bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

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Moderator: jogiwan

Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 2. Mär 2017, 15:41

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Halloween II – Das Grauen kehrt zurück

Nachdem John Carpenters Low-Budget-Horrorthriller „Halloween“ 1978 das Slasher-Subgenre eingeläutet hatte und zu einem großen Kassenerfolg wurde, ließen die Nachahmer nicht lange auf sich warten. „Warum anderen den ganzen Kuchen überlassen?“, dachte man sich vermutlich im „Halloween“-Lager und entschloss sich, eine Fortsetzung zu drehen, wesentlich höher budgetiert als der Vorgänger: „Halloween II – Das Grauen kehrt zurück“ wurde 1981 unter der Regie des Spielfilm-Debütanten Rick Rosenthal gedreht, das Drehbuch stammte erneut von John Carpenter und Debra Hill.

Nachdem der aus einer Heilanstalt entflohene stumme Killer Michael Myers von Dr. Loomis angeschossen wurde und vom Balkon gestürzt war, war Laurie zunächst in Sicherheit. Doch Myers war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Es dauert nicht lange und es wird klar, dass Myers sich noch immer in seinem Geburtsort Haddonfield aufhält und noch immer hinter Laurie her ist, die – wie sich bald herausstellen wird – seine Halbschwester ist, die seinerzeit von den Strodes adoptiert wurde. Ihr soll es genauso ergehen wie seiner Schwester, die er im zarten Alter von gerade einmal sechs Jahren kaltblütig in der Halloween-Nacht erstochen und seitdem kein einziges Wort mehr gesprochen hat...

„Halloween II“ beginnt mit einer teilweise neu gedrehten Rückblende zum Ende des ersten Teils und knüpft direkt an, spielt also in derselben Halloween-Nacht! Erstmals bekommt der Zuschauer im Laufe des Films die Information, weshalb Michael Myers ausgerechnet hinter Laurie her ist, die im Vorgänger noch wie ein eher zufälliges Opfer wirkte. Um eine Verbindung zum Mord an seiner Schwester herzustellen, erklärte man Laurie Strode kurzerhand zu Myers’ biologischer Schwester, was ihr ebenso neu war wie dem Zuschauer. Damit setzte man in Gang, was sich durch fast alle zukünftigen „Halloween“-Filme wie ein roter Faden ziehen sollte: Michael Myers auf der Jagd nach noch lebenden Familienmitgliedern. Das Mysterium um seine Nehmerfähigkeiten wird zur weiteren Entmenschlichung genutzt (Zitat: „Der Mann – das ist kein Mensch!“); das Mysterium um den Zusammenhang mit dem Halloween-Fest wiederum erklärt man mit einigen Verweisen auf Samhain und Druiden, faselt etwas von Opfergaben – ein Aspekt, der später in Teil 6 (insbesondere im Producer’s Cut) wieder verstärkt aufgegriffen wurde. Soweit zu den „Rahmenbedingungen“, zur Mythologie um Michael Myers, die mit fast jedem Film der Reihe ausgebaut wurde.

Nach der Rückblende greift Rosenthal auf Carpenters im Erstling ebenso geschickt wie häufig eingesetzte subjektive Kameraführung, die „P(oint)O(f)V(iew)“-Perspektive zurück, der Zuschauer hört nur Myers’ schweres Atmen unter der Maske. Er läuft herum, schaut unbemerkt durch Fenster, bekommt sein neues Messer aus einer Küche. In den Fernsehern läuft nicht mehr „Das Ding aus einer anderen Welt“, sondern Romeros Zombie-Klassiker „Night of the Living Dead“. Diese Art von Szenen kennt man bereits von Carpenter, den Rosenthal hier imitiert. Passenderweise erklingt dazu die gleiche, bekannte minimalistische, doch äußerst stimmige Titelmelodie. Neu und beunruhigend ist jedoch die Distanzlosigkeit Myers, der nicht mehr zunächst an Straßenecken oder hinter Hecken auftaucht, sondern unmittelbar bereits zu Beginn des Films in den Gärten der Bewohner Haddonfields umherschleicht. Von nun an heißt es aber „Raus aus dem Verborgenen, rein in die Öffentlichkeit“ und Michael Myers wird zum Populärphänomen, das in den Medien stattfindet und in aller Munde ist. Daraus resultiert eine um sich greifende Paranoia, was wiederum in einer wahrhaft erschreckenden Szene mündet, als eine männliche Person mit der Maske Myers’ unvermittelt bei einem Verkehrsunfall stirbt und bei lebendigem Leibe verbrennt.

Das Tempo wird deutlich angezogen, ebenso der Gewaltgrad – spätestens nachdem sich die Handlung ins örtliche Krankenhaus verlagert hat, wo Laurie sich von ihren Strapazen zu erholen und von ihren Verletzungen zu kurieren versucht. Dort endet die Exkursion über die Straßen Haddonfields; die langen Gänge und vielen Räume des Krankenhauses werden zu einem Labyrinth des Schreckens, in dem viele Unbedarfte ihr Leben lassen müssen. Die recht brutalen und blutigen, aber eben auch slashertypisch kreativen Mordszenen wurden eigens von Carpenter nachgedreht, um dem Film aufzupeppen, ihm zusätzlich Würze und Drastik zu verleihen. Als Myers endlich auf Laurie trifft, wird das ausladende Krankenhaus nicht zuletzt aufgrund ihrer körperlichen Angeschlagenheit zu einer klaustrophobischen Falle, bis das irrsinnig spannende, gut gemachte, brutale Finale eingeläutet wird, das in einem Inferno endet. All diese Krankenhausszenen sind besonders interessant: Blutige Action geht hier Hand in Hand mit langsameren Suspense-Szenen, der seinen späteren Wahnsinn bereits andeutende Nachdruck, mit dem Dr. Loomis auf Gesetze und Autoritäten einen feuchten Kehricht gebend seine Jagd auf Myers fortsetzt, gibt sich mit einer wunderbar unheilschwangere Ruhe, für die sogar der Score verklingt, die Klinke in die Hand. Daraus ergibt sich eine derart gelungene Kombination, dass sie einige weitere „Krankenhaus-Slasher“ offensichtlich inspirierte. Den ausschließlich an Suspense oder eben hauptsächlich an Gewalt und Blut interessierten Teilen des Publikums mag das weniger behagen, dem einen wird’s zu brutal, dem anderen zu ruhig zugehen; neben der Weiterführung der Halloween-Mythologie ist dies jedoch genau das, was meines Erachtens den Reiz dieses Films ausmacht.

Positiv hervorzuheben ist außerdem, dass Jamie Lee Curtis erneut die Laurie Strode verkörpert, wenngleich sie sich diesmal wesentlich stärker in der Opferrolle wiederfindet als zuvor. Donald Pleasence ist ein gewohnt großartiger, weil manischer, kauziger und kantiger, an die Grenzen seines Berufs geratener, opferbereiter Psychotherapeut Dr. Loomis, das bewährte Team aus Teil 1 ist demnach komplett. Angesichts seines Abwechslungsreichtums verläuft „Halloween II“ weit weniger linear als sein Vorgänger; doch auch, wenn er sich hin und wieder etwas in der Dramaturgie verzettelt, ist er doch eine erfreulich originelle, konsequente Fortführung der Ereignisse aus Carpenters „Halloween“ und mit Sicherheit einer der besten zweiten Teile im Bereich dieses Genres. Ein weiterer Film über das unsagbare, nicht erklärbare und schon gar nicht therapierbare Böse, das die Menschen immer wieder zu verstören vermag – ein so simples wie geniales Erfolgskonzept. Wenn mit Einsetzen des Abspanns „Mr. Sandman“ ertönt, das der Film einem frech und zynisch grinsend vor die Füße wirft, spürt man, wie die Anspannung nachlässt, bis man selbst mitlachen kann – denn zu lachen gab es vorher nicht viel, außer in deutschen Synchronisation, die sich einige ärgerliche Logikschnitzer in Bezug auf Zahlen leistete.

Für ein paar Jahre war anschließend Schluss mit „Halloween“ und Michael Myers. Für „Halloween III“ versuchte man sich an einem neuen Konzept. Erst 1988 bekam Michael Myers seine zweite Fortsetzung mit „Halloween 4“, dem letzten (und hierzulande unterbewerteten) der so richtig guten Filme der Reihe. Doch auch die danach folgenden Filme waren bzw. sind sehenswert, bis ausgerechnet Rick Rosenthal im Jahre 2002 „Halloween: Resurrection“ ärgerlich durchschnittliche Teenage-Horror-Ware fabrizierte. Die Mythologie um Samhain und Druiden indes fand eigentlich ihren befriedigenden Abschluss im Producer’s Cut des sechsten Teils „Halloween: The Curse of Michael Myers“, alle darauf folgenden Filme waren prinzipiell unnötig und brachten Mythologie sowie Chronologie der Reihe durcheinander.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 2. Mär 2017, 15:42

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Trick 'r Treat - Die Nacht der Schrecken

Vier an Halloween spielende Geschichten, die alle irgendwie miteinander in Verbindung stehen. Ein Schuldirektor z.B entpuppt sich als Killer und eine Clique schießt bei einem Streich weit über das Ziel hinaus...


