Cinefest 2013: Verboten! Film-Zensur in Europa

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Cinefest 2013: Verboten! Film-Zensur in Europa

Beitragvon ugo-piazza » 17. Okt 2013, 20:17

Cinefest 2013
X. Internationales Festival des deutschen Film-Erbes
Hamburg: 16.-24.11.2013


eine Veranstaltung von CineGraph und Bundesarchiv-Filmarchiv

Verboten!
Film-Zensur in Europa


2013 beschäftigt sich cinefest unter dem Motto Verboten! Filmzensur in Europa mit den vielfältigen Formen der Einflussnahme auf Produktion, Distribution und Aufführung von Filmen quer durchs 20. Jahrhundert. Was von Politikern, Gesetzgebern oder Institutionen der Filmwirtschaft für unerwünscht und verboten erklärt wurde, durfte gar nicht oder nur entschärft auf der Leinwand erscheinen. cinefest präsentiert bekannte und unbekannte »Fälle« aus Deutschland, Österreich, Großbritannien, der Tschechoslowakei und den USA, die zum Objekt (nicht nur) staatlicher Eingriffe wurden.

Im Visier der Filmprüfstellen in der Weimarer Republik standen zunächst besonders die »Sittenfilme« über gefallene Mädchen und kriminelle Typen in anrüchigem Großstadtmilieu, deren soziale Problematik oft als Vorwand für spekulative Erotik galt. Reinhold Schünzels DS MÄDCHEN AUS DER ACKERSTRASSE Ackerstraße (1919/20), die tragische Beziehungsgeschichte zwischen einer verzweifelten jungen Frau und einem weltfremden Professor, wurde nachträglich wegen »entsittlichender Wirkung« verboten, Gustav Ucickys CAFÉ ELEKTRIC (1927) um einen wiener Zuhälter (Willi Forst) und eine abenteuerlustige Tochter aus gutem Hause (Marlene Dietrich) kam wegen zu positiver Darstellung des Dirnenmilieus erst nach drastischen Kürzungen in die Kinos. Das Abtreibungsdrama CYANKALI (1930) nach dem umstrittenen Bühnenstück von Friedrich Wolf wurde als tendenziöses Pamphlet gegen den § 218 zunächst verboten und nur in entschärfter Version freigegeben. Der berühmteste politische Zensurfall der 1920er Jahre war Sergej M. Eisensteins Revolutionsepos PANZERKREUZER POTEMKIN, das zeitweilig wegen »Gefährdung der öffentlichen Sicherheit« verboten war und beim cinefest in der gekürzten Nadeltonfassung von 1930 mit der Originalmusik von Edmund Meisel zu sehen ist.

Unter den Filmen mit »kommunistischer, sexueller oder pazifistischer Tendenz«, die von den Nationalsozialisten gleich nach der Machtübernahme aus den Kinos entfernt wurden, war auch Heinz Pauls Antikriegsfilm DIE ANDERE SEITE (1931), weil die schonungslose Schilderung des Fronterlebnisses aus englischer Sicht für die neuen Machthaber einen »zersetzenden Einfluß auf den deutschen Wehrwillen« hatte. Gustav Machatýs avantgardistisch-erotisches Beziehungsdrama EKSTASE (1932) wurde dagegen wegen »gröbster Spekulation auf niedrigste Instinkte« verboten und sorgte noch 1950 in BRD-Kinos für Tumulte katholischer Jugendgruppen. Das Verbot von Willy Zielkes Dokumentar-Spielfilm DAS STAHLTIER (1935) ist wohl auf die Reichsbahn zurückzuführen, die sich zur Feier ihres 100. Jubiläums eher einen kundenfreundlichen Imagefilm als ein avantgardistisches Montagegewitter mit ungeschminkten Laiendarstellern gewünscht hatte. Als »Betriebsunfall« der inzwischen staatlich gelenkten Filmproduktion ist Karl Ritters Fliegerdrama BESATZUNG DORA (1942/43) um Frauengeschichten und Kameradschaft einer Fernaufklärerbesatzung zu sehen, das bei Zensurvorlage bereits von der Kriegsentwicklung überholt war.

