Blair Witch - Adam Wingard (2016)

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Blair Witch - Adam Wingard (2016)

Beitragvon jogiwan » 6. Okt 2016, 19:42

Blair Witch

Bild

Originaltitel: Blair Witch

Alternativtitel: Blair Witch Project

Herstellungsland: USA / 2016

Regie: Adam Wingard

Darsteller: Corbin Reid, Wes Robinson, Valorie Curry, James Allen McCune, Callie Hernandez

Story:

James (James Allen McCune) ist der Bruder des in Teil eins verschwundenen Mädchens Heather. Auf YouTube hat er ein Video gefunden, das vielleicht seine Schwester zeigt. Es stammt von einer Videokassette, die angeblich im verwunschenen Wald von Burkittsville gefunden wurde. Darauf zu hören sind tierhafte Schreie und Gepolter, zu sehen ist eine verwackelte Fluchtbewegung in einem maroden, alten Haus. Gemeinsam mit Freunden macht sich James auf, um seine Schwester zu suchen. Eine davon ist Filmstudentin und stattet alle mit Minikopfkameras aus. (quelle: orf.at)
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Re: Blair Witch - Adam Wingard (2016)

Beitragvon Arkadin » 7. Okt 2016, 18:06

Oh, der ist von dem Wingard? Dann könnte das ja sogar was werden.
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Re: Blair Witch - Adam Wingard (2016)

Beitragvon Theoretiker » 7. Okt 2016, 20:11

Also ich finde den Erstling ja nach wie vor gelungen, eine der wenigen Filme, bei deren (Erst-)Sichtung ich mich tatsächlich gegruselt habe. Ins Kino werde ich nicht gehen, aber im dunklen Heimkino genießen. :angst:
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Re: Blair Witch - Adam Wingard (2016)

Beitragvon Salvatore Baccaro » 15. Feb 2017, 16:52

Worin liegen eigentlich die Qualitäten des originalen THE BLAIR WITCH PROJECT aus dem Jahre 1999? Klammern wir einmal aus, dass Eduardo Sánchez und Daniel Myricks das seinerzeit für die breite Bevölkerung noch relativ neue Internet perfekt zu nutzen wussten, um rund um ihren unverhofften Überraschungshit eine regelrechte Hexen-Mythologie zu stri-cken und dadurch vor allem jenen Teil des Publikums zu befriedigen, der gerne bereit gewesen ist, die Ankündigung für bare Münze zu nehmen, THE BLAIR WITCH PROJECT bestünde ausschließlich aus authentischem found-footage-Videomaterial. Vergessen wir auch für einen Moment, dass die Idee, in einen Spielfilm solches vermeintlich authentisches found-footage-Material einzubauen bzw. einen Film komplett aus ihm zu konstruieren, prinzipiell schon keine schlechte ist, wenn man auf einer Meta-Ebene selbstreflexiv diesen Film selbst in irgendeiner Weise verhandeln will, und dass sie deshalb von versierten Regisseuren wie Ruggero Deodato (CANNIBAL HOLOCAUST), Andrzej Zulawski (NA SREBRNYM GLOBIE) oder Rainer Erler (DIE DELEGATION) bereits lange vor THE BLAIR WITCH PROJECT künstlerisch erfolgreich genutzt worden ist. Nein, schieben wir all dieses Kontextwissen einmal beiseite und konzentrieren wir uns ganz allein auf die Bilder, aus denen THE BLAIR WITCH PROJECT sich knapp achtzig Minuten lang zusammensetzt. Weshalb könnte dieser Film ein guter Horrorfilm sein, sprich: einer, der es versteht, selbst einem abgebrühten Zuschauer möglicherweise den einen oder andern Schauer über den Rücken zu jagen?

