Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Moderator: jogiwan

Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 3. Aug 2017, 19:07

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Originaltitel: Brazil: A Report on Torture

Produktionsland: USA 1971

Regie: Saul Landau / Haskell Wexler

Darsteller: Politische Gefangene und Folteropfer der Brasilianischen Militärdiktatur

Im Januar 1971 wird der Schweizer Botschafter in Brasilien von einer Gruppe Untergrundaktivisten entführt. Ihre Forderung: Sie werden ihn nur dann lebend ausliefern, wenn im Gegenzug ihren Kameraden, die teilweise seit Beginn der brasilianischen Mili-tärdiktatur 1964 als politische Gefangene hinter Gittern sitzen, die Freiheit geschenkt wird. Aufgrund des öffentlichen Drucks gerade des Auslands erfüllt der derzeitige Machthaber, der für seine Säuberungsaktionen und Niederschlagung noch der leisesten Opposition berüchtigte General Emílio Garrastazu Médici, die Wünsche der Revolutionäre und lässt siebzig Männer und Frauen, allesamt in miserabler physischer wie psychischer Verfassung, nach Chile ausfliegen. In einem Lager für politische Flüchtlinge nahe Santiago erhalten sie kurz darauf Besuch von zwei US-amerikanischen Reportern, Saul Landau und Haskell Wexler.

In ihrem Buch THE BODY IN PAIN von 1992 führt die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Essayistin die Erfin-dung der Kultur auf die zivilisatorisch erlernte Fähigkeit des Menschen zurück, seinen Schmerz einer produktiven Objektivierung zu unterziehen. Selbst wenn jemand, der unerträgliche (physische) Schmerzen erleidet, zu keiner Lautäußerung außer Wimmern und Winseln mehr fähig ist, können (und müssen) seine Mitmenschen diese unartikulierten Laute, um sie zu bändigen, letztlich wieder in ein System integrieren, das sie ordnet, beschreibt, letztlich konsumierbar macht. Wo vom Schmerz gesprochen wird, argumentiert sie, artikuliert sich niemals dieser selbst. Der Schmerz bleibt unaussprechbar, unbeschreiblich für die menschliche Sprache. Er besitzt keinen Referenten. Der muss ihm erst gegeben werden, für uns, die ihn unerträglich finden. Genau in diesem Übergang von etwas, das außerhalb der Sprache liegt, hin zu einer sprachlichen Objektivierung sieht Scarry einen kritischen Punkt. Klar unterteilt sie ihr Buch in zwei Unterkapitel, MAKING und UNMAKING. Ersteres beschreibt die schmerzlindernde Wirkung, die es haben kann, wenn wir unsere Qual in sprachliche Ausdrücke ummünzen. Ich führe Tagebuch, während ich an Krebs strebe. Ich schreibe einen Brief nach Hause von der Front. Ich verfasse einen Gedichtzyklus, nachdem meine Frau mich verlassen hat. Zweiteres aber beschreibt den entgegengesetzten Prozess: Ein Mensch wird gefoltert. Die Folterer monopolisieren die Schmerzauslegung und Schmerzobjektivierung. Sie machen die Sprache zu ihrem Komplizen. Gemeinsam verstärken sie den bereits vorhandenen Schmerz ins Unermessliche. Außerdem machen sie ihn nutzbar. Ein vom Herrschaftsapparat bereitgestelltes Koordinatensystem wartet nur darauf, ihn aufzunehmen, und für seine Zwecke zu verwenden. Scarry schreibt: „Das Geständnis ist der konkreteste Beweis für den Versuch des Folterers, Laute hervorzulocken, die dann dem Sprecher entrissen werden, um sie zum Eigentum des Regimes zu machen.“ Alle Rede über Folter ist Täterrede, könnte die Kurzform dieser These lauten, für deren Untermauerung BRAZIL: A REPORT ON TORTURE das filmische Äquivalent darstellt.

