Das Millionenspiel - Tom Toelle (1970)

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Das Millionenspiel - Tom Toelle (1970)

Beitragvon Onkel Joe » 9. Apr 2010, 18:04

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Originaltitel: Das Millionenspiel
Herstellungsland: Deutschland/1970
Regie: Tom Toelle
Darsteller: Arnim Basche, Hans Werner Conen,Heribert Faßbender, Theo Fink, Josef Fröhlich,Ralf Gregan,Andrea Grosske, Theodor Haarmann, Hans-Jörg Hack, Dieter Hallervorden, Dieter Thomas Heck und Peter Kletschke.

Story: Lotz ist Kandidat beim Millionenspiel, einer Live-Show, wo er von 3 Profi-Killern gejagt wird und eine Woche lang überleben muss, um den Preis von 1 Millionen Mark zu gewinnen. Doch das ganze ist kein Spiel: Die Killer schießen mit echten Patronen und haben den Auftrag, während dieser Zeit Lotz zu töten. Erst wenn er es ins Studio geschafft hat, ist er in Sicherheit. Die komplette Jagd wird via Kameras live übertragen...
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Re: Das Millionenspiel - Tom Toelle

Beitragvon Blap » 9. Apr 2010, 23:20

Klasse Film, klasse DVD!

Das Millionenspiel

Der Privatsender TETV fährt mit diversen "Reality-Shows" dicke Einschaltquoten ein. Besonderer Renner ist eine Sendung, bei der ein Kandidat eine Woche lang vor einem Team von Killern flüchten muss. Überlebt der Gehetzte die besagte Woche, erhält er ein Preisgeld in Höhe von einer Million Mark. Natürlich gehen seine Verfolger auch nicht leer aus, je länger und ausführlicher sie ihrer Beute nachstellen, umso grösser fällt die Prämie der Häscher aus. Momentan ist Bernhard Lotz (Jörg Pleva) der Anwärter auf die begehrte Kohle, die dreiköpfige, sogenannte "Köhlerbande" ist Lotz hart auf den Fersen. Köhler (Dieter Hallervorden) ist ein abgebrühter Bursche, er will seine Beute erst kurz vor Schluss erlegen, schliesslich soll die Börse stimmen. Der Zuschauer wird Zeuge der Vorgänge, denn etliche Kamerateams haben ihre Linsen auf Lotz und die Köhlerbande gerichtet. Präsentiert wird die Sendung von Thilo Uhlenhorst (Dieter Thomas Heck), einem bekannten und beliebten Showmaster. Wird Lotz die Jagd überleben? Der junge Mann ist am letzten Tag der Show längst am Ende seiner Kräfte angelangt, was seinen Jägern alle Trümpfe in die Hand gibt...

Die Story des Filmes ist aktueller denn je zuvor. "Das Millionenspiel" scheint demnach eine recht neue Produktion zu sein. Doch tatsächlich handelt es sich um einen deutschen Fernsehfilm aus dem Jahre 1970, dessen Handlung in der ersten Hälfte der siebziger Jahre angesiedelt ist! Was der bewährte Wolfgang Menge hier als Drehbuch -nach einer Kurzgeschichte von Robert Sheckley- auf die Beine gestellt hat, wurde von Tom Toelle sehr ansprechend inszeniert. 1970 wird sich die Story sicher noch recht unwahrscheinlich angefühlt haben. Betrachtet man allerdings die teils sehr befremdlichen Auswüchse heutiger TV-Shows, erscheint auch eine Menschenjagd auf Leben und Tod in -nicht allzu ferner- Zukunft kein Tabuthema mehr zu sein. Klar, der warnende und mahnende Zeigefinger wird hier massiv erhoben und wedelt beständig vor der Nase des Zuschauers herum. Glücklicherweise suhlt sich der Film aber nicht ausschliesslich in seiner wichtigen "Message", denn Toelle versteht es die Geschehnisse sehr ansprechend zu verpacken, den Betrachter unangenem zu berühren und zu unterhalten! Ein grosses Lob verdient auch die Besetzung. Jörg Pleva erweckt den Charakter Lotz zum Leben, macht dessen beständigen Verfall vor den Kameras regelrecht greifbar. Wer Dieter Hallervorden nur als nervige Knallschote kennt, kann sich hier vom Talent des Mannes überzeugen. Unsympath Dieter Thomas Heck spielt sich gewissermaßen selbst, passt daher perfekt in die Rolle des widerlichen Showmasters. Fazit: Keine neue Produktion, aber ein Film der aktueller denn je zuvor ist!

