Sadie Thompson - Raoul Walsh (1926)

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Sadie Thompson - Raoul Walsh (1926)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 14. Nov 2017, 13:55

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Originaltitel: Sadie Thompson

Produktionsland: USA 1926

Regie: Raoul Walsh

Darsteller: Gloria Swanson, Lionel Barrymore, Raoul Walsh, Charles Lane, Blanche Friederici, James A. Marcus

Im Jahre 1926 wagt Stummfilmstar Gloria Swanson den Schritt in die Unabhängigkeit. Sie verlässt nach ausgelaufenem Vertrag Paramount, obwohl die ihr eine jährliche Gage von einer Million Dollar anbieten, und produziert ihre Filme fortan selbst. Dass es dann insgesamt derer nur drei geworden sind, sagt schon viel über Erfolg und Misserfolg des Unternehmens aus. Ihr erster eigener Film, THE LOVE ON SUNYA, scheitert an den Kinokassen eher, als dass er sie im Sturm erobert, und ihr letzter, QUEEN KELLY, bedeutet für sie und ihren Geschäfts- und Lebenspartner Joseph P. Kennedy, Vater des späteren US-Präsidenten, ein regelrechtes finanzielles Fiasko. Nicht nur, dass Regisseur Erich von Strohheim erneut die inhaltlichen und ökonomischen Grenzen des damaligen Hollywood-Systems bis zum Kollaps ausreizt – die knapp hundert Minuten Material, die tatsächlich noch in den Kasten gebracht wurden und heute vorliegen, stellen einzig und allein den Prolog von Stroheims megalomanischem Mammut-Projekt dar! -, auch eine hastig von Swanson selbst aus den während dreimonatiger Drehzeit hervorgegangenen Fetzen zusammenkompilierte Fassung scheitert bei Kritik und Publikum. Das Ende: Stroheims Karriere als Regisseur ist ruiniert, Swanson und Kennedy sitzen auf etwa achthunderttausend US-Dollar Schulden, und Swanson schafft gerade so noch den Sprung ins Tonfilmgeschäft, bevor sie für lange Zeit von der Leinwand verschwindet – aber immerhin für Billy Wilders SUNSET BOULEVARD 1950 dorthin zurückkehrt, um zusammen mit von Stroheim als ihrem Butler gerade auch QUEEN KELLY einen augenzwinkernden, nostalgieseligen Tribut zu zollen. Zwischen den roten Zahlen von THE LOVE ON SUNYA und QUEEN KELLY steckt indes ein Film, mit dem Swanson durchaus an alte Erfolge anknüpfen konnte: SADIE THOMPSON von 1928, dessen deutscher Titel …ABER DAS FLEISCH IST SCHWACH diesmal sogar den Inhalt noch pointierter zusammenfasst als es der des Originals tut.

Sadie Thompson ist ein Freudenmädchen, das im wahrsten Sinne des Wortes auf der Südseeinsel Pago Pago strandet. Das Schiff, das sie eigentlich nach Sydney bringen sollte, kann nicht weiterfahren. An Bord ist eine Seuche ausgebrochen, und die Passagiere müssen aus Sicherheitsgründen in der Zwischenstation ausharren bis der nächste Dampfer ihren Weg kreuzt. Während Sadie die freie Zeit dazu nutzt, mit den ortsansässigen oder gemeinsam mit ihr gestrandeten Europäern zu flirten, zu schäkern, und mit ihnen in der Abstellkammer, die der örtliche Krämer Horn ihr freundlicherweise als provisorische Ferienwohnung zur Verfügung gestellt hat, zu lautem Jazz ausgelassene Tänzchen aufzuführen, betrachten ihre Mitreisen dieses Treiben mit gerunzelten Augenbrauen. Vor allem der Reformer Davidson, der mit seiner Frau quer durch die Südsee reist, um die, wie er sie nennt, unzivilisierten Wilden mit dem Evangelium vertraut zu machen und mit Zuckerbrot und Peitsche zu Christenmenschen zu erziehen, ist wenig begeistert davon, ein Dach mit einer offensichtlichen Schlampe teilen zu müssen. Gemeinsam mit dem Arzt McPhail und dessen Gattin wohnt Davidson nämlich ebenfalls bei Horn, und kann sich daher mit eigenen Augen und Ohren von den lasterhaften Exzessen überzeugen, die nur ein Stockwerk unter seinem stattfinden. Einen Ortsansässigen immerhin hat Sadie auf ihrer Seite: Den maskulin-charismatische Offizier O’Hara, von dem schnell klar wird, dass die junge Frau, wenn er sie freundlich darum bitten würde, sofort bereit wäre, das Rotlicht gegen einen Ehering zu tauschen. Davidson jedoch durchkreuzt solche Herzensläuterungen durch die Liebe. Nachdem er beim Gouverneur erwirkt hat, dass Sadie als subversives Element mit dem nächsten Schiff zurück nach San Francisco geschippert werden soll, ist unsere Heldin am Boden zerstört. O’Hara gegenüber bekennt sie: In Frisco, da warte das Zuchthaus auf sie. Aber weder er noch McPhail können den Gotteskrieger umstimmen, der es sich stattdessen mehr und mehr zur Aufgabe macht, das abtrünnige Schaf zur Herde zurückzuzwingen. Seine Arbeit trägt wider Erwarten Früchte: Bald schon stellt O’Hara einen seltsamen Gemütswandel bei Sadie fest. Sie legt ihren Schmuck ab, kleidet sich in einer Kutte, liest in der Bibel, betet viel, wird zur reuigen Sünderin wie aus dem katholischen Kitschhandbuch. Bereitwillig, erklärt sie, würde sie in die Staaten zurückreisen, und für Gott die ihr drohende Strafe auf sich bürden. Als O’Hara sie entführen und mit sich nach Sydney nehmen will, verwehrt ihm das Davidson als Inkarnation der göttlichen Gerechtigkeit. Doch leider hat der Mann Gottes nicht nur ehrbare Absichten im Sinne. Das Fleisch ist schwach, und das des Missionars strebt mit zunehmender Laufzeit zu dem hin, aus dem Sadie so verführerisch modelliert ist…

