aug 2017, 16:28

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Die Reise ins Ich

„Den Draufgänger erkennt man immer daran, dass er ‘ne Party steigen lässt, wenn’s ganz finster kommt!“

Nach „Explorers - Ein phantastisches Abenteuer“ hatte „Gremlins“- und „Howling“-Regisseur Joe Dante offenbar Gefallen an familien- und massentauglicher(er) Unterhaltung gefunden und verfilmte 1987 die stark von „Die phantastische Reise“ inspirierte und u.a. von Steven Spielberg produzierte Science-Fiction/Abenteuer-Komödie „Die Reise ins Ich“, in der auf mikroskopisch kleine Größe geschrumpfte Menschen in fremde Körper injiziert werden:

„Spiel mit ihm, Kumpel – aber quatsch nicht mit ihm!“

Lieutenant Tuck Pendleton (Dennis Quaid, „Enemy Mine – Geliebter Feind“), ehemals ruhmreicher Marines-Pilot, hat nicht nur ein Alkoholproblem entwickelt, sondern ist auch noch seinen Job und seine Freundin, die Reporterin Lydia (Meg Ryan, „Amityville 3“), los. Um an etwas Geld zu kommen, nimmt er einen Job als Versuchskaninchen für ein Forschungslabor an. Dieses testet einen neuen Mikrochip, mithilfe dessen Tuck zusammen mit einem Mini-U-Boot in den Körper eines Kaninchens injiziert werden soll. Doch die Konkurrenz schläft nicht, sondern überfällt das Labor und entwendet den Chip. Während des Überfalls gelangt Tuck statt ins Kaninchen ausgerechnet in den Körper Jack Putters (Martin Short, „Reine Glückssache“), eines tollpatschigen und hypochondrischen Supermarktkassierers. Jack bemerkt davon zunächst nichts, doch da Tuck der Sauerstoff auszugehen droht, muss dieser mit seinem „Wirt“ Kontakt aufnehmen. Dies gelingt per Bordtechnik des Mini-U-Boots und nachdem Jack endlich begriffen hat, was vor sich geht, willigt er ein, Tuck zu helfen. Zusammen mit Lydia versucht er, den Chip zurückzubeschaffen, damit Tuck seinen Körper wieder verlassen und seine ursprüngliche Größe annehmen kann. Doch der sich als Cowboy gebende Hehler (Robert Picardo, „The Howling“) und dessen Auftraggeber Victor Scrimshaw (Kevin McCarthy, „Piranhas“) versuchen, dies mit allen Mitteln zu verhindern…

„Atomwaffen, Jack – die bedeuten gar nichts!“

„Die Reise ins Ich“ ist einer dieser Filme, die in den 1980ern die ganze Familie ins Kino lockten und alle ihren Spaß hatten, ohne mit Effektbombast oder Kitsch-Overkill überschüttet zu werden. Die handgemachten, trickreichen Spezialeffekte wussten zu begeistern und wirken selbstredend auch heute noch immer ungleich charmanter als jeglicher CGI-Einsatz und in Martin Short fand man einen Schauspieler, der prädestiniert dafür ist, sich so richtig schön zum Affen zu machen. Statt aus Slapstick und Grimassen nährt sich der Humor zunächst vornehmlich aus aus Jacks vermeintlichen Selbstgesprächen resultierender Situationskomik. Sein Budget verpulverte Dante u.a. für aufsehenerregende Straßen-Stunts sowie insbesondere im Finale tatsächlich spektakuläre Tricktechnik. Der Antagonist ist ein alberner Cowboy, dessen Anwesenheit in Verbindung mit Tucks Zeitdruck jedoch für genug Spannung sorgt, die Handlung interessant zu halten, wenngleich sie ab Jacks von innen durchgeführter Gesichtsmodulation etwas beliebig zu werden droht. Dafür ist die visualisierte Demodulation ein umso gelungenerer Gag und Dante gelang es nicht nur, das Jahrzehnt, das in der westlichen Hemisphäre durch Filme wie diesen popkulturell mitgeprägt wurde, in seinen schönsten Farben und anheimelnder, vertrauter Atmosphäre einzufangen, sondern sogar eine Discotanzszene nicht lächerlich, sondern ästhetisch auf Zelluloid zu bannen.

Keine Frage, „Die Reise ins Ich“ folgt Mainstream-Regeln, half möglicherweise gar, sie weiter auszudefinieren. Gut und Böse sind eindeutig definiert, zu allem dudelt ein belangloser Orchester-Soundtrack und das Happy End verdient durchaus die Bezeichnung kitschig. Ob der zu einem letztlich offenen Ende führende Epilog installiert wurde, um mit diesen Regeln dann doch ein wenig zu brechen oder schlicht, um einen Aufhänger für eine mögliche Fortsetzung zu haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Was „Die Reise ins Ich“ jedoch so besonders macht, ist die Charakterzeichnung, die ihren Protagonisten nachvollziehbare und überraschende Entwicklungen ebenso zugesteht wie interessante Wendungen und die erzählte Geschichte damit auf einer emotionalen Ebene anregend gestaltet, die über die offensichtlichen Schauwerte hinausgeht. Das konnten einige wenige damals besser, sehr viel mehr jedoch schlechter und ist im Laufe der immer gefälliger und oberflächlicher werdenden Big-Budget-Familienunterhaltung immer mehr verloren gegangen. Das naheliegende Wortspiel, „Die Reise ins Ich“ gehe im wahrsten Sinne unter die Haut erspare ich mir jedoch, denn das wäre dann doch zu hochgegriffen. Liebevoll umgesetzt und in angenehmem, etwas erhöhtem Tempo sowie sehr gut (mit vielen Stammmimen Dantes) besetzt ist er aber zweifelsohne.