1950 provozierte die verständnisvolle Darstellung von Prostitution, Selbstmord und Tod auf Verlangen in Willi Forsts DIE SÜNDERIN, einem Melodram um einen todkranken Maler (Gustav Fröhlich) und eine Hure mit Herz (Hildegard Knef), den ersten Filmskandal der jungen Bundesrepublik mit Boykottaufrufen, Demonstrationen und Polizeiverboten. Als 1957 in Veit Harlans DAS DRITTE GESCHLECHT eine Mutter (Paula Wessely) ihren Sohn (Christian Wolff) mit der Haustochter verkuppelte, um ihn den Abgründen der gleichgeschlechtlichen Liebe zu entreißen, witterte die FSK »Propaganda für die männliche Homosexualität« und gab den Film erst nach gravierenden Kürzungen und Hinzufügung nachgedrehter Szenen unter dem Titel ANDERS ALS DU UND ICH (§ 175) frei. Dass auch internationale Verleiher sich als »Zensoren« betätigten, um Unmut bei FSK und Publikum vorzubeugen, belegt die um 20 Minuten gekürzte deutsche Fassung von CASABLANCA, in der 1952 per Schnitt und Synchronisation die Nazis um Major Strasser (Conrad Veidt) komplett eliminiert wurden. DOROTHEAS RACHE, Peter Fleischmanns drastische Sexfilm-Parodie über ein hamburger Mädel, das die Liebe sucht und auf dem Kiez in die Abgründe der kommerzialisierten Erotik gerät, wurde 1974 vom hamburger Amtsgericht wegen »Verbreitung unzüchtiger Darstellungen« beschlagnahmt, vom Landgericht jedoch als satirischer »Anti-Porno« wieder freigegeben.

Auch die umfassende staatliche Lenkung der Filmherstellung in DDR und ČSR konnte Filmverbote nicht verhindern, wenn sich die Parteilinie und damit die Zulassungskriterien durch ideologische Richtungswechsel und weltpolitische Ereignisse veränderten. DAS BEIL VON WANDSBEK (1950/51), nach Arnold Zweigs Exil-Roman über einen hamburger Schlachtermeister, der sich von den Nazis als Henker anwerben lässt, wurde zurückgezogen, weil er Mitleid mit dem Schicksal eines Mitläufers erregte statt die Verdienste des antifaschistischen Widerstands herauszustellen. Der von Günther Stahnke bei der DEFA fürs Fernsehen gedrehte MONOLOG FÜR EINEN TAXIFAHRER (1962), eine ins Surreale gleitende Odyssee eines Taxifahrers durch das weihnachtliche Ost-Berlin, verdankte die Absetzung dagegen seinen angeblich »formalistischen« und »nihilistischen« Tendenzen. KARLA (1965) erzählte offen von Aufbruch und Scheitern einer idealistischen Junglehrerin (Jutta Hoffmann) und wurde zusammen mit anderen Produktionen nach dem 11. Plenum des ZK der SED verboten, weil er sich zu kritisch mit gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzte. Iris Gusners DIE TAUBE AUF DEM DACH (1972/73), die melancholische Liebesgeschichte einer Bauingenieurin zwischen einem älteren Brigadier und einem jungen Studenten auf einer Großbaustelle, konfrontierte die offiziellen Ideale der Arbeiterklasse mit der kleinbürgerlichen Realität und wurde deshalb als Angriff auf den Sozialismus gewertet. Rainer Simons JADUP UND BOEL(1979-81), ein selbstkritischer Rückblick der Aufbau-Generation auf die Diskrepanz zwischen frühen Hoffnungen und düsterer Realität, wurde unter intensiver Beobachtung der Stasi fertiggestellt, dann aber als letzter DEFA-Spielfilm verboten und erst kurz vor der »Wende« aufgeführt.

