The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

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Re: The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

Beitragvon Arkadin » 2. Mär 2016, 14:35

Ich bin noch am Verarbeiten. Erst einmal vorweg: Ich finde es ja super, wie QT die Erwartungen der Leute immer wieder unterläuft. H8 ist dann auch eigentlich ein Theaterstück und erinnert daher an seinen Erstling "Reservoir Dogs". Doch im Gegensatz zu diesem, hat QT aus H8 das ganze Tempo rausgenommen. Es wird viel geredet, geguckt, der Gegner abgeschätzt. Das dürfte viele Zuschauer ziemlich langweilen, ich fand es großartig. Wenn es dann mit dem blutigen Geschäft losgeht wird es sehr, SEHR heftig. Hier hätte ich mir - wie schon bei "Django Unchained" - weniger gewünscht, denn die heftigen Gore-Effekte sind so over-the-top, dass sie a) den Film ins comic-mäßige gleiten lassen, während er davor sehr ernst und erwachsen war und b) natürlich die Gore-Bauern befriedigt werden, die QT immer aus den falschen Gründen zujubeln. Etwas problematisch ist es auch, dass QT den Titel seines Filmes ernst nimmt und dem Zuschauer nun wirklich gar keine Identifikationsfigur anbietet (den guten O.B. - quasi die Nummer 9 - mal ausgenommen). Jeder der 8 ist bösartig, paranoid, eitel und vollkommen skrupellos. Auch Samuel L. Jackson, der zunächst als "Held" eingeführt wird. Was aber auch positiv zur Folge hat, dass die QT immer wieder untergeschobene "Coolness" sich in Luft auflöst, da hier "Coolness" eindeutig eine Maske ist, um sich gegenüber dem Gegener einen Vorteil zu verschaffen, indem man eine Überlegenheit vorgauckelt, die man eigentlich gar nicht hat. Ein Wort zur Musik: Fand ich im Filmkontext sehr gelungen und hat Spaß gemacht. abschliessend: Ein eben so typischer, wie auch ungewohnter Tarantino, bei dem QT die Zitate aus anderen Filmen sehr, sehr subtil unterbringt und ganz die Schauspieler und ihre Figuren im Vordergrund stellt. Problematisch nur, dass man mit keiner dieser Figuren unbedingt für einige Stunden in eine Hütte eingesperrt sein möchte. Aber andererseits ist es ja gerade spannend, wie QT so das Prinzip, dass eine Geschichte einen Helden braucht, noch stärker dekonstruiert als der Italo-Western tat.

PS: Den ausgedehnten Flashback hätte man meiner Meinung nach auch gut weglassen können. Wie beim Finale von "Django Unchained" bin ich auch hier der Meinung, dass der Film stärker gewesen wäre, hätte man das nicht unbedingt ausformuliert, sondern der Fantasie des Zuschauers überlassen.
Zuletzt geändert von Arkadin am 3. Mär 2016, 10:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

Beitragvon Theoretiker » 2. Mär 2016, 19:57

Eben. Man kann dieses Kammerspiel schon fast als konsequente Fortführung der typischen Charakteristika des IW bezeichnen.

Deswegen können "die" Gore-Bauern auch zB nichts mit KILL BILL VOL.2 oder JACKIE BROWN anfangen bzw. bezeichnen die Dialoge als langweilig.

Fehlende Identifikationsfiguren machen es dem Zuschauer besonders schwer, da man dann kaum mitfiebern kann. Wenn das fehlt, neigen viele dazu, emotional abzuschalten. Vergleichbares gilt bei offenen Enden, fehlendem Showdown oder Happy-End.

QT gleicht das aber durch die fesselnden Dialoge aus, die die Charaktere sorgfältig einführen und beschreiben bzw. deren Coolness als Deckmantel entlarven.
Zuletzt geändert von Theoretiker am 2. Mär 2016, 20:25, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

Beitragvon ugo-piazza » 2. Mär 2016, 20:16

Theoretiker hat geschrieben:
Deswegen können "die" Gore-Bauern auch zB nichts mit KILL BILL VOL.2 oder FOXY BROWN anfangen bzw. bezeichnen die Dialoge als langweilig.



Da ist doch wohl eher "Jackie Brown" gemeint, oder?
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

Beitragvon Theoretiker » 2. Mär 2016, 20:25

ugo-piazza hat geschrieben:
Theoretiker hat geschrieben:
Deswegen können "die" Gore-Bauern auch zB nichts mit KILL BILL VOL.2 oder FOXY JACKIE BROWN anfangen bzw. bezeichnen die Dialoge als langweilig.



Da ist doch wohl eher "Jackie Brown" gemeint, oder?


