Inglourious Basterds - Quentin Tarantino (2009)

Moderator: jogiwan

Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon Arkadin » 30. Sep 2011, 10:09

So, mal eben schnell meinen, in diesem Falle komplett subjektiven, Senf zu den "Basterds".

Als ich den Film damals im Kino gesehen habe (in O-Ton, denn nur so ist gerade dieser Film genießbar), wäre ich fast demütig auf den Knien aus dem Kino gerobbt und hätte QT im Bremer Dom eine Kerz angesteckt.

Der Film hat derartig einen Nerv bei mir getroffen, dass ich ohne mit den Wimpern zu zucken augenblicklich die Höchstnote gezogen habe (was bei mir sehr selten vorkommt).

Warum? Da ist einmal die Geschichte, die - wir purgatory schon sagte - eine einzige Hommage an die Macht des Kinos ist. Und dies auf mehreren Ebenen. Das Kino tötet im Film alles Böse und nur im Kino kann Geschichte neu geschrieben werden. Das Kino als Flucht aus der Realität, das Kino als Ort, wo sich Sehnsüchte erfüllen. Kino schafft eine bessere Welt.. und wenn's auch nur im Kino ist.

Aber das ist nur eine Seite der Medallie. Wo hat man schon einmal deutsche Schauspieler so effektiv eingesetzt gesehen. Spätestens seit diesem Film ist für mich klar, dass wir hier großartige Schauspieler besitzen, aber nur sehr wenige Regisseure, die sie auch führen können und ihre Potentiale ausschöpfen (Dresen und Petzold fallen mir spontan ein, aber die machen ein ganz anderes Kino). Ja, selbst Till Schweiger kommt als coole Sau rüber - weil Tarantino ihn nicht sprechen läßt und das typisch schweigerische "Ich bin unter der rauen Schale ein ganz Lieber und Verletztlicher" radikal ausmerzt. August Diehl! Eh einer meiner Lieblinge - aber was er hier abliefert ist teuflisch und steht m.E. Walz' grandiosen Landa in nichts nach. Über Walz schreibe ich nichts, da dürfte eh alles gesagt sein. Und dann Daniel Brühl. Was für eine Offenbarung. Der Mann ist großartig, weil Tarantino sein "netter Junge"-Image nimmt und es für die bösen Tiefen durchlässig macht. Unter der schwärmierischen, netten Oberfläche lauert ein eiskalter Killer. He, der Mann hat im Alleingang eine ganze Kompanie abgeknallt und trotzdem spielt er allen den netten, kultivierten Typen von nebenan vor - und ist uns sympathisch, weil er eben der typische Daniel Brühl ist. Gerade die Szene, wo der wahre Charakter unter der Maske durchbricht ist atemenberaubend. Allein die Darstellungskünste von Diane Krüger finde ich ziemlich... na, nicht so toll.
Die "Basterds" selber sind eine Comic-Truppe, die kein besonders gutes Licht auf die Amis und ihren "Weltpolizei"-Anspruch wirft. Laut, egoistisch und sich selbst als Maß aller Dinge ansehend. Gekonnt verkörpert von Brad Pitt als typischer Redneck.
Ein weiteres Highlight ist die "Kellerbar"-Szene mit Michael Fassbender (noch so ein Ausnahmeschauspieler) und Diehl. Da würden andere Regisseure einen ganzen Film drauf aufbauen, hier ist es "nur" eine perfekt erzählte Episode.
Auch das Ende finde ich wunderbar zynisch. Damit meine ich nicht das Hitler-Attentat, sondern das Schicksal Landas. Denn genauso war es: Die Amis haben den Pakt mit dem Teufel geschlossen, wenn es denn im Kampf gegen den neuen Feind, die Kommis, genutzt hat.
Wie gesag, für mich funktioniert der Film auf vielen Ebenen. Verweise auf die von uns so geliebten Filme (Rollennamen wie Stiegliz, Ed Fenech, aber auch Ulmer und Wicki!) und das deutsche Filmerbe (welches hier ja leider nicht so viel gilt wie anderswo) sind da nur die wohlschmeckende Sauce.
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Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon Blap » 30. Sep 2011, 12:59