Wissenswertes Detail: Kameramann Andrew Laszlo ist der Filius Ernest Laszlos, des Kameramanns des eingangs erwähnten „Die phantastische Reise“, auf den Dante auch die eine oder andere Anspielung für Insider ebenso unterbrachte wie Sam Cookes „Twistin‘ The Night Way“, das Rod Stewart in einer cool rockenden Version während des Abspanns neuinterpretieren darf (weshalb ist der nicht auf meiner Best-Of?). Abschließend kann sich jeder glücklich schätzen, der „Die Reise ins Ich“ damals im Kino sah, wo er bestimmt ein echtes Knallbonbon war. Doch auch den Test der Zeit hat Dantes Körperreise mehr als passabel bestanden.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 1. Sep 2017, 14:55

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Black Emanuelle

„Die Schwarzen sind da wie die Kinder!“

Die exotische Schönheit niederländisch-indonesischer Abstammung Laura Gemser stieg 1974 unter der Regie Pier Ludovico Pavonis mit „Amore libero – Free Love“ ins Erotikfilmgeschäft ein und hatte ein Jahr darauf eine bemerkenswerte Nebenrolle in der ersten (und vermutlich besten) „Emmanuelle“-Fortsetzung. Dies brachte findige italienische Produzenten offenbar auf eine kongeniale Idee: Einen an die „Emmanuelle“-Reihe angelehnten Erotikfilm, dessen Protagonistin einen Kontrast zur hellhäutigen Emmanuelle-Darstellerin Silvia Kristel setzt. „Black Emanuelle“ war geboren, um ein „m“ im Namen ärmer, doch die Filmwelt damit um eine Erotik-Ikone reicher. Die Laura Gemser auf den nackten Körper geschneiderte Filmreihe entwickelte schnell ein Eigenleben, doch für den Erstling betraute man noch Bitto Albertini („Drei Spaghetti in Shanghai“) mit der Regie.

„Bist du auf ‘ne Kannibalin eifersüchtig?!“

Die junge attraktive Fotojournalistin Emanuelle unternimmt eine Exkursion nach Nairobi. Dort kommt sie beim weißen Ehepaar Gianni und Ann Danieli (Angelo Infanti, „Die Geschichte der Piera“ und Karin Schubert, „Lasst uns töten, Companeros“) unter, das sie im Flugzeug beim Sex beobachtete. Vordergründig führen diese eine glückliche Ehe, doch insgeheim kriselt es gewaltig zwischen beiden – wie Emanuelle bald feststellt und für ihre eigenen sexuellen Obsessionen instrumentalisiert. Auch Gloria (Isabelle Marchall, „Die Reise nach Palermo“) und Richard Clifton (Gabriele Tinti, „Das wilde Auge“) haben ein Auge auf die gazellenartige Exotin geworfen…

„Black Emanuelle“ greift die Prämisse des Jaeckin’schen Vorbild auf und entsendet eine junge attraktive Frau in exotische Gefilde zwecks sexueller Abenteuer. Albertinis Film beginnt im Flugzeug auf der Reise nach Nairobi und die erste, die ihre sekundären Geschlechtsorgane zur Schau stellen darf, ist nicht etwa Laura Gemser, sondern die hiermit im Erotikbereich debütierende deutsche Karin Schubert, aus der später eine waschechte Porno-Aktrice wurde. In Nairobi wird zunächst gefeiert, dann setzt Ann ihrem Gianni mit einem schwarzen Tankwart Hörner auf. Emanuelle zeigt sich von Ann recht angetan; Albertini visualisiert einen feuchten Lesbensex-Traum Emanuelles, welche Ann auch mal beim Sex beobachtet und dabei masturbiert. Gianni findet sie aber auch toll und Monogamie ist für sie ein Fremdwort.

So sehr die Handlungs-Eckpunkte eigentlich Stoff für ein Drama geboten hätten, so sehr dümpelt „Black Emanuelle“ unterbrochen von einigen amourösen und sexuellen Einsprengseln spannungsbefreit vor sich hin. Weder die kaputte Ehe der Danielis noch die promiskuitive Rolle, die Emanuelle angesichts ihrer weißen Kontakte in Afrika einnimmt, werden über die Softsex-Szenen hinaus eingehender thematisiert. Erst gegen Ende geht’s ans Eingemachte: Emanuelle lässt sich afrikanische K.O.-Tropfen verabreichen und sich während eines musikalischen Stammesrituals öffentlich von einem Ureinwohner durchnehmen. Schließlich muss sie sich gar in einem Zugabteil einer ganzen Cricket-Mannschaft erwehren, genießt jedoch später den Sex mit einem einzelnen, bevor dann doch das ganze Team ran darf – was der Film lediglich andeutet und nicht nur reichlich albern ist, sondern einmal mehr ein fragwürdiges Frauenbild kolportiert: Ein Beinahe-Vergewaltigung ist kein Grund, dass sie nur kurze Zeit später urplötzlich doch Lust auf einen Rudelfick verspürt? Schämt euch, Drehbuchautoren.

