Terror Eyes - Der Frauenköpfer - Ken Hughes (1981)

Moderator: jogiwan

Re: Terror Eyes - Der Frauenköpfer - Ken Hughes (1981)

Beitragvon buxtebrawler » 6. Mär 2017, 17:41

„Wenn du das siehst, vergeht dir der Appetit!“

Frankreich, Januar 1981: Auf dem „Avoriaz Fantastic Film Festival“ erfährt „Night Terror“ seine Premiere, ein gialloesker US-Slasher, der nach genredefinierenden Beiträgen wie „Halloween“, „Freitag der 13.“ oder auch „Maniac“ zur B-Riege ersten großen Welle des Subgenres zählte. Der britische Regisseur Ken Hughes („Casino Royale“, „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“) beendete mit ihm seinen Broterwerb als Regisseur, es sollte der letzte von ihm inszenierte Spielfilm werden. In Deutschland verpasste man „Night Terror“ den so idiotischen wie reißerischen Titel „Terror Eyes – Der Frauenköpfer“, der diesem Genre-Kleinord nicht gerecht wird.

„Der Kopf ist sauber vom Körper getrennt worden!“

In Boston treibt ein Frauenmörder in Motorradfahrerkluft sein Unwesen, der seine Opfer zu enthaupten und ihre Köpfe in Wasser zu versenken pflegt. Seine Ermittlungen führen Kommissar Judd Austin (Leonard Mann, „Seine Kugeln pfeifen das Todeslied“) zum Wendell College, wo alle bisherigen Opfer Professor Milletts (Drew Snyder, „Der Feuerteufel“) Anthropologie-Kurse an der Abendschule besucht hatten. Dieser entpuppt sich als Weiberheld, der gern seine Studentinnen verführt, zurzeit aber mit seiner Assistentin Eleanor (Rachel Ward, „Die Dornenvögel“) liiert ist. Dass er Vorlesungen über Kopfjagden in Neuguinea hält, macht ihn nicht gerade unverdächtig und tatsächlich ist die Mordserie noch nicht vorbei. Es stellt sich jedoch die Frage nach dem Motiv – handelt es sich um Ritualmorde?

„Es ist dein ekelhafter Job!“

Dass zumindest manch früher US-Slasher stark vom italienischen Giallo beeinflusst war, ist ein offenes Geheimnis und „Terror Eyes – Der Frauenköpfer“ ist entgegen seines nicht nur Linguisten mit der Stirn runzeln lassenden und möglicherweise überzogene Erwartungen an den Grad grafischer Gewalt weckenden deutschen Titels ein perfektes Beispiel dafür: Mit der verträumten Klaviermusik seines Komponisten Brad Fiedel eröffnet Hughes seinen Film und präsentiert den ästhetisierten Auftaktmord an einer Aushilfslehrerin auf einem Karussell, ohne die Enthauptung selbst zu zeigen. Nach dem Prolog lernt man zunächst einmal Ermittler Austin und dessen Frau kennen, der Milletts Anthropologie-Vorlesung aufsucht. Hughes etabliert nun ein ausgeprägtes Whodunit?, neben Prof. Millett erweist sich der behinderte Gary (Bill McCann, „Meerjungfrauen küssen besser“) als verhaltensauffällig. Dieser verfolgt in einer ausgedehnten Spannungssequenz Eleanor, die sich schließlich zu Hause auszieht und duschen geht. Lange Zeit wird kein Wort gesprochen. Jemand versucht, in die Wohnung einzudringen und klingelt Sturm, woraufhin die Dame ihre Körperhygiene kurz unterbricht. Doch nun befindet sich ein Mann in ihrer Wohnung, der den Duschvorhang aufreißt…

„Das war eine schnelle Exekution!“

Die gesamte Szene war eine unschwer zu erkennende Hitchcock-Reminiszenz, die jedoch einen anderen Verlauf als erwartet nimmt: Kein Norman-Bates-Epigone hat es auf die Frau abgesehen, sondern Millett überrascht seine Lebensgefährtin und läutet eine Erotikszene ein, in der sich beide mit roter Farbe einschmieren, was natürlich an Blut erinnert. Ein schöner Streich, den sich Hughes mit der Erwartungshaltung seines Publikums erlaubt hat, der die Handlung aber nicht voranbringt. Diese nimmt wieder Fahrt auf, als der behelmte Mörder in Bikerkluft einer Taucherin in einem Aquarium den Garaus macht. Dies ist die Konsequenz aus einer sehr gekonnt auf Suspense setzenden Dramaturgie, welche in einen nun etwas grafischeren, fast künstlerischen Mord mündet. Nach dem eher einen Kriminalfilm vermuten lassenden Auftakt ist der Film nun gänzlich im Stalk’n‘Slash-Sujet angekommen.