Faule Sülze aus der Grube:



Inglourious Basterds (USA, Frankreich, Deutschland 2009, Originaltitel: Inglourious Basterds)

Frankreich während des zweiten Weltkriegs. SS Oberst Hans Landa (Christoph Waltz) ist ein gnadenloser Häscher, im Auftrag des Führers spürt er untergetauchte Juden auf. Auch die Familie von Shosanna (Mélanie Laurent) fällt dem "Judenjäger" zum Opfer, sie selbst kann knapp entkommen. Wenige Jahre später, genauer 1944, hat sich Shosanna längst eine neue Identität zugelegt und betreibt ein Kino in Paris. Der deutsche Kriegsheld Fredrick Zoller (Daniel Brühl) findet Gefallen an der jungen Dame. Da er ein Günstling von Goebbels (Sylvester Groth) ist, schlägt er diesem die Durchführung einer ganz besonderen Veranstaltung in Shosannas Kino vor. Bei einem Treffen mit Goebbels ist auch ein alter "Bekannter" der Kinobesitzerin zugegen, in deren Gedanken ein teuflischer Plan reift...

Ebenfalls in Frankreich zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Lieutenant Aldo Raine (Brad Pitt) der US-Army und seine kleine Truppe -genannt die Basterds- wüten in und hinter den deutschen Linien. Sie haben nur ein Ziel: Angst und Schrecken unter den Nazis zu verbreiten, möglichst viele Feinde zu töten und zu skalpieren. Eine Mission von grösserem Ausmaß kündigt sich an, die deutsche Schauspielerin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) arbeitet mit den Alliierten zusammen. Sie hat Informationen über eine Veranstaltung, eine Filmpremiere in einem Kino in Paris, bei der sich illustre Gäste tummeln sollen. Gäste, die Aldo und seine Leute beseitigen sollen...

Nun tobt sich Herr Tarantino also im zweiten Weltkrieg aus. Wie üblich wechselt er dabei die Handlungs- und Zeitebenen, der Zuschauer behält aber zu jeder Zeit den Überblick. Eine sehr stattliche Anzahl bekannter Schauspieler aus nahezu sämtlichen Generationen hat der gute Quentin vor die Kamera geholt. Alle Beteiligten sind offenbar mit grosser Freude bei der Sache, was sich dann auch umgehend auf den geneigten Zuschauer überträgt. Zunächst möchte ich kurz auf die Mitwirkenden eingehen, die teils für ihre Leistungen gescholten wurden, denn ich bin eindeutig anderer Meinung.

Beginnen wir mit Brad Pitt. Ja, mich nervt dieser "Brangelina" Schwachsinn auch, doch schmälert dies etwa eventuelle Leistungen des Herrn Pitt? Dass er ein talentierter Schauspieler ist, hat er schon vor etlichen Jahren in "Kalifornia" (1993) und "Twelve Monkeys" (1995) bewiesen. Hier und heute überzeugt er mich als Aldo Raine ebenso. Dieser Lieutenant ist ein fürchterlicher Hinterwäldler, ein Redneck-Zombie der abgewracktesten Sorte. Gewissermaßen eine lebendige Karikatur, herrlich! Was zum Geier gibt es daran zu bemängeln? Also vielleicht einfach das nervige "Drumherum" beim Thema Brad Pitt vergessen, dann klappt es auch mit dem Filmgenuss. (Unbedingt dem Originalton lauschen!)

Eli Roth ist ein weiteres Reizthema. Für viele Zeitgenossen scheint der gute Mann sowieso ein rotes Tuch zu sein. Warum? Ich mag seine Regiearbeiten und halte ihn für einen brauchbaren Darsteller. Klar, seine Rolle verlangt ihm nicht viel ab, doch der "Baseballschläger-Psychopath" steht im gut zu Gesicht. Manchmal bin ich geneigt zu glauben, dass Herr Roth wirklich einen an der Waffel hat. Das macht ihn umso sympathischer.