Sehr ansprechend fällt auch die DVD zu "Das Millionenspiel" aus. Der Film liegt in guter Qualität vor und wurde glücklicherweise im originalen 4:3 Format belassen. Zusätzlich gibt es eine weitere DVD mit Bonusmaterial und sogar eine dritte Scheibe, die mit "Smog" einen weiteren TV-Klassiker präsentiert. Dieses schöne Set besteht aus zwei Digipaks die in einem Schuber stecken, ein Booklet rundet das Gesamtpaket gelungen ab! Hier ergeht selbstverständlich eine glasklare Kaufempfehlung, besser kann man 20-25€ kaum investieren!

Sehr gut bis überragend = 8,5/10
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Re: Das Millionenspiel - Tom Toelle

Beitragvon ugo-piazza » 11. Apr 2010, 20:57

Ganz klar ein klasse Klassiker!

Wenn man sich dann noch überlegt, dass die ARD nach der Erstausstrahlung tatsächlich Bewerbungen bekam... :o

Und nicht vergessen, die aktuellen Stabilelite-KOndome zu kaufen... ;)
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Das Millionenspiel - Tom Toelle

Beitragvon sid.vicious » 26. Jul 2012, 20:59

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Alternativer Titel: Das Millionenspiel
Produktionsland: Bundesrepublik Deutschland
Produktion: Peter Märthesheimer
Erscheinungsjahr: 1970
Regie: Tom Toelle
Drehbuch: Wolfgang Menge, Tom Toelle
Kamera: Rudolf Holan, Jan Kalis
Schnitt: Marie Anne Gerhardt
Musik: Irmin Schmidt
Länge: ca. 95 Minuten
Freigabe: FSK 12
Darsteller:
Jörg Pleva: Bernhard Lotz
Dieter Thomas Heck: Thilo Uhlenhorst
Dieter Hallervorden: Köhler
Josef Fröhlich: Witte
Theo Fink: Hensel
Friedrich Schütter: Moulian
Peter Schulze-Rohr: Ziegler
Annemarie Schradiek: Mutter Lotz
Elisabeth Wiedemann: Frau Steinfurth
Joachim Richert: Hotelkellner
Heribert Faßbender: Reporter
Arnim Basche: Reporter
Gisela Marx: Reporterin
Andrea Grosske: Frau Grote
Suzanne Roquette: Claudia von Hohenheim
Ralf Gregan: Sanitäter



Bernhard Lotz ist Kandidat beim berühmten Millionenspiel. Dieses beherbergt eine Reality-Show in der Lotz von drei Profikillern gejagt wird. Das Ziel ist es eine Woche lang zu überleben. Natürlich schießen die Killer mit echten Patronen und das Fernsehen ist immer live dabei, wenn Lotz um sein Leben rennt.

Jörg Pleva ist der erste der uns in der Rolle des Bernhard Lotz im Millionenspiel begegnet. Zuvor wird auf dem Bildschirm (der in Lotzs Hotelzimmer steht) von der TV Ansagerin ein wenig auf die Regeln eingegangen. Die Kamera ist dabei wirklich gut an der Basis- kein Wunder, wenn man eine Reality-Jagd durchführt, denn dann sollte es auch so sein. Die anschließend einsetzende Titelmusik die von verzerrten Gitarren dominiert wird ist ebenfalls aller Ehren wert.