Mit „Trick ’r Treat“ legt Regisseur Michael Dougherty 2008 einen im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich gelungenen Episoden-Horrorfilm vor, der sich durch seine schwarzhumorige, comicartige Inszenierung inkl. gezeichneter Intro-Sequenzen würdevoll sowohl vor Horrorcomics als auch Episoden-Horror-Klassikern wie „Creepshow“ verbeugt. Die vier allesamt miteinander verwobenen, in der Halloween-Nacht spielenden Geschichten wurden in eine fast schon märchenhafte Atmosphäre eingebettet und warten mit visuellen Leckerbissen wie opulenten Bildern und liebevoll gestalteten Kulissen auf. Die einzelnen Episoden wurden allesamt mit überraschenden Plottwists versehen, was natürlich enorm zum Unterhaltungswert beiträgt. Dougherty setzt weniger auf blutige Effekte als vielmehr auf Mystik und wohligen Grusel mit allerlei schrägen Charakteren und sparsam dosierten, aber guten Masken/Effekten und möchte mit seinem Film niemanden verstören, sondern seinem Publikum mit Hingabe und überaus niveauvoll inszenierten Genre-Stoff bieten - was ihm hervorragend gelingt. „Trick ’r Treat“ wird man in schöner Regelmäßigkeit zur entsprechenden Saison immer wieder aus dem Regal ziehen können, denn selbst, wenn man die Pointen der Episoden bereits verinnerlicht hat, wird man sich doch gern erneut an der kunstvollen Darbietung ergötzen. Oder, in aller Kürze: Licht aus, Kerze an, Popcorn ans Sofa und „Trick ’r Treat“ in den Player, während die Blagen draußen Jagd auf klebrige, zahnschädigende Genussmittel machen.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 6. Mär 2017, 17:41

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Terror Eyes – Der Frauenköpfer

„Wenn du das siehst, vergeht dir der Appetit!“

Frankreich, Januar 1981: Auf dem „Avoriaz Fantastic Film Festival“ erfährt „Night Terror“ seine Premiere, ein gialloesker US-Slasher, der nach genredefinierenden Beiträgen wie „Halloween“, „Freitag der 13.“ oder auch „Maniac“ zur B-Riege ersten großen Welle des Subgenres zählte. Der britische Regisseur Ken Hughes („Casino Royale“, „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“) beendete mit ihm seinen Broterwerb als Regisseur, es sollte der letzte von ihm inszenierte Spielfilm werden. In Deutschland verpasste man „Night Terror“ den so idiotischen wie reißerischen Titel „Terror Eyes – Der Frauenköpfer“, der diesem Genre-Kleinord nicht gerecht wird.

„Der Kopf ist sauber vom Körper getrennt worden!“

In Boston treibt ein Frauenmörder in Motorradfahrerkluft sein Unwesen, der seine Opfer zu enthaupten und ihre Köpfe in Wasser zu versenken pflegt. Seine Ermittlungen führen Kommissar Judd Austin (Leonard Mann, „Seine Kugeln pfeifen das Todeslied“) zum Wendell College, wo alle bisherigen Opfer Professor Milletts (Drew Snyder, „Der Feuerteufel“) Anthropologie-Kurse an der Abendschule besucht hatten. Dieser entpuppt sich als Weiberheld, der gern seine Studentinnen verführt, zurzeit aber mit seiner Assistentin Eleanor (Rachel Ward, „Die Dornenvögel“) liiert ist. Dass er Vorlesungen über Kopfjagden in Neuguinea hält, macht ihn nicht gerade unverdächtig und tatsächlich ist die Mordserie noch nicht vorbei. Es stellt sich jedoch die Frage nach dem Motiv – handelt es sich um Ritualmorde?

„Es ist dein ekelhafter Job!“

Dass zumindest manch früher US-Slasher stark vom italienischen Giallo beeinflusst war, ist ein offenes Geheimnis und „Terror Eyes – Der Frauenköpfer“ ist entgegen seines nicht nur Linguisten mit der Stirn runzeln lassenden und möglicherweise überzogene Erwartungen an den Grad grafischer Gewalt weckenden deutschen Titels ein perfektes Beispiel dafür: Mit der verträumten Klaviermusik seines Komponisten Brad Fiedel eröffnet Hughes seinen Film und präsentiert den ästhetisierten Auftaktmord an einer Aushilfslehrerin auf einem Karussell, ohne die Enthauptung selbst zu zeigen. Nach dem Prolog lernt man zunächst einmal Ermittler Austin und dessen Frau kennen, der Milletts Anthropologie-Vorlesung aufsucht. Hughes etabliert nun ein ausgeprägtes Whodunit?, neben Prof. Millett erweist sich der behinderte Gary (Bill McCann, „Meerjungfrauen küssen besser“) als verhaltensauffällig. Dieser verfolgt in einer ausgedehnten Spannungssequenz Eleanor, die sich schließlich zu Hause auszieht und duschen geht. Lange Zeit wird kein Wort gesprochen. Jemand versucht, in die Wohnung einzudringen und klingelt Sturm, woraufhin die Dame ihre Körperhygiene kurz unterbricht. Doch nun befindet sich ein Mann in ihrer Wohnung, der den Duschvorhang aufreißt…

„Das war eine schnelle Exekution!“

Die gesamte Szene war eine unschwer zu erkennende Hitchcock-Reminiszenz, die jedoch einen anderen Verlauf als erwartet nimmt: Kein Norman-Bates-Epigone hat es auf die Frau abgesehen, sondern Millett überrascht seine Lebensgefährtin und läutet eine Erotikszene ein, in der sich beide mit roter Farbe einschmieren, was natürlich an Blut erinnert. Ein schöner Streich, den sich Hughes mit der Erwartungshaltung seines Publikums erlaubt hat, der die Handlung aber nicht voranbringt. Diese nimmt wieder Fahrt auf, als der behelmte Mörder in Bikerkluft einer Taucherin in einem Aquarium den Garaus macht. Dies ist die Konsequenz aus einer sehr gekonnt auf Suspense setzenden Dramaturgie, welche in einen nun etwas grafischeren, fast künstlerischen Mord mündet. Nach dem eher einen Kriminalfilm vermuten lassenden Auftakt ist der Film nun gänzlich im Stalk’n‘Slash-Sujet angekommen.

„Der moderne Mensch muss nur einen kleinen Schritt machen und schon befindet er sich im primitiven Dschungel seiner Vorfahren!“

Eleanor ist schwanger von Millett, wie sie ihm eröffnet, als sie frustriert im Restaurant sitzt. Bedienung Carol (Karen MacDonald, „Glatt rasiert“) hat immer einen kessen Spruch auf den Lippen und kommentiert ihre Beziehung – und ist das nächste Mordopfer. Der Killer hat zudem Eintopf aus ihrem Kopf gemacht, den der Wirt nichtsahnend seinen Gästen auftischt. Gar nicht erst zur Arbeit erschienen ist Gary, dem die Polizei nun auf den Fersen ist. Dieser entpuppt sich indes als Exhibitionist – pervers, aber harmlos. Oder nur vermeintlich? Immerhin stellt er auch Lesbierinnen nach, die die nächsten Opfer des Mörders werden. Zunächst die eine in einer starken Szene hinter einer Tür, dann die anderen, nachdem sie den Kopf ihrer Freundin im Klo fand – ein scheußlicher Anblick. Der Mörder wird enttarnt und entkommt per Motorrad, und auf eine rasante, fulminant gefilmte Verfolgungsjagd folgt eine (weitere) überraschende Wendung, ein beinahe klassischer gialloesker Doppel-Twist also. Die schöne Schlussszene mit ihrem doppeldeutigen Dialog hätte den Film prima abgerundet, der alberne Epilog erscheint etwas unnötig.