Meine persönliche Antwort klingt beim ersten Hören simpel: Weil Myrick und Sánchez den Minimalismus, zu dem sie gewissermaßen durch ihr geringes Budget gezwungen gewesen sind, zum Prinzip erheben. Oder: Weil THE BLAIR WITCH PROJECT ein Film der absoluten Abstinenz ist. Verzichtet wird auf so ziemlich alles, was man normalerweise von einem Horrorfilm Ende der 90er hätte erwarten können. Es gibt keine jump scares am laufenden Band, um die Zeiten zu überbrücken, in denen handlungstechnisch nichts Spektakuläres geschieht. Es gibt keine ausgewalzten Splatter-Szenen, schon gar keinen Einsatz irgendwelcher Spezial- oder Soundeffekte, die über die unheimlichen Holzkreuzlein hinausgehen würden, die sich über Nacht an den Baumästen materialisieren, oder über das aus der Ferne vernehmbare schrille Schreien, von dem unsere Helden nicht mal sicher sind, ob das nicht doch bloß irgendein verrücktes Tier gewesen ist. Es gibt nicht mal ein richtiges Drehbuch, stattdessen improvisieren die Schauspieler, von Myrick und Sánchez auf eine Schnitzeljagd durchs Unterholz geschickt, die meiste Zeit, wobei einige Äußerungen des Angepisst-Seins tatsächlich weitaus mehr echt wirken als gespielt, und die Grenze zwischen dokumentarischem und illusionistischem Material ziemlich brüchig machen. Zuletzt: Das Böse selbst erhält zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Form auch nur den Hauch einer konkreten Visualisierung. Die oben genannten Geräusche oder Holzkunststückchen sind alles, was wir von der angeblichen Hexe zu sehen bekommen, und das bewirkt, dass dem Zuschauer bis zuletzt die eigene Phantasie nicht von billigen CGI-Effekten zugekleistert oder noch billigeren Halloween-Kostümen auf den Boden der Realität hinabgedrückt wird. Dass diese Formel einmal finanzielle Früchte trägt, ist für mich genauso verständlich wie dass man sie nicht bis ins Endlose ausreizen kann – und weshalb ich einerseits Myrick und Sánchez verstehe, dass BLAIR WITCH 2 (2000), an dem die Beiden aber sowieso nur marginal beteiligt gewesen zu sein schienen, sich in einer völlig anderen Richtung orientiert, und andererseits all die Regisseure wie Marcel Walz (RAW), Daniele Grieco (DIE PRÄSENZ) oder Giacomo Gabrielli (DOC. 33) kein bisschen verstehe, wenn sie in ihren zweifelhaften Produktionen diese Formel wiederholen, als sei sie irgendein okkultes Mantra, das man monoton im immer gleichen Wortlaut vor sich her beten muss, um Publikumsbeifall und Kritikerlob zu erreichen.

Wie steht es nun um die zweite Fortsetzung, kurz und bündig einfach nur BLAIR WITCH betitelt, die erst 2016 unter der Regie Adam Wingards die Lichtspielhäuser der Welt erblickt? Nun, BLAIR WITCH klebt THE BLAIR WITCH PROJECT derart dicht an den Fersen, dass ich es eigentlich gar nicht für verkehrt halte, den Film weniger als ein Sequel des Originals zu bezeichnen, sondern vielmehr als ein lupenreines Remake. Andererseits entfernt sich BLAIR WITCH so weit von THE BLAIR WITCH PROJECT, dass man den Verantwortlichen zumindest einen Vorwurf nicht machen kann, nämlich den, sich sklavisch an das Erfolgsrezept von damals zu halten wie ich es weiter oben zu skizzieren versucht habe.

Kommen wir zum ersten Punkt: Die Story von BLAIR WITCH ist im Kern genau dieselbe wie die von THE BLAIR WITCH PROJECT, nur die Prämissen hat man ausgetauscht. Während es dort die Filmstudentin Heather ist, die mit Freunden in die Wälder von Burkesville aufbricht, um eine Dokumentation über die Hexe von Blair zu drehen, die dort seit Jahrhunderten ihr Unwesen treiben soll, bekommen wir im Neuaufguss einen jungen Mann namens James vorgestellt, bei dem es sich um den kleinen Bruder von Heather handelt, der nun, zwanzig Jahre nach ihrem ungeklärten Verschwinden, den Entschluss fasst, ebenfalls nach Burkesville zu fahren und dort auf eigene Faust die Vermisste zu suchen. Angestachelt hat ihn dazu ein Youtube-Video, auf dem Heather möglicherweise zu sehen sein soll. Tatsächlich sieht man dort nicht viel mehr als dass jemand mit laufender Kamera in den Händen durch ein verrottetes Haus streift, wimmert und schreit, und, für Sekundenbruchteile, an einem matten Spiegelglas vorbeikommt, das die Person, allerdings nur mit Mühen von Seiten des Betrachters, als junge Frau kenntlich macht. Weshalb Heather nach zwei Jahrzehnten, ohne Nahrung, ohne Kontakt zur Außenwelt, noch immer in den verwunschenen Wäldern leben und wieso die Frau im Spiegel ausgerechnet mit ihr identisch sein soll, auf die Fragen braucht James keine Antwort zu geben, da sie ihm weder seine Freundin Lisa noch das befreundete Pärchen Peter und Ashley stellen, mit denen er sich aufmacht, um zunächst einmal die Uploader besagten Videos zu besuchen. Die sind ebenfalls ein Pärchen, Lane und Talia, beschäftigen sich seit Jahren schon mit dem Hexenspuk in ihrer Heimatstadt und behaupten steif und fest, die Kassette mit den Aufzeichnungen in jenem Waldgebiet gefunden zu haben, in dem Heather und ihr Team auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind. Gerne sind sie bereit, unsere Helden dorthin zu führen, mitsamt Sack und Pack, da man, natürlich, mitten im Epizentrum des Grauens zu zelten gedenkt.