Die (unbeholfen umgesetzte) Intention dürfte dabei indes gewesen sein, in der schwarzen Emanuelle nicht nur einen Emmanuelle-Kontrast in Bezug auf die Hautfarbe zu setzen, sondern auch hinsichtlich des selbstbewussten Auftretens und der Herangehensweise an die sexuellen Erfahrungen. So benötigt Emanuelle offensichtlich keinerlei Initiation, an die sie durch dekadente Sex-Gurus herangeführt wird, sondern tritt von vornherein als diejenige auf, die sich nimmt, was sie will und sich ihrer Reize derart bewusst ist, dass sie mit einem gewissen Kalkül vorgeht. Neben einem Erotikdrama hätte sich somit durchaus auch eine bestimmte Form der Parodie angeboten, in der eine schwarze Emanuelle dekadente, hedonistische, von sich selbst eingenommene Kolonialisten in ihre Schranken weist. Doch dafür hätte es neben der Grundidee fähiger Autoren und eines ebensolchen Regisseurs bedurft.

So beschränkt man sich auf den Erotik- und Exotik-Faktor und bedient ein paar Schmuddelphantasien, inszeniert andererseits eine gewohnt sinnlich und grazil anzuschauende Gemser (wobei man jedoch auch nicht viel falsch machen kann) und zeigt sich beim Schnitt mitunter kreativ, wenn symbolhaft frequente Alltagsszenen zwischen die Penetrationen geschnitten werden. Nicht einmal halb so kreativ, sondern schlicht überflüssig und störend sind die Hardcore-Szenen, mit denen die Softsex-Szenen nachträglich angereichert und die natürlich nicht von den hier agierenden Schauspielern vollzogen wurden. Diese reißen unvermittelt aus jeder sich evtl. zart einstellenden prickelnden Stimmung, derer es dem langatmigen, flachen Film jedoch ganz allgemein mangelt. Nicht uninteressant ist evtl. noch, dass Gabriele Tinti kurze Zeit später Laura Gemser ehelichte und fortan häufig an ihrer Seite schauspielerte. Nico Fidencos musikalische Untermalung ist nicht unangenehm, jedoch eher einlullend denn erinnerungswürdige Akzente setzend.

Unterm Strich ist „Black Emanuelle“ ein reichlich holpriger Einstand der Filmreihe, die jedoch bereits ein Jahr später von jemandem fortgesetzt wurde, der offenbar mehr davon verstand: Dem berüchtigten Joe D’Amato. Dazu später an anderer Stelle mehr…
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 4. Sep 2017, 16:07

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Das Haus des blutigen Satans

„Die Kontonummer lautet 129 666.“

Der Brite Richard Marquand trat nicht häufig als Regisseur in Erscheinung. Er debütierte 1971 mit dem TV-Mehrteiler „Die Suche nach den Quellen des Nils“ und machte sich 1983 mit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ einen Namen. Dazwischen lag jedoch der übersehene Horrorfilm „The Legacy“ aus dem Jahr 1978, der hierzulande unter dem irreführenden, reißerischen und jeglichen inhaltlichen Bezug vermissen lassenden Titel „Das Haus des blutigen Satans“ erschien. Diese vergessene Perle des Okkult-Horrors erinnert an eine gelungene Mischung aus „Suspiria“ und „Hexensabbat“:

„Wie viele Finger sehen Sie?“

Margaret Walsh (Katharine Ross, „Die Reifeprüfung“) reist mit ihrem Freund Pete Danner (Sam Elliott, „Frogs“) von ihrer amerikanischen Heimat nach England, wo sie einen Auftrag als Innenarchitektin angenommen hat. In England erleiden sie jedoch einen Motorradunfall, was sie zunächst zum greisen Jason Mountolive (John Standing, „Der Foltergarten des Dr. Diabolo“) verschlägt. In dessen herrschaftlichen, altertümlichen Anwesen angekommen, erfahren sie, dass er Margarets Auftraggeber ist. Und sie bleiben nicht lang allein mit ihrem todkranken Gastgeber und dessen Krankenschwester Adams (Margaret Tyzack, „A Clockwork Orange“): Per Hubschrauber werden auch die Schwimmerin Maria Gabrieli (Marianne Broome, „Alfie, der liebestolle Schürzenjäger“), der Musiker Clive Jackson („The Who“-Musiker Roger Daltrey), die Verlegerin Barbara (Hildegard Neil, „Ein Mann jagt sich selbst“), der Hotelbesitzer Jacques Grandier (Lee Montague, „Heiße Katzen“) und der Waffenhersteller Karl Liebknecht [sic!] (Charles Gray, „The Rocky Horror Picture Show“) eingeflogen. Eine Mordserie beginnt, einen nach dem anderen dahinzuraffen, was wie späte Rache für ihre in der Vergangenheit begangenen Untaten erscheint. Margaret und Pete wollen dem rätselhaft Ort so schnell wie möglich wieder entkommen, doch eine unsichtbare Macht scheint sie daran zu hindern. Was ist der wahre Grund für Margarets Anwesenheit? Hinter den alten Mauern lauert ein düsteres Geheimnis…