„Zieh den Kopf ein, sonst kommst du ohne zurück!“

„Terror Eyes – Der Frauenköpfer“ überzeugt mit seiner ausgeklügelten Geschichte, deren Ausgang man zwar erraten kann, man aber nicht zwingend bereits zehn Meter gegen den Wind riecht, sowie Mark Irvins für einen Film wie diesen nahezu perfekte Kameraarbeit. Hughes gelingt es, trotz aller Krimi- und Zitate-Versatzstücke eine kohärente trist-melancholische Atmosphäre aufrecht zu erhalten und achtet darauf, dass keine Logiklöcher seinen Film ad absurdum führt. Das schwankende Tempo ist gewöhnungsbedürftig und das Filmblut etwas arg unrealistisch hell, dafür verstehen es aber die Schauspieler gut, den Film zu tragen und ist die attraktive Rachel Ward in ihrem Kino-Debüt zu sehen. Für Freunde des blutrünstigen Popcorn-Slasher-Kinos, die Handlung lediglich als schmückendes Beiwerk empfinden, ist dieses Exemplar sicher nichts. Wer sich jedoch an Täter- und Motivsuche erfreuen kann und auch gern einmal ungewöhnlichere Wege zur Auflösung mitgeht, ist hier ebenso richtig wie der Ästhet, dem Irvins Kamera Scheußliches wie Schönes hübsch aufbereitet zu bieten hat. Der Film stellt zur Diskussion, ob es zwingend immer ein Tatmotiv bei Morden gäbe – ich hingegen stelle 7,5 von 10 Köpfen zur Diskussion und vertrete in ihr, dass der nicht nur aufgrund der Herkunft seines Regisseurs europäisch anmutende „Night School“ häufig schlechter wegkommt, als er ist.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 8. Mär 2017, 17:49

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Hotel zur Hölle

„Der Mensch braucht Fleisch, sonst fällt er vom Selbigen!“

Der britische Regisseur Kevin Connor begann seine Karriere in den 1970ern, als er zunächst den „Amicus“-Episodengrusler „Die Tür ins Jenseits“ inszenierte und sich im direkten Anschluss mit Titeln wie „Caprona – Das vergessene Land“ oder „Tauchfahrt des Schreckens“ einen Namen als Fantasy-Filmer machte. Überraschend war es da, dass er sich 1980 bereiterklärte, die Regie des US-Backwood-Terror-Streifens „Hotel zur Hölle“ alias „Motel Hell“ zu übernehmen. Waren Connors vorherige Werke von Ernsthaftigkeit einhergehend mit einer gewissen gemütlichen Harmlosigkeit geprägt, machte er aus „Motel Hell“ eine herrlich geschmacklose, böse schwarzhumorige, freche Hinterwäldler-Groteske:

„Sie sehen aus wie jemand, der nicht viel von Seife hält!“

Die Geschwister Ida (Nancy Parsons, „Porky“) und Vincent Smith (Rory Calhoun, „Rabbits“) betreiben nicht nur eine Farm in einer abgelegenen, ländlichen Gegend der USA, sondern verdienen sich mit dem „Motel Hello“ (dessen „o“ in der Leuchtreklame jedoch nicht mehr richtig leuchtet) ein Zubrot. Bekannt und beliebt sind sie für ihr köstliches Rauchfleisch. Doch was ihre Kunden nicht wissen: Für dieses verarbeiten sie das Fleisch Reisender, die durch Vincents auf der nahen Durchgangsstraße aufgestellte Fallen Unfälle erleiden oder sich tatsächlich im Motel einquartieren. Wen sie nicht sofort verarbeiten, denen schneiden sie die Stimmbänder durch, fesseln sie und graben sie bis zum Hals in ein bizarres Menschenbeet, wo sie sie mit Spezialnahrung mästen. Als das junge Paar Bo (Everett Creach, „The Dark“) und Terry (Nina Axelrod, „Critters 3 - Die Kuschelkiller kommen“) auf dem Motorrad unterwegs ist, werden auch sie Opfer Vincents Fallenstellung, Bo kommt dabei ums Leben. An Terry jedoch frisst Vincent einen Narren und kümmert sich fürsorglich um sie, statt sie zu schlachten. Seine Schwester reagiert darauf zunehmend mit Eifersucht. Und als Idas und Vincents Bruder Bruce (Paul Linke, „Gib Gas... und lasst euch nicht erwischen“), der zugleich der örtliche Sheriff ist, sich in Terry verliebt und dem dunklen Geheimnis seiner Geschwister auf die Schliche kommt, kommt es zum familiären Bruch…

„Er hat die Syphilis in seinem Hirn!“

Ein Fernsehprediger flimmert über die Mattscheibe, seine Worte sind die ersten in „Hotel zur Hölle“, werden den Film über die gesamte Laufzeit im Hintergrund begleiten und vermitteln bereits den Eindruck gottesfürchtiger Landbevölkerung – die, wie erfahrenes Backwood-Terror-Publikum weiß, „Gottes Wort“ gern auf ganz eigene Weise auslegt. So auch Vincent und Ida, die ohne Lebenspartner zusammenleben, was eine inzestuöse Beziehung andeutet. Diese wird durch Terrys Ankunft gefährdet, auf die es Bruce abgesehen hat, die Ida umzubringen versucht und die sich schließlich in Vincent verliebt, ihn zu verführen versucht und die Vincent dann auch tatsächlich ehelichen möchte.

„Das ist nichts Schreckliches, was ich hier tue!“

Neben dieser Hinterwäldler-Seifenoper führt Connor kurzzeitig ein absurdes Fetischpärchen als Comic Relief ein, das natürlich nicht lange Freude an seinem Motel-Aufenthalt hat. Zwischenzeitlicher Höhepunkt sowohl der Handlung als auch der über weite Strecken überraschend blutarmen visuellen Umsetzung ist indes der bizarre „Menschengarten“, dessen Eingepflanzte wenn ihre letzte Stunde schlägt mit bunten Lichtern in Trance versetzt und stranguliert werden. Als die Überlebenden sich schließlich befreien können und revoltieren, erinnern sie in ihren Bewegungsabläufen und aufgrund ihrer Unvermögens, sich verständlich machen zu können, an Zombies. Diese Reminiszenz wird Connor ebenso bewusst eingesetzt haben, wie das Motel Assoziationen zu „Psycho“ weckt und sich die eigentliche Handlung natürlich stark an den Genre-Standard „The Texas Chainsaw Massacre“ um die kannibalistische Familie Sawyer anlehnt. Im Finale nimmt „Hotel zur Hölle“ gar das Kettensägenduell aus „The Texas Chainsaw Massacre II“ vorweg. Vincent trägt hierbei einen dekorativen Schweinskopf als Maske, was eine ebenso interessante wie krude Ledermasken-Variation darstellt. „Krude“ ist auch ein passender Begriff, um den Film zu beschreiben, der – ganz wie sein Western-erprobter Hauptdarsteller – sichtlich Freude am geschmacklosen Wahnsinn hat und mit seiner Ironie und seinem Humor eine herrlich überzeichnete Farce aus dem sich ohnehin aus Übertreibungen speisenden Backwood-Sujet macht.

„Es gibt viel zu viel Menschen auf der Welt – und viel zu wenig zu essen!“

Connor und seinem Team sind mit Vincent und Ida zwei sehr einprägsame Charaktere gelungen. Calhoun und Parsons strotzen nur so vor Spielfreude und insbesondere Parsons macht mächtig Eindruck als einerseits fast bemitleidenswerte, geistig zurückgebliebene, grobschlächtige Frau im Farmermädchen-Look, andererseits unberechenbare, gefährliche Mörderin. Nina Axelrod als höchst naive Terry hat hingegen in erster Linie gut auszusehen, als könne sie kein Wässerchen trüben und zwei Oben-ohne-Szenen bekommen. Dass „Hotel zur Hölle“ wenig auf explizite grafische Gewalt setzt und es erst im Finale ein wenig splattern lässt, kreide ich ihm gar nicht an. Connors Unerfahrenheit mit diesem Genre merkt man ihm vielmehr im Spannungsaufbau an, der den einen oder anderen Durchhänger hat – und, bei aller Komödie, so ganz das Gelbe vom Ei ist die Dreiecks-Beziehungskiste, auf die die Handlung viel Gewicht legt, nun auch nicht. Nach dem finalen Gag um Vincents Geständnis und Testament ordere ich 6,5 von 10 Kilo gut abgehangenen Rauchfleischs, betone jedoch, dass „Hotel zur Hölle“ in jede Backwood-Terror-Sammlung gehört und auch heute noch mehr Spaß macht als der x-te „Wrong Turn“-Aufguss.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 10. Mär 2017, 13:41

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Dany - Die Anhalterin

„Ich fahre Sie ins Paradies!“

Der seit den 1930ern aktive französische Drehbuchautor und Regisseur Willy Rozier machte in den 1970ern mit seinen beiden letzten Spielfilmen „Dany – Die Anhalterin“ und „Gelüste einer Frühreifen“ plötzlich in Sexploitation. Der erstgenannte aus dem Jahre 1972 ist Gegenstand dieser Rezension.

Die junge, attraktive Dany (Sandra Julien, „Sexual-Terror der entfesselten Vampire“) möchte per Anhalter von Rom nach Paris reisen und gerät dabei in diverse sexuelle Abenteuer ebenso wie in einen dramatischen Banküberfall.

Das vergnügte Titellied lässt zunächst einen beschwingten, lebensfrohen Erotikfilm vermuten, doch bereits die visualisierte Phantasie einen älteren Fahrers, wie er und Dany mit Schmetterlingskeschern in den Händen nackt über eine Wiese springen und anschließend Sex miteinander haben, ist reichlich albern ausgefallen und offenbart höchstes Fremdschämpotential. Als er sie daraufhin befummelt, bekommt er eine geknallt, woraufhin er sie aus seinem Pkw hinauskomplimentiert. Dany spricht direkt zum Zuschauer und lässt sich in ihrem Unterfangen nicht entmutigen. Stattdessen lässt sie sich von einer vornehmen Dame mit Chauffeur kutschieren, die sie mit zu sich nach Hause nehmen. Dort reißt der Chauffeur ihr die Kleidung vom Leib, Dany wird ausgepeitscht und vom Hausherrn gebumst. Der Chauffeur verlustiert sich derweil mit seiner Chefin. Schnitt. Dany fährt in einem Leichenwagen als Anhalterin mit, als sei nichts gewesen.