Nicht extra erwähnt braucht wohl werden, dass gleich drei Kameras im Einsatz sind, um das Abenteuerwochenende zu dokumentieren, und dass sie selbst in Situationen weiterlaufen, in denen jeder halbwegs vernünftige Mensch sie längst ausgeschaltet hätte. Schon eher erwähnenswert finde ich, dass der Film, sobald unsere sechs Freunde das Hexenterritorium betreten haben, sich nahezu eins zu eins an exakt den Stationen entlanghangelt, die man – in genau dieser Reihenfolge – bereits aus THE BLAIR WITCH PROJECT kennt. Nachts rüttelt jemand an den Zelten oder bewirft sie mit Steinen. Es sind seltsame Laute aus den Tiefen des Waldes zu hören. Morgens hängen überall in den Bäumen aus kleinen Ästen gebastelte okkulte Symbole. Das Navigationsgerät spielt verrückt, und führt im Kreis herum. Auch scheint die Zeit verrückt zu spielen: Sollte es nicht längst hell werden und wieso haben wir bis um zwei Uhr mittags geschlafen? Die gruppeninternen Streitigkeiten bleiben nicht aus. James, Lisa, Peter und Ashley verdächtigen bald Lane und Talia, hinter all den merkwürdigen Vorkommnissen zu stecken und schicken sie in die Wüste. Überhaupt wird die Gruppe nach und nach dezimiert. Erst verschwindet Peter, dann verstaucht Ashley sich ihr Bein, Lane und Talia tauchen zwar wieder auf, sind aber dann erneut vom Erdboden verschluckt, und zum Finale finden wir uns erneut in dem Hexenhäuschen ein, in dem bereits THE BLAIR WITCH PROJECT enden durfte. Da BLAIR WITCH inhaltlich – einmal abgesehen von dem einen oder andern Aspekt, den der Film dem Hexen-Mythos hinzudichtet bzw., falls bereits vorhanden, vertieft – unermüdlich dem Schema seines Vorgängers folgt, kann man eigentlich nur davon ausgehen, dass der Film nicht für einen Zuschauer gedacht ist, der mit dem Original auf relativ vertrautem Fuße steht, sondern für einen, der ihn, wenn überhaupt, bloß vom Hörensagen kennt.

