Der Horrorfilm - Mehr als nur Zombies und Innereien: Teil 3

Länderübergreifendes, allgemeines Forum zum Thema Film

Moderator: jogiwan

Der Horrorfilm - Mehr als nur Zombies und Innereien: Teil 3

Beitragvon horror1966 » 28. Aug 2012, 11:03

Der Splatter / Gore Film
- Eine Übersicht -


In der heutigen Zeit gilt es eigentlich als normal, das die beiden Begriffe Splatter und Gore im Horror-Genre zusammengehören, obwohl es sich hier um 2 verschiedene Stilrichtungen handelt.

Wo beim Splatterfilm eher die explizite Gewaltdarstellung im Vordergrund steht, so ist es beim Gorefilm eher das Endprodukt der Gewalt, das durch Nahaufnahmen besonders ins Bild gerückt wird.

In der Frühzeit des Horrorfilms galten solche Gewaltszenen als vollkommen verpönt, obwohl Splatterszenen schon in den Avantgarde-Filmen des Surrealismus vorkamen. So drehte zum Beispiel Luis Bunuel zusammen mit Salvador Dali 1928 den Kurzfilm Un Chien Andalou (Ein andalusischer Hund), in dem es eine berühmte Szene gibt, in der ein Auge mit einer Rasierklinge zerschnitten wird.

Erste, aber ganz zarte Ansätze von Splatter erlebte der Horrorfilm mit den ersten Gruselfilmen der Hammer Studios, in denen eigentlich zum ersten Mal viel rotes Blut auf der Leinwand verteilt wurde und abgetrennte Gliedmaßen gezeigt wurden. Filme wie Frankensteins Fluch von 1957, oder Dracula von 1958 gelten hier indirekt als die Ahnen des Splatter / Gore Films, wenn auch nur indirekt. Aber der eigentliche Erfinder des Splatter / Gore Films ist Herschell Gordon Lewis, der 1963 mit Blood Feast den ersten richtigen Film dieser Art rausbrachte. Die Idee zu dem Film kam ihm beim anschauen eines Gangsterfilms, in dem Menschen durch Maschinengewehrsalven niedergestreckt wurden, aber diese Szenen vollkommen unblutig in Szene gesetzt waren.Der Film war so erfolgreich, das man 1964 gleich Two Thousand Maniacs und Color Me Blood Red nachschob. Diese 3 Filme gelten heute als die sogenannte Blut-Trilogie. Noch zu erwähnen wäre hier, das Blood Feast bei Produktionskosten von lediglich 24.000 $ mehr als 6,5 Millionen Dollar erwirtschftet hat.

In den 70er und frühen 80er Jahren gerieten die Ikonen des klassischen Horrorfilms vollends in den Hintergrund und wurden von mordlüsternen Psychopaten und Kannibalen abgelöst. Frankenstein, Dracula & Co. waren nicht mehr angesagt, die Welle der harten Filme begann. So machten in den frühen Siebzigern Filme wie The last House on the left, oder The Texas Chainsaw Massacre auf sich aufmerksam und sorgten für Furore. Menschen wurden mit Kettensägen zerteilt, Frauen vergewaltigt und auch sonst wurde der Horrorfilm immer gewalttätiger. Mit diesen Terrorfilmen wurde eine vollkommen neue Richtung im Genre eingeschlagen. Aber es war auch die absolute Hochzeit der sogenannten Mondo-und Kannibalenfilme, die einen noch nicht gesehenen Härtegrad hervorbrachten. Diese Filme leben letztendlich wirklich nur von den gezeigten Gewaltdarstellungen und haben rein filmisch gesehen nicht wirklich viel zu bieten. Filmen wie Mondo Cannibale von 1972, mit dem Regisseur Umberto Lenzi praktisch den Startschuß gab, folgten Werke wie Lebendig gefressen (1980), oder Cannibal Ferrox (1981), die beide von R. Lenzi stammen, um hier nur einige Beispiele zu nennen. Aber als eigentlicher Höhepunkt des Kannibalenfilms gilt der 1978 erschienene Cannibal Holocaust (Nackt und zerfleischt) von Ruggero Deodato. Dieser Film wird von eingefleischten Fans sogar als Meisterwerk bezeichnet, wobei dieser Begriff wohl etwas mehr beinhalten sollte, als vollkommen sinnloses Gemetzel.

