Stars of Exploitation # 34 - Antonio Margheriti

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Stars of Exploitation # 34 - Antonio Margheriti

Beitragvon DrDjangoMD » 16. Feb 2012, 21:55

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Leben und Werk

Antonio Margheriti wurde 1930 im Rom geboren. Früh schon begeisterte er sich für Filme und wollte sich unbedingt selbst in der Traumfabrik versuchen, auch wenn dies von seiner Familie nicht gutgeheißen wurde. Seine Frühwerke bestehen aus einigen Drehbüchern und kleineren Regiearbeiten.
Auch Spezialeffekte gehörten zu seinem Interessensbereich. Diese stellte er nicht nur für seine eigenen Filme (die oft voll mit Modellen und Explosionen sind) her, sondern auch für einige andere Filme, darunter „Todesmelodie“, welcher mit Abstand der explosionsreichste Leone-Film ist.
Nachdem er auch als Regisseur seinen Durchbruch geschafft hatte, leistete er Beiträge zu fast allen Genres, welche die italienische Kinoproduktion in den 60ern, 70ern, 80ern und 90ern zu bieten hatte. Angefangen bei Sandalenfilmen, Komödien und Italowestern über Horror- und Sci-Fi-Filme bis hin zu Gialli und Kriegsfilmen findet man überall Produktionen unter seiner Regie.
Meistens trat er dabei unter seinem Pseudonym Anthony M. Dawson auf. Hierzu eine kleine Anekdote: Als es darum ging, sich einen amerikanisch klingenden Namen zuzulegen wollte das Antönchen (nicht zu verwechseln mit dem Anthönchen Steffen) einfach seinen Nachnamen ins Englische übersetzen und sich demnach Anthony Daises nennen. Er bekam jedoch die Rückmeldung, dass dieser Name mit einer englischen Aussprache ein wenig schwul klingen würde, weswegen sich Margheriti auf Dawson festlegte.
Mitte der 90er zog sich Antonio aus dem Filmgeschäft zurück und starb schließlich 2002 mit 72 Jahren an einem Herzinfarkt.

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Stil und Einstellung zum Filmen

Das Schönste an seinen Filmen ist meiner Meinung nach, dass man jedem einzelnen von ihnen Margheritis Liebe zum Filmemachen ansieht. Wie er selbst sagte ging es ihm nicht darum Kunst zu fabrizieren, sondern einfach zu unterhalten. Offenbar wusste er, dass wenn eine Crew Spaß am Drehen hat, die Zuseher Spaß am Film haben und so findet man in Margheritis Filmen nie mies gelaunte Darsteller oder hastige Inszenierungen sondern stets vergnügte Akteure und viel Liebe zum Detail.
Seine Filme haben, wie ich finde, zwei unterschiedliche Stile: Entweder sind sie hoch atmosphärisch oder äußerst trashig. Erstere zeigen, dass Margheriti offenbar gotischen Horror sehr mochte und er bringt Gotik-Elemente nicht nur in seine Grusler, sondern würzt auch seine Gialli und Italowestern mit ihnen. Die Trashfilme Margheritis erwärmen durch sympathische Rollen und dilettantische aber sehr sehr niedliche Spezialeffekte die Herzen aller Freunde des schlechten Geschmacks.
Margheriti arbeitete oft mit gleichen Personen zusammen. Von Seiten der Darsteller ist da in erster Linie Luciano Pigozzi zu nennen, der fast in keinem Margheriti-Film fehlt.

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Einige seiner Filme

Il Pianeta degli uomini spenti (Kein deutscher Titel vorhanden) (1961)
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Früher Sci-Fi-Trash Margheritis, der zwar noch einige Längen hat, jedoch durch eine phantasievolle Weltraum-Kulisse, einen alternden Claude Rains im Vordergrund und einen jungen Giuliano Gemma im Hintergrund unterhält.

Fünf blutige Stricke (1968)
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Italowestern, bei dem Margheriti neben einer spannenden Geschichte und einer actionreichen Inszenierung damit überzeugt, dass er einige Horror-Elemente in das Western-Genre einfließen lässt.

Sieben Jungfrauen für den Teufel (1968)
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Ein Giallo, der von seinem Stil noch stark an klassische Krimis vom Schlage eines Edgar Wallace erinnert und mit sehr vielen sympathischen und noch mehr zwielichtigen Charakteren aufwartet, so dass wir einerseits gefesselt werden, weil wir um unsere Lieblinge bangen und andererseits, weil wir uns vor Gärtner Pigozzi und Co. fürchten.

Satan der Rache (1969)
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Margheritis berühmtester Italowestern, nicht nur weil Klaus Kinski diesmal in der Heldenrolle zu sehen ist, sondern vor allem wegen der düsteren unheimlichen und stark an den Horrorfilm angelegten Inszenierung.