„Hier hat man immer Zeit für eine Tasse Tee!“

Ein anheimelnder Titelsong, gesungen von Kiki Dee, eröffnet den Film und wurde hinter idyllische Bilder Englands gelegt, die Urlaubsstimmung verbreiten. Nach dem diese stoppenden Unfall nimmt sie der Unfallverursacher mit, ein einheimischer reicher Schnösel, der sich als Jason Mountolive zu erkennen gibt und eine Katze mit zwei verschiedenen Augenfarben sowie die Nonne Adams als Krankenschwester beherbergt, welche sich um die Gäste kümmern soll. Man bemüht sich darum, das Paar über Nacht dortzubehalten. Nachdem die weiteren Gäste eingetroffen sind, wird Pete von der Dusche verbrüht – was nicht der einzige mysteriöse Vorfall bleiben soll. Als letzter stößt Musiker Clive hinzu und mit einer langen durchästhetisierten Poolszene um die attraktive Schwimmerin Maria, die im Schwimmbecken ertrinkt, hat „The Legacy“ seinen ersten Höhepunkt: Ihr Todeskampf wurde wunderbar eingefangen. Und es geht beeindruckend weiter: In einer bizarren Einstellung wird Margaret zu Jason ans Sterbebett zitiert, wo er hinter einem Vorhang inmitten medizinischen Equipments etwas von Ringen und „den Acht“ röchelt. Unter Beobachtung der anderen sucht sie ihn auf und bekommt von seiner hexenartigen Hand einen Ring angesteckt, woraufhin sie ohnmächtig wird.

„Passen Sie gut auf sich auf, ja?“

Dies ist vielleicht die am offensichtlichsten an „Suspiria“ erinnernde Szene, denen verständliche Fluchtversuche des Paars folgen, zu Pferd und per Rolls Royce, jeweils erfolglos und nicht ohne Prügeleien vonstattengehend. Jeder Versuch führt über kurz oder lang zum Anwesen zurück, alles sieht in jener Gegend gleich aus und versinnbildlicht totale Orientierungslosigkeit. Clive droht bei Tisch zu ersticken, wodurch ein Luftröhrenschnitt nötig wird. Margaret entdeckt derweil ein Gemälde ihrer Vorfahrin, einer verbrannten Hexe. Sie bekommt sogar ein Buch ihrer Vorfahrin zu lesen, kurz darauf verbrennt unter mysteriösen Umständen Überbringer Karl. Anhand der Information, dass es sich bei Karl um einen Brandstifter handelte, wird nun deutlich, dass die Tode Bestrafungen für frühere Vergehen entsprechen. Karl bleibt nicht das letzte Opfer. Die Todesfälle sind keine Splatterorgien o.ä., jedoch stets sorgfältig und vor allem originell umgesetzt.

„Sie haben ihn gekocht und dann an die Hunde verfüttert!“

Marquand arbeitet mit einigen hübschen indirekten und subjektiven Kameraperspektiven, betont die Farbe Grün bedeutungsvoll und unterstreicht seinen besonderen Sinn für italienisch inspirierte visuelle Ästhetik mit einigen (dezenteren) Farbspielereien, die konterkariert werden von einem besonders scheußlichen Gemälde in der Stube Mountolives. Auch die musikalische Untermalung passt sich der jeweiligen Stimmung des Films an und wird zunehmend bedrohlicher. Der im britischen Stil der 1970er ruhig erzählte Film über Reinkarnation fesselt darüber hinaus mit seiner unwirklichen, ungreifbaren Okkult-Atmosphäre und setzt in schöner Regelmäßigkeit schmerzende Nadelstiche, bis es der Showdown noch einmal in sich hat und u.a. mit einem deutlich gealterten Hausherrn erschreckt. Maskenarbeit und Spezialeffekte werden spärlich, doch wohldosiert eingesetzt und wissen zu überzeugen. Das namhafte Schauspiel-Ensemble trägt den Film glaubwürdig. Ein Double Feature mit dem ebenfalls britischen „Hexensabbat“ drängt sich förmlich auf. Marquand ist unverkennbar von diesem sowie Dario Argentos „Suspiria“ inspiriert und gewinnt daher keinen Originalitätspreis, hat jedoch eine richtig gute Mischung aus beiden kredenzt, die deutlich mehr Beachtung verdient, Freunden des gediegenen ‘70er-Horrors vorbehaltlos ans Herz gelegt werden kann und mir 7,5 von 10 dämlichen deutschen Namensgebungen wert ist.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 7. Sep 2017, 15:04

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Der Drücker

„Nach dem Bund lief gar nichts mehr, nicht mal Türkenjobs!“

Sie klingelten an deiner Tür, erzählten dir eine mitleiderregende Geschichte und wollten dir ein Zeitschriften-Abonnement aufquatschen: Von den 1980ern bis in die 2000er hinein machten Drückerkolonnen die Städte und Städtchen unsicher und trieben den Käseblattabsatz in die Höhe. Später kamen welche für Telefon- und Stromverträge hinzu. Wie es bei ihnen wirklich zuging ist Gegenstand des 1986 für das ZDF produzierten Spielfilms „Der Drücker“, bei dem Uwe Frießner die Regie führte, der sich zuvor bereits an die Milieudramen „Das Ende des Regenbogens“ und „Baby“ gewagt hatte. Dem Film zugrunde liegt ein Roman Andreas Blechners.