Auch der Zombiefilm ist ein nicht unwesentlicher Eckpfeiler des Splatter / Gore Film. George A. Romero hatte ja schon 1968 mit seinem Night of the living Dead für sehr viel Aufsehen gesorgt, da hier die Untoten das erste Mal als wirklich bedrohliche Kreaturen dargestellt wurden. Allerdings hielt sich in diesem Film die Härte noch in leicht überschaubaren Grenzen. Das änderte sich allerdings schlagartig, als 1978 sein nächster Streich Dawn of the Dead erschien, der heute ja längst einen verdienten Kultstatus besitzt. Zur Bedrohlichkeit kam jetzt noch die Härte hinzu, es gab Fresszenen in nie gezeigtem Maße, Köpfe wurden weggeschossen und Innereien aus Körpern gerissen. Da dieser Film so extrem erfolgreich war, sprangen jetzt auch die Italiener auf den Zombie-Zug auf. So drehte zum Beispiel Lucio Fulci kurzerhand ein inoffizielles Sequel mit dem Namen Woodoo-Schreckensinsel der Zombies, das 1979 erschien. bekannt ist der Film auch unter dem Titel Zombie 2, obwohl er rein gar nichts mit Romero's Werk zu tun hat. Italien produzierte daraufhin Zombiefilme wie am Fließband, am bekanntesten dürften wohl Filme wie Ein Zombie hing am Glockenseil von Fulci (1980), oder In der Gewalt der Zombies von Joe D'Amato von 1981 sein.

Aber der italienische Horrorfilm hatte durchaus nicht nur Zombiefilme zu bieten, es gab auch Regisseure wie Dario Argento, die dem Horrofilm auf andere Art und Weise ihre Referenz erwiesen. Er zeigte den Horrorfilm eher von der künstlerischen Seit, was er 1977 mit seinem gotischen Hexenfilm Suspiria unter Beweis stellte. Hier wurden klassische und neue Elemente des Horrorfilms miteinander vereint, eine ordentliche Portion Härte hinzugefügt und herrliche, sehr kräftige Farbkompositionen geschaffen. Suspiria war übrigens der Auftakt der 3 Mütter-Trilogie, ihm folgten noch Inferno und in diesem Jahr endlich der Abschloß Mother of Tears. Auch ansonsten hat Argento gerade in der damaligen Hochzeit des italienischen Splatter / Gore Films noch Klassiker wie Deep Red, oder auch Phenomena geschaffen. Als Hommage an die wirklich große zeit des italienischen Horrorfilms kann man übrigens den 2003 erschienenen DellaMorte DellAmore sehen, der den Zombiefilm mit dem künstlerischen Horrorfilm perfekt verbindet und so einen ziemlich aussergewöhnlichen Film darstellt.

1982 erschien die US-Produktion Tanz der Teufel von Sam Raimi und dieser Film, die ja mittlerweile zu den absoluten Meilensteinen des Genres gehört. Dieser Film schlug wieder eine erwas neuere Richtung ein, nämlich den Fun-Splatter. Aber über diese Richtung wird an anderer Stelle noch einmal ausführlicher zu sprechen sein, nur soviel, die neue Kombination aus extremer Härte und sehr viel Humor sollte bis in die heutige Zeit ihre Früchte tragen.

Auch die Japaner brachten mit der Guinea Pig Reihe Filme auf den Markt, in denen es dem Zuschauer suggeriert wurde, das es sich um sogenannte Snuff Filme handeln würde. Diese Filme gelten noch immer mit als das härteste und vor allem krankeste, was der Splatter / Gore Film je hervorgebracht hat.

In den 90er Jahren erreichte Splatter-und Gore nicht mehr nur den Horror-Bereich, sondern schwappte auch in den sogenannten Maistream-Film. So wurden Filme wie Natural Born Killers (1994) von Oliver Stone, oder auch Starship Troopers (1997) zu absoluten Kultfilmen und begeisterten auch die breite Masse. Selbst Filme wie Mel Gibson's Die Passion Christi wären ohne das Splatter / Gore Sub-Genre in dieser Form nicht denkbar.