Schreie in der Nacht (1969)
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Der Film beginnt wie ein Giallo, wandelt sich gegen Ende jedoch in einen Gruselfilm um. Antonios Drehbuch bekommt dabei nicht ganz die Kurve doch seine Regie bringt so viele klassische Horror-Elemente hinein, dass es eine Freude ist.

Dracula im Schloss des Schreckens (1971)
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Bis jetzt mein Liebling unter Margheritis Gruselfilmen. Zeit und Ort der Handlung ist überschaubar klein gehalten, doch die Atmosphäre sprengt alle Rahmen. Der Horror zeichnet sich nicht durch übertriebene Effekte aus, sondern durch eine unheimliche Stimmung, die am Anfang einsetzt und bis zum Ende bestehen bleibt und dieses kleine Filmchen zu einem Lehrstück, wie ein guter Gruselfilm zu sein hat, macht. P.S. Und Kinski als Edgar Alan Poe ist der Wahnsinn.

Sieben Tote in den Augen der Katze (1973)
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Wenn man sich fragt, wie wohl ein vom Hammer-Studio inszenierter Giallo aussehen würde, sollte man sich diesen Margheriti-Film ansehen. Das Setting, die Kostüme und der ganze Ton des Filmes erinnert stark an die guten alten englischen Gruselfilme, komplett mit gotischem Schloss und Mann im Gorillakostüm.

Zwei tolle Hunde in Hongkong (1973)
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Als billige Spencer/Hill-Nachmache ist dieser Film dumm, albern und verfügt über mehr rassistische Stereotypen als „Star Wars: Episode 1“. Doch Margheriti schafft es zu retten was zu retten ist und inszeniert rasant genug, so dass der Film besser unterhält als so mancher andere italienische Klamaukfilm.

In meiner Wut wieg’ ich vier Zentner (1974)
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Spaßiger Spätwestern mit Lee Van Cleef, der, da er nicht so albern wie durchschnittliche Spaßwestern ist, aber sich alles andere als ernst nimmt, gut zu unterhalten weiß. Er ist zwar nicht bewegend oder ansprechend, aber dafür umso mehr unterhaltend und spaßig.

Einen vor den Latz geknallt (1975)
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Margheriti mischt hier den Italowestern mit dem in Amerika boomenden Blacksploitation-Genre. Obwohl der Film meiner Meinung nach nicht so spaßig oder atmosphärisch daherkommt wie Margheritis andere Western, bietet er immer noch genug Witz und Spannung für einen unterhaltsamen Abend. Außerdem ist Lee Van Cleef wieder mit an Bord.

Jäger der Apokalypse (1980)
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In dieser Apokalypse-Now-Nachmache kopierte Margherriti das amerikanische Original so blind für die eigentlichen Besonderheiten des Filmes, dass sein „Jäger der Apokalypse“ mehr albern wirkt als bewegend. Dafür hat er den Streifen aber so mit Action vollgepumpt, dass er nie wirklich langweilig wird.

Asphaltkannibalen (1980)
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Verglichen mit anderen Filmen des kontroversen Kannibalengenres, unterscheidet sich Margheritis Beitrag nicht nur dadurch, dass er den Ort der Handlung vom Urwald in die Großstadt verlegte und den Kannibalen einige Zombie-Eigenschaften andichtete, sondern auch dadurch, dass er sich nicht auf den Gore beschränkt, sondern den Film mit einer düsteren Atmosphäre und einer gewissen Portion ansprechender Tragik ausgestattet hat. Er bringt die Zuseher dazu mit John Saxons melodramatischen Charakter mitzufiebern und das macht den Film aufregend und ansprechend. Dies und eine wunderbare Performance von Giovanni Lombardo Radice natürlich.

Einer gegen das Imperium (1983)
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Die Frage nach dem „besten“ Margheriti-Film ist schwierig. Was Atmosphäre angeht würde ich mich wohl für „Satan der Rache“, „Dracula im Schloss des Schreckens“ oder „Asphaltkannibalen“ entscheiden, doch der Film, den ich am meisten liebe ist zweifellos „Einer gegen das Imperium“. Keinen zweiten Film Margheritis habe ich so oft angesehen und kein zweiter zaubert ein so breites Lächeln auf mein Gesicht wie dieser hier.
Als Vierteiler gedreht, später aber auf glorreich kurzweilige 80 Minuten runtergeschnitten zählt die Geschichte über den Steinzeitmann Yor, welcher auf der Suche nach seiner Vergangenheit mit allerlei Urtierchen kämpft und schließlich auf einer futuristischen mit Raumschiffen und Robotern ausgestatteten Insel landet, zu meinen absoluten Lieblingsfilmen.
Durch die starke Kürzung erscheint die Inszenierung unglaublich rasant, Dinosaurierpuppen und Miniaturen wurden mit so viel Liebe vor die Kamera gesetzt und vor allem die Charaktere sind wirklich zum gernhaben. Neben einem grinsenden blondperückten Reb Brown als Yor gilt dies natürlich besonders für Luciano Pigozzis Rolle Pag. Pigozzi, mittlerweile schon sichtlich in die Jahre gekommen, spielt den üblichen alten Begleiter der Helden, der in anderen Filmen nur für Humor zu sorgen hätte und für die Story unnütz wäre, oder nur dazu da wäre um in einer dramatischen Szene zu sterben…aber nicht hier! Sein Pag trotzt allen Klischees und wird zu einer nützlichen heldenhaften Figur, die Yor mehr als einmal das Leben rettet.
Und außerdem ist der Titelsong des Filmes der Wahnsinn, denn Yor ist der Mann!!!