In der Tschechoslowakei wurde das satirische Gegenwartsmärchen TŘI PŘÁNÍ 1958 zur Zielscheibe eines filmpolitischen »Kahlschlags«, weil sich der Slowake Ján Kadár und der Tscheche Elmar Klos zu viele ironische Seitenhiebe auf die Schwierigkeiten des sozialistischen Alltags leisteten. HOŘÍ, MÁ PANENKO! (1967), Milos Formans groteske Komödie um den Jahresball einer freiwilligen Feuerwehr in der tschechischen Provinz, wurde als böse Parabel auf das kommunistische Herrschaftssystem verstanden und nach Niederschlagung des Prager Frühlings in den Tresor verbannt. Dasselbe Schicksal ereilte Pavel Juráčeks PŘÍPAD PRO ZAČÍNAJÍHO KATA (1969), eine visuell überwältigende, surreale Satire nach Motiven aus Swifts »Gullivers Reisen«. Auch Věra Chytilovás PANELSTORY ANEB JAK SE RODÍ SÍDLIŠTĚ (1979), eine überdrehte Komödie über das chaotische Leben und Treiben in einer halb fertiggestellten Hochhaussiedlung, verriet den Zensoren eindeutig zu viel über die Missstände in der Gesellschaft. Mit JA MILUJEM, TY MILUJEŠ, einer Tragikomödie zweier Junggesellen zwischen Alkohol und Frauengeschichten, zeichnete Dušan Hanák 1980 ein schonungsloses Bild des slowakischen Landlebens, das ebenfalls nicht den Vorstellungen der Machthaber entsprach.

Beispiele für Kontroversen zwischen dem von der Filmindustrie gegründeten BBFC (British Board of Film Censors / Classification), den Regionalbehörden und der Öffentlichkeit in Großbritannien sind drei klassische Konfliktfälle um die Darstellung von Sex und Gewalt. Der Gangsterfilm NO ORCHIDS FOR MISS BLANDISH (1948) galt der Presse als »the most sickening exhibition of brutality, perversion, sex and sadism ever to be shown on a cinema screen«. Ken Russells THE DEVILS (1970), ein orgiastisches Schauergemälde um Teufelsaustreibung und sexuelle Hysterie nach einem historischen Fall aus dem 17. Jahrhundert, ist nach diversen Verstümmelungen und Verboten erst seit 2012 wieder durch eine BFI-Restaurierung in seiner ursprünglichen Fassung zugänglich. Der heftig umstrittene Schocker A CLOCKWORK ORANGE (1970/71), eine von Stanley Kubrick nach dem Roman von Anthony Burgess gedrehte negative Utopie über eine gewalttätige Jugendgang in London unter ihrem sadistischen Anführer Alex, wurde nach Berichten über Nachahmungstaten und Morddrohungen vom Regisseur aus dem Verkehr gezogen – ein eigentümlicher Fall von Selbst-Zensur.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Cinefest 2013: Verboten! Film-Zensur in Europa

Beitragvon ugo-piazza » 17. Okt 2013, 20:22

Die Filmvorstellungen finden im Kommunalen Kino Metropolis (Kleine Theaterstrasse, neben der Staatsoper) statt.
Kartenreservierung: Tel.: +49-(0)40-342353


Alle Filmvorführungen werden durch fachkundige Einführungen begleitet.

Sonnabend 16. November


19.00 Eröffnungsgala mit Gästen
Verleihung des Reinhold Schünzel-Preises
Kurzfilm-Programm
Wie sich der Kientopp rächt
D 1912/13. Gustav Trautschold. 12 min, stumm
Professor Moralsky zieht gegen den »Schundfilm«zu Felde, wird aber von findigen Filmleuten als Heuchler entlarvt.
Musikbegleitung: Marie-Luise Bolte
Polizeibericht - Überfall
D1928. Ernö Metzner. ca. 15 min
Ein »Verbrecherfilm«, der mit dem Fund eines falschen Geldstücks beginnt – »entsittlichend und verrohend«.
Musikbegleitung: Marie-Luise Bolte
Rafel mai amech izabi almi
CS 1969. Jiří Gold. 10 min
Experimentalfilm, der nach dem Ende des Prager Frühlings nur als Kurzfassung in Filmclubs laufen durfte.
Die Rebläuse
DDR 1965. Rudolf Thomas. 11 min
Kritischer Handpuppenfilm über mangelhaftes Krisenmanagement auf einem Güterbahnhof.


