Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Uli Edel (1981)

Moderator: jogiwan

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Uli Edel (1981)

Beitragvon ugo-piazza » 5. Jan 2010, 00:26

Gestern hab ich mir nach langer Zeit mal wieder Uli Edels 1981erVerfilmung von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" angesehen. Den Film hab ich vor über 20 Jahren mal im TV gesehen, als ich damals in meiner Jugend von meiner Mutter genötigt wurde, mir den Film zwecks Abschreckung vor der Welt der Drogen (was i.ü. funktioniert hat) anzusehen.

Und der Film funktioniert auch heute noch. Beim anschauen fielen mir glatt längst vergessene Bekannte aus meiner Jugend, von denen ich nie wieder was gehört habe. Edel drehte tatsächlich am Bahnhof Zoo, er fängt die Tristesse dort ein, er zeigt, wie Christiane und Detlef beim Entzug das Bettlaken vollkotzen, er benennt die Thematik der Beschaffungsprostitution.

Und während Edels Film (den man DVD für geringes Geld mittlerweile bekommt) tatsächlich den von manchen Eltern erwünschten Abschreckungseffekt erzeugt, ist Walter Boos' 1979 (also nach dem Erscheinen des Christiane F. Buchs, aber vor dessen Verfilmung) entstandener "Mädchen zwischen Schulbank und Bahnhof Zoo" aka "Die Schulmädchen vom Bahnhof Zoo" ein sehr merkwürdiges Filmchen, dass eher auf dubiose ältere Herrschaften als Zuschauer spekuliert haben mag. Dies schrieb ich kürzlich andernorts über diesen Film:

Filmischer Schnellschuß, den die Lisa-Film 1979 raushaute, nach dem Riesenerfolg des Buchs über Christiane F. "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und vor dessen Verfilmung durch Uli Edel.

Storymäßig hat man sich da natürlich auch angelehnt. Die Schülerin Petra ist verliebt in ihren Klassenkameraden Mick, doch der hängt an der Droge und will Petra da nicht mit hereinziehen und besorgt sich nun Geld als Stricher. Dabei kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Freier, der dabei sein verliert. Mick wird von der Polizei gesucht und will sein Leben mit dem "goldenen Schuß" beenden, wird aber just in diesem Moment auf dem Bahnhofsklo festgenommen. Dirk, ein weiterer Mitschüler, bemüht sich um Petra, er bringt sie nach Hause, nachdem sie auf ner Party zuviel gesoffen hat, er versetzt sein Mofa und gibt Petra die Kohle, damit sie das Geld zurückgeben kann, nachdem sie Mamis Urlaubssparstrumpf geplündert hatte, um H für Mick zu kaufen, und bringt sie im Ferienhaus seiner Eltern unter. Doch als Mick aus dem Knast entlassen wird (er war tatsächlich an dem Mord unschuldig), wird Dirk von Petra unverzüglich abserviert.

Der Film ist sehr eigenartig geraten. Auf der einen Seite hat er die typischen Teenie-Sex-Komödien-Elemente jener Zeit (ich sag nur: Tobias Meister...), auf der anderen Seite sind insbesondere die Szenen mit Petras Drogenabhängiger Freundin Doris, die sich ihr Geld in Peepshows und auf dem Strich zusammenklaubt (und dabei von ihrem "Freund" (sprich: Zuhälter) ausgebeutet wird, teilweise derartig schmierig geraten, dass es wahrlich nicht verwundert, dass der Film sich gleich unter 3 Titeln auf dem Index wiederfand. Verwunderlich ist vielmehr, dass alle 3 nach Zeitablauf nun wieder runter sind...