Wir befinden uns im Jahre 1970 und es wird von einer düsteren Vision aus der Zukunft erzählt. …und wenn man die Menschenjagd im übertragenden Sinne sieht, handelt es sich um eine Vision die längst Realität ist. Brutale Realität. Brot und Spiele für das Volk, Sex and Violence für den TV Junkie.

Der Moderator dieses makabren Spiels wird absolut passend von Dieter Thomas Heck verkörpert. Ein absolutes Dauergelaber ohne jegliche Aussage mit Antischerzen gespickt. Dem guten Dieter Thomas muss man zu Gute halten, dass er innerhalb des Millionenspiels einfach nur der ist, der er immer war. Er braucht sich in keiner Weise zu verstellen und erzielt eine wirklich große Wirkung.

„iss ziemlisch hart, aber was soll man machen, iss halt Fernsehen.“

so die Aussage eines der Befragten vor den Kameras. Auch hier ein dickes Lob an das Team Toelle/ Menge die in manchen Situation dem Film einen dokumentarischen Charakter geben. Die unterschiedlichen Meinungen des Volkes, die sich begeistert zum Spiel um das Leben eines Menschen äußern.

Toelle und Menge verstehen es auch weiterhin Themen wie Sensationsgeilheit, Quotengeilheit und die Skrupellosigkeit der Fernsehmacher zu vermitteln. Auch der Blick hinter die Fassaden ist somit perfekt umgesetzt.

„Mehr Zeit bringt mehr Geld.“

Die präsentieren Werbeclips die während der Show eingespielt werden, haben es ebenfalls in sich. Sein es die Kling-Klang-Messer oder die Wunderwasser, es trieft ein tiefschwarzer Humor in den Zuschauerraum.

Schlaumeiern und Nörglern sei gesagt, dass Dieter Hallervorden die Rolle des Profikillers Köhler absolut genial rüberbringt. Kein Nonstop Nonsens Geschwätz oder Ähnliches, der Dieter hat es einfach drauf.

Fazit: Eine bitteböse mit Sarkasmus gewürzte Vision der Zukunft die schon lange Realität ist. Zwar tötet man noch keine Menschen für die Fernsehquote, aber alles andere ist grausame Realität und wer weiß was in Zukunft noch in der Medienlandschaft passieren wird…

Guten Abend.
9,5/10
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Re: Das Millionenspiel - Tom Toelle

Beitragvon buxtebrawler » 6. Mär 2013, 01:23

„Meine Grundeinstellung dazu ist: Wenn einer ins Wasser springen will, dann soll man ihm keinen Kahn kaufen.“

„Das Millionenspiel“ ist eine in vollkommenem Ernst präsentierte TV-Satire aus dem Jahre 1970, dessen Drehbuch aus der Feder Wolfgang Menges („Ein Herz und eine Seele“) stammt, das wiederum auf der Kurzgeschichte „The Prize of Peril“ des US-amerikanischen Schriftstellers Robert Sheckley basiert. Die Regie führte Tom Toelle („Der Trinker“). Es handelt sich um die erste Verfilmung einer medialen Menschenjagd-Geschichte.

Bernhard Lotz ist Kandidat der fünfzehnten Ausgabe des „Millionenspiels“, einer Sendereihe des privaten TV-Senders „TETV“, die traumhafte Einschaltquoten erzielt. Gejagt von drei Killern, der Köhler-Bande, muss er eine Woche lang überleben, um das Preisgeld von einer Million Mark zu gewinnen. Die Killer wiederum erhalten umso mehr Geld, je später sie Lotz erwischen und töten. Showmaster Thilo Uhlenhorst führt durch die Livesendung, die sich mit zahlreichen Einspielern des ungleichen Duells einem sensationslüsternen Millionenpublikum präsentiert und die normale Bevölkerung einbezieht, indem sie Lotz sowohl helfen, als auch ihn verraten darf. Wird Lotz es schaffen, bis zum Showdown im Fernsehstudio zu überleben?

