Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Moderator: jogiwan

Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon buxtebrawler » 14. Feb 2018, 13:30

Tatort: Feierstunde

Das als komödiantische Alternative zu herkömmlichen „Tatort“-Episoden angesetzte Konzept des Münsteraner „Tatorts“ um Ermittler Frank Thiel (Axel Prahl), dessen Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) und Gerichtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ging am 25.09.2016 in seine 30. Runde und feierte nach einem Drehbuch Elke Schuchs unter der Regie Lars Jessens („Dorfpunks“) somit ein Jubiläum. Für dieses hatte man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Verstärkt in Richtung eines harten Thrillers sollte es gehen. Ob dieser Ausbruch aus dem konzeptionellen Korsett funktionierte?

Boerne wurden drei Millionen Euro Fördergeld für seine Forschungsarbeiten an Mumien bewilligt, sehr zum Leidwesen von Juniorprofessor Harald Götz (Peter Jordan, „Die Schimmelreiter“), der dadurch für seine Forschung an einem ALS-Medikament leer ausging. Seine persönliche Betroffenheit – seine Frau leidet unter dieser heimtückischen Krankheit – lässt ihn einen derart starken Groll gegen Boerne hegen, dass er seiner Psychotherapeutin Dr. Corinna Adam (Oda Thormeyer, „Homevideo“) ein ums andere Mal Vernichtungsfantasien offenbart. Als dann auch noch seine Frau tot aufgefunden wird – sie hatte sich mit einer Pumpgun, die Waffennarr Götz im Darknet erstanden hatte, ins Gesicht geschossen –, brennen bei ihm endgültig die Sicherungen durch: Er verschafft sich gewaltsam Zutritt zu Boernes Feierstunde in einem Restaurant, lässt Boerne ein vergiftetes Häppchen verspeisen und nimmt die gesamte Gesellschaft unter Waffengewalt als Geiseln: Alle sollen Zeuge werden, wie Boerne dieselben Höllenqualen durchleidet wie seine Frau…

Die berechtigte Frage nach der gerechten Verteilung von Fördergeldern und der Finger in der Wunde von der Forschung stiefmütterlich behandelter Krankheiten müssen alsbald einer Handlung weichen, in der Götz als psychopathischer Racheengel nicht nur dem arroganten Boerne übel mitspielt, sondern auch eine Geisel kaltblütig erschießt und sich mit den anderen, die er mittels perfider Psychospielchen aufruft, Boerne zu töten, um ihr eigenes Leben zu retten, auch dann noch verschanzt, als das SEK und seine Therapeutin vor der Tür stehen. Dass sich Thiel ausgerechnet von dieser zuvor wegen seiner Rückenschmerzen behandeln ließ und sie schließlich als manipulativ und damit mitschuldig an Götz‘ Gewaltausbrüchen überführt wird, ist nur eine von vielen arg bemüht konstruiert erscheinenden Entwicklungen dieses unglaubwürdigen „Tatorts“: Da wird zunächst von einem ansteckenden Virus ausgegangen, was die Stürmung des Gebäudes verhindert, dann irrsinnigerweise angenommen, die verlogene und manipulative Therapeutin könne etwas ausrichten, indem sie zu Götz geschleust wird und Boerne samt seiner Assistentin, der kleinwüchsigen Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch), und schließlich sogar mit Kommissar Thiel von Götz immer wieder alleingelassen, sodass sie sich beinahe in aller Seelenruhe absprechen können, obwohl ihm doch eigentlich das Hauptinteresse Götz‘ gilt.

Nein, aus der vielversprechenden Grundidee, die Stoff für einen starken medizinischen Thriller inkl. provokanten Fragen und kritischen Aussagen geboten hätte, wird nicht viel mehr als ein auf die Frage nach Boernes Überleben reduzierter TV-Krimi, der es sich, den Gesetzen der Prime-Time-Unterhaltung folgend, letztlich viel zu einfach macht: Aufgrund einer vorhersehbaren Entwicklung stirbt mit dem Antagonisten auch sein Anliegen, das mit dem Thema überhaupt nicht gerecht werdenden, kurzen Kommentaren im Epilog beiseite gewischt wird. Mit Götz wurde auch sein verständliches Anliegen regelrecht dämonisiert, während der Zuschauer mit Ekelpaket (der, wie mehrfach angedeutet wird, dann ja doch kein so übler Kerl sei) Boerne mitzufiebern angehalten ist.