SADIE THOMPSON basiert auf dem Broadway-Erfolgsstück RAIN von John Colton und Clemence Randolph aus dem Jahre 1923, das wiederum auf die Kurzgeschichte MISS THOMPSON des britischen Schriftstellers W. Somerset Maugham zurückgehrt, die erstmals 1921 publiziert und nach dem Erfolg besagten Stückes vom Autor ebenfalls in RAIN umbenannt worden ist. Das Theaterprojekt kenne ich zwar kein bisschen, dafür aber Maughams Kurzgeschichte, die es schafft, aus ihren limitierten erzählerischen und stilistischen Mitteln, trotz erheblicher Defizite in Wortschatz und Ausdruck, eine reichlich bedrückende Atmosphäre zu kreieren, deren narrative Eckpfeiler grob mit denen übereinstimmen, die ich oben als konstitutiv für Raoul Walshs Leinwandadaption skizziert habe. Was MISS THOMPSON aber grundlegend von SADIE THOMPSON unterscheidet, ist: Während wir die Ereignisse der Erzählung größtenteils aus der Perspektive des über weite Strecken der Handlung schlicht untätigen Arztes McPhail wahrnehmen, liegt der Fokus in der Filmversion ganz auf der titelgebenden weiblichen Hauptfigur. Die ist dann auch nicht, wie bei Maugham, eine etwas dickliche Lotterschlampe, die mit jedem Kerl ins Bett hüpft, sondern eine liebenswerte, witzige Person, der man ihren lasterhaften Leben allein wegen ihrer selbstironischen, kumpelhaften Art nachsieht. Um Hollywood nicht zu ärgern, hat man aus dem nominellen protestantischen Priester, der Davidson in der Erzählung nun mal ist, für das Kinopublikum einen Freizeitreformer gemacht, und Swanson außerdem ein echtes Mannsbild als love interest an die Seite gestellt: Vom Offizier O’Hara, der Swanson letztlich aus Rotlichtsumpf und religiösem Wahn befreit, - und mit dem sich Regisseur Walsh die positivste, weil glatteste Rolle des gesamten Films quasi auf den eigenen Leib geschrieben hat -, ist in Maughams ungleich düstereren, sündigen, getriebenen short story keine Spur zu finden.

Es ist aber dennoch interessant, Maughams Prosaskizze herzunehmen, um sich an ihr zu vergegenwärtigen, nach welchen Regeln das Hollywood-Kino zum Ende seiner Stummfilmzeit getanzt hat. SADIE THOMPSON ist – für alle, die das bei DEM Titel noch nicht erwartet haben – ein reines Star-Vehikel, bei dem Gloria Swanson nahezu in jeder Szene die Szenerie dominiert – sei es nun als rauchende, fluchende, aber immer possierliche Prostituierte, als verzückte Heilige, die sich vor Reue beinahe die Augen aus dem Kopf weint, oder, zuletzt, als gutbürgerliche potentielle Gattin und Kindesmutter, die mit ihrem Traumprinz in den Sonnenuntergang segelt. Ihr maskenhaftes Make-Up, ihre opulente Garderobe, zusammengesetzt aus so vielen Ornamenten, dass einem schwindlig werden kann, ihre großen Herzschmerz-Momente, und natürlich die ständigen Großaufnahmen, bei denen das eindringliche Gesicht die Leinwand zu sprengen droht: Wenn es jemals eine Kunstform gegeben hat, bei der die Frau gleichermaßen als pures Deko-Objekt und direkte Stufenleiter zur Transzendenz verherrlicht worden ist, dann sind es Filme wie dieser, bei dem es selbst mir schwerfällt, bei all dem schönen Schein noch einen klaren Blick für das Wesentliche zu behalten – nämlich: Was gibt es technisch Interessantes an diesem Blockbuster zu entdecken? Sind da irgendwo subversive Details versteckt, die es sich aufzuspüren lohnt? Wo genau steigert sich der Film derart in seine Melodramatik hinein, dass er selbst den Boden unter den Füßen verliert?