Nun sind wir mittlerweile in der Gegenwart angelangt, in der die meisten Splatter / Gore Filme Remakes der alten Klassiker sind. So gab es in den letzten Jahren Neuauflagen von Dawn of the Dead (2004), The Hills have Eyes (2006), oder auch The Texas Chainsaw Massacre von 2003. Aber es gibt natürlich nicht nur diese Neuauflagen, Filme wie zum Beispiel Haus der 1000 Leichen (2003), The Devil's Rejects (2005), die beide von Rob Zombie sind, bringen immer wieder frischen Wind in das Genre. Doch der absolute Hit der letzten Jahre und sicher einer der besten Splatter / Gore Filme überhaupt kommt aus Frankreich und heisst High Tension. Mit diesem Film wird dem Zuschauer nicht nur jede Menge Härte, sondern auch eine tolle Story geboten, bei der man schon höllisch aufpassen muß, um den Film auch wirklich zu verstehen. Abschließend kann man wohl sagen, das dieses Sub-Genre wohl eine der beliebtesten Arten des Horrorfilms überhaupt darstellt, vor allem bei der jüngeren Generation.Wollen wir jedenfalls hoffen, das uns auch in nächster Zeit noch viele und vor allem gute Filme aus diesem Bereich beschert werden.
Bild Big Brother is watching you
Benutzeravatar
horror1966
 
Beiträge: 5597
Registriert: 06.2010
Wohnort: Hildesheim
Geschlecht: männlich

Re: Der Horrorfilm - Mehr als nur Zombies und Innereien: Tei

Beitragvon dr. freudstein » 28. Aug 2012, 13:13

:popcorn: :thup:
dr. freudstein
 
Beiträge: 14495
Registriert: 12.2009
Geschlecht: männlich

Re: Der Horrorfilm - Mehr als nur Zombies und Innereien: Tei

Beitragvon jogiwan » 28. Aug 2012, 14:03

ist "Die Passion Christi" jetzt eigentlich gory oder splattrig? :?
it´s fun to stay at the YMCA!!!



» Es gibt 1 weitere(n) Treffer aus dem Hardcore-Bereich (Weitere Informationen)
Benutzeravatar
jogiwan
 
Beiträge: 24714
Registriert: 12.2009
Wohnort: graz / austria
Geschlecht: männlich

Re: Der Horrorfilm - Mehr als nur Zombies und Innereien: Tei

Beitragvon Adalmar » 28. Aug 2012, 14:38

Interessanter Text, der viele Diskussionsansätze bietet. Einige Sätze würde ich allerdings nicht unterschreiben, aber das muss ja auch nicht so sein.

Diese Unterscheidung zwischen Splatter- und Gorefilm lese ich so zum ersten Mal, gibt es dafür irgendeine Quelle? Das frage ich nur aus Interesse und nicht aus Misstrauen o. ä.

horror1966 hat geschrieben:Aber als eigentlicher Höhepunkt des Kannibalenfilms gilt der 1978 erschienene Cannibal Holocaust (Nackt und zerfleischt) von Ruggero Deodato. Dieser Film wird von eingefleischten Fans sogar als Meisterwerk bezeichnet, wobei dieser Begriff wohl etwas mehr beinhalten sollte, als vollkommen sinnloses Gemetzel.


Cannibal Holocaust beinhaltet ja auch viel mehr als sinnloses Gemetzel, z. B. sicher ebenso viel Gesellschaftskritik wie z. B. Dawn of the Dead und nebenbei ein frühes Beispiel des pseudodokumentarischen Horrors à la Blair Witch Project oder [REC]. Wenn schon, dann müsste man auch viele andere Horrorklassiker als sinnloses Gemetzel bezeichnen.

Ist "The Evil Dead" von Raimi wirklich "Funsplatter"? Das Etikett würde ich eher den Fortsetzungen vorbehalten.

Nun sind wir mittlerweile in der Gegenwart angelangt, in der die meisten Splatter / Gore Filme Remakes der alten Klassiker sind.


Das möchte ich bestreiten. Natürlich gibt es viele Remakes heutzutage, aber in der Mehrheit sind sie sicher nicht.