Hehe, klar, bin overloaded. :lol:
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Re: The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

Beitragvon Seth_LCF » 25. Mär 2016, 16:07

Was sich, wie ich finde, bereits in seinem Vorgänger abzeichnete wird hier leider zur Gewissheit.
Es scheint mir als habe Tarantino ernsthafte Schwierigkeiten noch Themen zu finden die er konsequent umzusetzen weis.
Vom Szenario her hat mich dieser Titel wirklich sehr stark an Reservoir Dogs erinnert. Die Guten, die Bösen sowie ein Maulwurf auf engste Raum zusammen, gepaart mit einigen Rückblenden.
Im Gegensatz zu RD wirkt hier aber alles sehr schwerfällig sowie langatmig.
Den Drahtseilakt, das Pendel stets auf Spannung austariert zu haben, eine von Tarantinos vorzüglichsten Fähigkeiten, misslingt hier meist völlig und schlägt leider zu oft in Richtung Langeweile, ja gar der Belanglosigkeit aus.
Wenn ich nur an die sehr starke & dramatische Gasthaus - Keller Szene aus IB denke ... solche Szenen gibt es auch hier, nur sind diese weder stark und von Dramatik kann leider schon gar nicht die Rede sein.

Mist, jetzt habe ich ihn schon wieder gesehen, den bisher schwächsten Tarantino. Schade.
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Re: The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

Beitragvon buxtebrawler » 28. Mai 2016, 21:29

Erscheint voraussichtlich am 30.05.2016 bei Universum Film in verschiedenen Ausführungen:

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Blu-ray im Steelbook

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herkömmliche Blu-ray

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DVD
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)

Suche (dt. Sync): Dr. Jekyll und Mr. Hyde ('31) / The Last Song (Permanent Record) / Der Mann mit der eisernen Maske (Whale) / Rock'n'Roll Nightmare
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Re: The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

Beitragvon purgatorio » 23. Jun 2016, 07:16

THE HATEFUL 8 (THE HATEFUL EIGHT, USA 2015, Regie: Quentin Tarantino)

Ja gut, was soll ich sagen? Gefiel mir! Sicher und unzweifelhaft ist, dass der Film im Mittelteil keinen Drive hat. Da fehlen und Witz und Spannung, die sonst vom Herrn Tarantino meisterlich in sture Dialoglastigkeit eingewoben wurden. Hier gibt es das nicht. Das macht den Film anstrengend! Aber: Das Finale, sprich die gesamte letzte halbe Stunde, spottet jeder Beschreibung und entschädigt stattlich! Und „aber“ #2: Ich tät ja zu gern noch die längere Fassung sehen! Der Trailer zeigt diverse Szenen, die ich gestern nicht sah. Da hätte ich schon noch Bock drauf, auch wenn ich glaube, dass der Mittelteil dadurch nicht zu retten ist.
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Re: The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

Beitragvon untot » 29. Aug 2016, 01:37

So, jetzt hab ich den auch endlich gesehen.
Stimmige Bilder, eigentlich auch ganz spannende Story, aber mir stellenweise einfach zu dialoglastig und künstlich in die Länge gezogen.
Der Score war gut und das Finale furios.
Trotzdem nicht ganz mein Ding, er belegt den vorletzten Platz in meinem persönlichenTarantino Ranking.

6/10
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Re: The Hateful Eight - Quentin Tarantino (2015)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 23. Jul 2017, 23:44

Je mehr Filme er dreht, desto offensichtlicher wird es: Das Werk Tarantinos und ich werden in diesem Leben wohl keine engen Freunde mehr. Damals, mit sechzehn oder siebzehn, konnten mich RESERVOIR DOGS und PULP FICTION noch nach durch-zechten Nächte zum Frühstück unterhalten, und KILL BILL auf der großen Leinwand ließ mich etwas später nicht bereuen, für die beiden Tickets einen völlig überteuerten Preis bezahlt zu haben. Sämtliche Folgewerke Tarantinos habe ich mir zwar noch nachge-schaut, teilweise aber erst Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung, und meist nicht freiwillig, sondern weil sie irgendwo irgendwie immer irgendwann zufällig liefen, wo ich ebenfalls zufällig zugegen war. Auch in den Genuss von THE HATEFUL EIGHT, immerhin bereits Ende 2015 erschienen, bin ich die letzten Tage erst gekommen, und obwohl ich nicht behaupten kann, das Gefühl verschwendeter Lebenszeit zu haben, wenn ich an die knapp drei Stunden zurückdenke, die mich der Monumentalwes-tern gekostet hat, so habe ich jedoch auch nicht das Gefühl, dass der Film mich in irgendeiner Weise bereichert hätte.