„Wir Leichenfahrer sind lebenslustige Kerle!“

Dessen Fahrer (Jacques Dynam, „Fantomas“) verfügt ebenfalls über keinen sonderlich ausgeprägten Respekt vor dem weiblichen Geschlecht, sodass Dany sich schließlich gezwungen sieht, die Flucht anzutreten. Der Fahrer indes versucht, eine Bäuerin zu vergewaltigen. Auch mit ihrer nächsten Mitfickfahrgelegenheit hat sie kein Glück, sie gerät an einen regelrechten Psychopathen. Mehr Glück verspricht sie sich von einer Cabrio-Fahrerin, die sie zunächst für einen Mann hält (und die zu singen beginnt). Ob Mann oder Frau ist dann auch nicht mehr so wichtig, als sie es an einem Badesee mit ihr treibt – ihre erste lesbische Erfahrung. Schnitt. Zurück in Léon bekommt sie Fahrgeld für ihre Zwischenstation in Lyon, das sie jedoch lieber sparen möchte. Kein guter Einfall, denn sie gerät an eine Gangsterbande. Die Verbrecher nehmen sie mit und als sie in eine Polizeikontrolle geraten, überschlagen sich die Ereignisse: Eine Schießerei entbrennt und Dany findet sich unfreiwillig als Geisel wieder. Sie wird auf der Rückbank vergewaltigt, was Rozier als durchaus fiese, unter die Haut gehende Sequenz inszeniert. Dany ist verzweifelt und ihr kullern die Tränen übers Gesicht, findet urplötzlich jedoch Gefallen an ihrem Missbrauch und gibt sich ihrem Peiniger ganz hin. Der ältere Bankräuber will sie erschießen, doch ihr Vergewaltiger erweist sich als Retter in der Not, erschießt stattdessen seinen Kollegen. Zum Abschied gibt’s Küsschen. Unfassbar, wie sie Vergewaltigung und Todesangst einfach so wegsteckt.

Eine Art Hippiekaiser namens Theodor nimmt sie mit seinem Chauffeur endlich mit nach Paris, wo sie sich dem Schnösel zunächst anschließt und mit ihm isst und trinkt. Und, sieh an: Wen haben wir da? Niemand Geringerer als Schlagerbarde und Malle-Monarch Jürgen Drews („Malastrana“) verbirgt sich unter der Kostümierung. Jedenfalls hält man ein Verwöhnprogramm für sie bereit, was für den Zuschauer jedoch in erster Linie viel langweiliges Gequatsche bedeutet. Selbstredend kommt es auch zwischen Theodor und Dany zu einer Sexszene. Chauffeur Alfred (Angelo Bassi, „Kiss Me Killer“) darf auch mal ran, denn sie hält ihn im Dunkeln für Theodor. Als Theodor hinzustößt und das Licht anmacht, ist sie entsetzt. Letztendlich entpuppen sich beide als Hochstapler…

Was ein netter Film nach Art eines Road Movies hätte werden können, entpuppt sich als verfilmte Phantasie sabbernder Lüstlinge, zu denen man tatsächlich besser nicht ins Auto steigen sollte – auch, wenn „Dany – Die Anhalterin“ den Zuschauer lehrt, dass das ja alles nicht so schlimm sei. Auch eine Vergewaltigung könne dem Opfer Spaß bereiten, früher oder später wird’s ihm schon gefallen. Generell seien Anhalterinnen Freiwild, über die jeder mal rüberrutschen dürfe. Die wenigen wirklichen Erotikszenen sind ok, Sandra Julien ist ein Hingucker und im Gegensatz zu manch ähnlich chauvinistischem Film baumelt hier auch das eine oder andere männliche Geschlechtsorgan vor der Linse. Doch der Schnitt ist teils erschreckend stümperhaft und die episodenhafte „Handlung“ bedarf eigentlich keines weiteren Kommentars. Ein peinliches Machwerk, das unter dem Deckmantel der Erotik Frauen ihre sexuelle Selbstbestimmung abspricht und Vergewaltigungen zu legitimieren versucht. Ein klassischer Vorbehaltsfilm, der besser in irgendwelchen Giftschränken geblieben wäre – Jürgen Drews‘ kuriose Rolle hin oder her.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 11. Mär 2017, 01:10

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Alf

„Null Problemo!“

Als das ZDF am 05.01.1988 die erste Episode der US-Sitcom „Alf“ ausstrahlte und damit die im September 1986 in den USA angelaufene Serie hierzulande erstausstrahlte, sahen Millionen Deutsche, wie der knapp einen Meter große, mit rotbraunem Fell bewachsene und über ein ausgeprägtes Riechorgan verfügende Gordon Shumway vom Planeten Melmac nach dessen Explosion mit seinem Raumschiff in die Garage der amerikanischen Mittelstandsfamilie Tanner in einem Vorort Los Angeles‘ krachte. Nachdem die Tanners ihn geborgen und den Ohnmächtigen in einer Mischung aus Misstrauen und Faszination beäugt hatten, tauften sie ihn auf den Namen „Alf“, was die Abkürzung für „außerirdische Lebensform“ (und gleichzeitig der Vorname des Komponisten der Serie) ist. Zu ihrer Überraschung sprach der plüschige Fremde, der bereits am 28.10.1756 irdischer Zeitrechnung geboren wurde und am liebsten Katzen verspeist, ihre Sprache und stellte fortan das Leben der Tanners auf den Kopf. Zurück zu seinem Heimatplaneten konnte Alf nicht mehr und damit er in Frieden auf der Erde leben konnte, mussten die Tanners ihn versteckt halten, damit er nicht in die Fänge von Behörden oder Militär gerät – ein alles andere als einfaches Unterfangen, denn Alf ist chaotisch, sorglos, hat schlechte Manieren und ist nie um einen frechen Spruch verlegen…

Mit seiner anheimelnden Titelmelodie, der Platzierung im Vorabendprogramm des ZDF und der heilen Familienwelt der Tanners, in die das Chaos hereinbricht, wurde diese aus gut 100 rund 25-minütigen Episoden bestehende Serie für mich zur Definition der ‘80er-Gemütlichkeit, als ich wie so viele andere Pimpfe Woche für Woche den Abenteuern des Melmacers entgegenfieberte und meine diebische Freude an ihnen hatte. „Alf“ entstand nach Ideen Paul Fuscos und Tom Patchetts, wurde von verschiedensten Autoren und Regisseuren geschrieben und inszeniert, war betonte Familienunterhaltung, an der tatsächlich alle vom Grundschüler bis zum Greis teilhaben konnten und wurde zum festen, Merchandise-trächtigen Bestandteil der Populärkultur.

Zu diesem Erfolgsrezept trugen maßgeblich die Charakterzeichnungen bei: Familienvater und Ex-Hippie Willie (Max Wright, „Soul Man“) ist ein i.d.R. sehr besonnener Mann, den nur Alf aus der Ruhe zu bringen vermag. Er ist gebildet, verantwortungsvoll und arbeitet als Beamter im Sozialamt. In seinen Anzügen und mit seiner Brille sowie hohen Stirn wirkt er meist spießiger, als er eigentlich ist. So ist er durchaus an Kultur interessiert und betätigt sich in seiner Freizeit mit Hingabe als Amateurfunker und Modelleisenbahner. Obwohl ihn Alf immer wieder in Erklärungsnot und peinliche Situationen, kurzzeitig sogar in den Knast, bringt, seine Geduld (und Kreditkarte) überstrapaziert und den häuslichen Frieden gefährdet, nimmt er eine Art Vaterrolle für ihn ein und tut alles dafür, dass sein Dauergast in Sicherheit ist und es auch bleibt. Die besondere Chemie zwischen Alf und Willie sorgt oftmals für die besten Gags. Seine Frau Kate (Anne Shedeen, „Embryo“) hat Kunstgeschichte studiert, ist der Kinder wegen aber in den ersten Staffeln in erster Linie Mutter und Hausfrau. Alf gegenüber ist sie zunächst sehr skeptisch und es entwickelt sich eine Art Hassliebe zwischen beiden, die beide gern und häufig sarkastisch kommentieren. Tochter Lynn (Andrea Elson, „Partytime mit Frankenstein“) ist zu Beginn der Serie eine sechszehnjährige Jugendliche, von der Eltern nur träumen können: Sie ist überaus gut erzogen, schlägt quasi nie über die Stränge und kommt bestens mit Alf aus. In der Serie wirkt sie auf mich stets älter und reifer, als sie eigentlich ist. Ihr kleiner Bruder Brian (Benji Gregory, „Jumpin’ Jack Flash“) ist zehn Jahre jünger und ein nicht minder wohlerzogenes, naturgemäß naives Kind, für den Alf Gefühle nach Vorbild eines helfenden und beschützenden großen Bruder entwickelt. Auch er nervt quasi nie, wie es Gleichaltrige tun würden. Diese Rollenausarbeitungen dienten vermutlich in erster Linie dazu, alle negativen Eigenschaften Alf zu überlassen und damit den Kontrast zu stärken.