Daniel Brühl ist als deutscher "Kriegsheld" zu sehen. Er wirke blass und unscheinbar, so sagt man über seinen Auftritt in IB. Ja, genauso ist es! Aber genauso muss es sein! Fredrick Zoller ist nichts weiter als ein kleines, armes Würstchen, welches durch -für ihn- glückliche Umstände zu einem Günstling der Naziherrscher wurde. Eben blass, unscheinbar und armselig, unter der biederen Oberfläche brodelt es. Gut gespielt!

Bedenken hatte ich vor der Sichtung von "IB" beim "Thema" Diane Kruger. Bisher fiel die junge Dame nicht unbedingt durch ihr Talent auf. Doch als Bridget von Hammersmark trumpft sie plötzlich regelrecht auf, man schaue aufmerksam ihre Szenen mit Oberst Landa, grossartig! Quentin Tarantino hat ein Händchen dafür, "seine" Schauspieler aus der Reserve zu locken, holt ganz neue Facetten aus ihnen heraus. Man erinnere sich an "Pulp Fiction". Wer bitte war John Travolta vor diesem Film? Ein abgehalftertes Tanzfilm-Bübchen, das mit grausigen Familienkomödien nervte. Als ich damals davon hörte, dass das hoffungsvolle Regie-Nachwuchstalent Quentin Tarantino Travolta als Killer besetzt hat, da schwante mir ehrlich gesagt wenig Gutes. Aber was erwartete uns damals im Kino? Travolta rockte als Vincent Vega so dermaßen das Haus, mir klappte die Kinnlade runter!

Kommen wir zu den weiteren Mitwirkenden. Egal ob Urgestein Rod Taylor als Churchill in der Ecke sitzt, Mike Myers eine herrliche Knallschote von Offizier gibt, selbst Til Schweiger als wüster Messerstecher überzeugt, immer macht es Freude den Burschen zuzusehen. Sogar der von mir sehr geschätzte Christian Berkel ist zu sehen (sowie einige andere wohlbekannte Schauspieler aus Deutschland), es wäre müßig nun alle Beteilgten aufzuzählen. Kurz sei noch auf August Diehl, Sylvester Groth (Goebbels) und Martin Wuttke (Hitler) hingewiesen. Goebbels und Hitler kommen hier als durchgeknallte Schiessbudenfiguren daher. Das entspricht IMHO einer nur leicht überzeichneten Realität, denn etwas anderes als Witzfiguren waren diese traurigen Gestalten im wahren Leben nicht. Grosses Lob hört und liest man allerorts über Christoph Waltz. Auch die pseudointellektuellen Heissluft-Schmalspurschreiberlinge des "Fülletong" waren sich darüber einig, Herr Waltz soll grandios aufspielen. Das machte mich sehr, sehr skeptisch, tiefe Sorgenfalten legten sich über meine Stirn, meine gesamte Gesichtsruine. Dass Christoph Waltz ein guter Schauspieler ist war bekannt. Leider verbinde ich mit ihm seinen denkwürdigen Auftritt im Fernsehfilm "Tag der Abrechnung - Der Amokläufer von Euskirchen". Seither denke ich bei Waltz ständig an diesen irren Gummistiefel-Fetischisten, der aus einer Stadt kommt, in der die Kühe schöner als die Frauen und klüger als die Männer sind, was mir seine Auftritte regelmäßig vergällt. Doch seit der letzten Nacht ist alles anders! Ja, Christoph Waltz ist DER Star des Films. Er spielt sie alle an die Wand, sein Hans Landa ist unfassbar, unvergleichbar, mehr als phantastisch! Ich wollte es nicht glauben, doch hier wurde nichts überbewertet oder gehypt, Christoph Waltz hat einen Platz auf meinem Altar sicher, ich werde ein Bild von Hans Landa aufstellen!