Während Saul Landau Anfang der 70er als prominente Figur der US-amerikanischen Linken fungiert – (und neben vorliegendem Film zusammen mit Raoul Ruiz und Nina Serrano noch eine weitere sehenswerte Dokumentation, nämlich ¡QUÉ HACER! über die Präsidentschaftswahlen in Chile Anno 1970 gedreht hat, aus der Salvador Allende zwar als Sieger hervorgehen, dann aber, 1973, beim Militärputsch durch Augusto Pinochet den Freitod wählen wird) -, hat Wexler beachtliche Karriere in Hollywood gemacht: Bereits 1966 hat der Kameramann, der immer wieder als einer der einflussreichsten seiner Zunft gehandelt wird, für seine Photographie bei Mike Nichols WHO’S AFRAID OF VIRGINA WOOLF? seinen ersten Oscar einstreichen können – (der zweite wird 1976 für Hal Ashbys Woody-Guthrie-Biographie BOUND FOR GLORY folgen) -, und 1968 mit MEDIUM COOL, seinem Debut-Film als Regisseur, ein eindrucksvolles Beispiel für einen selbstreferentiellen Balanceakt zwischen Inszenierung und Dokumentation vorgelegt. Dass ihr Gemeinschaftsprojekt BRAZIL: A REPORT ON TORTURE indes niemals in die Nähe einer Oscar-Nominierung kommen wird, das dürfte Landau und Wexler allerdings selbst klargewesen – und herzlich egal gewesen sein.

Landau und Waxell verzichten auf jegliche plakativen Schauwerte, auf jeglichen emotionalen Effekt, auf jegliche Glättung ihres Rohmaterials, jegliche politische Stellennahme und damit selbstverständlich auf jegliche Möglichkeit, die Gespräche, die sie mit den Folterüberlenden in Chile geführt haben, in irgendeiner Form für mich konsumierbar zu machen. Tatsächlich besteht BRAZIL: A REPORT ON TORTURE aus nichts anderem: Ohne Off-Kommentar, ohne Texttafeln oder sonstige Kontextualisierungs-Unterfangen lassen Landau und Waxell die jungen Männer und Frauen, die kurz zuvor erst aus den Folterkellern ihrer Heimat entlassen worden sind, der Kamera (und uns) berichten, was ihnen dort alles widerfahren ist. Man lebt in Freiheit, die meisten Wunden sind geheilt, man ist umgeben von Kindern, Dschungel, einer insgesamt friedvollen Atmosphäre, fast schon paradiesisch mutet das Camp an, in dem sie leben, könnte ein Garten Eden sein. In manchen Szenen, wenn die Dissidenten scheinbar unbeschwert miteinander herumalbern, kann man daran glauben, dass auf sie ein Leben wartet, das das Potential besitzt, die zurückliegenden Martern vergessen zu lassen. Außerdem gibt es da noch den gemeinsamen Kampf, der immer wieder in Nebensätzen, in komplizenhaften Blicken, in Prophezeiungen der chiliastisch herbeigesehnten Weltrevolution hindurchschimmert, an den man sich klammern kann, wenn man Halt braucht. Dann aber ist Landaus und Wexells Kamera, so schmucklos und brutal wie man nur sein kann, auf ihre Gesichter gerichtet, und animiert sie zum Sprechen, und das, was ich da höre, stanzt nicht nur Risse in die vermeintlich intakte Oberfläche, sondern reißt sie gleich völlig herunter, um Narben aufzudecken, die niemals verschwinden werden.

