Vermisst - Costa-Gavras (1982)

Moderator: jogiwan

Vermisst - Costa-Gavras (1982)

Beitragvon buxtebrawler » 24. Feb 2014, 17:05

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Originaltitel: Missing

Herstellungsland: USA / 1982

Regie: Costa-Gavras

Darsteller: Jack Lemmon, Sissy Spacek, Melanie Mayron, John Shea, Charles Cioffi, David Clennon, Richard Venture, Jerry Hardin, Richard Bradford, Joe Regalbuto, Keith Szarabajka, John Doolittle u. A.

Nachdem ihr Mann in einem südamerikanischen Land verschwunden ist, wendet sich dessen Frau Beth Horman (Sissy Spacek) an dessen konservativen Vater Ed Horman (Jack Lemmon). Der reist mit ihr in die von politisch-militärisch hochbrisante Region und stellt gefahrvolle Untersuchungen über das Verschwinden seines Sohnes an. Dabei stehen ihm nicht nur das Militär, sondern auch die fremde Bürokratie im Weg und auch die amerikanischen Behörden scheinen in diesem Zusammenhang nicht so ganz sauber zu sein. Langsam aber sicher setzen die Hormans ein brisantes Puzzle zusammen, was geschehen ist...


Quelle: www.ofdb.de

www.youtube.com Video From : www.youtube.com
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Re: Vermisst - Costa-Gavras (1982)

Beitragvon buxtebrawler » 24. Feb 2014, 17:06

„Keine Sorge, sie können uns nichts tun – wir sind Amerikaner!“

In seiner ersten Hollywood-Produktion setzte sich der griechische Filmemacher und Experte für die oft erschütternde Realität nachzeichnende Polit-Thriller Costa-Gavras („Z – Anatomie eines politisches Mordes“) mit den Folgen des aus wirtschaftlichen Gründen vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA erzwungenen Militärputsches und der Installation des Diktators Pinochet in Chile auseinander. Der Film heißt schlicht „Vermisst“ und datiert auf das Jahr 1982.

Das Drama basiert auf dem realen Fall des US-amerikanischen Journalisten Charles Horman. Das Sachbuch „The Execution of Charles Horman: An American Sacrifice von Thomas Hauser“ war Grundlage für die im Film nachgezeichneten Ereignisse: Charles Horman (John Shea, „Kennedy“) verschwindet in Chile spurlos. Seine Frau Beth (Sissy Spacek, „Carrie“) wendet sich hilfesuchend an ihren konservativen Schwiegervater Ed Horman (Jack Lemmon, „Ein verrücktes Paar“). Dieser will zunächst nicht recht glauben, dass die USA in die Ereignisse verstrickt sind und sucht die Schuld zunächst bei seinem Sohn selbst, sieht sich jedoch nach seiner Ankunft in Chile bald einer verschleiernden Bürokratie ausgesetzt und muss einsehen, dass doch nicht alles wie erwartet mit rechten Dingen zugeht…

Zur Musik von Angelis lernt der Zuschauer den fest vom „American Way of Life“ überzeugten Ed Horman kennen, der dem Treiben seines Sohns und seiner Frau misstrauisch gegenübersteht. Er ist ein typischer naiver US-Amerikaner, der an sein Land und dessen Politik glaubt und allem argwöhnisch gegenübersteht, das diese kritisch hinterfragt. Dementsprechend angespannt ist die Beziehung zwischen ihm und seiner Schwiegertochter zunächst. Man kontaktiert das US-amerikanische Konsulat, während ständig Schüsse zu hören sind und sich die Leichen (nicht nur) in den Straßen mehren, bis es bald schon zynischerweise zum gewohnten Anblick wird. Am Esstisch werden die Ereignisse der Vergangenheit rekonstruiert und der Zuschauer erfährt nach und nach die genauen Abläufe. So wird deutlich, dass US-Funktionäre in den Militärputsch verwickelt sind, während man den Hormans einzureden versucht, linke Kräfte hätten sich als Militär ausgegeben und Charles entführt. Parallel zeigt „Vermisst“ die Verhaftung zweier weiterer US-Amerikaner und deren naiven Glauben an die vermeintliche Unverwundbarkeit als US-Bürger. Nachdem man Ed aufgrund vorsichtiger Andeutungen direkt zum Konsulat zitiert und er zusammen mit Beth erfolglos alle Krankenhäuser abgeklappert hat, kommen beide sich endlich näher und lernen gegenseitiges Verständnis füreinander. Zu Eds Überraschung kann Beth ihm Dinge über seinen Sohn erzählen, die er noch nicht wusste und die das Bild, das er von ihm hatte, auf den Kopf stellen. Dies ist in Costa-Gavras Film quasi gleichbedeutend mit dem Durcheinanderrütteln von Eds Weltbild, was analog dazu geschieht – beispielsweise als er einen kritischen Polizisten trifft, der die Militärjunta als Nazis bezeichnet. Und je mehr er über die wahren Vorgänge erfährt – Charles hatte in Viña den texanischen Marine-Oberen Babcock (Richard Bradford, „Dr. Giggles“) kennengelernt, der den Staatsstreich zum Auftrag hatte und zusammen mit den übrigen Abgesandten des US-Militärs Charles aufgrund seiner Herkunft automatisch für einen Verbündeten hielten –, desto kritischere Fragen stellt er und umso höher wird der behördliche Aufwand, den Schein zu wahren und die Hormans eiskalt anzulügen. Nachdem Ed und Beth in einer Leichenhalle die Überreste Frank Teruggis (Joe Regalbuto, „Exit - Ausgang ins Nichts“) entdecken, der ebenfalls vom Militär verschleppt wurde, schwindet die Hoffnung immer mehr. Costa-Gavras verstand es, diese wie auch andere wichtige Momente der Handlung als aufwühlende Schlüsselszenen zu inszenieren, die das Grauen in unappetitliche Häppchen aufteilen und dem Zuschauer kalt serviert werden. Am Ende stehen (Achtung, Spoiler!) traurige Gewissheit, de facto ein Geständnis der US-Macht und die abgewiesene Klage eines trauernden, um Gerechtigkeit bemühten Vaters, dem damit das letzte bisschen Vertrauen in den Rechtsstaat und die Ideale seiner Nation genommen werden.