Dafür spricht auch mein zweiter Punkt. All das, was ich oben nämlich als Vorzüge von THE BLAIR WITCH PROJECT aufgezählt habe, findet in BLAIR WITCH nicht statt. Letztlich ist lediglich das minimalistische Setting übriggeblieben – ein Wald ist eben ein Wald -, ansonsten greift Wingard tief in die Trickkiste der Genre-Konventionen: Es hagelt jump scares, bei denen Figuren auch schon mal, obwohl es gar keinen Grund dafür gibt, untermalt von lärmenden Soundeffekten plötzlich ins Bild springen, nur um uns zu erschrecken. Der Film ist, was man ihm anmerkt, von vorne bis hinten geskriptet, und kein bisschen improvisiert. Eine unnötige Ekel-Szene zeigt uns in aller Deutlichkeit wie ein Wurm sich in Ashleys Beinwunde verbeißt. Auch erhält das Böse nunmehr ein Gesicht: Eine computergenerierte Gestalt mit extrem langen Armen und Beinen, die entweder die Blair-Hexe selbst ist oder einer ihrer Handlanger, stelzt vor allem im Finale andauernd im Bildhintergrund herum. Dafür, eine Atmosphäre des omnipräsenten und unterm Strich körperlosen Schreckens zu schaffen wie man das aus dem Original kennt, sind all diese Dinge, meiner Meinung nach, natürlich eher abträglich, und wahlweise wirkt BLAIR WITCH deshalb, als wollten die Verantwortlichen unbedingt einen found-footage-Film drehen, seien aber auf keine halbwegs interessante Geschichte stoßen, weshalb man sich beschloss, einfach auf das Blair-Witch-Franchise aufzuspringen, oder aber, als habe man sich zunächst die Rechte am Blair-Witch-Franchise gesichert, dann aber kalte Füße bekommen, und unbedingt auf Nummer Sicher gehen wollen, was gleichbedeutend ist mit, es sich weder mit den Fans des Original zu verscherzen, noch mit der jungen, effektorientierten Zuschauersaft. Das Ergebnis jedenfalls kommt mir genauso unnötig und lächerlich vor, als würde man Kurzgeschichten von H. P. Lovecraft oder E. A. Poe in modernes Englisch übertragen, und jedes Mal, wenn in ihnen eine Kutsche oder ein Brief auftaucht, diese durch Autos oder Smartphones ersetzen.

Die Goldene Regel gilt aber nach wie vor: In eigentlich jedem Film, und sei er noch so grauselig, finde ich ein oder mehrere Details, die mich genug abstoßen oder anregen, dass ich die Sichtung doch nicht als verschwendete Lebenszeit erachten muss. In BLAIR WITCH sind es mal wieder drei Stück, und die zähle ich jetzt noch schnell auf bevor ich den Film für immer vergesse:

1. Neben des Umstands, dass man inzwischen natürlich in HD und digital dreht, weshalb BLAIR WITCH auch viel geleckter aussieht als der seinerzeit noch analog gedrehte THE BLAIR WITCH PROJECT, ist das einzige wirkliche technische Novum eine Drohne, mit der die Gruppe um James ihre Umgebung aus Vogelperspektive auskundschaften kann. Früh im Film lassen sie sie begeistert in die Lüfte steigen, und später liefert sie immer wieder malerische Aufnahmen des Hexenwäldchens von weit oben. Großartiges Kapital schlägt der Film jedoch nicht aus diesem Gimmick. Ich hätte mir durchaus vorstellen können, dass die Drohne mit einer auf ihrem Besen reitenden Hexe kollidiert oder etwas in der Art. Letztendlich geschieht nichts mit ihr, außer dass sie irgendwann in einem Baumwipfel hängen bleibt, und jeder Versuch, sie von dort zu befreien, grandios scheitert.

2. Ebenfalls zu Beginn scheint BLAIR WITCH sich an politischen Botschaften zu versuchen. Bei unseren Helden handelt es sich um einen gemischtrassig zusammengewürfelten Haufen. James und Lisa sind weiß, Ashley und Peter schwarz. Als sie Lane und Talia aufsuchen, bemerkt Peter eine demonstrativ an der Wand ihres Wohnzimmers aufgehängte Südstaatenflagge. Obwohl er diese Entdeckung zu keinem Zeitpunkt verbalisiert, sorgt der Film doch rein durch die Kameraarbeit dafür, dass wir nicht anders können als seinem entgeisterten Blick zu folgen. Obwohl Lane und Talia alles andere sind als die typischen Rednecks, die sich Sklaverei und Baumwollplantagen zurückwünschen, sondern stattdessen optisch eher in irgendeiner Gothic-Emo-Metal-Subkultur verortet werden müssen, und obwohl die Beiden demgemäß im kompletten Film kein einziges Mal Ashley und Peter gegenüber irgendetwas spüren lassen, das man als rassisches Überlegenheitsgefühl interpretieren könnte, gelten nach dieser Szene die Sympathien des Films und unserer Protagonisten definitiv nicht mehr ihnen. Eigentlich sind James und seine Freunde ja auf Lane und Talia angewiesen, da die sich in den Burkesville-Wäldern wenigstens einigermaßen auskennen und sie zudem mit nützlichen Informationen zum Hexen-Mythos versorgen können, trotzdem tun sie während ihrer Zeit im Forst nichts anderes als sich über sie lustig zu machen, wobei Peter und Ashley eindeutig die Rädelsführer sind. Vielleicht lese ich mal wieder zu viel hinein in einen Film, der sich über sich selbst weniger Gedanken macht als ich mir über ihn, aber das prominente Vorhandensein der Konföderierten-Flagge und das anschließende äußerst flegelhafte Benehmen unserer Helden dem Pärchen Lane und Talia gegenüber kann ich mir eigentlich kaum anders erklären, als dass die Macher von BLAIR WITCH angesichts der nach wie vor schwelenden Rassenkonflikte in den Vereinigten Staaten nicht darauf verzichten konnten, ein wenn auch noch so plumpes, plakatives und im intradiegetischen Kontext des Films vor allem ziemlich sinnbefreites Statement hierzu abzugeben.