„Das ist jetzt deine Familie, Tommi!“

Mit attraktiv klingenden Kleinanzeigen suchen sie gezielt nach jungen Leuten in schwierigen Lebenssituationen, die sich vom Job als Drücker eine neue Perspektive erhoffen. So auch der 22-jährige Tommi Galewski (Andreas Buttler), dessen Ausbildungsbetrieb Konkurs anmelden musste und der nach dem Wehrdienst einfach kein Bein mehr an die Erde kriegt. Er ist quasi mittellos, zudem verschuldet, wohnt noch bei seinen Eltern und hat ständig seinen Vater im Nacken, der ihn für einen Taugenichts hält. Eines Tages verschreibt er sich einer Drückerkolonne, die ihn mit offenen Armen empfängt und sogar dessen Schulden in Höhe von 5.000 DM für ihn übernimmt. Dafür muss er jedoch seinen Personalausweis abgeben und unter Anleitung Erichs (Herbert Raule) zusammen mit seinen Kollegen in einem Kleinbus durch die Republik tingeln, um so viele „Scheine“ wie möglich zu machen, sprich: Abonnements zu verkaufen. Dass mit Erich und Konsorten nicht gut Kirschen essen ist, muss Tommi ebenso schmerzhaft erfahren wie manch Leidensgenosse…

„Ich lese nicht, ich habe Kabelfernsehen!“

Frießners Film zeigt auf intensive Weise nachvollziehbar das Geflecht aus Abhängigkeiten, Druck, Gruppenzwang und Existenzangst auf, das der Motor der Drückerkolonnen ist. Hat sich Tommi erst einmal verpflichtet, zählen nur noch Scheine, Scheine und nochmals Scheine und wer dem Druck nicht standhält, ist ganz unten, was man ihn unmittelbar spüren lässt – sei es durch körperliche Gewalt. Und ganz unten möchte natürlich niemand sein… Wer dem zu entkommen versucht, findet sich nicht nur allein und ohne Geld irgendwo weit weg von zu Hause (sofern es noch eines gibt) wieder, sondern sieht sich zudem einer regelrechten Menschenjagd ausgesetzt: Die Kolonnen agieren wie Sekten, die ihre Schäfchen um keinen Preis ziehen lassen wollen, wie die Mafia und wie Sklavenhalter.

Wer jedoch außergewöhnliche Leistungen erbringt, wird hofiert und avanciert sogar zum persönlichen Liebling des Kolonnenchefs Kalle (Heinz Hoenig, „Der Formel Eins Film“), einem protzigen Großkotz, der am stärksten von der Arbeit der Drücker profitiert und sich einen entsprechenden Lebensstil leisten kann. In diese Situation gerät Tommi, der nichtsdestotrotz die Arbeitsbedingungen und das Unrecht, das er täglich mitansehen muss, nicht mehr erträgt und der Kolonne entfliehen will. Das geht natürlich nicht lange gut, doch das Ende bleibt offen – das Gezeigte reicht, damit der Zuschauer das Geschäftsmodell und die Strukturen durchschauen kann, alles Weitere kann er sich an einer Hand abzählen.

Bereits zu denken geben können hätte Tommi, dass die Kollegen sich ständig untereinander Geld pumpen. Für mehr als Pommes in Imbissbuden und ein paar Knollen Pils reicht es dann auch fast nie, ständig schiebt man sich frittierte Kartoffelstäbchen hinter die Kiemen. Der Umgangston ist rau und im jähzornigen Timmi, gespielt vom großartigen Charakterdarsteller Uli Krohm („Schwarz-Rot-Gold - Alles in Butter“), hat Erich einen willfährigen Erfüllungsgehilfen, wenn es ans Eingemachte geht. Mit anderen Drückerkolonnen steht man im knallharten Konkurrenzkampf, der in Form von Schlägereien und einem angezündeten Bus eskaliert. Der Jargon wirkt mitunter etwas merkwürdig – ob man damals tatsächlich so geredet hat? Erfahrene Schauspieler sind nur wenige dabei, gegen Hoenig und Krohm wirkt das Schauspiel bisweilen hölzern und steif.

Nichtsdestotrotz dürfte es sich bei „Der Drücker“ um ein authentisches Drama vor realem Hintergrund handeln, das einem beträchtlichen Teil der Gesellschaft seinerzeit die Augen öffnete und einen von vielen menschenverachtenden Auswüchsen der kapitalistischen Gesellschaft, die sich der Sorgen und Nöte der Verlierer des Leistungsdrucks und Verteilungskampfs bedienen und diese gnadenlos ausbeuten, eindrucksvoll illustriert. Ein wichtiger Film, auch in der Retrospektive, und mit all seinem Zeitkolorit ein schwer unterhaltsamer dazu. Danke an Pidax für die DVD-Veröffentlichung!
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 11. Sep 2017, 11:44

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Außergewöhnliche Geschichten

Für die 1968 erschienene Edgar-Allan-Poe-Anthologie „Außergewöhnliche Geschichten“ hatte Produzent Raymond Eger mit den Franzosen Louis Malle („Fahrstuhl zum Schafott“) und Roger Vadim („Barbarella“) sowie dem Italiener Federico Fellini („Julia und die Geister“) drei Namen verpflichtet, die nicht unbedingt dem Genrefilm zugerechnet werden. Der Film umfasst drei voneinander unabhängige Episoden und verzichtet auf eine Rahmenhandlung:

