Panik im Needle Park - Jerry Schatzberg (1971)

Moderator: jogiwan

Panik im Needle Park - Jerry Schatzberg (1971)

Beitragvon horror1966 » 24. Apr 2011, 21:55

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Panik im Needle Park
(The Panic in the Needle Park)
mit Al Pacino, Kitty Winn, Alan Wint, Richard Bright, Kiel Martin, Michael McClanathan, Warren Finnerty, Marcia Jean Kurtz, Raul Julia, Angie Ortega, Larry Marshall, Paul Mace, Nancy MacKay, Gil Rogers, Joe Santos
Regie : Jerry Schatzberg
Drehbuch : James Mills / Joan Didion
Kamera : Adam Holender
Musik : Keine Informationen
FSK 16
USA / 1971

Nach einer illegalen Abtreibung flüchtet Helen (Kitty Winn) nach New York. In der New Yorker Fixerszene lernt die Obdachlose den Junkie und Dealer Bobby (Al Pacino) kennen. Sie landet dann auch an der Nadel, und das Paar kommt aus dem Teufelskreis der Sucht und Kriminalität nicht mehr heraus.


Die hier erzählte Geschichte vermittelt meiner Meinung nach einen sehr guten und auch tiefgehenden Einblick in die Welt der Drogenabhängigen Junkies der damaligen Zeit. Sie zeigt schonungslos den Absturz der Menschen und vermittelt einem sehr gut das Gefühl der aus der Situation geborenen Hoffnungslosigkeit, die alle Beteiligten immer mehr in die kriminelle Szene abdriften lässt.

Dieser Film von Regisseur Jerry Schatzberg ist wohl die Grundlage für die sagenhafte Schauspiel-Karriere, die Al Pacino bis zum heutigen Tag hingelegt hat. Es war seine zweite Hollywood-Produktion, in der er mitspielte und seine hier gezeigte darstellerische Leistung hat immerhin einen gewissen Herrn Francis Ford Coppola so sehr überzeugt, das er ihn für die Rolle des Michael Corleone in „Der Pate“ verpflichtete. Was danach kam, war eine fast unvergleichliche Karriere als Schauspieler.

„Panik im Needle Park“ wird zum Großteil von der fantastischen Leistung Pacinos getragen, der hier schon mehr als nur andeutet, welch schauspielerisches Potential in ihm steckt. Die anderen Darsteller, die übrigens auch sehr gute und überzeugende Leistungen an den Tag legen, verblassen aber im Gegensatz zu Pacino.

Seine Darstellung des lässigen und scheinbar immer coolen Drogendealers wirkt sehr real und authentisch. Auch die an seiner Seite spielende Kitty Winn läuft hier zur Hochform auf. Vor allem der Übergang vom sorglos wirkenden Paar zu zwei Menschen, die immer tiefer im Drogensumpf versinken und sich mit den daraus ergebenden Problemen auseinandersetzen müssen, ist hervorragend in Szene gesetzt worden. Die anfängliche Leichtigkeit verfliegt ziemlich schnell und schon bald ist der Punkt erreicht, das sie eigentlich alles für einen Schuss machen würden. Helen prostituiert sich und hat längst keine Hemmschwelle mehr und der Konsum wird von Tag zu Tag stärker.

Erschwerend kommt hinzu, dass es zur gleichen Zeit sehr schwierig ist, in New York an Drogen zu kommen, da starker Polizeieinsatz die Versorgungskette stört. Ganz nebenbei wird auch versucht, die Junkies gegeneinander auszuspielen und sich gegenseitig ans Messer zu liefern, was auch recht gut gelingt. Der Teufelskreis der Drogen lässt sich nicht mehr durchbrechen, zu tief stecken die Beteiligten darin fest und jeder denkt fast nur noch an seinen eigenen Vorteil.

Der hier gewährte Einblick in die damals vorhandene Drogenszene ist zwar an manchen Stellen etwas überspitzt, aber zumeist doch sehr realitätsnah dargestellt. Manch einer mag diesen Film vielleicht sogar als langweilig ansehen, da hier keine Action vorhanden ist, aber man sollte vorher überprüfen, mit welchen Erwartungen man diesem Film begegnet. In meinen Augen wurde hier ein sehr gelungenes Drama kreiert, das realitätsnahe Einblicke in die Welt der Drogen gewährt, die von exzellenten Schauspielern und einem auch in jungen Jahren brillanten Al Pacino absolut glaubhaft dargestellt werden.