Ich werde nicht wiedergeben, was die jungen Leute ihren Interviewern anvertrauen. Das hat nichts mit moralischen Gründen zu tun. Landau und Wexell machen überdeutlich, dass zwischen ihren Gesprächspartnern und ihnen ein Abkommen auf Au-genhöhe geschlossen worden ist. Die Zeugnisse der Überlebenden werden zu keinem Zeitpunkt ausgebeutet oder als grelle Exploitation-Ware feilgeboten. Vielmehr sind es die Aktivisten selbst, die sprechen wollen. Um aufzuklären. Um den Finger in die Wunde zu tauchen. Um an die Kameraden zu erinnern, die es nicht geschafft haben. Um irgendwie klarzukommen. Obwohl nahezu die gesamte Laufzeit von BRAZIL: A REPORT ON TORTURE daher aus einer Schilderung nach der andern besteht, was Menschen sich an Methoden aussinnen können, um andere Menschen körperlich wie seelisch zugrunde zu richten, werde ich diesem schon allein durch den Titel herausgestellten Mittelpunkt des Films mit einer Leerstelle begegnen. Zu groß wäre die Gefahr, selbst spekulative Anreize zu schaffen, obwohl man das gar nicht möchte. Zu stark wäre das obszöne Gefühl, etwas wiederzukäuen, von dem es reicht einmal ausgesprochen zu werden, und zwar von denen, die es selbst erlebt haben. Zu sehr würde es vielleicht schmerzen. Woran aber liegt das? Der Schmerz ist bereits in Sprache überführt. Er liegt zurück. Er ist ver-gangen, kann nur per Erzählung wiederbelebt werden. Scheue ich möglicherweise davor, zum Verbündeten einer Sprache zu werden, in die sich die Praktiken der Folterer unwiderruflich eingeschrieben hat?

Wie dem auch sei, belasse ich es bei Folgendem: Die Opfer stellen nach, was ihre Folterer wiederum mit ihnen angestellt haben. Nur schwer verschwindet das Unbehagen unter einer Schicht aus nervösem, gezwungenem Gelächter. Eine junge Frau lacht am meisten. Sie wirkt beinahe beschwingt, vergnügt. Auch dann, wenn sie uns die schlimmsten Dinge berichtet. Sie tut es im Tonfall von jemandem, der sich an Erlebnisse erinnert, die weder angenehm noch unangenehm, sondern einfach passiert sind. Einer der Interviewer, Landau oder Wexell, zeigt sich erstaunt. Wie kann sie all diese Dinge noch mit einem Lächeln erzählen? Sie wiegelt ab. Ich beginne zu verstehen. Sie heißt übrigens Maria Auxiliadora Lara Barcelos. Am 1. Juni 1976 wird sie in Westberlin den Freitod wählen. Neben ihr sitzt eine andere junge Frau. Man sieht ihrem Gesicht an, wie oft es geschlagen worden sein muss. Mit einem Lächeln fordert ihre Kameradin sie auf, der Kamera doch ihre rechte Hand zu zeigen. Ihr fehlt ein Daumen, und erneut entweicht einem der Interviewer, Landau oder Wexell, ein Laut des Entsetzens. Sie haben Angst davor, dass wir zurückkehren, erklärt ein anderer Revolutionär. Deshalb werden wir genau das tun: Sobald wie möglich im Geheimen nach Brasilien einschiffen, unseren Kampf fortführen, bis zum Sieg, bis zum Tod. Bis zum endgültigen Ende der Militärdiktatur wird es da übrigens noch knapp fünfzehn Jahre, bis 1985 nämlich, dauern.

Ich habe schon einige schlimme Filme gesehen, mir beispielweise kürzlich erstmals die FACES-OF-DEATH-Reihe vorgenommen, aber was man in BRAZIL: A REPORT ON TORTURE eben gerade NICHT zu sehen, sondern einzig über sprechende Gesichter zu hören bekommt, das ist eine derart schmerzhafte, direkte, unmittelbare Erfahrung, dass ich, weil der Film das nicht für mich übernimmt, gar nicht anders konnte als sie in den obigen holprigen Zeilen irgendwie auf Distanz zu meinem wunden Herz zu rücken, sprich, im Sinne Scarrys, sie zu "objektivieren".
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Re: Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Beitragvon purgatorio » 4. Aug 2017, 06:14