Eine Ausnahme bildet das kinderlose Nachbarsehepaar, die Ochmonecks, nervige Nachbarn wie aus dem Bilderbuch: Raquel Ochmonek (Liz Sheridan, „Die zweiten Augen“) ist überaus neugierig und an allem interessiert, was sich in ihrer Nachbarschaft tut, zudem häufig unfreundlich, unsensibel und Klatsch und Tratsch nicht abgeneigt. Ihr Ehemann Trevor (John LaMotta, „Die Herrschaft der Ninja“) hat ein ebenfalls eher schlichtes Gemüt und ist ein ausgemachter Nassauer, der sich permanent Dinge von den Tanners leiht, ohne sie zurückzubringen, noch häufiger als seine Frau ungebeten bei den Tanners hineinplatzt und gern mal eigentlich Alf zugedachte Mahlzeit am gedeckten Esstisch für sich in Anspruch nimmt, während der Extraterrestrische sich verstecken muss. Trivia: Mindestens zwei deutsche Punkbands haben sich nach den Ochmonecks benannt.

Es fanden mehrere Alf-Puppen Verwendung, die von Puppenspielern gesteuert wurden. In den Szenen jedoch, in denen sich Alfs ganzer Körper bewegt, er durch die Gegend läuft o.ä. steckt der Kleinwüchsige Michu Meszaros („Reise zurück in der Zeit“) in einem Kostüm, was Alfs Charakter zusätzlichen Realismus verleiht.

Insbesondere in der ersten Staffel ist die Gagdichte aus Situationskomik, scharfzüngigen Dialogen und frechen Sprüchen für die damalige Zeit immens hoch. Der Humor überschreitet nicht selten die Grenze zum Anarchischen und rannte damit bei mir offene Türen ein; die chronologische Erneutsichtung der Serie als Erwachsener mit einigen Jahrzehnten Abstand offenbarte, wie sehr mich der typische Alf-Humor geprägt hat. Die einzelnen Folgen sind gespickt mit zahlreichen Verweisen auf Popkultur im Allgemeinen und Pop- und Rockmusik im Speziellen (jeder Originaltitel der Episoden ist ein mehr oder weniger populärer Songtitel), auf Fernsehsendungen und Spielfilme. Viele davon wurden in der deutschen Bearbeitung eingedeutscht, was heutzutage vollkommen unüblich ist: So scheint Alf zahlreiche deutsche TV-Stars und -Sternchen, -Serien etc. zu kennen. Ein Erfolgsfaktor dürfte hierzulande auch die charakteristische Synchronstimme Tommi Pipers gewesen sein, der ein Leben lang und darüber hinaus mit Alf in Verbindung gebracht werden wird. So wissbegierig Alf die US-Kultur, die er nur von Tanners und aus dem Radio und Fernsehen kennt, auch aufsaugt (und gern bissig kommentiert), so kommt es doch auch immer wieder zum Kultur-Clash, wenn er mit hiesigen Sitten nicht vertraut ist, ihren Sinn nicht erkennt oder melmacanischen Bräuchen nachgeht. So lebt z.B. Familienkater Lucky zunächst in ständiger Gefahr, weil Katzen auf Melmac als Delikatesse galten.

Dass die Macher der Serie auch über politisches und gesellschaftliches Interesse über die Medienbranche hinaus sowie über ein soziales Gewissen verfügen, beweisen einige Folgen, die allem Humor zum Trotz ernsthafte Aussagen beinhalten und sich z.B. für militärische Abrüstung zu Zeiten des Kalten Kriegs einsetzen. In Folge 7 berichtet Alf erstmals von anderen Bewohnern Melmacs, vornehmlich von seiner geliebten Rhonda, später auch von seinem Cousin Blinky und anderen. In Kombination mit Alfs Erzählungen bizarrer Melmacer Gepflogenheiten entwickelt so ein im Laufe der Serie deutlicher werdendes Bild seiner Heimat. Einer der vielen Höhepunkte der Auftaktstaffel, die zugleich die stärkste der Serie ist, ist sicher das aufwändig produzierte Musikvideo Alfs für Lynn, in dem er ihr als Zeichen seiner Zuneigung den auch außerhalb der Serie durchaus hörenswerten Rock-Song „You're The One Who's Out Of This World“ singt und dafür in die Rollen verschiedenster Musiker nach realen Vorbildern schlüpft. Aus der Familienzusammenführung mit Kates Mutter Dorothy (Anne Meara, „Voll das Leben – Reality Bites“) – der ersten Person, die Alf über die vier Tanners hinaus kennenlernt – entwickelt sich eine köstliche Beziehung, die sogar die Hassliebe zwischen Alf und Kate in den Schatten stellt. Eine geniale „Das Fenster zum Hof“-Parodie ist ein weiterer Höhepunkt der ersten, 26 Episoden umfassenden Staffel, die auch andere Themen richtiggehend satirisch verarbeitet. Die Doppelfolge des Staffelfinales mit ihren zahlreichen Rückblenden wurde unverständlicherweise in Deutschland als Folgen 16 und 17 ausgestrahlt und griff damit erst später zu sehen gewesenen Ereignissen vorweg.

Die zweite Folge der zweiten Staffel ist eine geniale Hommage an die Serie „Gilligans Insel“ mit Originalschauspielern und in einer der nächsten Folgen lernt Raquel Ochmonek Alf sogar persönlich kennen, ohne jedoch zu ahnen, dass er in unmittelbarer Nachbarschaft mit den Tanners lebt. Nach Alfs Kennenlernen mit Dorothy, die sich ihrer Abneigung ihm gegenüber zum Trotz als vertrauenswürdige Person herausstellte, ist dies der Auftakt zu einer ganzen Reihe gefährlicher Begegnungen Alfs mit fremden Personen, die jedoch stets – wenn auch oft mit Biegen und Brechen – glimpflich ausgehen, der Serie dabei aber einen nicht unerheblichen Spannungsfaktor verleihen. Verstärkt wird nun auch eine tragische Komponente eingebracht, denn Alf leidet zunehmend unter seiner Einsamkeit – und verlässt häufiger das Tanner’sche Haus, mischt sich gar vermehrt unerkannt unter Menschen. Zugegebenermaßen richtiggehend rührselig geht es dann in der traurigen, doch zugleich schönen Weihnachtsdoppelfolge zu, die zwei verstorbenen Menschen gewidmet wurde, u.a. einem kleinen Mädchen. Mitte der zweiten Staffel wird dauerhaft ein neuer Charakter eingeführt: Jake (Josh Blake, „Jetzt flippt der Dicke völlig aus“), der Neffe der Ochmoneks, der zu ihnen gezogen ist, weil sein Vater eine Haftstrafe verbüßen muss. Alf hält ihn erfolgreich davon ab, ebenfalls eine kriminelle Karriere einzuschlagen und freundet sich mit ihm an. Einer der Höhepunkt in Staffel 2 ist die kongeniale Gerichtsserien-Parodie „Anwalt in eigener Sache“ (S2E15) und in der Episode um Onkel Albert werden gar existenzielle Fragen von Leben und Sterben und dem Umgang mit der Sterblichkeit behandelt. Im direkten Anschluss folgt eine famos aufdrehende Doppelfolge über Einbrecher, eine Bürgerwehr und die Polizei, die Alf in Lebensgefahr bringt – inkl. hochspannendem Cliffhanger. Gegen Ende der Staffel wird zunehmend Alfs Isolation und Einsamkeit thematisiert. In „Der Schritt in die Öffentlichkeit“ (S2E25) kommen daher alle, die von seiner Existenz wissen, zusammen und feiern mit ihm. Eigentlich wollte Alf brisanterweise selbst an die Öffentlichkeit gehen. Köstlich sind in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen, jeweils visualisierten Vorstellungen der Konsequenzen, die dieser Schritt mit sich gebracht hätte: Alf sieht sich als TV-Moderator, Willie ihn in einem Versuchslabor. Dort ist als wenig vertrauenserweckender Forscher niemand Geringerer als Michael Berryman („Hügel der blutigen Augen“) zu sehen, einer von vielen Gaststars der Serie.