„Angst ergriff ihre Seele.“

In „Metzengerstein“ geht die attraktive, jedoch grausame Gräfin Frederica von Metzengerstein (Jane Fonda, „Barbarella“) zusammen mit anderen Aristokraten ihrem Hedonismus auf Kosten der einfachen Bevölkerung nach. Ihr Cousin Wilhelm (Peter Fonda, „Easy Rider“) jedoch ist charakterlich das exakte Gegenteil und da sich Gegensätze anziehen, verguckt sie sich in ihn und versucht, ihn für sich zu gewinnen. Dies beruht leider nicht auf Gegenseitigkeit und so beauftragt sie im Zorn eines Tages ihren Diener Hugues (Serge Marquand, „Der Bastard“), Wilhelms Tierställe niederzubrennen. Dabei kommt auch Wilhelm in der Feuerbrunst um. Einzig ein Rappe scheint überlebt zu haben, der Fredericas Nähe sucht und schnurstracks in ihr Schloss galoppiert. Es scheint, als lebe Wilhelms Seele im Pferd weiter…

„Woran denkt Ihr?“ – „An nichts! Na, was ist?!“

Roger Vadim machte aus dem Frederick der Poe’schen Vorlage (Poes Debüt) kurzerhand eine Frederica, um – ähnlich wie just zuvor in „Barbarella“ – diese Hauptrolle mit seiner betörenden Lebensgefährtin Jane Fonda zu besetzen, sie in abgefahrene Kostüme (die das altertümliche Setting konterkarieren) zu stecken und in dezenten Erotikszenen zu inszenieren. Außerdem führt ein zurückhaltender Sprecher durch den Film. Erstmals in ihrer filmischen Laufbahn treffen die Fonda-Geschwister vor der Kamera aufeinander und Jane muss die bis über beide Ohren Verknallte, jedoch Zurückgewiesene mimen. Das flammende Inferno, die ihm ausgesetzten Tiere, der brennende Diener und das zerfallende Gebäude wurden beeindruckend von der Kamera eingefangen und Jane Fonda fasziniert mit ihrer Rolle, ihrer Mimik und ihren stahlblauen Augen – visuell ist „Metzengerstein“ alles andere als von schlechten Eltern. Der Rappe scheint aus Fredericas Wandteppich ausgebrochen zu sein, woraufhin sie ihn restaurieren lässt und eine innige Beziehung zum Pferd aufbaut. Damit wirkt „Metzengerstein“ ein bisschen wie als träfe „Wendy“-Pferdemädchenkitsch auf Seelenwanderungs-Mystery, doch als Frederica aus Liebe zu Wilhelm halbnackt in einen Waldbrand reitet, besiegelt sie die moritatische Moral des Films, der weit davon entfernt ist, gruselig oder gar verstörend zu sein, aber aufgrund seiner beschriebenen Qualitäten viel Freude bereitet. Und der Streicher- und Bläser-Soundtrack schmeichelt den Ohren wie die Bilder den Augen. Fein!

„Ich wollte den Krieg!“

Der ehemalige Offizier „William Wilson“ (Alain Delon, „Der eiskalte Engel“) hetzt verletzt durch die österreichisch besetzten Straßen Norditaliens des 19. Jahrhunderts in eine Kirche und beichtet, jemanden umgebracht zu haben. Seine Beichte wird zu einer ausführlichen Rückblende, beginnend mit seiner Schulzeit, als er federführend beim Mobbing eines Mitschülers war. Plötzlich wurde ihm ein neuer Mitschüler vorgestellt, der so heißt wie er: William Wilson. Sein Versuch, den unliebsamen Doppelgänger umzubringen, misslang. Jahre später entführte er zusammen mit anderen Medizinstudenten eine Frau, die sie lebendig sezieren, ihr Herz herausschneiden wollten. Da platzte sein „Zwilling“ dazwischen und die Frau starb durch einen Skalpellstich. Beim Militär führte William schließlich ein ausschweifendes Leben. Im Rahmen eines Maskenballs lernte er die Dame Giuseppina (Brigitte Bardot, „Verrat“) kennen, die offenbar nicht viel von ihm hält, weshalb er sich einen Spaß daraus machte, sie beim Kartenspielen seinen Freunden vorzuführen. Nachdem er sie bereits komplett ausgenommen hatte, forderte er ihren Körper als Einsatz, woraufhin sie sich von ihm auspeitschen lassen musste. Doch sein mysteriöser Doppelgänger erschien einmal mehr auf der Bildfläche und überführte ihn den Falschspiels, als Konsequenz wurde William aus dem Militär entlassen. Es kam zum erbitterten Kampf zwischen William und seinem Alter Ego, das der „böse“ William gewann…

„Es ging alles gut! Bis zu jener Nacht…“

Louis Malle arbeitete für seine leider etwas arg uninspiriert wirkende Poe-Verfilmung mit den beiden heutigen Rechtsextremisten Delon und Bardot und haderte im Nachhinein doch sehr damit. Die Arbeit mit Delon sei überaus schwierig und Bardot hochgradig fehlbesetzt gewesen. Das Drehbuch verflachte die Poe’sche Vorlage zudem stark und machte aus William Wilson von vornherein einen bösen Menschen, ohne ihm eine Entwicklung zuzugestehen. Das Kernstück dieses Films ist das Kartenspielduell, die letztliche Pointe etwas schwach und die gesamte Episode zu emotionsarm und unterkühlt, als dass sie wirklich fesseln und begeistern könnte. Ihre Eindimensionalität lässt das Thema innerer Zerrissenheit, Widersprüchlichkeit, Schizophrenie bis hin zur Seelenteilung kaum erahnen bzw. behandelt es zu stiefmütterlich. Immerhin bewirkt das auch hier moralisch geprägte Ende eine gewisse Genugtuung und ist Malle versierter Regisseur sowie der Film kurz genug, um nicht zu langweilen, sondern durchaus kurzweilig zu unterhalten, wenn auch etwas ratlos oder enttäuscht zurücklassend.