Ich mochte jedenfalls: Den Beginn, auf dem Schiff, wenn Walsh uns nicht einfach plump die einzelnen Hauptfiguren vorstellt, indem er – wie seinerzeit üblich – Texttafeln mit ihren Namen in die Exposition schneidet, sondern sie sich in einer Art Poesiealbum allesamt namentlich und mit ihrem Lebensmotto verewigen lässt. Das allein macht es dem Zuschauer möglich, noch bevor er irgendwas über Davidson, Thompson oder McPhail weiß, einen ziemlich prägnanten Eindruck davon zu gewinnen, mit was für einem Schlag Mensch er es bei der jeweiliger Figur zu tun bekommen wird. Auch sind einige Texttafeln recht witzig – witzig im Sinne von Sprüchen, die man auf Cocktailpartys sagen und dafür Applaus ernten könnte, d.h. zumindest stelle ich mir vor, dass es auf einer solchen Feierlichkeit nicht schlecht ankäme, wenn ich, über meinen letzten Südseeaufenthalt referierend, plötzlich deklamieren würde: „Pago Pago - in the sultry South Seas - where there is no need for bed clothes - yet the rain comes down in sheets.“ Obwohl ich Slapstick gar nicht mal so zugeneigt bin, und obwohl etwa das erste Drittel des Films vollgestopft ist mit Slapstick-Szenen, haben mich die vielen Purzeleien Betrunkener, die Sadie an die Wäsche wollen, letztlich doch einigermaßen erheitert – zumal es natürlich prinzipiell für jeden Film spricht, wenn darin ein Äffchen auftaucht, das zwei Liebende kurz vor ihrem ersten Kuss empfindlich stört. Äffchen, Slapstick und der ungezwungene Ton schwinden dann aber nach und nach aus dem Film, und es wundert mich schon, jetzt zurückblickend, wie sehr sich die Stimmung vom Auftakt bis kurz vorm Finale hin schwärzt: Wenn Lionel Barrymore als Davidson in fast schon expressionistisch anmutender Beleuchtung, die sein Gesicht in die Fratze eines Dämonen verwandelt, vor einem Fenster gezeigt wird, dessen Scheibe von Regen und windgepeitschten Palmwedel bestürmt wird, und Gloria Swanson als unschuldiges Lämmchen vor ihm in Seligkeit kniet, dann sind das Bilder von einer Heftigkeit, die ich einer Mainstream-Hollywoodproduktion selbst ein paar Jährchen vor großflächigem Umsichgreifen des Hayes-Codes nicht unbedingt erwartet hätte. Freilich fehlt dem Film allein dadurch der Grimm des Original Maughams, dass er seine Höllenfahrt in einem recht süßlichen Happy End münden lässt, wohingegen die Kurzgeschichte regelrecht im Fegefeuer explodiert. Dennoch: In den, sagen wir, zwanzig Minuten vor Zapfenstreich bringt SADIE THOMPSON ästhetische und motivische Tendenzen zum Knospen, die mich nicht wenig an klassische gothic novels erinnern – mit Swanson als verfolgter Unschuld, einem lasterhaften Priester ihr auf den Fersen, und einem edlen Hünen, der sie schließlich der Bestie entreißt und in den Hafen der Ehe einschifft. Oder, anders gesagt: Wir erleben quasi live mit, wie sich eine heitere Liebeskomödie sukzessive beinahe in einen nominellen Horrorfilm von religiösem Wahn, Schuld, Sühne und Fleischeslust verkehrt.

Nachdem SADIE THOMPSON für Dekaden als verschollen galt, hat man, so will es die Meistererzählung, erst in Gloria Swansons Nachlass eine Kopie des Films gefunden – jedoch eine, bei der die letzten fünf Minuten des Films in derart desolatem Zustand waren, dass alle Restaurierungsversuche sie nicht davor bewahren konnten, unseren Augen für immer verloren zu sein. In der Fassung, die ich letzte Woche auf der großen Leinwand sehen konnte, hat man – ähnlich wie in Stroheims GREED, nur dass dort natürlich beinahe der ganze Film auf diese Weise gedanklich rekonstruiert werden muss – auf ein paar Produktionsphotos bzw. das Original-Drehbuch zurückgegriffen, und mehr recht als schlecht aus dem bisschen Material etwas zusammenbastelt, das zumindest eine Ahnung davon vermittelt, in welchem Heile-Welt-Idyll Walshs Werk schließlich kulminiert ist.

Fazit: SADIE THOMPSON ist nun beileibe kein miserabler Film – er hat seine Momente, und davon eine gute Handvoll -, bringt mich aber nun wirklich auch nicht dazu, den Abspann mit vor dem Herz verschränkter Faust stehend auszuharren. QUEEN KELLY, jener Film, den Swanson gleich darauf produziert hat, ist, obwohl nie vollendet, die bessere Wahl für jeden, der einmal sehen will, wie weit man im klassischen Hollywood, was Dekadenz anbelangt, gehen konnte – und vor allem wie weit nicht.
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