Damit es nicht zu ausufernd wird, soll nun genug über die Schauspieler geschrieben sein. Was mir den Zugang zu "Inglourious Basterds" ein wenig erschwert, sind die vordergründig weniger witzigen, weniger genialen Dialoge. Der Schelm schlummert hier häufig unter der Oberfläche. Ich bin mir sicher, sein ganzes Potential entfaltet der Film erst nach mehrfachem Genuss! Tatsächlich wirkt das Werk oft sehr selbstverliebt, so als hätte Tarantino bei der täglichen Sichtung des neuen Materials wild onanierend vor dem Spiegel gestanden. Aber ist das wirklich ein Nachteil? Klar, noch immer bedient sich Herr Tarantino bei allen möglichen Vorbildern und Einflüssen, doch schneidert er daraus ein mehr und mehr eigenständiges, kleidsames Stück Filmkunst. Natürlich weiss der gute Mann genau, wie weit er sich aus dem Fenster lehnen darf ohne das Mainstreampublikum zu verschrecken. Doch will man ihm das wirklich vorwerfen? Ich gebe zu, mich freuen diese kleinen und grossen Einschübe, die den Film auch für den Freak (besonders für den Italo- und Exploitation-Liebhaber) zu einer bunten Spielwiese machen. Hier ein Stück von Morricone, da noch ein Schnipsel Morricone. Einen der Basterds nach Exploitation-Gottheit Hugo Stiglitz zu benennen, einen General Ed Fenech zu taufen, dies mag alles sehr durchschaubar sein, doch ich liebe den Mann dafür!

Was fällt noch auf? Mehr denn je hat Tarantino ein Auge für wundervolle Einstellungen. Die Flucht von Shosanna oder die "Kinorache" seien hier als Anhaltspunkte genannt. Action gibt es in kleiner Dosierung, mehr hätte den Fluss des Werkes vermutlich gestört. Lediglich die Schiesserei in der Bar ist mir fast ein wenig zu hektisch ausgefallen. Seiner Vorliebe für Damenfüße gibt Quentin wie erwartet nach. Immerhin sind die Füße von Diane Kruger ansehbarer als die von Uma Thurman, was dem ollen Perversling sicher nicht entgangen ist. Rund zweieinhalb Stunden wurde ich sehr gut unterhalten. Gerade WWII Filme faszinieren mich meist, doch hier geht der Reiz eindeutig stärker von der Inszenierung und den Figuren aus. So fühlte sich der zweite Weltkrieg noch nie an, da macht die Umschreibung der Geschichte richtig Laune! Nun aber genug, ich kann nur noch vermelden, dass sich jeder Filmfreund diesen Streifen ansehen sollte. Vielleicht zündet er nicht gleich bei der ersten Sichtung, doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen! Der Film hat jede Menge Potential, eine Wohltat im Vergleich zum ansonsten meist glattgebügelten, oft langweiligen Mainstream, obwohl selbst "irgendwie" Mainstream. Verschroben und doch massentauglich, ein Kunstgriff!

Die Blu-ray bietet eine sehr schöne Bildqualität und interessantes Bonusmaterial. Die Boni habe ich noch nicht vollständig gesichtet, was ich aber auf jeden Fall noch tun werde! Da ich der festen Überzeugung bin, dass "Inglourious Basterds" im Laufe der Jahre noch deutlich wachsen wird, will ich es zunächst bei 8/10 (sehr gut) belassen. Pflichtprogramm! (Was übrigens auch für "Inglorious Bastards" (1978) von Enzo G. Castellari gilt. Tarantions Basterds sind allerdings kein Remake des Streifens, dies nur am Rande).

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Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon ugo-piazza » 30. Sep 2011, 13:17

Santini hat geschrieben:Ein Film der es in die persönliche TOP 100 schafft? Nö.



Oh doch!
Onkel Joe hat geschrieben:Die Kunst im Leben ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.


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Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon Miss Dilara » 5. Okt 2011, 20:42

Santini hat geschrieben:Christoph Waltz, hier als 'Judenjäger' Oberst Landa, zuzusehen und -hören macht wirklich Laune.
Eine Glanzleistung von Herrn Waltz.