Zwischen Costa-Gavras‘ nicht unähnlich gelagertem „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ und „Vermisst“ liegen 13 Jahre. Während „Z“ mit dokumentarischer Genauigkeit sezierte, wie es zum griechischen Militärputsch kam und voll von kaum gebändigter, ehrlicher Aufgebrachtheit war, gelang ihm mit „Vermisst“ ein gefasster, ernüchterter Film, der dem Gezeigten macht-, aber nicht kraftlos gegenübersteht, der die Sachlichkeit sucht, um sie als Waffe einzusetzen, sich mit ihrer Hilfe zu wehren. Geschickt umgeht Costa-Gavras meist vorschnell formulierte Anti-Amerikanismus-Vorwürfe, indem er die wahre Geschichte aus Sicht von US-Amerikanern erzählt. Dass er die Ereignisse um den Staatsstreich abstrahiert und auf ein Einzelschicksal herunterbricht, wurde Costa-Gavras wiederum von einigen Kritikern angekreidet und als „Amerikanisierung“ seines Filmschaffens gewertet. Dabei erlaubt gerade diese Herangehensweise eine besonders intime Perspektive, die Costa-Gavras berührend zu inszenieren versteht, ohne sich großer Theatralik oder kitschigen Schmonzes bedienen zu müssen. Dass „Vermisst“ bei all seiner Gefasstheit prima funktioniert, ohne gefühlskalt zu wirken, ist besonders Jack Lemmon zuzuschreiben, der genau dieses Typus Mensch scheinbar mühelos in seiner Rolle als Ed verkörpert und mit Glaubwürdigkeit versieht – sowohl im Generationenkonflikt, der seinen Dialogen mit Beth innewohnt, als auch in seinem blauäugigen Konservatismus und schließlich seiner sich selbst gegenüber harten Art, mit allen Schrecken in der Höhle des Löwens umzugehen, ohne sich selbst durch emotionale Ausbrüche oder unüberlegte Affekthandlungen in Gefahr zu bringen. Kontrollverlust ist nie Eds Thema gewesen. So ergibt sich ein prima Wechselspiel mit Beth, gespielt von einer gereiften Sissy Spacek. Obwohl alle Charaktere recht eindeutig umrissen werden, widersteht Costa-Gavras jedweder Versuchung, aus ihnen wandelnde Klischees zu machen, woraus viel Respekt vor den Menschen und letztlich sein Humanismus spricht.