Kam Alf bisher meist mit seinem von der Natur gegebenen Fellwuchs aus, trägt er ab Staffel 3 vermehrt verschiedenste Kleidung. Je mehr Anteil Brian an den Handlungssträngen bekommt, desto stärker fällt ins Gewicht, dass die Serie ihn zu erwachsen für sein Alter konzipierte und mitunter eine immer unglaubwürdiger erscheinende heile Weilt vorgegaukelt wird. Die Folgen 4 und 5 wurden nie im deutschen TV ausgestrahlt, fanden aber untertitelt auf die DVD-Veröffentlichungen: Alf ist hier der Moderator einer fiktiven Late-Night-Show, in der er sich als Schauspieler zu erkennen gibt und permanent Werbung für seine Show macht. Für dieses aus der Reihe fallende Konzept erlaubt man sich sogar, angeblich den Papst einzuladen und in die Gags zu integrieren – urkomisch und einer der Höhepunkte der dritten Staffel. In den Episoden 7 und 8 lernt Alf einen Obdachlosen kennen und kann damit einen weiteren menschlichen Kontakt für sich verbuchen. Beinahe interessanter ist es jedoch, dass in Folge 10 Kates und Willies Hippie-Vergangenheit angesprochen wird, dass sie für Ideale und gegen den Krieg kämpften – und was aus ihnen geworden ist. Auf die Sinnfrage folgt eine durchaus – für eine Familien-Sitcom – provokante Sinnkrise, die jedoch in Willies Erkenntnis mündet, dass er durch seinen ausgeübten Beruf vielen Menschen im Kleinen hilft. Nur eine Episode später hat es eine ganze Weile den Anschein, als würde man auf einen weiteren Melmac-Raumschiffbrüchigen treffen – tatsächlich kommt es zum Zuwachs, denn Kate ist ab der Staffelmitte schwanger, woraufhin in immer höherer Frequenz Hackbraten gespeist wird. Doch Alf bekommt es nicht nur mit dieser für ihn neuen Erfahrung zu tun, sondern auch mit der Einwanderungsbehörde – und Amtsmissbrauch in einer erneut ausgesprochen sozialkritischen Handlung. Ungefähr ab der Hälfte der dritten Staffel verliert die Serie jedoch leider an Biss, wird sie zunehmend seifenopernhafter. Eine schöne Variation stellt die Folge „Der Tramp“ (S3E24) dar, die zu einem Großteil im Stile klassischer Stummfile inszeniert wurde und diesen die Ehre erweist. Das Staffelfinale wiederum ist eine Ehrerbietung an die „Dick van Dyke Show“, an deren Ende das Baby geboren wird: Eric ist da.

Auch die vierte und letzte Staffel hat den einen oder anderen Höhepunkt zu verzeichnen: So nimmt die vierte Episode den Finanzspekulationswahnsinn an den Börsen aufs Korn, versucht sich Alf nur eine Folge später als Psychotherapeut und wird er in Folge 6 gar watteabhängig (!), was unschwer zu erkennen als Allegorie auf Drogensucht fungiert. Leider verflacht der Humor der Staffel im weiteren Verlauf, wird teils krawalliger, häufig aber schlicht oberflächlicher und weniger lustig, während die Serie immer soapiger gerät. So wird in Folge 7 beispielsweise ein überflüssiger neuer Charakter eingeführt: Aus dem Nichts taucht plötzlich Willies frisch geschiedener Bruder Neal auf, der Willie in keiner Weise ähnelt und der mit Jim J. Bullock („Spaceballs“) zudem äußerst unpassend besetzt wurde. Auch er lernt Alf kennen und freundet sich mit ihm an; es wirkt immer inflationärer, wie das anfängliche Credo, Alf so gut wie möglich zu isolieren, aufgeweicht wird. Den Running Gag, dass Alf ständig hinter dem Familienkater Lucky her ist, torpediert man schließlich auf kitschigste Weise, als Alf nach dessen Ableben endlich die reale Möglichkeit bekommt, Katzen zu essen, es aber nicht übers Herz bringt und selbst zum wahren Katzenliebhaber avanciert. Es kommt auch zu einem Wiedersehen mit Whizzer (Paul Dooley, „Überfall im Wandschrank“), Dorothys neuem Mann, als diese Ehekrach haben, sich aber wieder versöhnen. Eigentlich nett, die beiden nach längerer Serienabstinenz einmal wiederzusehen, doch natürlich muss auch Whizzer nun Alf kennenlernen... Die Serie bricht mit immer mehr selbstauferlegten Standards und wird auf irritierende Weise experimentierfreudig, so zieht Alf gar für eine Folge zu Neal. Sogar der Schnitt wirkt in dieser Staffel bisweilen nicht nur uninspiriert, sondern schluderig und holprig. Ungefähr in der Staffelmitte lernt Lynn ihren neuen Freund kennen, den sie bis zum Ende behält. Mit Episode 15 geht es wieder aufwärts: Alf träumt davon, Komiker zu sein – ein erst sehr gefragter, schließlich jedoch erfolgloser. Eine Folge also über den Aufstieg und schnellen Fall in der Branche, die sich auch für die eigene Serie als visionär herausstellen sollte. Mit Fran Drescher („Die Nanny“) gibt sich ein weitere populärer Gaststar in Folge 18 ein Stelldichein, als die berechtigte Frage aufgeworfen wird, was aus Alf eigentlich werde, wenn die Tanners einmal alt und gebrechlich sein sollten. Ans Herz geht Folge 19, in der Alf eine gealterte Film-Diva – und notgedrungen auch andere Bewohner – im Altersheim aufsucht, sich dabei indes vollkommen unvorsichtig, fast fatalistisch allen zu erkennen gibt. Richtig stark ist dann noch einmal Episode 21, in der Umweltschutzthemen angesprochen und skrupellose Konzerne karikiert werden. Danach verkommt die Serie auf ihren letzten Metern vollends zur Seifenoper. Urplötzlich empfängt Alf Signale anderer Melmacer und beschließt, mit ihnen einen neuen Planeten zu besiedeln, was einen rührseligen Abschied einläutet. Dabei hätte man gut daran getan, diesen Prozess über mehrere Folgen auszudehnen, statt mit einem ultrafiesen Cliffhanger zu enden und Jahre später einen doofen TV-Film (der hierzulande tatsächlich in die Kinos fand) nachzuschieben, der allein schon daran krankt, dass er ohne die Tanners auskommen muss. Geplant war dies jedoch anders, doch die fünfte Staffel wurde nie realisiert.

So endete diese Serie in den USA im Jahre 1990 reichlich unrühmlich, nachdem sie so stark begonnen, jedoch ungefähr ab Mitte der dritten Staffel beständig nachgelassen hatte. Dennoch gab es – wie beschrieben – immer wieder herausragende Folgen und der positive Gesamteindruck überwiegt auch aus unverklärter Sicht. Die viertel Staffel hatte ich damals, 1991, gar nicht mehr gesehen und erst als Erwachsener „nachgeholt“. Alf ist verdientermaßen ins popkulturelle Langzeitgedächtnis übergegangen, sein Einfluss ist unermesslich und überwiegend verbindet man positive Erinnerungen mit dem großnasigen, verfressenen Fellknäuel. 1987 und ’88 kam es mit „Alf – Erinnerungen an Melmac“ und „Alf im Märchenland“ zu zwei Zeichentrickserien-Auskopplungen, an die ich mich ebenfalls gern erinnere und wenn ich auf irgendeinem Flohmarkt in einer Grabbelkiste einen „Tommi Piper singt Alf“-Tonträger entdecke, wird der natürlich eingesackt.

„Sieh mal, Brian, wenn du nicht zur Schule gehst, dann wirst du nichts lernen und du wirst den ganzen Tag zu Hause rumhängen, viel essen und nur fernsehen.“ – „Aber ich möchte so werden wie du, Alf!“

In diesem Sinne...
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 16. Mär 2017, 01:05

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Mrs. Brisby und das Geheimnis von NIMH

„Sie sagte: ,Geh zu den Ratten!’“

Dem ehemaligen US-amerikanischen Disney-Zeichner Don Bluth („Feivel, der Mauswanderer“) sagt man nach, er habe den Disney-Zeichentrickfilmen mehr Ernsthaftigkeit verliehen. 1979 verließ er mit seinen Kollegen Goldman und Pomeroy Disney, um gemeinsam eine eigene Produktionsfirma zu gründen. Nach zwei Kurzfilmen debütierte er 1982 mit der Zeichentrickverfilmung des Romans „Frau Frisby und die Ratten von Nimh“ Robert C. O’Briens. Für das Fantasy-Abenteuer wurde aus Frau Frisby Mrs. Brisby, bei der es sich um eine Mäusefamilienmutter handelt. Dem Tierreich wurden hier wie so oft menschliche Charakterzüge verliehen.

Maus-Mama Mrs. Brisby hat es nicht leicht: Ihr Mann Jonathan ist gestorben und ihr Sohn Timmy leidet unter einer Lungenentzündung, wegen der er das Bett hüten muss. Da der Bauer im Begriff ist, sein Feld zu pflügen, steht der „Tag des Umzugs“ unmittelbar bevor, denn der Pflug bedeutet Lebensgefahr und Verlust des Heims für die Mäuse. Nachdem es zunächst gelang, diesen hinauszuzögern, nimmt Brisby in ihrer Verzweiflung allen Mut zusammen und lässt sich vom Raben Jeremy zur alten Eule fliegen, um diese nach Rat zu fragen. Die weise Eule instruiert sie, die Ratten im Rosenbusch aufzusuchen, da diese ihr würden helfen können. Von Nicodemus, dem Anführer der Ratten, erfährt sie Unglaubliches: Zusammen mit einigen Mäusen waren die Ratten im „National Institute of Mental Health“, kurz: „NIMH“, Tierversuchen ausgesetzt, die ihre Intelligenz steigerten. Mithilfe Jonathan Brisbys gelang ihnen die Flucht. Die Ratten haben beschlossen, weiter nach Thorn Valley zu ziehen und die Behausung der Brisbys mit umzusiedeln. Doch das Lager um den niederträchtigen Jenner ist gegen diesen Plan und sabotiert ihn...