Auch ich empfand Christoph Waltz als tragende Rolle unglaublich amüsant. Seine gespielte Weisheit über allen und jeden (welches die Spannung bei mir hervor rief) und seine Art wie er den, ach so guten "Judenjäger" spielte. Dennoch musste ich mich oft zusammenreissen, ihm nicht den Kopf abzubeissen, als Frau steht man ja häufig für die Schwachen ein!!!


ugo-piazza hat geschrieben:
Santini hat geschrieben:Ein Film der es in die persönliche TOP 100 schafft? Nö.



Oh doch!


Ich muss ihn nicht ein zweites mal sehen.... Wäre Till nicht gestorben :lol: vielleicht :angst:


dr. freudstein hat geschrieben:Til Schweiger Fans aller Länder - Vereinigt Euch :roll:

Ich fang schon mal an mich zu outen........
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Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon DrDjangoMD » 5. Okt 2011, 21:21

Miss Dilara hat geschrieben:Ich muss ihn nicht ein zweites mal sehen.... Wäre Till nicht gestorben :lol: vielleicht :angst:


Der Tod des Guten Tills kommt noch dazu so aus dem Nichts, es war, wenn ich mich recht erinnere, in einer für Tarantino typischen Schießerei-Szene, wo eine handvoll Charaktere zusammenkommen und nach ein paar Minütchen einer bis keiner mehr von ihnen übrig ist. Als die Szene vorbei war musste ich mich mal kurz wieder sammeln und plötzlich kam es mir "Moment mal...ist Till Schweiger gerade gestorben oder nicht???" Nachdem man seinen Charakter mehr als die anderen eingeleitet hat, hätte ich mir ein so schnelles Ableben nicht erwartet. (Dies ist allerdings nur eine Beobachtung und kein Kritikpunkt, die Szene war wie gesagt sehr sehr ergreifend umgesetzt).
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Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon Miss Dilara » 5. Okt 2011, 21:32

DrDjangoMD hat geschrieben:
Miss Dilara hat geschrieben:Ich muss ihn nicht ein zweites mal sehen.... Wäre Till nicht gestorben :lol: vielleicht :angst:


Der Tod des Guten Tills kommt noch dazu so aus dem Nichts, es war, wenn ich mich recht erinnere, in einer für Tarantino typischen Schießerei-Szene, wo eine handvoll Charaktere zusammenkommen und nach ein paar Minütchen einer bis keiner mehr von ihnen übrig ist. Als die Szene vorbei war musste ich mich mal kurz wieder sammeln und plötzlich kam es mir "Moment mal...ist Till Schweiger gerade gestorben oder nicht???" Nachdem man seinen Charakter mehr als die anderen eingeleitet hat, hätte ich mir ein so schnelles Ableben nicht erwartet. (Dies ist allerdings nur eine Beobachtung und kein Kritikpunkt, die Szene war wie gesagt sehr sehr ergreifend umgesetzt).


Ich konnte mich kaum sammeln...hallo Till ist Tod und das einfach so...ohne dramatische Einblendung seines noch zappelnden graziösen Körpers... Ich war schockiert und enttäuscht...hatte ich mir doch ein Siegreiches Ende für Till gewünscht, der über Hitler sein Messer schwenkt und laut fluchend in seine Eingeweide sticht (Dieser Satz müsste Zensiert werden)... hups nu ist Großmutters Fantasie durchgegangen!
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Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon purgatorio » 6. Okt 2011, 08:31

so stirbt man eben auch mal - schnell und schmerzlos. So war's auch inszeniert, dass fand ich großartig (obwohl ich mich entsinnen kann, dass ich im Kino auch ersteinmal einige Zeit brauchte um diese Szene einzuordnen). Es war ja nicht nur Till plötzlich fort, einige andere wichtige Charaktere der Truppe gingen ja ebenfalls flöten.
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Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon Miss Dilara » 6. Okt 2011, 20:03

purgatorio hat geschrieben:. Es war ja nicht nur Till plötzlich fort, einige andere wichtige Charaktere der Truppe gingen ja ebenfalls flöten.