Geheimcode Wildgänse (1984)
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Anstatt gezwungen Tragik erzeugen zu wollen und damit total zu versagen, so wie in „Jäger der Apokalypse“, legt Margheriti bei diesem Söldner-Streifen gleich sein Hauptaugenmerk auf eine leicht verdauliche Geschichte, mit ganz netten Charakteren, nicht unsympathisch, aber auch nicht allzu gutherzig. Margheriti verheimlicht hier keine Sekunde, dass der Film nur ein kurzweiliges Unterhaltungskino ist und genau deswegen funktioniert er so gut. Deswegen und wegen Lee Van Cleef und Klaus Kinski die sowieso immer Laune machen.

Das Alien aus der Tiefe (1989)
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Der Übergang von einem Dschungelabenteuer mit Green-Peace-Ambitionen zu einer Alien-Nachmache ist zwar ein wenig plump, aber sowohl die erste als auch die zweite Hälfte machen getrennt gehörig Spaß, so schlecht sie auch zusammen passen mögen. Trotz all der niedlichen Miniaturen, die ständig in die Luft gejagt werden und einem Luciano Pigozzi, der wieder ziemlich cool agiert, kommt der Film aber trotzdem nicht ganz an den Genialität von „Einer gegen das Imperium“ heran.

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Ranking

Ich habe versucht die Margheriti-Filme, die ich bis jetzt gesehen habe, in einem Ranking zu reihen. Dies jedoch nicht nach Anspruch oder wie überzeugend oder fesselnd sie auf mich wirkten, sondern wie gerne ich sie habe, wie oft ich sie mir anschauen würde, wie sehr ich sie liebe. Daher ist auch die Wertung neben den Film als Unterhaltungswert und nicht streng objektiv zu sehen:

1. Einer gegen das Imperium (10/10)
2. Dracula im Schloss des Schreckens (9/10)
3. Asphaltkannibalen (9/10)
4. Sieben Jungfrauen für den Teufel (9/10)
5. Fünf blutige Stricke (9/10)
6. Satan der Rache (9/10)
7. In meiner Wut wieg’ ich vier Zentner (8/10)
8. Geheimcode Wildgänse (8/10)
9. Sieben Tote in den Augen der Katze (7/10)
10. Das Alien aus der Tiefe (7/10)
11. Einen vor den Latz geknallt (7/10)
12. Jäger der Apokalypse (6/10)
13. Schreie in der Nacht (6/10)
14. Il Pianeta degli uomini spenti (5/10)
15. Zwei tolle Hunde in Hongkong (4/10)

…unterhaltsam, spaßig und empfehlenswert sind sie jedoch ausnahmslos alle!!!

Für weitere Infos und eine Fülle toller Bilder schaut doch mal auf http://www.antoniomargheriti.com/

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Re: Stars of Exploitation # 34 - Antonio Margheriti

Beitragvon untot » 17. Feb 2012, 15:27

Sehr schöner Bericht Doc 2! :thup:
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Re: Stars of Exploitation # 34 - Antonio Margheriti

Beitragvon buxtebrawler » 17. Feb 2012, 17:40

Respekt, Spitzenarbeit, Doc2! :thup: Haste ganz toll gemacht!

Und Wahnsinn, wie viele Filme vom Margheritchen du schon kennst :?
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Stars of Exploitation # 34 - Antonio Margheriti

Beitragvon jogiwan » 17. Feb 2012, 17:55

Jupp - geilo! Den "Einen gegen das Imperium" muss ich jetzt wohl endlich mal gucken! :?
it´s fun to stay at the YMCA!!!



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Re: Stars of Exploitation # 34 - Antonio Margheriti

Beitragvon buxtebrawler » 17. Feb 2012, 21:32

jogiwan hat geschrieben:Jupp - geilo! Den "Einen gegen das Imperium" muss ich jetzt wohl endlich mal gucken! :?


Ich auch, fürchte ich :palm:
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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