Musikalisches Rahmenprogramm mit dem Chor am deutschen Elektronen-Synchrotron Hamburg (DESY)


Sonntag, 17. November


12.00 Hoří, má panenko! (Der Feuerwehrball / Anuschka – es brennt mein Schatz)
CS 1967, Miloš Forman. 74 min
mit Jan Vostrcil, Josef Sebánek, Josef Valnoha
Satirische Komödie um den Jahresball einer freiwilligen Feuerwehr in der tschechischen Provinz, der in lauter kleinen Katastrophen endet. Forman war mit seinen Komödien einer der erfolgreichsten Exponenten der Neuen Welle und machte nach Ende des Prager Frühlings auch in Hollywood Karriere – u.a. Oscars für ONE FLEW OVER THE CUCKOO'S NEST und AMADEUS.
Einführung: Wolf Schmid, DTG
Mit freundlicher Unterstützung der Deutsch-Tschechischen Gesellschaft Hamburg DTG

14.00 Bronenosez »Potëmkin« (Panzerkreuzer Potemkin)
SU 1925. Regie: Sergej M. Eisenstein. 50 min (Dt. Nadeltonfassung von 1930)
mit Aleksandr Antonov, Vladimir Barskij, Grigorij Alexandrow
Grandioser Höhepunkt der Stummfilmkunst oder »bolschewistische Zersetzungspropaganda«? Der jahrelange Zensurkrieg um das sowjetische Revolutionsepos in der Weimarer Republik führte zeitweilig zu einem Verbot wegen »Gefährdung der öffentlichen Sicherheit«.
Cinefest präsentiert als Special die in Wien entdeckte Nadeltonfassung von 1930 mit der Musik von Edmund Meisel.
Die digitale Rekonstruktion der deutschen Nadeltonfassung von 1930 ist ein Projekt der Universität der Künste Berlin, des Österreichischen Filmmuseums Wien und des Technischen Museums Wien mit Österreichischer Mediathek. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen des Projekts 'DVD als Medium kritischer Filmeditionen'.

Potemkin frei!
DDR 1974. Regie: Ulrich Weiß. 51 min
Mitwirkung: Günther Rücker, Hans Jendretzky, Hans Rodenberg
DDR-Dokumentation über die Bedeutung des Films in der Weimarer Republik und im Dritten Reich

Einführung: Martin Reinhart, Thomas Tode

17.00 Café Elektric
AT 1927. Regie: Gustav Ucicky. ca 90 min, stumm
mit Willi Forst, Marlene Dietrich, Fritz Alberti
Melodram aus der Wiener Halbwelt: Ein gewissenloser Zuhälter (Willi Forst) verführt ein abenteuerlustiges Mädchen aus gutem Hause (Marlene Dietrich), während ein braver Ingenieur versucht, eine junge Prostituierte aus ihrem Dasein zu »erlösen«. In Deutschland wegen zu positiver Darstellung des Dirnenmilieus erst nach drastischen Kürzungen freigegeben.
Musikbegleitung: Duo WeberWendt
mit freundlicher Unterstützung von Österreichisches Kulturforum


19.00 Dorotheas Rache
BRD/F 1973/74. Regie: Herbert Fleischmann. 92 min
mit Anna Henkel, Alexander von Paczensky, Gerhard Gommel, René Durand
Ein junges hamburger Mädel sucht die Liebe und gerät auf dem Kiez in die Abgründe der kommerzialisierten Erotik. Die drastische Sexfilm-Parodie wurde vom Amtsgericht Hamburg wegen »Verbreitung unzüchtiger Darstellungen« beschlagnahmt, vom Landgericht aber wieder freigegeben, weil die Richter den Film als satirischen »Anti-Porno« werteten.
Zu Gast: Peter Fleischmann
Empfohlen von FilmForum