da hast du sehr Recht, dennoch war es um den lieben Till, in meinen fraulichen Augen, besonders dramatisch.....
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Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon Salvatore Baccaro » 21. Sep 2012, 15:13

So denn, nach drei Jahren habe ich es nun auch endlich geschafft, mich in dem Haufen Filmen, der auf seine Sichtung wartet (und stetig anwächst), bis zu INGLOURIOUS BASTERDS vorzuarbeiten, von dem ich vor einer halben Ewigkeit nur einmal die erste halbe Stunde zu sehen bekam, bevor mein Gastgeber im Drogenrausch vom Schlaf übermannt wurde, und die mich damals, soweit ich mich erinnere, nicht wenig beeindruckt hat. Dabei bleibe ich nach wie vor: die Exposition, eine postmoderne Verflechtung von stilisitischer Italo-Western-Reminiszenz und immanenter Holocaust-Thematik, kann mich noch immer begeistern und zählt für mich zu Tarantinos besten Momenten!

Nichtsdestotrotz ist INGLOURIOUS BASTERDS nach DEATH PROOF (mit dem ich nun wirklich überhaupt nichts anzufangen weiß) der zweite Tarantino, der mich nachhaltig enttäuscht hat. Ich finde es - neutral gesagt - interessant, dass in diesem Film, der ja offenbar vorrangig als eine Liebeserklärung an das Kino verstanden werden soll, die sich nicht nur darin erschöpft, dass Tarantino wie gehabt pausenlos mehr oder weniger chiffrierte Zitate aus so ziemlich allen Bereichen der Filmhistorie auf jene seiner Fans loslässt, die sich monatelang daran vergnügen können, auch die letzte Anspielung im scheinbar unwichtigsten Detail aufzuspüren, sondern sich auch rein formal darin zeigt, dass die Macht des Kinos, wie sie INGLOURIOUS BASTERDS preist, d.h. seine Fähigkeit des Illusionenaufbaus, nicht mal vor der Realität kuschen muss, handelt es sich hier doch um einen kontrafaktischen Geschichtsfilm, der sich völlig über jegliche historische Authentizität hinwegsetzt und sich das Recht herausnimmt, seine EIGENE Weltgeschichte zusammenzureimen (ähnlich vielleicht wie es ein Achim von Arnim bspw. in seiner sensationellen ISABELLA VON ÄGYPTEN tat, wo historische Fakten recht unbekümmert mit allerlei märchenhaften, eindeutig fiktiven Elementen vermischt werden, und dennoch ein in sich stimmiges und schlüssiges Gesamtbild ergeben) - dass in diesem Film nun, dieser leidenschaftlichen Unter-Beweis-Stellung der eskapistischen Funktion, die das Kino annehmen kann, um reale Schrecken in Gelächter zu ertränken (siehe: Charlie Chaplin), die Liebe seltsam abwesend ist, ich sie so gut wie in keiner Szene spüren konnte, sie schlicht fehlte wie etwas, das bei all den Formalien, den ausufernden Dialogen, dem internationalen Ensemble und dramaturgischen Konstruktionen einfach vergessen worden ist.