Der den Münsteraner „Tatorten“ zugeschriebene Humor bleibt hier ebenfalls vollkommen auf der Strecke, nicht zuletzt, da Thiel und Boerne diesmal gar nicht zusammen ermitteln können, was das totale Aus für jeglichen Dialogwitz bedeutet. In den Momenten, in denen Liefers seine Figur profiliert, wirkt diese wie eine klischeehaft viel zu überzeichnete Karikatur ohne jede Pointe. Eine Handlung wie diese zur Komödie umzufunktionieren, hätte indes noch weniger geklappt; insofern darf bezweifelt werden, dass dieses Drehbuch in diesen Rahmen jemals hätte passen können.

Im allgemeinen Wirrwarr inkl. seiner nach US-Serienvorbildern entwickelten schrulligen, skurrilen Dauerprotagonisten und flachen Nebenfiguren versucht Regisseur Lars Jessen redlich, allem gerecht zu werden, kaschiert Logiklöcher, vermeidet Längen und zieht sich allen Widerständen zum Trotz am roten Faden bis zum Abspann. Unter Jessen ist die Kamera nah dran an den Gesichtern und suggeriert damit eine Intensität, die dieser „Tatort“ mit Sicherheit angestrebt hat, jedoch außer in vereinzelten Momenten nicht erreicht. Dass aus diesem Jubiläums-Experiment nicht mehr als überforderte, unfokussierte, durchschnittliche TV-Kost wurde, lässt den Umgang mit dem eigentlichen Thema fast exploitativ erscheinen, und zwar auf eine unangenehme Weise.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon buxtebrawler » 19. Feb 2018, 13:37

Hat jemand den gestrigen "Tatort" gesehen? Wenn ja, wie hat er gefallen?
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon buxtebrawler » 19. Feb 2018, 20:51

Tatort: Der Fall Schimanski

Am 29.12.1991 endete die Ära Schimanski innerhalb der TV-Krimireihe: In seinem 29. Fall, den er (Götz George) zusammen mit Kollege Thanner (Eberhard Feik) durchzustehen hatte, quittierte er den Dienst. Schimanski-Erfinder Hajo Gies, der den Großteil der „Tatorte“ mit Götz George gedreht hatte, ließ es sich nicht nehmen, auch diesmal Regie zu führen. Und das Drehbuch Axel Götz‘ und Thomas Wesskamps sagt bestimmt nicht leise Servus, sondern lässt es noch mal krachen:

Schimanski liegt auf der Straße, möglicherweise betrunken, eine weiße Katze im Arm. Offenbar hat er die Nacht unter freiem Himmel verbracht. Schimanskis Erwachen leitet eine ausgedehnte Rückblende ein. Er erzählt von seiner neuen Freundin Corinna alias Nora (Maja Maranow, „Starkes Team“) – einer verheirateten Frau, genauer: der Gattin des Staatssekretärs Zech (Alexander Radszun, „Kaminsky - Ein Bulle dreht durch“), einer Feier am Flussufer mit seinen italienischen Freunden und Corinnas von ihm beobachtetes Aufeinandertreffen mit dem windigen Autolackierer Pfeiffer (Armin Rohde, „Lola rennt“), der sie bedrohte. Es kam zum Handgemenge zwischen den Männern, wobei Pfeiffer Schimanskis Jacke zerriss. Als er diesen am nächsten Tag in der Werkstatt aufsuchte und 200,- DM für die Jacke forderte, wurde er unwissentlich in ein mafiöses Komplott verwickelt: Die Scheine waren präpariert und dienten als Aufhänger, Schimanski einen ausgeklügelten Bestechungsskandal anzuhängen, um ihn loszuwerden. Schimmis Vorgesetzter Jahnke (Peter Fitz, „23“) wittert seine Chance, den unliebsamen „Ruhrpott-Rambo“ und „Anarchisten“ loszuwerden und bietet eine Versetzung nach Frankfurt/Oder an, doch dieser versucht, seine Ehre wiederherzustellen. Im Korruptionsskandal um Bauland, der dahintersteckt und Todesopfer fordern wird, muss er fortan so gut wie auf sich allein gestellt ermitteln, denn seine Kollegen scheinen ihm zu misstrauen – erklären ihn gar mittels eine Psychologin für unzurechnungsfähig…