Klingt spannend. Wenn das für deine Dissertation ist, wäre in dem Zusammenhang sicher auch der Film THE ACT OF KILLING interessant, an den ich gerade beim Lesen häufiger denken musste
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Re: Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 4. Aug 2017, 09:09

purgatorio hat geschrieben:Wenn das für deine Dissertation ist, wäre in dem Zusammenhang sicher auch der Film THE ACT OF KILLING interessant


Lieben Dank für den Tipp, Purgschi! Von THE ACT OF KILLING hab ich noch nie gehört; der sieht aber ganz nach dem aus, was ich suche... :thup:
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Re: Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Beitragvon Arkadin » 4. Aug 2017, 11:08

Salvatore Baccaro hat geschrieben:
purgatorio hat geschrieben:Wenn das für deine Dissertation ist, wäre in dem Zusammenhang sicher auch der Film THE ACT OF KILLING interessant


Lieben Dank für den Tipp, Purgschi! Von THE ACT OF KILLING hab ich noch nie gehört; der sieht aber ganz nach dem aus, was ich suche... :thup:


:o :o :o

http://www.filmforum-bremen.de/2014/03/ ... f-killing/

http://www.filmforum-bremen.de/2013/09/ ... eil-2/#act

http://www.filmforum-bremen.de/2015/07/ ... f-killing/

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Re: Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Beitragvon purgatorio » 6. Aug 2017, 08:43

Salvatore Baccaro hat geschrieben:Lieben Dank für den Tipp, Purgschi! Von THE ACT OF KILLING hab ich noch nie gehört; der sieht aber ganz nach dem aus, was ich suche... :thup:

Der Film ist garantiert das, was du suchst! Die Mörder schildern ihre Taten aus ihrer Perspektive. Ein Alptraum!

Aber gleich Obacht geben: Es gibt eine lange und eine kurze Fassung davon. Nimm die lange :nick:
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Re: Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 6. Aug 2017, 22:40

Danke dem Arkadin für die ausführlichen Links. Das nimmt es mir ab, nach der Sichtung groß etwas schreiben zu müssen... ;-)

Tatsächlich hat eine meiner Unis den im Bibliotheksbestand - und zwar als fast dreistündigen Director's Cut, der nun bereits geordert ist - zusammen mit dem "zweiten Teil", wenn ich das richtig verstanden habe: THE LOOK OF SILENCE, der dann offenbar die Opfer-Perspektive einnimmt. Kennt ihr den ebenfalls bereits?
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Re: Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Beitragvon purgatorio » 7. Aug 2017, 05:22

Salvatore Baccaro hat geschrieben:Tatsächlich hat eine meiner Unis den im Bibliotheksbestand - und zwar als fast dreistündigen Director's Cut, der nun bereits geordert ist - zusammen mit dem "zweiten Teil", wenn ich das richtig verstanden habe: THE LOOK OF SILENCE, der dann offenbar die Opfer-Perspektive einnimmt. Kennt ihr den ebenfalls bereits?[/align]


Der sagt mir persönlich nichts - aber es ist ja auch dein Job, mir bei dem Thema einen Schritt voraus zu sein ;)
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Re: Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Beitragvon Arkadin » 7. Aug 2017, 09:17

Salvatore Baccaro hat geschrieben: zusammen mit dem "zweiten Teil", wenn ich das richtig verstanden habe: THE LOOK OF SILENCE, der dann offenbar die Opfer-Perspektive einnimmt. Kennt ihr den ebenfalls bereits?