INGLOURIOUS BASTERDS ist für mich ein äußerst kühler, vom Verstand und nicht vom Herzen beherrschter Film, der es nicht schaffte, mehr Emotionen aus mir herauszukitzeln als ein anerkennendes Nicken, wenn ich irgendeine Filmanspielung erhaschte, oder ein ehrliches Gelächter bei den drei, vier Szenen, die ich ehrlich witzig fand. Wo Tarantino zu Zeiten von PULP FICTION noch das Erbe der Nouvelle Vague dahingehend verwaltete, dass er ihre Frische und Unmittelbarkeit in seinen 90er-Gangster-Milieu-Kontext verlegte (das Erbe der Nouvelle Vague bei Tarantino ist freilich stets nur ein halbes, hat er doch von Anfang an ignoriert, dass es Regisseuren wie Godard, Truffaut oder Rozier zu Beginn ihren Karrieren neben einer Revolution innerhalb des zeitgenössischen Spielfilms auch, mehr oder weniger stark, immer um eine gesellschaftliche Revolution ging, der von den einengenden Konventionen und starren Normen befreite Film sozusagen das Übungsfeld darstellt, von dem aus die Revolte schließlich auf das ihn umgebende soziale, politische, gesellschaftliche Umfeld übergreifen sollte) und v.a. mit PULP FICTION tatsächlich so etwas wie eine Revolution innerhalb des modernen Kinos einläutet, so hat er sich mit INGLOURIOUS BASTERDS vielleicht endgültig in die Position eines späten Godards des Mainstreams manövriert. Auch bei Godard ist die Liebe ab 1968 weitgehend verschollen und taucht höchstens noch von einer Warte theoretischen Überlegungen aus gesehen auf, als Idee oder als etwas, von dem man über so viele Ecken herum hört, dass es zu etwas rein Indirektem wird. Im Vordergrund bei Jean-Luc steht seit seiner Rückkehr zum "Spielfilm" Ende der 70er der intellektuelle Formalismus, der sich hauptsächlich darum kümmert, seine Filme zu ordnen (oder eben nicht zu ordnen), daran interessiert ist, Bezüge zu schaffen, indem diese eine spezielle Szene mit dieser anderen kombiniert wird, und nicht Geschichten, schon gar nicht im klassischen Sinn, zu erzählen. Daher scheint mir INGLOURIOUS BASTERDS mit seiner Episodenstruktur, dem Fehlen eines eindeutigen Hauptdarstellers und der auffälligen Zusammenhanglosigkeit einzelner Episoden gar nicht weit entfernt von einem Godard-Werk wie bspw. NOUVELLE VAGUE. Hier wie dort wird ausgiebig mit Zitaten gearbeitet, die Protagonisten sind im Grunde keine Figuren, sondern Verkörperungen von Standardtopoi oder ihre Widerlegung, beide Regisseure scheinen einen objektiven, d.h. marktwirtschaftlichen, Blick auf ihre Werke verloren zu haben und agieren in einem Kosmos, den sie sich selbst steckten. Der Unterschied ist vielleicht nur, dass Tarantinos "trivialerer" Stil weiterhin eine breite Masse anspricht, während Godard mit seinem zuweilen kaum noch von jemandem konsumierbarer Stil, der nicht mindestens 10 Semester Philosophie und 5 Semester Kulturwissenschaften studiert hat, hätte er keinen großen Namen, heutzutage wohl nicht mal mehr im Nischenprogramm stattfinden würde. Es ist da nur bezeichnend, dass mir bis kurz vor Schluss nicht wirklich klargewesen ist, dass Shosanna und ihr farbiger Mitarbeiter tatsächlich eine Liebesbeziehung unterhalten und nicht nur beste Freunde sind. Tarantinos weiteres Schaffen wird zeigen, ob sich hier wirklich der Punkt befindet, wo protestlerische Leidenschaft allmählich in sterilen Formalismus kippt.

Zu guter Letzt: INGLOURIOUS BASTERDS hat mich zweieinhalb Minuten prächtig unterhalten. ;-)
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Re: Inglourious Basterds - Quentin Tarantino

Beitragvon purgatorio » 21. Sep 2012, 16:52

Salvatore Baccaro hat geschrieben:(...) die Exposition, eine postmoderne Verflechtung von stilisitischer Italo-Western-Reminiszenz und immanenter Holocaust-Thematik, kann mich noch immer begeistern und zählt für mich zu Tarantinos besten Momenten!

(...)INGLOURIOUS BASTERDS hat mich zweieinhalb Minuten prächtig unterhalten. ;-)


:hirn: :? Das Opening ist doch über zwanzig Minuten lang :nick:
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