Die Dystopie des „Millionenspiels“ wurde im Jahre 1973 – also in einer nahen Zukunft – zeitlich angesiedelt, was noch lange vor der tatsächlichen Liberalisierung des Rundfunks war, die privaten Betreibern Tür und Tor öffnete. In hochgradig realistischem Stil wird der Zuschauer Zeuge der Live-Sendung, des Überlebenskampfes Lotz‘ und der Abläufe hinter den Kulissen. Gedreht wurde mit tatsächlichen bekannten Gesichtern aus der Fernsehwelt wie Dieter Thomas Heck und Heribert Faßbender. „Das Millionenspiel“ sollte sich als visionär erweisen, indem es den heutzutage längst als Normalität angesehenen Werteverfall weiter Teile des Fernsehens überspitzt aufs Korn nimmt und anprangert. Die Sensationslust des Publikums sowohl weckende als auch befriedigende TV-Formate sind längst Alltag, ebenso ständige Werbeunterbrechungen, die hier vom fiktiven Hauptsponsor „Stabilelite“ mit allerlei kuriosen Werbespots gefüllt werden. Kritische Stimmen der Zuschauer erfüllen eine Alibifunktion, wenn sie neben zahlreichen positiven eingespielt werden, denn die Sendungsmacher können sich sicher sein: Ansehen tun sich die Sendung ohnehin alle; Hauptsache, es wird darüber geredet. Die zynische Art der Moderation heuchelt Empathie für Lotz, während im Hintergrund der Spielverlauf manipuliert wird, um ihn möglichst spektakulär zu gestalten. Die Auftragskiller der Köhler-Bande werden in ihrem Handeln nicht mehr als kriminell verurteilt und müssen am Ende der mit Varieté-Einlagen garnierten Show gar Autogramme verteilen.

So kritisch es auch zu betrachten sein mag, wenn von amoralischer, ethisch bedenklicher Unterhaltung schwadroniert und der pädagogische Zeigefinger erhoben wird, so treffsicher legt das Team Menge/Toelle bisweilen subtil schwarzhumorig den Finger in die Wunde von Quotenjagd und der Suche nach einem kleinsten gemeinsamen Nenner, um möglichst breite Zuschauerschichten zu erreichen, dabei jedoch Bildungsauftrag und sozialethische Werte vernachlässigen. Jörg Pleva macht dabei als gehetzter Lotz eine sehr gute, weil authentische Figur, Kabarettist Dieter Hallervorden („Didi, der Doppelgänger“), der später stets zwischen plumpem Klamauk und anspruchsvollem politischem Kabarett pendeln sollte, ist in einer seiner ersten Filmrollen mit ungewohnten Ernst als Namensgeber und Anführer der Köhler-Bande zu sehen, die sich aus Kriminellen zusammensetzt, die unbehelligt ihrer Tätigkeit als Auftragskiller fürs Fernsehen nachgehen können. Hallervorden setzt eine finstere Verbrechervisage auf, die ihm besser steht als manch Grimasse. Showmaster Dieter Thomas Heck spielt Showmaster Thilo Uhlenhorst und sich damit quasi selbst, Dampfplauderei, die sich selbst gern reden hört und marktschreierisch den größten Dreck als spannenden kulturellen Höhepunkt ankündigt – was wenn überhaupt nur marginal von Hecks tatsächlicher Tätigkeit entfernt ist und es deshalb überrascht, dass ausgerechnet er diese Rolle übernahm, die sein eigenes Tun infrage stellt.