Und dann ist da noch die Tatsache, dass Petra von Katja Bienert gespielt wird. Als ich vor ca. 10 Jahren den Film das erste Mal sah, hab ich mich zwar kurz gefragt, wie alt die Katja damals gewesen sein mag. Kurz danach las ich zufällig ein Interview mit Frau Bienert, und angesichts der Angabe, dass sie damals kurz vor ihrem 12. (!) Geburtstag (ich hätte sie mindestens auf 16 geschätzt) stand, fiel mir doch ziemlich die Kinnlade runter. Ihre Mutter soll angeblich selbst im Film mitspielen, dennoch komme ich nicht drumherum: Wie kann auch trotz Katjas körperlicher Entwicklung auf die Idee kommen, ein Mädchen dieses Alters ständig nackt vor der Kamera rumlaufen lassen? Gleich zu Beginn ist Katja (wenn auch passiv) in eine Ponyplay-Szene von Doris verwickelt, wo Katja mit einer Peitsche in der Gegend rumsteht, während Doris einen Freier mit Sattel und Zaumzeug ausgestattet hat und auf ihm rumreitet. Später fokussiert Regisseur Walter Boos noch mal spekulativ in Großaufnahme auf Katjas Brüste, und unmittelbar danach wird sie von Freundin Biggi neben die Brüste geküsst. Pornografisch will ich das nicht nennen, aber die Darstellung unterlässt doch einen üblen Nachgeschmack. Es hat schon für weniger Sorgerechtsentzüge gegeben, und wenn man noch berücksichtigt, dass wegen der "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"-Verfilmung von Edel tatsächlich (natürlich erfolglose) Strafanzeigen wegen Pornografie gab (!), muss man richtig froh sein, dass jenen Leuten dieses Werk nicht in die Finger gefallen ist.

Da es eine Lisa-Produktion ist, hat natürlich Otto Retzer wieder einen unvergesslichen Auftritt.

Letztlich fragt man sich, wen man wohl als Zielgruppe für dieses Werk im Auge gehabt haben mag. Das fragt man sich beim nachfolgenden "Drei Schwedinnen auf der Reeperbahn" (ebenfalls von Boos für die Lisa gedreht) allerdings auch, der seit über 25 Jahren nur noch gekürzt erhältlich ist.


Jetzt, nachdem ich auch den Edel erneut gesehen habe, fällt mir erst so richtig auf, wie unterschiedlich die beiden Filme trotz mancher zwangsläufigen Parallele eigentlich gestaltet sind. Edel fährt auf der realistischen Schiene, Boos schwankt ständig zwischen Teenie-Komödie und Deep Sleaze.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (+ Rip-Off)

Beitragvon jogiwan » 5. Jan 2010, 10:29

"Christiane F" hab ich ja seinerzeit in jungen Jahren in der Schule gesehen und das war für alle Anwesenden schon sehr eindrucksvoll. Das es da auch noch ein deutsches Rip-Off gibt, wusste ich gar nicht. Aber an dieser Stelle möchte ich natürlich auch Rino di Silvestris "Hanna D - the girl from Vondel Park" nicht unerwähnt lassen... :roll:
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Re: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (+ Rip-Off)

Beitragvon dr. freudstein » 8. Sep 2010, 20:28

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Re: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (+ Rip-Off)

Beitragvon dr. freudstein » 27. Sep 2010, 13:29

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Re: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Uli Edel

Beitragvon Adalmar » 5. Mai 2013, 00:30

Absolut sehenswerter Film. Wie die sehr junge Natja Brunckhorst hier alles gibt bei der Darstellung der Christiane F., ist schon beeindruckend. Die männlichen Darsteller können da teilweise nicht ganz mithalten (Dialoge der kleineren Rollen klingen etwas aufgesagt), aber das sollte niemanden davon abhalten, sich diese denkwürdige Produktion anzuschauen. Ein Film mit so einem Thema muss sich natürlich mit der schwierigen Gratwanderung zwischen Verharmlosung oder sogar heimlicher Begeisterung und demgegenüber der zeigefingerhebenden Moralisierung befassen. Das ist hier aus meiner Sicht sehr gut gelungen, beide Fallen werden souverän umgangen. Z. B. finde ich, dass die Motivation von Christiane, es ihrem bereits heroinabhängigen Freund gleichzutun, schon zu denken gibt: (sinngemäß) "Ich wollte wissen, wie du dich immer fühlst". Der Drogenkonsum und dessen Folgen werden verhältnismäßig drastisch dargestellt. Das einzige, was mir hier nicht so gefallen hat, war die teilweise recht aufdringliche Plazierung von David Bowie (obwohl ich gegen den gar nichts habe), der inkl. eines Auftritts überall, wo es ging, letztlich etwas penetrant in den Film eingebaut wurde.