Übrigens würde ich ein paar der genannten Filme wie z. B. die Argento-Klassiker nicht als Splatter- oder Gorefilme bezeichnen, denn das hieße die Filme zu Unrecht mehr oder weniger auf ihre zugegebenermaßen sehr blutigen Gewaltszenen zu reduzieren.
Bild
シリアルエクスペリメンツレイン
Benutzeravatar
Adalmar
 
Beiträge: 4317
Registriert: 05.2011
Geschlecht: männlich

Re: Der Horrorfilm - Mehr als nur Zombies und Innereien: Tei

Beitragvon purgatorio » 28. Aug 2012, 14:59

horror1966 hat geschrieben:
Wo beim Splatterfilm eher die explizite Gewaltdarstellung im Vordergrund steht, so ist es beim Gorefilm eher das Endprodukt der Gewalt, das durch Nahaufnahmen besonders ins Bild gerückt wird.



Ich würde mich Adalmar anschließen und nach dem Ursprung dieser zaghaften Definition fragen wollen :nick:

und Cannibal Holocaust ist in der Tat in einigen Punkten ziemlich meisterlich konzipiert und umgesetzt worden. Das Gesamtmeisterwerk ist es zwar nicht, dafür führt es seine eigens angebrachten Kritikpunkte durch Selbstrezeption ad absurdum, es handelt sich aber innerhalb des Genres um den absoluten Höhepunkt, da es eben mehr als sinnloses Gemetzel gibt (zumal dieses hier - und NUR hier - glaubwürdig erklärt ist, wenn auch später häufig und dankbar falsch rezensiert)
Bild
Im Prinzip funktioniere ich wie ein Gremlin:
- nicht nach Mitternacht füttern
- kein Wasser
- kein Sonnenlicht
Benutzeravatar
purgatorio
 
Beiträge: 14257
Registriert: 04.2011
Wohnort: Dresden
Geschlecht: männlich

Re: Der Horrorfilm - Mehr als nur Zombies und Innereien: Tei

Beitragvon horror1966 » 28. Aug 2012, 15:00

Nun ja, es gibt natürlich etliche Filme, die im Prinzip mehreren Sub-Genres zugeordnet werden können. Ich habe jedoch damals beim Verfassen dieses Artikels ganz bewusst einige Werke hier eingeordnet, die sicherlich auch anderen Kategorien zugeordnet werden können. Zur Unterteilung der beiden Versionen Splatter-und Gore gibt es auch diverse Artikel im Netz, beispielsweise bei Wikipedia. Fast selbstverständlich werden in der heutigen zeit im Prinzip beide Dinge fast immer im gleichen Atemzug genannt, aber dennoch unterscheiden sie sich doch ungemein. Eine genaue Differenzierung wird zwar selten vorgenommen, doch Gore ist im Prinzip ja das fertige Endergebnis diverser Splatter-Orgien. Wenn ihr das anders seht ist das vollkommen in Ordnung, der Artikel soll ja auch zu angeregten Diskussionen führen. :mrgreen:
Bild Big Brother is watching you
Benutzeravatar
horror1966
 
Beiträge: 5597
Registriert: 06.2010
Wohnort: Hildesheim
Geschlecht: männlich

Re: Der Horrorfilm - Mehr als nur Zombies und Innereien: Tei

Beitragvon dr. freudstein » 28. Aug 2012, 22:40

Also Gore wird im allgemeinen als die Fortführung von Splatter bezeichnet, noch eine Spur härter. Es wird nicht nur abgehackt und genüßlich im Körper rumgestochert, sondern sich richtig drin ausgetobt, Grenzen gibt es keine mehr, alles ist erlaubt (natürlich nur für den Filmemacher)
dr. freudstein
 
Beiträge: 14495
Registriert: 12.2009
Geschlecht: männlich

Re: Der Horrorfilm - Mehr als nur Zombies und Innereien: Tei

Beitragvon horror1966 » 28. Aug 2012, 23:15

dr. freudstein hat geschrieben:Also Gore wird im allgemeinen als die Fortführung von Splatter bezeichnet, noch eine Spur härter. Es wird nicht nur abgehackt und genüßlich im Körper rumgestochert, sondern sich richtig drin ausgetobt, Grenzen gibt es keine mehr, alles ist erlaubt (natürlich nur für den Filmemacher)



So kann man es natürlich auch ausdrücken. :thup:
Bild Big Brother is watching you
Benutzeravatar
horror1966
 
Beiträge: 5597
Registriert: 06.2010
Wohnort: Hildesheim
Geschlecht: männlich


Zurück zu "Film allgemein"


 

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Akasava_Teufel und 3 Gäste

web tracker