21.15 No Orchids for Miss Blandish
GB 1948. Regie: St. John Legh Clowes. OV
mit Jack La Rue, Hugh McDermott, Linden Travers
Eine reiche Erbin wird entführt, gerät in einen Bandenkrieg und verliebt sich in ihren Entführer. Der Kriminalfilm nach dem Roman von James Hadley Chase löste kurz nach dem Krieg wegen seiner offenen Behandlung von Sex und Gewalt eine heftige Zensur-Kontroverse aus. Inzwischen hat »einer der schlimmsten Filme, die je gedreht wurden« (Leslie Halliwell) Kultstatus erreicht.
mit freundlicher Unterstützung vonPEP English



Montag, 18. November


17.00 Das Stahltier
D 1934/35. Regie: Willy Zielke. 70 min.
mit Aribert Mog, Max Schreck
Der Jubiläumsfilm zum 100. Geburtstag der deutschen Eisenbahn: Die eigenwillige Mischung aus historischen Spielszenen, einer Rahmenhandlung mit Bahnarbeitern und experimentellen Dokumentarsequenzen wurde wohl verboten, weil die Reichsbahn einen kundenfreundlichen Imagefilm und kein avantgardistisches Montagegewitter erwartet hatte.


Vorfilm: Zwei Windhunde
D 1934. Detlef Sierck [= Douglas Sirk]. 31 min
mit Fritz Odemar, Hans Herrmann-Schaufuß, Mady Rahl
Kurzfilm-Satire auf windige Geschäftspraktiken der »Systemzeit«. Die erste Fingerübung des späteren Meisterregisseurs wurde unter dem Titel »Zwei Genies« zunächst verboten und erst nach Überarbeitung zugelassen.
mit freundlicher Unterstützung von Film+TV Kameramann


19.00 Besatzung Dora
D 1942/43. Regie: Karl Ritter. 91 min
mit Hannes Stelzer, Josef Dahmen, Georg Thomalla, Ernst von Klipstein.
Champagner in Frankreich, Pelzmäntel an der Ostfront und Bauchtanz in Nordafrika: Die Gruppendynamik einer Fernaufklärer-Besatzung gerät durch komplizierte Frauen/Männer-Verhältnisse ins Schleudern. Von Propagandaminister Goebbels aufgrund der Kriegsentwicklung verboten, von den Alliierten Militärbehörden wegen Luftwaffenpropaganda auf den Index gesetzt.

21.15 Panelstory aneb Jak se rodí sídliště (Geschichte der Wände)
CS 1979. Regie: Věra Chytilová. 96 min, OmU
mit Lukáš Bech, Antonín Vaňha, Eva Kačírková
Angesichts der schlechten Wohnverhältnisse in Prag ziehen die Mieter bereits in einen neuen Plattenbau ein, während er noch in Bau ist. Chytilová, die mit Tausendschönchen (1966) einen der zentralen Filme der Neuen Welle gedreht hatte, legte sich auch zu Zeiten der »Normalisierung« mit den Mächtigen an. Panelstory wurde in der Tschechoslowakei unterdrückt, gewann aber in San Remo nur eine Goldmedaille.
mit freundlicher Unterstützung von PraHamburg




Dienstag, 19. November


17.00 Cyankali
D 1930. Regie: Hans Tintner. 90 min.
mit Grete Mosheim, Nico Turoff, Margarete Kupfer, Paul Henckels
Die junge Hete wird schwanger, doch ihr arbeitsloser Freund kann keine Familie ernähren. Die Suche nach einem Ausweg endet tragisch. Das sozialkritische Abtreibungsdrama nach dem umstrittenen Bühnenstück des Arztes und Kommunisten Friedrich Wolf wurde zunächst als tendenziöses Pamphlet gegen den § 218 verboten und nur unter diversen Schnittauflagen freigegeben.
Einführung: Evelyn Hampicke