Tarantino tut das, was er immer tut: Auf dem Gerüst eines eher für seine Schauwerte denn für seine komplexen Inhalte bekannten Genres – erneut ist es, wie schon in DJANGO UNCHAINED, das des Westerns – wird ein Babelsturm aus weitschweifigen Dialogen zwischen Figuren errichtet, die noch jedes Knarren des Holzdielenbodens verbal kommentieren müssen, und, nebenbei, unnötig umständlich und verschachtelt eine eigentlich recht konventionelle Geschichte um ewige Themen wie Rache, Liebe und Gier erzählt. Weshalb der Film nun wirklich über hundertsechzig Minuten dauern muss, und weshalb Tarantino, wenn er schon in 70mm filmt, das opulente Breitbandformat hauptsächlich dazu nutzt, das wenig impressive Interieur einer handelsüblichen Holzhütte zu erkunden, und weshalb jeder seiner Filme in einer sinnlosen Gewaltorgie münden muss, deren zerplatzende Köpfe und Blutfontänen nun wirklich weit selbstzweckhafter sind als alle Gräueltaten, die Fulci-Zombies jemals verübt haben, zu-sammengenommen, darüber können die Fanboys und Filmhistoriker sicher lang und breit einen Disput führen, den ich höchstwahrscheinlicher interessanter finden werde als die spartanische, kammerspielartige Inszenierung zwischen Hitchcocks ROPE und Polanskis GOD OF CARNAGE, die fehlende visuelle Höhepunkte entweder, im Mittelteil, durch unerträglich langatmige Monologe ausnahmslos unsympathischer Figuren oder, im Finale, die Gewaltexzesse derselben auszugleichen versucht. Schauspielerisch bekommt man wie gewohnt solide Ware, und dass Morricone tatsächlich nochmal einen Western vertont, ist natürlich ein süßer Schachzug, und manche Idee, manches Motiv wie beispielweise der fiktive Lincoln-Brief, mit dem sich der einzige afroamerikanische Charakter das Vertrauen seiner weißen Mitmenschen „erschwindelt“, ist schon recht intelligent ersonnen, trotzdem, unterm Strich hatte ich beim Abspann den Eindruck, gerade ein Remake von RESERVOIR DOGS im Westerngewand von jemandem nacherzählt bekommen zu haben, dem es weniger darum geht, mir die charakteristischen Züge der Fabel mitzuteilen, sondern sich in tausend Nebenschauplätzen verliert, weil dieser Jemand es vor allen andern Dingen liebt, sich selbst reden zu hören.

Ein kreativer Einfall Tarantinos fasst die Probleme, die ich inzwischen mit seinem Kino habe, bestens zusammen: An einer Stelle des Films okkupiert die Stimme des Meisters selbst die Tonspur, um als Erzähler zu fungieren, der spielerisch mit den Zeitebenen jongliert, wahlweise in die Gedanken seiner Protagonisten abtaucht und uns auf spezifische, für den weiteren Handlungsverlauf wichtige Details hinweist. Per se mag das eine witzige Sache sein, wenn ein Regisseur sich derart gottgleich in die Diegese selbst einmischt, und ein bisschen postmodern die Konventionen herumrollt, die Frage ist eben nur, was man aus solch einem metareflexiven Eingriff macht, und was nicht. Wenn Godard sich am Ende von BANDE À PART – ein Film, den Tarantino so sehr mag, dass er sogar seine eigene Produktionsfirma nach ihm benannt hat – hören lässt, und in wenigen, kurzen Sätzen die abenteuerliche Liebesgeschichte von Odile und Franz zu einem Ausklang bringt, als sei sie ein billiger Kriminalroman, nur um uns dann zu versprechen, in seinem nächsten Film würde er zeigen, was unsere Helden in Afrika und sonst wo noch für spannende Sachen erleben, dann ist das selbstironisch, subtil subversiv und irgendwie auch ziemlich rührend. Das Zauberwort lautet in diesem Fall Sprachökonomie. Godard weiß, dass weniger oft mehr ist, und belässt es bei drei, vier Sätzen, die einen be-stimmten Zweck haben, und diesen gut genug erfüllen, dass ich nur an die letzte Minute von BANDE À PART denken muss, und schon habe ich ein breites Grinsen im Gesicht. Diese Sprachökonomie fehlt, wie mir immer klarer wird, Tarantino gänzlich. Hat er das Bedürfnis, etwas zu verstecken, weil er seine Figuren – und sich, wie in vorliegendem Film, selbst! – so viel plappern lässt? Man kann ganze Filme totreden, und so laut quasseln, dass der Projektor sein eigenes Rattern nicht mehr hört. Wenn Tarantino aus dem Off zu uns spricht, dann erkenne ich darin keinen anderen Zweck, keinen Vorteil für die Handlung, keinen Meta-Gestus, sondern vielmehr so etwas wie den verzweifelten Versuch, der Stille ja nicht genug Raum zu geben. Würden Tarantinos Dialoge wenigstens, wie die von Truffaut, auf ungezwungene Art zwischenmenschliche Beziehungen ausloten, oder wenigstens, wie die von Rohmer, das große Ganze in Form philosophisch-moralischer Debatten ins Boot holen, oder wenigstens, wie das genannte Beispiel von Godard, komisch genug, dass es mir vorkommen könnte, als nehme sich da jemand selbst auf die Schippe – dann, möglicherweise, wären sie möglicherweise gar nicht darauf angewiesen, derart maßlos und ziellos nach allen Seiten hin auszuufern.
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