Der spannend inszenierte Film erzeugte seinerzeit einen TV-Skandal und wurde von Teilen der Zuschauerschaft – eben jenen, an denen sich heutzutage viele Privatsender orientieren – als echte Show erachtet, die sich daraufhin als Jäger oder Gejagte bewarben. „Das Millionenspiel“ hielt und hält den Zuschauern einen Spiegel vor, zeigt aber auch anhand unheimlich trister Bilder deutscher Innenstädte, weshalb man es sich 1970 lieber auf dem Fernsehsessel bequem machte. Selbst vor Mutter Lotz macht die Begeisterung für das Format nicht Halt, sie spielt mit und wünscht ihrem Sohn vor laufenden Kameras im Studio stolzerfüllt viel Glück, was die breite Akzeptanz derartiger Formate noch einmal unterstreicht und Parallelen zu heutigen Sendungen hervorruft, in denen beispielsweise Eltern vollkommen arglos ihre Kinder vor die Kamera zerren. Kurios ist, dass mit Dieter Thomas Heck ein CDU-Mitglied für den Film verpflichtet wurde, dessen Partei später maßgeblich für die Öffnung des Rundfunkmarktes verantwortlich war und bewusst die Entstehung von Privatsendern vorantrieb, hinter denen reiche Geldgeber stehen, deren Hauptinteresse nicht der seriösen Berichterstattung gilt und die keineswegs an einer Veränderung der Herrschaftsverhältnisse und der gerechteren Verteilung des Reichtums interessiert sind, sondern nach dem „Brot und Spiele“-Prinzip die Zuschauer einzulullen und abzulenken versuchen. Auch die F.D.P., der wiederum Dieter Hallervorden nahesteht, schlägt in ihrer politischen Ausrichtung in dieselbe Kerbe, wobei sich – insbesondere im Vergleich zu Heck – Hallervorden durchaus mit bissigem Kabarett um die politische Bildung des Publikums verdient macht.

Stephen King verfasste im Jahre 1982 unter seinem Pseudonym „Richard Bachman“ den Roman „Menschenjagd“, der noch ein paar Schritte weiter ging und die Dystopie noch einmal verschärfte. Dieser wurde als „Running Man“ mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle als simpler Actionfilm verfilmt, beraubt um seine gesellschafts- und medienkritische Relevanz. „Das Millionenspiel“ ist „Runing Man“ daher in jedem Falle vorzuziehen und auch ungeachtet dessen ein großer Klassiker des mutigen deutschen Fernsehfilms.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Das Millionenspiel - Tom Toelle

Beitragvon purgatorio » 6. Mär 2013, 05:34

weil ich's gerade auf den ganzen Covern aufgedruckt sehe: ist mit dem Bonus-Kurzfilm "SMOG" der "SMOG" gemeint, wo die zwei Kiffer im Auto am Baggersee sitzen und draußen eine Baggerseekreatur namens "gemeiner Bischopferer" rumspringt?
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Re: Das Millionenspiel - Tom Toelle

Beitragvon ugo-piazza » 6. Mär 2013, 08:29

purgatorio hat geschrieben:weil ich's gerade auf den ganzen Covern aufgedruckt sehe: ist mit dem Bonus-Kurzfilm "SMOG" der "SMOG" gemeint, wo die zwei Kiffer im Auto am Baggersee sitzen und draußen eine Baggerseekreatur namens "gemeiner Bischopferer" rumspringt?



Wieso Kurzfilm?? :?


Was für ein Zufall, seit gestern bin ich jetzt auch Eigentümer des "Millionenspiel/Smog"-Sets. :nick:


Zur Buxschen Kritik noch kurz: Richtig ist natürlich, dass insbesondere die CDU dafür verantwortlich war, dass die privaten TV-Sender entstehen konnten, und da dürften gewiss wirtschaftliche Interessen (Leo Kirch war ja mit SAT.1 von Anfang an dabei) eine Rolle gespielt haben. Ich glaube aber durchaus, dass die Entwicklung der Privatsender (Ende der 80er ja mehr oder weniger Abspielstätte von billigen US-Soaps, Eurokult- und/oder Nacktfilmen mit einigen durchaus neuen Ideen, insbesondere bei RTLplus, wie die Nachrichtenaufmachung oder die Tort-Show "Alles nichts oder!?") zu Big Brother, Castingmüll und Dschungelcamp gerade jenen Befürwortern vor 30 Jahren gewaltig auf den Magen schlagen dürfte. Auch wenn das "Millionenspiel" oder Lumets "Network" schon schlimmes ahnen ließen.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Das Millionenspiel - Tom Toelle