19.00 Ja milujem, ty miluješ (Ich liebe, Du liebst)
CS 1980. Regie: Dušan Hanák. 96 min. OmU
mit Roman Klosowski, Iva Janžurová, Milan Jelič
Die tragikomischen Abenteuer zweier Junggesellen in der slowakischen Provinz beschränken sich auf Alkohol und Frauen. Der Film des renommierten slowakischen Spiel- und Dokumentarfilmer entstand bereits 1980, konnte jedoch erst Ende 1988 aufgeführt werden und erhielt dann bei der Berlinale 1989 einen Silbernen Bären für die beste Regie.
Einführung: Alexandra Strelková, Direktorin des Slowakischen Filmcentrums


21.15 Die andere Seite
D 1931. Regie: Heinz Paul. 100 min.
mit Conrad Veidt, Theodor Loos, Wolfgang Liebeneiner, Viktor de Kowa
Fünf britische Offiziere warten im Frühjahr 1918 an der Westfront auf die deutsche Schlussoffensive. Das packende Kammerspiel im Schützengraben schilderte die verheerenden Auswirkungen des Stellungskriegs auf die Psyche der Soldaten so schonungslos, dass es von den Nationalsozialisten 1933 wegen »zersetzenden Einflusses auf den Wehrwillen« wieder verboten wurde.
mit freundlicher Unterstützung von Bitter Grafik






Mittwoch, 20. November


17.00 Tři přání (Drei Wünsche)
CS 1958. Ján Kadár, Elmar Klos. 96 min. OmU
mit Rade Marković, Dítě Zdeněk, Tatjana Beljakova, Vlastimil Brodsk
Ein ironisches Märchen auf den sozialistischen Alltag. Der Slowake Ján Kadár und der Tscheche Elmar Klos, 1966 Oscar-Preisträger für Das Geschäft in der Hauptstraße, begannen ihre Film-Karriere bereits in den 1950er Jahren. Drei Wünsche entstand während eines kulturellen »Tauwetters« Ende der 1950er, wurde jedoch verboten, und die Filmmacher konnten erst nach fünf Jahren wieder einen Film drehen.


19.30 Kongress-Eröffnung mit Gästen und Verleihung der Willy Haas-Preise
Die Taube auf dem Dach
DDR 1972/73. Regie: Iris Gusner. 90 min
mit Heidemarie Wenzel, Günter Naumann, Lotte Loebinger
Die melancholische Liebesgeschichte einer Bauingenieurin zwischen einem älteren Brigadier und einem jungen Studenten auf einer der Großbaustellen des Sozialismus. Als Anfang der 1970er Jahre bei der DEFA der Schock des Kahlschlags von 1965 mit einer neuen Regie-Generation überwunden schien, wurde das Spielfilm-Debüt von Iris Gusner, einer der wenigen Regie-Frauen im DEFA-Studio, verboten.
zu Gast: Iris Gusner
mit freundlicher Unterstützung von MediaDesk



Donnerstag, 21. November


17.00 Verbotene DEFA-Trickfilme (Kurzfilmprogramm)
ca. 90 min
Gibt es blaue Mäuse? Was hat ein Ballett aus Punkten und Strichen mit sozialistischem Realismus zu tun? Wie subversiv dürfen Parabeln sein? Mit solchen Fragen schlugen sich die Trickfilmmacher der DEFA herum. Aus rund 750 Animationsfilmen, die zwischen 1955 und 1990 entstanden, zeigen wir zwölf verbotene, beschnittene oder beargwöhnte Beispiele.
Präsentiert von Ralf Schenk, DEFA-Stiftung


19.00 Jadup und Boel
DDR 1979-81. Regie:Rainer Simon. 103 min.
mit Kurt Böwe, Gudrun Ritter, Käthe Reichel, Michael Gwisdek
Ein selbstkritischer Rückblick der Aufbau-Generation in der DDR auf die Diskrepanz zwischen frühen Hoffnungen und düsterer Realität. Trotz – oder auch wegen – intensiver Beobachtung durch Studioleitung und Stasi wurde der Film zwar fertiggestellt, dann als letzter DEFA-Spielfilm verboten und erst kurz vor der »Wende« aufgeführt.
Zu Gast: Rainer Simon