„Die Frau mit ihrem großen Busen steht für die trügerische Flucht ins Irrationale!“

„Toby Dammit“ ist eine sehr freie Adaption der Poe-Geschichte „Never Bet the Devil Your Head“ durch Federico Fellini: Der britische Schauspieler Toby Dammit (Terence Stamp, „Teorema - Geometrie der Liebe“) hat seine besten Tage bereits hinter sich und ein ausgeprägtes Alkoholproblem entwickelt, doch nun die Hauptrolle in einem christlichen Italo-Western inne. Am Römer Flughafen trifft er seine italienischen Produzenten und auf einen Auftritt in einem Fernsehstudio folgt eine Preisverleihung für seine darstellerischen Leistungen, von der er betrunken im Ferrari davonbraust, den ihn die Produzenten zur Verfügung gestellt haben. Ständig wird er von Visionen eines jungen, ballspielenden Mädchens geplagt und dieses wird auch das letzte sein, das er sieht, als sich in einen Ort des Stillstands verfährt…

„Für mich ist der Teufel sympathisch und fröhlich!“

Federico Fellini hat seinen Film als einziger in der Gegenwart angesiedelt und zu einer grotesken Satire funktioniert, die die Filmbranche aufs Korn nimmt und getreu dem Motto „Der Teufel ist ein Eichhörnchen“ ein unschuldig wirkendes kleines Mädchen als Höllenwesen instrumentalisiert. U.a. mittels orangefarbener Ausleuchtungen erzeugt er unwirklich wirkende Bilder und inszeniert in Person Dammits einen abgehalfterten Typus Schauspieler, der sich mehr für seine Sucht als für alles andere interessiert und längst zum desillusionierten Zyniker geworden ist, während man ihn außerhalb seiner Heimat noch für vergangene Leistungen feiert. Stamp wirkt aus heutiger Sicht äußerlich wie eine Mischung aus Udo Kier und Uwe Ochsenknecht und brilliert als Verkörperung allen Übels aus Sicht von Filmemachern. Man legt Dammit scharfzüngige Antworten auf die Zunge, eingebettet in geniale Dialoge. Er wirkt wie ein Künstler, der den Ruhm und Rummel und seine Person überhaupt nicht vertragen hat und zu einem innerlich leeren egozentrischen Narziss wurde, der an der Realität scheitert. Damit steht er sicherlich stellvertretend für manch internationalen Star, der es im Ausland noch einmal wissen wollte und an zunächst begeisterte Filmemacher geriet, die er letztlich enttäuschen musste – erinnert fühlte ich mich auch an die Zeit italienischer Massenproduktionen und schließlich des Niedergangs der italienischen Filmbranche. Nicht nur deshalb, auch aufgrund seines eigenwilligen, extraordinären Stils wirkt „Toby Dammit“ visionär und seiner Zeit voraus, wie eine Abrechnung einer- und selbstironische Satire andererseits, wie eine der Realität entrückte, dafür der Verrücktheit eines Toby Dammits nahe Parabel auf den tiefen Fall und das Ende. Das ist nur wenig verklausuliertes, dafür umso größeres, meisterhaftes Kino und der herausstechende Beitrag zu dieser Anthologie, die sich Poes Schaffen insgesamt einmal etwas anders nähert, als es beispielsweise ein Roger Corman zuvor tat, daher mein gesteigertes Interesse hervorrief und mich nicht enttäuschte – wenn auch mit deutlichen Abstrichen bei Malles Beitrag.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 11. Sep 2017, 15:47

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Wenn bei süßen Teens die Hüllen fallen

„Versuch doch nicht, den Künstler zu mimen!“

„Wenn bei süßen Teens die Hüllen fallen“ ist ein weiteres Erotik-Drama des italienischen Regisseurs Silvio Amadio und erschien 1975, also im selben Jahr wie „Sonne, Sand und heiße Schenkel“. Es handelt sich um seine dritte Zusammenarbeit mit Genre-Ikone Gloria Guida. Der deutsche Verleih griff in seiner Titelgebung einmal mehr voll daneben und suggerierte eine nicht vorhandene Verbundenheit zur „Flotte Teens“-Reihe, verortete durch den Alternativtitel „Die sündigen Töchter von Ibiza“ die Handlung gar von Elba nach Ibiza…

„Reisen Sie ab, so lange noch Zeit ist!“

Der arbeitslose Künstler Napoleon (Nino Castelnuovo, „Django – Sein Gesangbuch war der Colt“) leidet unter seiner Schimpftiraden absondernden Frau und haut lieber ab, bevor er ihr ernsthaft etwas zu Leide tut. Er bewirbt bei einer überraschend attraktiven Villenbesitzerin (Anita Sanders, „Attraction“) als Gärtner und bekommt den Job, für den es ihn nach Elba verschlägt. Dort lernt er Loredana (Gloria Guida) kennen, die hübsche jugendliche Tochter der Dame. Loredana findet schnell Gefallen an „Napo“ und verführt ihn. Als Störfaktor erweist sich aber ein perverser Fischer (Mimmo Palmara, „Verdammte, heilige Stadt“), der Loredana regelmäßig sexuell belästigt, bis die Situation schließlich eskaliert…

„Das menschliche Gehirn ist ein gefährliches Instrument!“ (Weshalb so viele Erotikfilme es gar nicht erst anzusprechen versuchen…)