Die relativ komplexe Geschichte wird spannend und stets gut nachvollziehbar erzählt und enthält dabei noch einmal viele typische Duisburg-„Tatort“-Versatzstücke: Schimmis ihn in die Bredouille bringende Frauenaffären, sein – trotz Thanner – Einzelkämpfer-Image, das Unverständnis konservativer Vorgesetzter für seinen unkonventionellen Lebens- und Ermittlungsstil, seine Geldprobleme usw. All das fügt sich keinesfalls erzwungen wirkend in die Handlung ein, in der man ihn nach seiner Kündigung sogar auf dem Arbeitsamtsgang sitzen und später im Einzelhandel in weißen Kittel gewandet arbeiten sieht. Sogar einen homosexuellen Mitbewohner bekommt der ewig und nun erst recht Klamme, seinerzeit bewusst als Statement gegen Homophobie und Diskriminierung eingesetzt. Alte Freunde jedoch eilen ihm alsbald zur Hilfe und treten immer dann Erscheinung, wenn es für ihn nicht weiterzugehen droht. Dadurch bekommt dieser „Tatort“ dann doch einen konstruierten Touch, der ihm jedoch als Letztem seiner Art verziehen sei – immerhin ist dies Anlass für Gastauftritte wie die von Kriminalrat a.D. Karl Königsberg (Ulrich Matschoss) und Saarbrücken-Kommissar Max Palu (Jochen Senf).

Durch ein paar Actionszenen und Schusswaffeneinsatz muss Schimanski ebenso durch wie durch akute Lebensgefahr und den totalen Verlust seiner Reputation, bis er letztlich alles auf eine Karte setzt und hoch pokert, doch alles gewinnt. Denn als Gewinn empfindet Schimmi am Ende, wenn die Rückblende längst wieder von der filmischen Gegenwart abgelöst wurde, seine neugewonnene Freiheit – in den Polizeidienst wird er nämlich nicht mehr zurückkehren. Etwas sehr zur Übertreibung neigt man, wenn man Schimanski von einer Rocker-Delegation in Empfang nehmen und feiern lässt oder wenn er sich in einem Paraglider vom Dach stürzt. Klar, diese Szene soll noch einmal den Freiheitsaspekt symbolisieren und unterstreichen und man nimmt es ihm durchaus ab, wenn er befreit lachend über die Dächer Duisburgs gleitet. Ein anderer Song als ausgerechnet die von Dieter Bohlen komponierte (jedoch glücklicherweise nicht von ihm, sondern von Bonnie Tyler gesungene) Luftnummer „Against the Wind“ hätte Schimanski in seiner letzten „Tatort“-Szene indes weitaus besser zu Gesicht gestanden.

Alles in allem ist „Der Fall Schimanski“ aber ein gelungener, bisweilen augenzwinkernd humorvoller, auch etwas wehmütiger Abschied – vom „Anarcho-Ruhrpott-Rambo“ und von den 1980ern. 1997 jedoch kehrte Götz George in seiner Paraderolle für eine neue Serie, das Spin-Off „Schimanski“, zurück. Deshalb an dieser Stelle kein „Mach’s gut!“, sondern ein „Schönen Urlaub und bis später!“
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Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon Santini » 19. Feb 2018, 22:25

buxtebrawler hat geschrieben:Hat jemand den gestrigen "Tatort" gesehen? Wenn ja, wie hat er gefallen?


Gestern angeguckt und ich fand ihn interessant und sehenswert.
War, mal wieder, ne ganz eigene Schiene und kein "08/15-Beitrag".
Angucken! ;)
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Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon McBrewer » 19. Feb 2018, 22:50

buxtebrawler hat geschrieben:Hat jemand den gestrigen "Tatort" gesehen? Wenn ja, wie hat er gefallen?


Der Berliner META war wohl einer der beiden "Experimental" Tatorte, die jetzt jedes Jahr gezeugt werden dürfen. Mal klappt das ja ganz gut (wie Murots "Es lebe der Tod" bzw "Wer bin ich" oder der Frankfurter "Fürchte Dich") oder auch mal in die Hose gehen (schlimm„Babbeldasch“)
META machte auch zum Teil großen Spaß, ich persönlich mochte aber den Berlinale Background nicht. Wenn man das aber ausblendet, konnte man als Filmfreund_in schon sehr seinen Spaß haben.
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Re: Tatort - Der Diskussionsthread zur Krimiserie

Beitragvon buxtebrawler » 19. Feb 2018, 23:03

@Santini/McBrewer: Danke, werde mir den dann evtl. auch noch ansehen. Das Spiel mit den Meta-Ebenen klang etwas anstrengend, die Film-Zitate aber versprechen Spaß.
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