3. Die Hexe von Blair kann und konnte schon in den Vorgängerfilmen vieles, doch in BLAIR WITCH ist es ihr sogar möglich, UFO-ähnliche Scheinwerferstrahlen zu produzieren, die flackernd durch die Fenster und undichten Dielen des finalen Hexenhäuschens hereinplatzen. Was es mit diesen seltsamen Lichtern auf sich hat, dazu habe ich mir zwei Theorien zurechtgelegt. Da die Hexe spielerisch mit Tag und Nacht hantiert, könnte es doch sein, dass draußen, während James und Lisa, die letzten Verbliebenen, durch das Labyrinth des Hexenhauses stapfen, der Tag, den die Hexe gerne übersprungen haben will, im Schnelldurchlauf über die Bühne geht – so, als drücke sie so lange eine fast-forward-Taste der Zeit bis es wieder Nacht ist. Deshalb das hektische Flimmern und die kurzen Intervalle, in denen diese Lichtphänomene auftreten. Aber noch reizvoller ist für mich folgender Gedanke: Die Hexe ist in Wirklichkeit ein Alien, irgendwann im achtzehnten Jahrhundert mit seinem Raumschiff über Maryland abgestürzt, wo es seitdem darauf wartet, dass seine Artgenossen es finden, und wo es sich gegen die feindselige Landbevölkerung mit extraterrestrischen Tricks erwehrt, wie eben Eingriffe in Raum und Zeit, und zugleich die Chance nutzt, als Studienobjekte immer mal wieder ein paar Kinder zu fangen, die es dann in seinem Rückzugsort wissenschaftlich untersucht, um den Kollegen handfeste Ergebnisse präsentieren zu können, wenn sie es denn endlich abholen kommen. Ich stelle mir vor, wie James und seine Truppe mitten im Forst auf die Überreste des space ships stoßen, erobert von der Natur inzwischen, und sich ihren Weg erkämpfen müssen durch Baumwurzeln, dichten Efeu und mannhohes Gestrüpp. Wenn sie dann erst einmal im Innern des komplett funktionsuntüchtigen Raumschiffs sitzen, entspinnen sich vielleicht philosophische Gespräche zwischen ihnen. Wir sind also nicht allein im All, wer sind wir dann? Was ist der Sinn des Lebens? Was war Dein Lieblings-Comic als Kind? In diesem imaginären Film müsste die Hexe oder das Alien dann nicht einmal persönlich auftreten. Möglicherweise findet man sogar seinen Leichnam irgendwo in einer Höhle, ausgetrocknet durch das lange Warten und die Sehnsucht nach der Heimat, den Sternen. Im Stil von Tarkowskijs STALKER könnten unsere Helden nach all diesen Erkenntnissen durch die Naturkulisse wandern, tiefsinnige Dialoge aufsagen und dabei immer mehr über sich selbst erfahren. Am Ende beschließen sie, sämtliche Kameras auszuschalten, und nicht zurück in die Wirklichkeit zu kehren. Die letzte Aufnahme zeigt sie, wie sie sich in dem Raumschiff häuslich einrichten, um dort eine neue Zivilisation zu begründen. Falls die Außerirdischen wirklich zurückkehren, um ihren verschollenen Bruder oder ihre verschollene Schwester heimzuholen, wollen sie ihnen als eine neue Art von Menschen entgegentreten, seelisch veredelt und verwachsen mit der sie umgebenden Natur, und ihnen, im Namen der gesamten Menschheit, jede Frage beantworten, die sie ihnen über die Erde, dieses Sonnensystem, diese Spezies stellen. Ende der Geschichte, Ende des Kinos.
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