Anhand eines Einzelschicksals die Bedeutung einer Militärdiktatur durchzuexerzieren, deren Methoden keine Staatsangehörigkeiten kennen und sich nicht darum scheren, ob der kritische Journalist Einheimischer oder US-Amerikaner ist, öffnet „Vermisst“ einem breiten, die persönliche Ebene die der politischen vorziehenden Publikum und schafft damit Öffentlichkeit. Da Costa-Gavras die US-Opfer der Handlung mit keiner Silbe oder Szene erhöht, nie ihr Schicksal über das der vielen namenlos Bleibenden stellt, hat „Vermisst“ nichts mit US-Chauvinismus am Hut, sondern beweist durch dessen Entlarvung das exakte Gegenteil. Dazu braucht er gar nicht ins Detail zu gehen und dokumentarische Züge anzunehmen. Und auch, wenn man von den Umtrieben der US-Weltmacht im Allgemeinen und in Chile im Speziellen weiß, bleibt (zumindest bei Unkenntnis der Buchvorlage) „Vermisst“ ein spannender, anspruchsvoller ebenso wie ansprechender Film, weil Charles Schicksal lange Zeit allenfalls erahnt werden kann. In einer US-Produktion das Produktionsland anzuprangern, statt sich vornehmlich auf die von ihm unterstützten ausländischen Kräfte zu konzentrieren, ist eine gewagte, kühne Fokussierung, die zurecht mit einer Vielzahl von Auszeichnungen belohnt wurde.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Vermisst - Costa-Gavras (1982)

Beitragvon ugo-piazza » 30. Jan 2017, 20:05

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USA 1982

OT: Missing

D: Jack Lemmon, Sissy Spacek, John Shea

Chile, im Jahr der Machtergreifung durch die Militärjunta unter General Augusto Pinochet 1973: Der junge amerikanische Autor Charles Horman lebt mit seiner Frau Beth in der chilenischen Hauptstadt Santiago. Als die politischen Unruhen beginnen, die schließlich zum blutigen Militärputsch führen, versuchen die beiden, das Land zu verlassen. Doch ihre Fluchtpläne nehmen ein jähes Ende. Eines Abends schafft es Beth nicht mehr rechtzeitig vor den nächtlichen Ausgangssperren nach Hause. Am nächsten Morgen findet sie ihre gemeinsame Wohnung verwüstet vor. Von Charles fehlt jede Spur. In ihrer Sorge setzt sich Beth mit Charles' Vater Ed in Verbindung. Der prominente Geschäftsmann reist nach Chile und macht sich gemeinsam mit seiner Schwiegertochter auf die Suche nach Charles.

Auf ihrer Odyssee durch Krankenhäuser, Verhörräume, Gefängnisse und Leichenschauhäuser beobachten sie die grausamen Übergriffe des Militärs gegen Zivilisten. Doch überall stoßen sie auf Widerstand. Sowohl die chilenischen als auch die US-Behörden behindern ihre Suche und führen sie auf falsche Fährten. Im Verlauf ihrer Ermittlungen, die Beth und Ed einander näherbringen, zeigt sich schließlich die Verstrickung der USA in den Putsch Pinochets immer deutlicher. (ARTE)


Sachen gibts: Gerade gestern noch die DVD im Player gehabt und heute schon (also gleich!) läuft der Film bei ARTE.

Wie bei Costa-Gavras üblich, wird weder das Jahr 1973 noch das Land Chile als solches im Film erwähnt, denn wie schon anderthalb Jahrzehnte früher bei Z gilt auch hier, dass es darauf nicht wirklich ankommt, es hätte sich auch in einem anderen Land zu einer anderen Zeit zutragen können. Costa-Gavras zeigt sich auch in "Vermißt" wieder als Meister des Politfilms, die Szene, in der Beth und Ed im Nationalstadion von einem Raum in den nächsten kommen, jeder Raum mit Leichen übersät ist und nur lapidar erklärt wird, die Leichen in diesem Raum seien identifiziert, die im nächsten Raum noch nicht, und die beiden dann noch feststellen, dass sich auch auf dem Dach noch Leichen befinden, wird wohl niemand so rasch vergessen.

Anders als in Z oder "Der unsichtbare Aufstand" kommt hier noch eine familiäre Komponente hinzu: Ed ist ein christlich-konservativer Geschäftsmann, der vom Leben seines Sohnes wenig wusste, dessen Ansichten nicht verstand, ihn als Versager ansah und Charlie (und dessen Frau Beth) praktisch selbst die Schuld an dessen Situation zuweist, weil Charlie nicht dort lebte, wo er hingehört hätte. Eds Glaube an den american way of life ist zunächst unerschütterlich, doch er muss irgendwann erkennen, dass die USA offenbar mit schmutzigen Fingern am Umsturz beteiligt waren, und sein Sohn versehentlich zu viel wusste, und das kostete Charlie das Leben. Die wirtschaftlichen Interessen der USA freilich bleiben bewahrt.

Z bleibt natürlich unerreicht, und bei ernsten Rollen Jack Lemmons hadere ich etwas mit seiner Synchronstimme Georg Thomalla, dennoch ist "Vermißt" ein absolut sehenswerter Politfilm.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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