Beitragvon buxtebrawler » 6. Mär 2013, 10:59

ugo-piazza hat geschrieben:Zur Buxschen Kritik noch kurz: Richtig ist natürlich, dass insbesondere die CDU dafür verantwortlich war, dass die privaten TV-Sender entstehen konnten, und da dürften gewiss wirtschaftliche Interessen (Leo Kirch war ja mit SAT.1 von Anfang an dabei) eine Rolle gespielt haben. Ich glaube aber durchaus, dass die Entwicklung der Privatsender (Ende der 80er ja mehr oder weniger Abspielstätte von billigen US-Soaps, Eurokult- und/oder Nacktfilmen mit einigen durchaus neuen Ideen, insbesondere bei RTLplus, wie die Nachrichtenaufmachung oder die Tort-Show "Alles nichts oder!?") zu Big Brother, Castingmüll und Dschungelcamp gerade jenen Befürwortern vor 30 Jahren gewaltig auf den Magen schlagen dürfte. Auch wenn das "Millionenspiel" oder Lumets "Network" schon schlimmes ahnen ließen.


Sicherlich, aber für eine differenzierte Betrachtung des Privatfernsehens war in meiner Kritik kein Platz mehr. ;)

@purgschi: Nein, und es handelt sich um einen Film in normaler Länge.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Das Millionenspiel - Tom Toelle

Beitragvon horror1966 » 13. Jul 2014, 18:00

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Das Millionenspiel
(Das Millionenspiel)
mit Jörg Pleva, Suzanne Roquette, Dieter Thomas Heck, Theo Fink, Dieter Hallervorden, Josef Fröhlich, Annemarie Schradiek, Elisabeth Wiedemann, Andrea Grosske, Friedrich Schütter, Peter Schulze-Rohr, Joachim Richert
Regie: Tom Toelle
Drehbuch: Wolfgang Menge / Robert Sheckley
Kamera: Jan Kalis
Musik: Irmin Schmidt
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Bernhard Lotz ist Kandidat der 15. Ausgabe des "Millionenspiels". Für die enorme Titel gebende Summe wird er eine Woche lang von einem Killerkommando, der so genannten Köhler-Bande, gejagt. Permanent von Kameras begleitet, muss Lotz den Weg in das Fernsehstudio schaffen, aus dem der Moderator Thilo Uhlenhorst das Geschehen für das teils angewiderte, teils begeisterte Publikum kommentiert. Der dramatische Höhepunkt ist die "Todesspirale", in der Lotz für die Köhler-Bande ohne Fluchtmöglichkeit zum Abschuss freigegeben wird.