„Wir können einfach nicht mehr länger als Ratten leben. Wir wissen zu viel.“

Der Prolog verdeutlicht bereits, dass andere – in diesem Falle Nicodemus – mehr über Jonathan Brisbys Tod wissen als dessen Witwe, woraus der Film seine geheimnisvolle Stimmung bezieht. Den Handlungsaufbau nutzt Bluth darauf zunächst zur Vorstellung der verschiedenen Charaktere, angefangen bei Mrs. Brisby und Mr. Ages, den sie um Medizin für Timmy bittet, über die stets unzufriedene, Mrs. Brisbys Kinder hütende Mäusetante Shrew und den tollpatschigen Raben Jeremy bis hin zur bösen und gefährlichen Katze Dragon. Menschen kommen lediglich am Rande vor.

Die Zeichnungen sind überaus niedlich gelungen, werden später jedoch, passend zur Handlung, zunehmend düsterer. Der Mrs. Brisby mit seinem geheimnisvollen, den Fantasy-Anteil der Geschichte stützenden Amulett beobachtende Rattenanführer wurde ebenso gruselig gestaltet wie die große Eule und Mrs. Brisbys Besuch bei derselben. Der nachtaktive Greifvogel zerquetscht auch schon mal eine Spinne und frisst einen Schmetterling. Vor allem aber der Kampf der Ratten untereinander ist angesichts der eine kindliche Zielgruppe suggerierende Altersfreigabe (FSK 6) bisweilen regelrecht hart und grausam inkl. tödlichem Ausgang. So richtig zusammenpassen will das nicht mit den Slapstick- und Gesangseinlagen, die ebenso Teile des Films sind.

Genial hingegen ist es, auf welche Weise das Thema Tierversuche aufgegriffen und zu einer Art entscheidendem Wendepunkt und Aha-Effekt des Films erklärt wird. Das ist derart fantastisch, dass es den Fantasy-Anteil eigentlich gar nicht mehr gebraucht hätte, der im Finale eine große, nicht minder entscheidende Rolle spielt. Darüber hinaus werden die Zuschauer dafür sensibilisiert, welche kleinen Säugetiere auf und an den Felder leben und welchen Gefahren sie durch die Landwirtschaft ausgesetzt sind. Zweifelsohne überwiegt der positive Eindruck, den dieser Film auf Jung und Alt hinterlassen sollte und wer sich für abendfüllende, familientaugliche Zeichentrickfilme abseits der Disney-Produktion interessiert, kommt an Bluth’ Regiedebüt nicht vorbei.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 17. Mär 2017, 15:54

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Kollege kommt gleich!

Der erste Spielfilm des französischen Regisseurs Claude Sautet („Schieß, solange du kannst“)
aus der ‘80er-Dekade wurde 1983 „Kollege kommt gleich!“, der mit dem gleichnamigen deutschen Film aus dem Jahre 1943 offenbar lediglich gemeint hat, dass im Mittelpunkt ein Kellner steht. Sautet widmet sich in seinem Film, der sich einer eindeutigen Genre-Zuordnung entzieht, dem amourösen und libidinösen Treiben des Kellners Alex (Yves Montand, „I wie Ikarus“).

Der alternde Brasserie-Kellner und ehemalige sowie erfolglose Entertainer Alex hat ein Strandgebiet ohne Bauerlaubnis erhalten, lebt mit dem sich ebenfalls als Garçon verdingenden Hypochonder Gilbert (Jacques Villeret, „Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe“) in einer WG zusammen und ist ansonsten weitestgehend ungebunden, weil geschieden und kinderlos. Als er seine Jugendbekanntschaft Claire (Nicole Garcia, „Copkiller“) wiedertrifft, entwickelt sich eine Liebesaffäre zwischen beiden…

Der vollkommen in Vergessenheit geratene „Kollege kommt gleich!“ ist kein Episodenfilm, wie es manch Inhaltsangabe glauben machen will, sondern ein grobes Porträt eines Mannes mittleren Alters, der in einer Art Midlife-Krise steckt, dies aber weder wahrhaben will noch sich anmerken lässt. Dies erwähnt der Film dann auch mit keiner Silbe, sondern muss der Zuschauer sich selbst erschließen. Dieser beobachtet Alex bei einem Spaziergang über sein Strandgebiet, einem glücklicherweise glimpflich ausgehenden Autounfall und beim hektischen Betrieb im Restaurant inkl. cholerischen Küchenchefs, der einen Einblick in französische Esskultur abseits der Haute cuisine gestattet.

Als Alex seine junge Affäre Coline (Dominique Laffin, „Giganten der Landstraße“) beim Stepptanz abholt, eröffnet ihm diese, dass sie das Techtelmechtel beende und mit ihrem Freund Richard zusammenziehe. Als er kurz darauf nach vielen Jahren Claire wiedertrifft, lebt diese seit Kurzem von ihrem Mann François (Georges Claisse, „Die Nacht der Generale“) getrennt. Alex sucht sie in der Sprachschule auf, stellt ihr nach und macht ihr Avancen. Zusammen fährt man in François‘ Wohnung, um ihre noch dort lagernde Sachen abzuholen, der François ist überraschend zu Hause und es kommt zum Konflikt. Letztlich hat Alex Claire aber für sich gewonnen. Als Zuschauer bekommt man sein Bild französischer Flirtkunst zurechtgerückt, denn Alex geht lediglich bedingt charmant vor.

Auf seinem Strandgrundstück plant Alex ein Vergnügungsbad, muss jedoch einen Geldgeber finden. Diesen findet er in Gloria (Rosy Varte, „Liebe auf der Flucht“), einer weiteren Ex-Affäre, mit der er offenbar nie offiziell schlussgemacht hat. Auch Coline ist es nicht sonderlich gut ergangen, sie ist schon wieder solo. Gloria muss sich eingestehen, dass Alex lediglich Geld von ihr möchte, das sie ihm trotzdem vorschießt. Es scheint also wieder ganz gut für Alex zu laufen, doch am Strand gesteht ihm Claire, dass sie nun doch zu ihrem Mann zurückkehren werde. Alex reagiert nicht begeistert, trägt’s aber mit Fassung. In seiner Männerrunde erhebt er das Glas, doch bei der Vergnügungsbadeinweihung steht er sprichwörtlich im Regen.

Bei „Kollege kommt gleich!“ muss man zwischen den Zeilen lesen, denn Alex‘ Gefühlswelt bleibt nicht nur unausgesprochen, sondern gänzlich im Verborgenen – was vermutlich eines der Probleme dieses Mannes ist, der bindungsunfähig oder -willig ist, sich jedoch langsam aber sicher eingestehen müsste, dass ihm seine Felle davonschwimmen, möchte er nicht als einsamer Rentner enden. Damit einher geht jedoch eine irritierende Oberflächlichkeit des Films, der derart unemotional ausgefallen ist, dass es schwerfallen kann, den richtigen Zugang zu finden. So erfährt man beispielsweise nie, was Alex und seinen Affären jeweils überhaupt aneinander gefiel – wofür in ihrer Schnelllebigkeit indes auch kaum Zeit bliebe. Als Drama kann ich Sautets Film nicht guten Gewissens einordnen, denn dramatisch wurde er in keiner Weise inszeniert. Yves Montand ist eine gute Besetzung; mit seinem Mienenspiel schafft er es, über alle unwirtlichen Entwicklungen geflissentlich hinwegzulächeln. Als versierter Schauspieler weiß Montand, wie er einen Schauspieler, der Alex in meiner Interpretation ist, zu spielen hat. Der fröhliche Orchester-Soundtrack mit seinen Streichern und Bläsern klingt da wie das Pfeifen im Walde.
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 20. Mär 2017, 16:11

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Death - The Ultimate Horror

Die genaue Herkunft dieser Shockumentary, die von einem Label namens „Sync Entertainment“ per DVD auf den deutschen Markt gebracht wurde, ist unbekannt. Jene DVD lag jahrelang ungesehen bei mir herum, nachdem sie bei den mich erreichten Filmen aus einer Sammlungsauflösung dabei war. Mit durchaus gemischten Gefühlen legte ich sie schließlich eines Tages ein und hoffte auf eine debile Fälschungssammlung à la „Faces of Death“ o.ä., angereichert mit ein paar exotischen Ritualen nach Mondo-Art, doch mitnichten: Ein Label mit dem Begriff „Entertainment“ im Titel hat hier tatsächlich reale Archivaufnahmen brutaler Todesfälle als Horror-Unterhaltung deklariert.

Die Aufnahmen wurden in acht verschiedene Kapitel nach Themen unterteilt und beginnen unmittelbar mit einer Exekution per Erschießung irgendwo in Afrika, die zeigt, wie langsam auch Gewehrsalven töten können. U.A. wird dem Opfer ins Gesicht geschossen – Bilder, die mich noch immer verfolgen. Ein anderer Beitrag dokumentiert, wie jemandem als Bestrafung Hände und Füße abgetrennt werden. Diese Szenen gehörten für mich zu den härtesten. Bei vielen anderen sieht man „lediglich“ die Resultate von Explosionen, Morden etc. oder auch gar keine Opfer wie bei zahlreichen Flugzeugabstürzen. Wer Stiere aufhetzt und von ihnen auf die Hörner genommen wird, ist wiederum selbst schuld, solche Aufnahmen lassen mich eher kalt. Fußball-Krawalle, internationale Einsatztruppen bei afrikanischen Stammesunruhen etc. schinden viel Zeit und fallen verhältnismäßig „harmlos“ aus, verfügen bisweilen jedoch auch über grausame Gewaltspitzen. Der Film endet mit dem Selbstmord des Politikers Robert Budd Dwyers vor laufender Kamera; ein zutiefst tragischer Fall, glücklicherweise scheint es für Dwyers schnell vorbei gewesen zu sein.