Leider noch nicht, habe aber auch wieder viel Gutes darüber gehört.
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Re: Brazil: A Report on Torture - Landau/Wexler (1971)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 9. Aug 2017, 12:00

So denn, nun habe ich mir zumindest einmal THE ACT OF KILLING angeschaut, und, was soll ich sagen?: was für ein großartiger Film! Der grundlegende Unterschied zwischen BRAZIL: A REPORT ON TORTURE und ACT OF KILLING ist, denke ich, folgender: Wexler und Landau verweigern, wie ich schon ausgeführt habe, ihren Zuschauern komplett irgendwelche „mildernden Umstände“ bei ihrem Bericht darüber, was die brasilianischen Dissidenten in den Folterkellern der Militärdiktatur erlebt haben. Alles, was wir sehen und hören: Wie sie in Worte zu fassen und mit vertauschten Rollen nachzustellen versuchen, was dort mit ihnen angestellt wurde. Wexler und Landau verweigern aber auch jeglichen moralischen oder politischen Kommentar. Sie lassen allein die Opfer sprechen, gnadenlos – ob ihnen nun die Stimme wegbricht, ob sie ihre Traumata unter einem verstörenden Grinsen verbergen, oder ob sie voller Tatendrang sind, bald zurück nach Brasilien zu kehren, und die Weltrevolution einen Schritt voranzubringen. Der Rezipient indes bleibt allein mit dem, was er gehört hat.

Das mag vor allem daran liegen, dass die Erlebnisse der jungen Männer und Frauen noch ganz frisch sind. Wie beschrieben, wurden sie kurz zuvor erst von ihren Kampfgefährten aus der Gefangenschaft freigepresst, und zwischen ihrer Ankunft in Chile, dortigen Krankenhausaufenthalten und der Zusammenkunft mit Wexler und Landau dürften, schätze ich mal, nicht mehr als ein paar Monate vergangen sein. Joshua Oppenheimer wiederum filmt retrospektiv. Als er die Schlächter der indonesischen Massaker Mitte der 60er vor die Kamera bringt, sind ihre Untaten bereits über vierzig Jahre her. Mittlerweile sind sie Greise, haben Kinder und Enkel, und vor allem einen Strang aus vier Dekaden zwischen ihrem früheren Selbst und ihrem jetzigen, in dem sie sich zwangsläufig, und sei es nur physisch, verändert haben. Oppenheimers Thema ist daher deutlich mehr die rückblickende (Selbst-) oder (Re-)Inszenierung der begangenen Verbrechen aus der Sicht der Täter, während es bei Wexler und Landau eben überhaupt nicht um irgendeine Form der Inszenierung geht, sondern darum, wie eben erst von Folterqualen und Todesangst erlöste Menschen mit dem Erlebten irgendwie klarzukommen versuchen – die im Übrigen nur deshalb Zeugen sein können, weil sie überlebt haben, während die Opfer der indonesischen Todesschwadronen keine Stimme mehr haben, um Zeugenschaft abzulegen (siehe: Giorgio Agamben). THE ACT OF KILLING ist deshalb nur konsequent, wenn seine Prämisse lautet, die Killer von einst dürften ihre Taten quasi selbst verfilmen – ganz so wie sie es wollen -, und es ist deshalb nur bezeichnend, dass die ehemaligen movie-buffs – gerade die Hauptfigur Anwar Congo verweist ja unermüdlich darauf, dass er früher nicht nur als Kinokartenverkäufer und –abreißer jobbte, sondern sich auch eine gehörige Portion Gangsterfilme und Thriller angeschaut und geliebt hat, bevor er dann, gleich um die Ecke, in Blut badete – ihre eigene Vergangenheit in das Format von Genre-Konstruktionen überführen. Das hat im Übrigen für mich überhaupt nicht die Konsequenz, dass es ihren Morden die grausamen Stachel nehmen würde, im Gegenteil: Wenn, wie Arkadin ja schon ausführlich auf seinem Blog geschrieben hat, beispielweise Anwar Congo – immerhin so etwas wie unser Sympathieträger, da er teilweise wenigstens noch ein bisschen Reue zu zeigen scheint, wenn er davon berichtet, dass ihn die Geister seiner Opfer noch bis heute verfolgen, und schweißgebadet aus dem Schlaf hochschrecken lassen – als Mafiaboss die durch einen Teddybär symbolisierte Tochter eines Delinquenten förmlich zerreißt, dann führt gerade das vertraute Genre-Korsett dazu, dass sich eine Kröte mir in den Hals setzt. Ein weiterer Punkt, der die re-inszenierten Verbrechen so unerträglich macht: Wir verbringen zweieinhalb Stunden mit diesen teilweise eigentlich ganz leutseligen, manchmal sogar charmanten, drolligen Typen, die auf den ersten Blick wirken wie ein paar alte Herren, die sich noch immer so fühlen, als seien sie die Straßengang ihrer Jugend, und mit ihren Scarface-Anzügen, bunten Hemden und Schlapphüten beinahe wie Persiflagen auf Stereotype aussehen – nur um dann andauernd miterleben zu müssen, wie diese witzigen Greise die filmisch verpackten Gräuel von einst auf der heimischen Couch gemeinsam mit ihren Enkelkindern gucken, wie sie zuweilen in unverhohlenes Gelächter darüber ausbrechen, wenn sie davon erzählen, wie sie ihre Opfer mittels Tischbeinen getötet haben, und wie sie noch heute, von der indonesischen Gesellschaft als Helden verehrt, Nutznießer davon sind, so viel Blut wie möglich vergossen zu haben.