Das einschmeichelnde Titellied mit Frauengesang wird jäh abgelöst von der Schimpftirade der sich außerhalb des Bilds aufhaltenden Frau Napoleons, die er weitestgehend zu ignorieren versucht, bis ihm der Kragen platzt, er ein wenig randaliert und sich auf Jobsuche begibt. Die Überfahrt nach Elba und das Kennenlernen mit Loredana sind mit schwelgerischer bis fröhlicher Musik unterlegt und tatsächlich vermittelt der Film zunächst den Eindruck eines lockeren, komödiantischen, sommerlichen Erotikfilmchens. Beim Fahren im überfüllten Bus kommen sich Loredana und Napoleon zwangsläufig näher; eine schöne, frei von jeglicher Hektik gefilmte Szene. Kurz darauf kommt bereits der Lüstling ins Spiel und man erfährt, dass der Mann der Chefin herzkrank sei und man deshalb auf der Insel verweile. Napoleon bespannt Loredana dabei, wie sie sich tanzend auszieht. Gemeinsam fahren sie in die Stadt und wieder zurück. Der Perverse versucht, Loredana zu sich herunterzulocken, indem er eine Anfallperformance hinlegt, bis er schließlich wieder sein Glied herausholt. Nun greift Napoleon ein und vertreibt ihn, es kommt zu einer kurzen Prügelei.

„Er drückt seine Sexualität im Tanz aus!“

Loredanas Mutter spricht mit Napoleon über den Vorfall und scheint ihn verführen zu wollen, jedoch hat sie sich lediglich ausgezogen und hegt offenbar keinerlei sexuelles Interesse an ihrem Gärtner. Als Loredana krank wird, verschreibt ihr der Arzt eine Salbe, mit der Napoleon sie eincremt – die Salbe ist wirkungslos und der Arzt wollte nur beim Eincremen zusehen… Mit der Seilbahn geht es schließlich in die Berge, was nicht nur eine weitere Gelegenheit ist, die landschaftlichen Vorzüge der Region in schönen Bildern zu präsentieren, sondern Loredana auch die Möglichkeit bietet, sich unbeobachtet an Napoleon heranzumachen – um ihn dann indes doch stehenzulassen. Während der Rückfahrt geilt sie ihn in einer weiteren sexy Szene jedoch beim Autofahren auf und nachts knutschen die beiden endlich. Am nächsten Tag springt sie nackt durch die Landschaft und es kommt zum Sex mit Napoleon. Da stürzt sich jedoch der Triebtäter auf sie, den sie mit einem Stein erschlägt. Sie hat daraufhin Sorge, dass er stirbt und heult hysterisch, und tatsächlich: Noch während der Perverse röchelt, schlussfolgert Napoleon, dass dieser eine Hirnblutung erlitten habe und man ihm nicht mehr helfen könne.

„Geschmacklos lass‘ ich gelten, obszön nicht!“

Urplötzlich hat der Film seine komplette Lockerheit eingebüßt und ist endgültig zum Drama mit einem Toten avanciert, den die Mutter über Bord wirft und Napoleon unmissverständlich verdeutlicht, dass sie der Polizei gegenüber behaupten werde, dass er der Totschläger sei. Auf diese Weise kann sie nämlich nicht nur ihrer Tochter ersparen, sich der Justiz gegenüber verantworten zu müssen, sondern auch Napoleon von ihr fernhalten. Folgerichtig sucht dieser das Weite und muss seine Träume von einem idyllischen Zusammensein mit Loredana begraben.

„Jetzt sei nicht kapriziös! Es geschieht nur zu deinem Wohlergehen.“

Auf seine Weise ist „Quella età maliziosa“, so der wesentlich passendere Originaltitel, ein typischer Amadio: Als sein Stil scheint sich herauszukristallisieren, sommerlich-leichtem Erotikgeplänkel ein dickes Ende folgen zu lassen und dadurch etwas gewöhnungsbedürfte Gebräue zusammenzumischen, die bei genauerer Überlegung jedoch durchaus den Lauf manch realer amourösen Angelegenheit abbilden – unter Amadio und seinen Autoren jedoch i.d.R. wesentlich spektakulärer. Dieses Beispiel ist sicherlich kein ganz großer Wurf, doch Amadio wusste die Guida mit all ihren Reizen einmal mehr gut in Szene zu setzen, ihre freche Art macht Spaß und Napoleon kann man nur zu gut verstehen. Dafür mutet der Subplot (der später bestimmend werden wird) um den Fischer etwas plump an und ist die Dramaturgie bisweilen ein wenig langatmig ausgefallen.

„Nicht alle Ehen müssen auf Frustration hinauslaufen.“

Was Napoleon auf Elba (eine Anspielung auf die Biographie des französischen Feldherrs) widerfährt, ist klassisch nah beieinanderliegende(s) Freud und Leid, eine Moral oder bestimmte Aussage scheint der Pointe jedoch nicht innezuwohnen. Für Freunde Gloria Guidas ist „Wenn bei süßen Teens die Hüllen fallen“ zu empfehlen und wer allgemein ein Interesse an weniger peinlichen italienischen Erotikfilmen hat, wie sie vollkommen aus der Mode gekommen sind, wird ebenfalls auf seine Kosten kommen – wenngleich das Drehbuch den letzten Pfiff vermissen lässt und mir letztlich zu dünn ist. 5,5 von 10 sexuellen Ausdruckstänzen sind da aber schon drin.
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