„Der moderne Mensch muss nur einen kleinen Schritt machen und schon befindet er sich im primitiven Dschungel seiner Vorfahren!“

Eleanor ist schwanger von Millett, wie sie ihm eröffnet, als sie frustriert im Restaurant sitzt. Bedienung Carol (Karen MacDonald, „Glatt rasiert“) hat immer einen kessen Spruch auf den Lippen und kommentiert ihre Beziehung – und ist das nächste Mordopfer. Der Killer hat zudem Eintopf aus ihrem Kopf gemacht, den der Wirt nichtsahnend seinen Gästen auftischt. Gar nicht erst zur Arbeit erschienen ist Gary, dem die Polizei nun auf den Fersen ist. Dieser entpuppt sich indes als Exhibitionist – pervers, aber harmlos. Oder nur vermeintlich? Immerhin stellt er auch Lesbierinnen nach, die die nächsten Opfer des Mörders werden. Zunächst die eine in einer starken Szene hinter einer Tür, dann die anderen, nachdem sie den Kopf ihrer Freundin im Klo fand – ein scheußlicher Anblick. Der Mörder wird enttarnt und entkommt per Motorrad, und auf eine rasante, fulminant gefilmte Verfolgungsjagd folgt eine (weitere) überraschende Wendung, ein beinahe klassischer gialloesker Doppel-Twist also. Die schöne Schlussszene mit ihrem doppeldeutigen Dialog hätte den Film prima abgerundet, der alberne Epilog erscheint etwas unnötig.

„Zieh den Kopf ein, sonst kommst du ohne zurück!“

„Terror Eyes – Der Frauenköpfer“ überzeugt mit seiner ausgeklügelten Geschichte, deren Ausgang man zwar erraten kann, man aber nicht zwingend bereits zehn Meter gegen den Wind riecht, sowie Mark Irvins für einen Film wie diesen nahezu perfekte Kameraarbeit. Hughes gelingt es, trotz aller Krimi- und Zitate-Versatzstücke eine kohärente trist-melancholische Atmosphäre aufrecht zu erhalten und achtet darauf, dass keine Logiklöcher seinen Film ad absurdum führt. Das schwankende Tempo ist gewöhnungsbedürftig und das Filmblut etwas arg unrealistisch hell, dafür verstehen es aber die Schauspieler gut, den Film zu tragen und ist die attraktive Rachel Ward in ihrem Kino-Debüt zu sehen. Für Freunde des blutrünstigen Popcorn-Slasher-Kinos, die Handlung lediglich als schmückendes Beiwerk empfinden, ist dieses Exemplar sicher nichts. Wer sich jedoch an Täter- und Motivsuche erfreuen kann und auch gern einmal ungewöhnlichere Wege zur Auflösung mitgeht, ist hier ebenso richtig wie der Ästhet, dem Irvins Kamera Scheußliches wie Schönes hübsch aufbereitet zu bieten hat. Der Film stellt zur Diskussion, ob es zwingend immer ein Tatmotiv bei Morden gäbe – ich hingegen stelle 7,5 von 10 Köpfen zur Diskussion und vertrete in ihr, dass der nicht nur aufgrund der Herkunft seines Regisseurs europäisch anmutende „Night School“ häufig schlechter wegkommt, als er ist.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)

Suche (dt. Sync): Dr. Jekyll und Mr. Hyde ('31) / The Last Song (Permanent Record) / Der Mann mit der eisernen Maske (Whale) / Rock'n'Roll Nightmare
Benutzeravatar
buxtebrawler
Forum Admin
 
Beiträge: 23291
Registriert: 12.2009
Wohnort: Wo der Hund mit dem Schwanz bellt.
Geschlecht: männlich

Re: Terror Eyes - Der Frauenköpfer - Ken Hughes (1981)

Beitragvon Santini » 7. Mär 2017, 21:48

buxtebrawler hat geschrieben:US-Regisseur Ken Hughes


Der Mann war Brite! :opa:

;)
Bild
Benutzeravatar
Santini
Forum Admin
 
Beiträge: 5199
Registriert: 11.2009
Geschlecht: nicht angegeben

Re: Terror Eyes - Der Frauenköpfer - Ken Hughes (1981)

Beitragvon buxtebrawler » 7. Mär 2017, 23:42

Santini hat geschrieben:Der Mann war Brite! :opa:

;)


Das erklärt einiges. Werde meinen Text in dieser Hinsicht noch einmal überarbeiten.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

Ein-Mann-Geschmacks-Armee gegen die eingefahrene Italo-Front (4/10 u. 9+)

Suche (dt. Sync): Dr. Jekyll und Mr. Hyde ('31) / The Last Song (Permanent Record) / Der Mann mit der eisernen Maske (Whale) / Rock'n'Roll Nightmare
Benutzeravatar
buxtebrawler
Forum Admin
 
Beiträge: 23291
Registriert: 12.2009
Wohnort: Wo der Hund mit dem Schwanz bellt.
Geschlecht: männlich

Vorherige

Zurück zu "Amerika"


 

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

web tracker