Aber Oppenheimers Film nimmt sich – klug wie er ist – selbst nicht aus der Kritik aus, und inszeniert ebenfalls offenkundig am laufenden Band. BRAZIL: A REPORT ON TORTURE ist die betonte Schmucklosigkeit, und ACT OF KILLING, gerade im Vergleich, ein kunterbuntes Sammelsurium einiger wirklich surrealer Sequenzen, bei denen ich nicht nur deshalb an das großartige Spiel zwischen Fiktion und Realität in Werner Herzogs großartigen Dokumentationen beispielweise dem thematisch ein bisschen verwandten ECHOES AUS EINEM DÜSTEREN REICH denken musste, weil Herzog hier auch als Ko-Produzent fungiert. Da ist die Szene, wenn Anwar Congo sich am Ende vermeintlich, weil der Inhalt seines Magens es dort vor lauter Reue nicht mehr aushält, vor laufender Kamera übergibt: man hört ihn würgen, nur sieht man das Erbrochene nicht. Da sind befremdliche Zwischenszenen: Ein Großstadtpanorama, in der Mitte ein Turm, und robbt da nicht eine winzige menschliche Gestalt an ihm hinauf? Und was soll man denken über die irrwitzigen Szenen, in denen der mit zunehmender Laufzeit immer feminisierter auftretender Gangster Herman Koto als drag queen vor einem gigantischen (Metall?-)Fisch unter freiem Himmel sitzt, und zuschaut wie aus dessen weit aufgerissenem Maul eine Gruppe Tänzerinnen auftaucht, und ihn mit ihren Reizen beglückt? All das macht THE ACT OF KILLING gewissermaßen zu einer undurchsichtigen Angelegenheit: Wir wissen nie, was gestellt ist, was real ist, hinterfragen bald solche Kategorien, werden selbst Teil einer Inszenierung, die nur ein Trick unseres Verstandes sein könnte, das herbe Thema nicht allzu dicht an uns heranzulassen. THE ACT OF KILLING ist ein komplexes Wechselbad der Gefühle, so vielschichtig wie intelligent, und führt durch seine selbstreflexive Konstruktion dazu, dass wir, wenn wir Congo beim Betrachten seiner Filmaufnahmen zuschauen – eine Szene übrigens, die mich stark an Traudl Junge erinnert, wie sie in André Hellers IM TOTEN WINKEL ihre eigenen Interview-Szenen vom Vortag beflissentlich verbessert -, quasi uns selbst sehen, wie wir THE ACT OF KILLING schauen. Wexler und Landau haben nichts dergleichen im Sinn. Bei ihnen gibt es nur das unbearbeitete Rohmaterial – zu wund noch, als dass man überhaupt an eine Inszenierung denken könnte, die etwas anderes ist als eine Ansammlung von Opferstimmen.
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