21.15 Casablanca
US 1952. Regie: Michael Curtiz. 82 min. verstümmelte dt. Fassung von 1952!
mit Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Paul Henreid, Claude Rains
Nazis raus! Aus Rücksicht auf die Gemütsverfassung des Publikums in der Bundesrepublik eliminierte der Verleih 1952 kurzerhand die deutschen Nazi-Bösewichter um Conrad Veidt aus dem Film. Der Widerstandskämpfer Victor Laszlo verwandelte sich in einen Erfinder geheimnisvoller »Deltastrahlen«. Aus einem Antinazi-Melodram wurde ein exotischer Abenteuerfilm.
Einführung: Joseph Garncarz



Freitag, 22. November


17.00 Monolog für einen Taxifahrer
DDR 1962. Regie: Günter Stahnke. Buch: Günter Kunert. ca. 40 min
mit Fred Düren, Marianne Wünscher, Helga Göring, Agnes Kraus
Die Odyssee eines Taxifahrers durch das weihnachtliche Ost-Berlin. Nachdem die Fernsehoper Fetzers Flucht beim obersten Filmkritiker Walter Ulbricht Anstoß erregt hatte, wurde prompt die schon fertiggestellte, nächste Arbeit des Gespanns Stahnke und Kunert verboten, die weitere Zusammenarbeit untersagt. Ein Vorbote des »Kahlschlags« von 1965.
Einführung: Günter Agde
Zu Gast: Günter Stahnke, Günter Kunert


18.30 Anders als Du und ich (§175)
BRD 1957. Regie: Veit Harlan. 91 min
mit Christian Wolff, Paula Wessely, Paul Dahlke, Ingrid Stenn
Knabenverführer hören Elektronenmusik: Das Melodram um eine Mutter, die ihren Sohn mit der Haustochter verkuppelt, um ihn den Abgründen der gleichgeschlechtlichen Liebe zu entreißen, kam in Wien unbeanstandet zur Uraufführung. Von der FSK wegen »Propaganda für die männliche Homosexualität« erst nach gravierenden Kürzungen und Hinzufügung nachgedrehter Szenen freigegeben.
Zu Gast: Christian Wolff

21.15 Případ pro začínajícího kata
CS 1969. Regie: Pavel Juráčekn. 106 min
mit Lubomír Kostelka, Pavel Landovský, Klára Jerneková
Eine surrealistische Satire nach Motiven aus Swifts »Gullivers Reisen«. Als Juráček, einer der führenden Vertreter der Neuen Welle den Film 1970 ins Kino brachte, hatten die Truppen des Warschauer Pakts seine Heimat besetzt, und die Zeit der lähmenden »Normalisierung« setzte auch in der Filmindustrie ein. Der Film wurde kurz darauf verboten und Juráček konnte keinen weiteren Film realisieren.



Sonnabend, 23. November


17.00 Karla
DDR 1965. Regie: Herrmann Zschoche. 133 min.
mit Jutta Hoffmann, Jürgen Hentsch, Hans Hardt-Hardtloff, Rolf Hoppe
Eine junge idealistische Lehrerin versucht das, was ihr theoretisch an der Hochschule beigebracht wurde, bei ihrer ersten Anstellung auch praktisch ihren Schülern beizubringen – und scheitert, wie auch andere kritische Geister. Star dieses schönsten der Verbotsfilme in Folge des 11. Plenums der SED war Jutta Hoffmann in der Titelrolle.
zu Gast: Jutta Hoffmann

20.00 Das Mädchen aus der Ackerstraße
D 1919/20. Regie: Reinhold Schünzel. ca. 90 min
mit Lilly Flohr, Otto Gebühr, Rosa Valetti, Reinhold Schünzel
Klassischer »Sittenfilm« aus dem berliner Großstadtmilieu: Als ein weltfremder Professor eines Abends ein verzweifeltes junges Mädchen bei sich aufnimmt, gerät er in einen verhängnisvollen Strudel aus Leidenschaft, Intrigen und Erpressung. Das Missbrauchsdrama kam zunächst ins Kino, wurde aber 1923 nachträglich wegen »entsittlichender Wirkung« verboten.
Ein Schünzel-Klassiker zu dessen 125. Geburtstag.
Musikbegleitung: Marie-Luise Bolte
Einführung: Evelyn Hampicke