Viele dieser Aufnahmen wurden offenbar bereits in ähnlich gelagerten Shockumentarys verwendet. Viele stammen von TV-Sendern und verfügen noch über deren Originalkommentare, andere werden von einem mehr oder weniger reißerischen Sprecher – jeweils im nicht untertitelten englischsprachigen O-Ton – kommentiert. Das eine oder andere Kapitel wurde möglicherweise nachträglich durch die Zusammensteller dieses Films mit Musik unterlegt. Allen Kapiteln gemeint ist, dass sie so gut wie keine Hintergrundinformationen zum Gezeigten oder Einordnungen desselben bieten, wohlwissend, dass die Gaffer- und Mutproben-Zielgruppe daran vermutlich ohnehin kein Interesse hätte.

Es ist mir bewusst, wie reizvoll es als Heranwachsender sein kann, im Fernsehen normalerweise nicht gezeigte reale Todesszenen einmal zu sehen, aus jugendlicher Neugier das i.d.R. dann noch ferne Thema Tod betreffend heraus oder zum Ausloten eigener Schmerzgrenzen. Doch scheint es auch darüber hinaus eine Klientel zu geben, für die solche Filme zusammengestellt werden – eine, mit der ich so wenig wie möglich zu tun haben möchte. Aus Profitgründen diese anhand solcher Filme zu bedienen und das reale Leid fremder Menschen auf diese Weise auszuschlachten und zur Befriedigung kranker Voyeurismus als Unterhaltungsprodukt feilzubieten, empfinde ich als ebenso abstoßend und widerwärtig wie viele der gezeigten Szenen.

Auch, wenn ich es in dieser Form ganz sicher nicht gebraucht hätte und ohnehin täglich daran erinnert wurde, führte mir der in drei oder vier Teilstücken gesehene „Death – The Ultimate Horror“ noch einmal vor Augen, welch kaltblütige Bestie der Mensch sein kann und welches Unheil Waffen anrichten. Einen positiven Aspekt möchte ich diesem Stückwerk indes auf keinen Fall andichten, sondern im Gegenteil vor dessen Verstörungspotential warnen. Das war mit Sicherheit der letzte Film dieser Art, den ich mir angeschaut habe. So sehr ich mich an Splatter- und Gore-Spezialeffektkunst erfreuen kann, so sensibel reagiere ich auf reales Grauen. Wem diese Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität insofern schwerfällt, dass er auch aus echten Todes- und Verstümmelungsszenen Unterhaltungswert und Zerstreuung bezieht oder ihm diese gar lieber sind als Kunstblut, Latexmasken und Schleimgeglibber, ist mit Vorsicht zu genießen...
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Re: bux t. brawler - Sein Filmtagebuch war der Colt

Beitragvon buxtebrawler » 21. Mär 2017, 17:50

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Mad Jake

„In der Zeitung stand, 100 Familien gehen jährlich verloren und werden nie wieder gesehen!“

US-Regisseur Tucker Johnstons einziger Film ist der 1990 erschienene Backwood-Terror-Beitrag „Mad Jake“, bei dem es sich entweder um ein dreistes Tobe-Hooper-Rip-Off oder aber um eine Hommage an denselben handelt. Als ausführender Produzent trat kurioserweise der Box-Weltmeister Evander Holyfield in Erscheinung, der auch eine kleine Nebenrolle bekleidet.

„Abschleppen ist mein Geschäft!“

Die querschnittsgelähmte April (Lori Birdsong, „High Desert Kill“) befindet sich mit ihren Eltern (Laura Whyte, „Nacht des Terrors - Mord in New York City“ und John Saxon, „Tenebrae“) und ihrem kleinen Bruder (Andy Greenway, „Kevins Cousin allein im Supermarkt“) auf der Rückfahrt von einem Schönheitswettbewerb, als sich auf einer Landstraße ein Reifen des Wohnmobils löst. Kfz-Schrauber und Schrotthändler Jake (Danny Nelson, „Mutant II“) eilt ihnen zur Hilfe und schleppt das Gefährt auf sein Grundstück ab, wo er vorgibt, es reparieren zu wollen. Eigentlich verfolgt er jedoch ganz andere Pläne: Zusammen mit seinen Söhnen Hiram (Christian Hesler) und dem zurückgebliebenen Roy (Ralph Pruitt Vaughan, „Leader of the Band“) betreibt der fromme Jake einen Organhandel, um ähnlich frommen, jedoch vom Schicksal durch Krankheit gebeutelten Mitmenschen zu helfen. An die Körperteile gerät er dadurch, dass Hiram mit seinem mit Spikes besetzten Auto Durchreisende regelmäßig von der Straße abdrängt. Seit Jake durch die Misswahl von April erfuhr, ist er besessen von der Idee, ihre motorischen Fähigkeiten wiederherzustellen…

„So ein Irrenhaus!“

Eine verhallte Industrial-Klangkulisse und Bilder einer Maschine, die abgelöst werden von Hirams Spike-Gefährt, das ein Auto rammt, während jemand aus dem Off über Leben und Gerechtigkeit sinniert und Bibelverse zitiert, bilden den Prolog Johnstons Films, der dem Zuschauer daraufhin April und ihre Familie im Rahmen der ländlichen Misswahl in Stonewall County Peach vorstellt. Bereits dort sollte Hiram April entführen, doch ein Polizist funkte störend dazwischen. Also „vergnügt“ sich Hiram zunächst einmal beim Kirmesboxen, das er schnell gegen Evander Holyfield verliert, der damit auch seinen Auftritt hatte. Statt April gewinnt eine Tina (Suzanne Ventulett, „Alabama - Saat des Hasses“) die Wahl und mehr oder weniger enttäuscht begibt man sich auf die Heimfahrt, auf der es zur verhängnisvollen Panne kommt.

Auch fortan hangelt sich „Made Jake“ an zahlreichen Subgenre-Klischees entlang: Natürlich werden fleißig Zeitungsauschnitte gesammelt, das Abfangen Durchreisender, um sie wie Vieh (bzw. Pflanzen) respektive menschliche Ersatzteillager zu halten, kennt man beispielsweise ebenso aus „Hotel zur Hölle“ wie die Bibelfestigkeit, das Bruderpaar scheint „Muttertag“ entsprungen, der mit den Missetätern unter einer Decke steckende Polizist sowie die frauenlose degenerierte Familie gehen auf Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“-Konto und dass sich Jake & Co. einen lebenden Alligator halten, ist offensichtlich Hoopers „Blutrausch“ geschuldet.

So wird ein Familienmitglied Aprils nach dem anderen geschnappt, bis sich nur noch April mit einem Gewehr im Wohnmobil verschanzt, doch schließlich auch sie unterliegt. Eine der stärksten Szenen des Films ist die Präsentation der betäubten Menschen, die sich Jake als Organfarm hält. Als ginge es um alltägliche Handelswaren, unterhält er sich mit seinem Stammkunden Mr. Stone (Ray Walston, „Planet des Schreckens“), während er sich nebenbei um April kümmert und ihr ein Serum spritzt. Eine Vergewaltigung Aprils kann gerade noch abgewendet werden und [Achtung, Spoiler!] überraschenderweise kann sie am Ende tatsächlich wieder laufen, erweist sich jedoch als überaus undankbar… Der dramaturgische Weg zu diesem Quatsch ist – ob im Rollstuhl oder ohne – leider etwas arg langatmig geraten und auch in Sachen Blut und Verderben gibt sich „Mad Jake“ bis auf eine unappetitlich angedeutete OP-Szene wenig explizit. Dafür ist der langgezogene Showdown ganz in Ordnung und bietet die eine oder andere gelungene Überraschung.

Trotz seiner Kreuzung altbekannter Backwood-Terror-Motive mit klassischer Frankenstein-Thematik verkommt Johnstons Film zu einer sogar leicht unterdurchschnittlichen, leidlich schwarzhumorigen End-‘80er-Ansammlung von Genre-Klischees, die allesamt bereits wesentlich zielführender, spannender und spektakulärer verhandelt wurden. An den Schauspielern liegt es dabei gar nicht unbedingt, wenn Johnston mit einem John Saxon auch offenbar nur wenig anzufangen weiß und Lori Birdsong von einem charismatischen Final Girl weit entfernt scheint. Pointierte Orchesterklänge erinnern angenehm an die alte Schule, weitere Akzente kann aber auch die musikalische Untermalung nicht setzen. Somit bleibt ein wenig erinnerungswürdiger Subgenre-Beitrag, der vor allem mangels eigener Ideen auf der Strecke bleibt und auch seine Hommagen-Karte nur unzureichend ausspielen kann. Mehr als 4,5 von 10 „Amen“ entlockt man mir damit nicht.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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