In der heutigen Zeit sind in der TV-Landschaft der Kampf um Einschaltquoten, die Befriedigung des menschlichen Voyeurismus und das Brechen fast sämtlicher Tabus eine Normalität, doch es gab auch einmal eine Zeit, als solche Dinge noch wie ein utopisches Szenario behandelt wurden das höchstwahrscheinlich niemals eintreten wird. Nicht nur aus diesen Gründen gilt die deutsche TV-Produktion "Das Millionenspiel" aus dem Jahr 1970 als absolut bahnbrechend, denn die auf einer Kurzgeschichte des Schriftstellers Robert Sheckley (The Prize of Peril) basierende Story ist ihrer Zeit weit voraus und zeigt zur damaligen Zeit unglaubliche Dinge, die mittlerweile Gang und Gebe sind wenn man den heimischen Fernseher anschaltet. Ständig eingeblendete Werbung, Reality TV und eine gnadenlose Quotenjagd sind nämlich Dinge mit denen man heute unweigerlich aufwächst, die aber vor über 40 Jahren noch relativ undenkbar waren. Unter der Regie des längst verstorbenen Tom Toelle entstand hier ein Thriller mit SCI/FI Anleihen, den man wohl ohne Übertreibung als ein Stück deutscher Filmgeschichte einstufen darf. Selbst aus heutiger Sicht erscheint einem das Szenario dabei so unglaublich authentisch das man sich phasenweise nicht des Eindruckes erwehren kann, hier wirklich live bei einer absurden und makaberen Spielshow dabei zu sein. So erging es bei der Erstausstrahlung im deutschen TV auch etlichen Zuschauern, denn nicht wenige riefen die fiktive Telefonnummer des im Film verantwortlichen Senders an und wollten sich als Kandidat bewerben. Aus jetziger Sicht mag man eventuell eher darüber schmunzeln, doch zeigt dieser Aspekt doch ziemlich eindrucksvoll, wie glaubwürdig Tom Toelle das Drehbuch von Wolfgang Menge umgesetzt hat. Gleichzeitig spiegelt sich dadurch auch der in der Geschichte dargestellte Zwiespalt der Zuschauer wieder, denn obwohl Toelles Film damals einen Sturm der Empörung hervor ruf, gab es auch genügend Menschen, die anscheinend Spaß an dem makaberen Geschehen hatten und sich größtenteils damit identifiziert haben.

Genau mit diesem Punkt wird man auch innerhalb des Geschehens immer wieder konfrontiert, denn etliche mit Passanten geführte Interviews deuten ganz eindeutig darauf hin, das längst nicht jeder mit dem Gejagten in der Show "Das Millionenspiel" sympathisiert. Was damals wohl für jeden normal denkenden Menschen noch reine Utopie war, dürfte mittlerweile ein perfektes Spiegelbild der heutigen Gesellschaft sein, in der unzählige Leute wohl hauptsächlich ihre Sensationsgier befriedigen wollen und dabei weniger an das Leben anderer denken. Die in diesem Film enthaltene Sozialkritik ist ganz extrem und die Geschichte entfaltet von der ersten bis zur letzten Minute eine äußerst beklemmende Grundstimmung, die sich wie ein bleierner Mantel auf die eigenen Schultern legt. Es handelt sich dabei um einen gewagten Spagat zwischen Fiktion-und Realität, denn obwohl man ganz genau weiß das es sich hier um eine TV-Produktion handelt, hinterlassen die Ereignisse vielmehr den Eindruck des heutigen Reality-TV's. Die späteren Verfilmungen "Kopfjagd - Preis der Angst" (1983) und die wohl bekannteste "The Running Man" (1987) sind zwar weitaus spektakulärer- und actionreicher in Szene gesetzt worden, doch keiner der genannten Filme kann dabei auch nur annähernd die Intensität und Glaubwürdigkeit dieser deutschen Verfilmung erreichen. Das liegt größtenteils auch daran, das man sich hier wirklich auf das Wesentliche konzentriert hat und die enthaltene Thematik grandios beleuchtet, wohingegen insbesondere die Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger lediglich auf den geneigten Action-Fan ausgelegt ist und die kritischen Momente eher im Hintergrund verkommen lässt. Davon ist "Das Millionenspiel" weit entfernt, denn gerade der aus heutiger Sicht eventuell biedere-und normale Anstrich des Ganzen erzeugt dieses Höchstmaß an Authenzität, das einen selbst schon fast zu einem Teil der unglaublichen Abläufe werden lässt.