22:00 A Clockwork Orange (Uhrwerk Orange)
GB 1970/71. Regie: Stanley Kubrick. 137 min
mit Malcolm McDowell, Patrick Magee, Michael Bates
Nach dem Roman von Anthony Burgess drehte Kubrick diese negative Utopie über eine gewalttätige Jugendgang in London unter ihrem sadistischen Anführer Alex. Der Film wurde gefeiert, aber auch u.a. von Pauline Kael und Susan Sonntag verdammt. Auf Anraten der Polizei zog Kubrick den Film in Großbritannien für über 25 Jahre aus dem Verkehr – ein eigentümlicher Fall von Selbst-Zensur. In Deutschland lief er in einer von Kubrick gelobten Synchronfassung von Wolfgang Staudte.



Sonntag, 24. November


14.30 The Devils (Die Teufel)
GB 1970. Regie: Ken Russell. 111 min
mit Oliver Reed, Vanessa Redgrave, Dudley Sutton
Der exzentrische Kino-Berserker Ken Russell adaptierte Aldous Huxleys literarische Bearbeitung des Falls der Hexen von Loudon als wildes und bildgewaltiges Melodram. Wegen seiner freizügigen Abbildung der mittelalterlichen Verquickung von Sex und Religion musste der Film in verschiedenen Ländern gekürzt werden. Erst 2012 konnte das British Film Institute eine restaurierte Fassung herstellen.
In Kooperation mit Bizarre Cinema
Empfohlen von FilmForum


17:00 Die Sünderin
BRD 1950. Regie: Willi Forst. 87 min.
mit Hildegard Knef, Gustav Fröhlich, Robert Meyn
Bewegendes Melodram um eine Hure mit Herz und einen todkranken Maler. Obwohl die Story während der Produktion in Bendestorf mehrfach entschärft wurde, sorgte die verständnisvolle Darstellung von Prostitution, Selbstmord und Tod auf Verlangen für große Probleme bei der FSK und provozierte heftige Kritik der Kirchen, Boykottaufrufe, Demonstrationen und Polizeiverbote.

19.00 Extase
CS/AT 1932. Regie: Gustav Machatý. ca. 90 min.
mit Hedy Kiesler [=Lamarr], Aribert Mog, Zvonimir Rogoz
Avantgardistisch gefilmte Dreiecksgeschichte um eine unbefriedigte Ehefrau, ihren verknöcherten Gatten und einen knackigen Bauingenieur. Trotz offenherziger Nacktszenen in Prag und Wien problemlos zugelassen, in Deutschland wegen »gröbster Spekulation auf niedrigste Instinkte« verboten, sorgte der Skandalfilm noch 1950 für Kinotumulte katholischer Jugendgruppen.

21.15 Das Beil von Wandsbek
DDR 1950/51. Regie: Falk Harnack. 110 min.
mit Erwin Geschonneck, Käthe Braun, Willy A. Kleinau, Blandine Ebinger, Maly Delschaft
Nach Arnold Zweigs Exil-Roman über einen hamburger Schlachtermeister, der sich von den Nazis als Henker anwerben lässt. Der erste spektakuläre Zensurfall in der DDR: Weil er Mitleid mit dem Schicksal eines Mitläufers erregte, statt die Verdienste des antifaschistischen Widerstands herauszustellen, wurde der Film – nach einem Wink aus Moskau – abgesetzt und erst 1981 in restaurierter Fassung wieder aufgeführt.


http://www.cinefest.de/d/pro_filme.php
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Cinefest 2013: Verboten! Film-Zensur in Europa

Beitragvon Arkadin » 18. Okt 2013, 08:37

Eigentlich - wie immer beim Cinefest - Pflichtprogramm. Man müsste wirklich mal die vollen acht Tage mitnehmen. aber das schafft man ja eh nicht. Super interessant, aber ich werde es aus Zeitgründe wohl beim Kauf des danach immer erscheinen Buches belassen müssen.
Früher war mehr Lametta
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