Die DVD :

Vertrieb : Ascot Elite
Sprache / Ton : Deutsch / Englisch DD 2.0 Mono
Bild : 1.85:1 (16:9)
Laufzeit : 105 Minuten
Extras : Fotogalerie, Biografien
Bild Big Brother is watching you
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Re: Panik im Needle Park - Jerry Schatzberg

Beitragvon buxtebrawler » 26. Apr 2011, 17:37

Hört sich interessant an, werde ich mir merken.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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Re: Panik im Needle Park - Jerry Schatzberg

Beitragvon buxtebrawler » 30. Dez 2016, 14:20

„Ich mach's nur ab und zu, ich bin nicht süchtig!“

Jerry Schatzbergs „Panik im Needle Park“ ist ein weitestgehend in Vergessenheit geratener Vertreter des Cinéma vérité, des neorealistischen New Hollywoods. Dass es Schatzbergs Zweitwerk aus dem Jahre 1971 so erging, dafür leisteten Behörden und Zensur ganze Arbeit: Aufgrund vermeintlicher Anleitungen zum Drogenkonsum mit einem X-Rating versehen und infolge von Schnittauflagen zu Stümmelfassungen verunstaltet hatte man dieses New-York-Drama, das einen ungeschönten Einblick in die sich im Klammergriff harter Drogen und der Folgen der Abhängigkeit befindenden Bronx zu Beginn der 1970er bietet – und Al Pacino ein Jahr von „Der Pate“ in seiner ersten Hauptrolle zeigt.

„H ist mit allem toll, auch mit Koks! Musst halt Fantasie haben!“

Die junge Helen (Kitty Winn, „Das Geisterhaus“) landet nach einer illegalen Abtreibung mit Blutungen im Krankenhaus. Dort besucht sie Bobby, ein junger Mann mit spitzbübischem Charme, der sich ihrer annimmt. Sie verlieben sich ineinander und kommen zusammen. Doch Bobby ist ein kleinkrimineller Drogendealer und konsumiert auch selbst Heroin, „nur hin und wieder“ und er sei nicht süchtig. Naiv schlittert Helen in den Drogensumpf...

„Und dich wollt' ich mal heiraten!“

„Panik im Needle Park“ zeichnet unaufgeregt und um Authentizität bemüht die in einen Teufelskreis führende Abwärtsspirale aus dem Konsum harter Drogen, der Abhängigkeit von ihnen, Beschaffungsprostitution und -kriminalität und Gewalt am Beispiel des jungen Paars Helen und Bobby nach und entromantisiert den Drogenkonsum nachhaltig. Die Bronx wird in tristen, schmuddeligen, grauen Bildern eingefangen. Ein Moloch menschlichen Elends, voll auf der Strecke gebliebener Existenzen und zerplatzter Träume, in dem auch Helen und Bobby sich selbst und gegenseitig zu zerfleischen beginnen, weil längst die Drogen ihren Alltag bestimmen. Eifersucht und Verrat treten auf den Plan; das Ende ist offen, doch jeder Zuschauer ahnt, dass es für Helen und Bobby bereits gekommen ist. Schatzberg lässt kaum Raum für Hoffnung, sein Film ist desillusionierend und schmerzhaft bedrückend.

Dabei hat er sich bei allem durchaus Zeit gelassen: Man lernt Bobbys Bruder, einen Profidieb, kennen, bekommt einen Eindruck seines Alltag an der Schwelle zur schließlich destruktiven Sucht und Helen sträubt sich lange dagegen, zum Junkie zu werden. Damit erscheint „Panik im Needle Park“ in seiner Entwicklung nachvollziehbarer als beispielsweise ein „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, schafft er mehr Raum für die Charaktere, auf die er sich konzentriert und bezieht das Umfeld, in dem sie sich bewegen und das seinen Teil dazu beiträgt, als weitläufigeres Gebiet mit ein, das allgegenwärtig und ausweglos wirkt. Entziehen sich Helen und Bobby ihm durch Heroinkonsum, hält Kameramann Adam Holender voll drauf, fertigt Detailaufnahmen der Drogenhandhabung und beschwor damit einen Skandal herauf, der Sittenwächter den Film missinterpretieren ließ und zu eingangs beschriebener Fehleinschätzung führte.

Rau und schroff wie das damalige Dasein in der Bronx ist auch der Stil des Films, der in seinem Neorealismus auf einen Soundtrack ebenso verzichtet wie auf Überblendungen oder andere den Stoff genießbarer machende Darreichungsformen. Getragen wird er vornehmlich von den großartigen schauspielerischen Leistungen Winns und Pacinos, die sich durch zahlreiche emotionale Facetten und Extreme mimen. Winn nahm dafür einen Oscar in Empfang und Pacino empfahl sich mit seinem in Verweigerung der Anerkennung der Realität so lange manischen, überschwänglichen Bobby für seine zukünftigen Großtaten.

Dass „Panik im Needle Park“ auf ein heutiges Publikum irritierend unspektakulär, vielleicht sogar langatmig wirken könnte, hängt indes nicht nur mit der Entwöhnung vom Neorealismus zusammen: Es ist der traurige Umstand, dass sich die harte Drogenszene seither als roter Faden durch die Dekaden zieht und im Unterbewusstsein vieler als unverrückbare Realität festgesetzt hat, deren Existenz hingenommen werden muss, mit ähnlich unmittelbaren Bildern längst im Dokumentar-TV angekommen ist und Werke wie „Requiem for a Dream“ in vielerlei Hinsicht, vor allem aber auf emotionaler Ebene, in fast wutentbrannter Weise frühen Vertretern wie diesem noch einen draufsetzten.
Onkel Joe hat geschrieben:Die Sicht des Bux muss man verstehen lernen denn dann braucht man einfach viel weniger Maaloxan.

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