Desweiteren ist es die herausragend agierende Darsteller-Riege die dem Film ihren Stempel aufdrückt und man wird mit bekannten Gesichtern wie beispielsweise Dieter Hallervorden, Dieter Thomas Heck oder Elisabeth Wiedemann konfrontiert. Manch einer mag bei diesen Namen nun eher das Gesicht verziehen, sollte sich in diesem Fall aber keinesfalls täuschen lassen. Mir persönlich hat insbesondere Heck in der Rolle des Showmasters extrem gut gefallen und auch Herr Hallervorden in der ungewohnten Rolle eines Killers weiß jederzeit zu überzeugen. In diesem Film ist ganz einfach alles perfekt und dennoch gibt es diverse Dinge, auf die man ganz besonders sein Augenmerk legen sollte. Dazu zählen wie schon einmal kurz erwähnt die Interviews mit beliebigen Passanten aber vor allem die Normalität, mit der hier eine Spielshow präsentiert wird, in der ein Mensch sein Leben für 1 Million DM aufs Spiel setzt. Mein persönlicher Höhepunkt ist aber immer noch der finale Showdown, denn nachdem der Kandidat vollkommen ausgezehrt und erschöpft das Studio erreicht, muss er sich auch noch zu allem Überfluss auch noch vor den Augen der Studio-Zuschauer durch die sogenannte "Todesspirale" kämpfen, in der in trotz aller Strapazen immer noch der Tod ereilen kann. Das Ganze erscheint dabei so unglaublich aber gleichzeitig auch real, das einem streckenweise echte Schauer über den Rücken laufen. Der Verstand möchte sich am liebsten weigern das Gesehene zu akzeptieren, andererseits weiß man aber ganz genau, das der hier begangene Tabubruch gar nicht einmal so weit von der Realität entfernt ist. Zwar gibt es auch heute noch keine Show in der Kandidaten für Geld eventuell ihr Leben verlieren, dafür aber etliche andere Formate die den puren Voyeurismus des Zuschauers befriedigen.

"Das Millionenspiel" dürfte wohl unbestritten einer der besten deutschen TV-Filme aller Zeiten sein, denn kaum ein anderes Werk geht so dermaßen mutig mit einer möglichen Zukunft ins Gericht. Das die 1970 noch utopisch erscheinende Story längst den heutigen TV-Alltag wiedergibt konnte man damals noch nicht ahnen, doch zeigt dieser Aspekt relativ eindeutig, wie weit man seiner Zeit voraus war. Hier ist ein absolut zeitloser Klassiker entstanden, der auch nach weit über vier Jahrzehnten rein gar nichts von seinem Reiz und seiner grotesken Faszination verloren hat. Wenn man auch noch so oft über viele deutsche Filme schimpft, so sollte man diesen Meilenstein umso mehr schätzen, liegt hier doch ein perfektes Beispiel dafür vor das auch bei uns absolut herausragende Filme produziert werden, die eine bahnbrechende und nachhaltige Wirkung hinterlassen.


Fazit:


Utopisch, erschreckend real und unglaublich intensiv, diese Worte beschreiben wohl am besten einen Film, der 1970 eine bizarre Version des Fernsehens der Zukunft zeigte. Man muss der Faszination dieser Geschichte einfach erliegen und auch wenn ein "The Running Man" mit Arnie 17 Jahre später eine unterhaltsame Action-Variante der Thematik zeigte, kommt der Film doch nicht einmal annähernd an die beklemmende Genialität dieses Originals heran.


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Re: Das Millionenspiel - Tom Toelle

Beitragvon FarfallaInsanguinata » 14. Jul 2014, 20:24

Erstaunlich in diesem Zusammenhang, dass da immer gern "Running Man" zitiert wird, der doch meines Wissens viel eher von D'Amatos "Endgame" geklaut hat. Naja, vielleicht auch von beiden oder "Endgame" seinerseits von "Das Millionenspiel". :kicher:
"Das Millionenspiel" ist aber selbstverständlich ein Klassiker, "Endgame" feine Unterhaltung und "Running Man" muss sich mit dem dritten und letzten Platz zufrieden geben.
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