Was mich interessieren würde: Hat jemand die BD und kann was zu der Qualität des neuen Transfers sagen?
Zuletzt geändert von Adalmar am 5. Mai 2013, 10:42, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Uli Edel

Beitragvon Paco » 5. Mai 2013, 09:14

Adalmar hat geschrieben:Was mich interessieren würde: Hat jemand die BD und kann was zu der Qualität des neuen Transfers sagen?


Die BD ist der alten DVD weit überlegen, kann aber natürlich mit aktuellen Blockbustern nicht mithalten. Auf jeden Fall sah der Film noch nie so gut aus. Wie sich die BD beim Anschauen auf einer Leinwand schlägt, weiß ich leider nicht, da ich sie nur über meinen 50-Zoller gesichtet habe.
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Re: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Uli Edel

Beitragvon Adalmar » 5. Mai 2013, 10:41

Danke, da wäre evtl. mal ein Update fällig.
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Re: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Uli Edel

Beitragvon dr. freudstein » 5. Mai 2013, 12:51

Der Ugo hat ja wieder Mist gebaut :x

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Originaltitel: Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Herstellungsland: Deutschland / 1981

Regie: Uli Edel

Darsteller: Natja Brunckhorst, Thomas Haustein, Jens Kuphal, Rainer Woelk, Jan Georg Effler,
Christiane Reichelt, Daniela Jaeger, Kerstin Richter, David Bowie u.a.

Story:

Christiane F. lebt mit ihrer geschiedenen Mutter und ihrer Schwester in Berlin. Mit ihrer Freundin geht sie das erste Mal in die Disco. Dort gerät sie in Kontakt mit Detlev...und mit den ersten Drogen. Zuerst nur Tabletten, dann immer härtere Sachen. Sie freundet sich mit ihm an und gerät immer tiefer in die Szene. Um an Drogen zu kommen, geht sie sogar auf den Straßenstrich. Doch sie will den Entzug. Zusammen mit Detlev versucht sie, den Drogen zu entkommen...

http://www.ofdb.de/film/2436,Christiane ... ahnhof-Zoo
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Re: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Uli Edel

Beitragvon Onkel Joe » 5. Mai 2013, 17:11

Adalmar hat geschrieben: Das einzige, was mir hier nicht so gefallen hat, war die teilweise recht aufdringliche Plazierung von David Bowie (obwohl ich gegen den gar nichts habe), der inkl. eines Auftritts überall, wo es ging, letztlich etwas penetrant in den Film eingebaut wurde.


Weiß hier jemand vielleicht wie es dazu kam das Bowie in diesen Film so eingebaut wurde??
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Re: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Uli Edel

Beitragvon ugo-piazza » 5. Mai 2013, 18:41

Onkel Joe hat geschrieben:
Adalmar hat geschrieben: Das einzige, was mir hier nicht so gefallen hat, war die teilweise recht aufdringliche Plazierung von David Bowie (obwohl ich gegen den gar nichts habe), der inkl. eines Auftritts überall, wo es ging, letztlich etwas penetrant in den Film eingebaut wurde.


Weiß hier jemand vielleicht wie es dazu kam das Bowie in diesen Film so eingebaut wurde??


Bowie zu nehmen, bot sich ja an, der lebte zu der Zeit, in der der Film spielt, ja in Berlin.

Wobei: http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion ... ahnhof_Zoo

ie Szene mit David Bowie wurde in New York gedreht. Der P Drehbuchautor Herman Weigl hatte David Bowie nach einem Auftritt in Berlinangefragt, ob er im Film mitspielen wolle. Nachdem ihm einige Szenen des Filmes vorgeführt wurden und er die Dreharbeiten in Berlin besucht hatte, entschied er sich nach einigen Wochen mitzumachen. Sein Management verlautet: Die gute Nachricht, David wird mitmachen, die schlecht, ihr müsst nach New York kommen". David Boiwe verlangte von den Produzenten der Solaris Film, Bernd Eichinger, die Aufnahmen in New York zu realisieren. Die Szene wurde in zwei Teilen gedreht, das Publikum in Deutschland, der Bühnenauftritt von David Bowie in New York. In jedem Fall niemals in der Deutschland Halle. Und hier wurde auch kein dokumentarisches Material eingefügt. Quellle Katja Eichinger "BE" über das Leben und Schaffen von Bernd Eichinger ISBN: 978-3-455-50253-4 Seiten: 576, gebunden
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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